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Nr. 045 - Neutrale Zone

 

1.

Raskh blickte aus dem Fenster seines Büros auf das Panorama des Regierungsviertels. Normalerweise pflegte er den Anblick der elegant gebogenen Türme zu genießen, immerhin hatte er erst vor einem guten Jahr diese Räume beziehen können. Und wenn er sich in der Regierungs-hierarchie Cardassias auch noch nicht ganz oben befand, nun, so doch ziemlich weit oben. Zu-gegeben, er hatte sich durch seine Geburt als der Sohn eines einflußreichen Guls bereits an ei-nem günstigen Ausgangspunkt befunden, und vieles hatten die Veränderungen auf Cardassia Prime bewirkt, aber der größte Teil des Weges in dieses Büro war harte Arbeit gewesen. Er hatte diese Position in deutlich jüngeren Jahren erreicht als alle seine Vorgänger und war si-cher, daß seine Karriere noch lange nicht beendet war.

Vorausgesetzt, er verärgerte nicht die falschen Leute.

Er hatte von Anfang an gewußt, daß er auf diesem Weg mehr als einmal würde die Faust in die Tasche stecken müssen. Bestimmte Dinge konnte man sich einfach nicht leisten, wenn man seine Position nicht gefährden wollte. Trotzdem haßte er sich selbst für das, was er zu tun im Begriff war.

Ein Geräusch an der Tür unterbrach seine Gedankengänge. Sein Sekretär warf einen vorsichtigen Blick in den Raum.

"Ingenieur Rilkar ist eingetroffen und möchte Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen. Allerdings habe ich gesehen, daß Sie alle Termine dieses Morgens gestrichen haben. Soll ich ihm sagen, daß Sie sich nicht wohl fühlen und ihn bitten, ein anderes Mal wiederzukommen?"

Raskh seufzte und wandte sich vom Fenster ab. Er fürchtete dieses Gespräch mehr als jemals eine Prüfung während seiner Ausbildung, aber die Zeit war einfach zu knapp.

"Das ist nicht nötig!" hörte er sich erwidern. "Sagen Sie meinem Bruder, ich hätte Zeit für ihn."

Der Sekretär hob überrascht die Augenbrauen. Taktvollerweise hatte er stets einen Hinweis auf die verwandtschaftliche Beziehung zwischen seinem Vorgesetzten und Ingenieur Rilkar vermieden - zu dessen Zufriedenheit, wie er sich sicher war.

"Selbstverständlich! Wie Sie wünschen!" brachte er heraus und verschwand ins Vorzimmer.

Raskh blieb keine Zeit, sich ein paar beruhigende Eingangsworte zurechtzulegen, da sein Bru-der gleich darauf im Raum stand. Ihm genügte ein Blick in Rilkars Gesicht, um festzustellen, daß dieser verstört und verzweifelt war, und es war ihm fast peinlich, ihn so zu sehen. Raskh hatte seinen jüngeren Bruder stets um dessen innere Kraft und Furchtlosigkeit beneidet. Rilkar, der sich nie unterkriegen ließ. Rilkar, der nie mit seinem Schicksal haderte. Rilkar, der Bastard, der alle Beleidigungen so ungerührt ablaufen ließ, daß Raskh fast an seine Unverwundbarkeit geglaubt hatte.

"Aber dieses Geschoß hat einen Volltreffer gelandet!" dachte Raskh bekümmert. "Er darf auf keinen Fall merken, daß ich bereits informiert bin."

Sein Bruder überging die Begrüßung und jegliches Vorgeplänkel.

"Ich brauche deine Hilfe!" brachte er hervor.

Raskh schauspielerte ein leichtes Schmunzeln, für das er sich verabscheute.

"Nun, das wäre eine Uraufführung. Setz dich erst einmal und erzähl, was passiert ist! Dann will ich gerne sehen, was ich für dich tun kann."

Der Ingenieur zögerte einen Moment, dann ließ er sich wi-derwillig in den angebotenen Besuchersessel sinken. Man sah ihm deutlich an, daß er lieber im Zimmer auf und ab gelaufen wäre.

"Ein Freund hat mir gerade die Nachricht zu-kommen lassen, daß der Industrieschutz in wenigen Tagen gefälschtes kompromittierendes Material "entdecken" wird. Dieses soll beweisen, daß ich in Verhandlungen mit der Föderation über den Verkauf des wirkungsgradverbesserten Warptriebwerks stehe. Du weißt, wie es danach weitergehen wird! Wenn kein Wunder geschieht, bekomme ich lebenslänglich wegen Industrieverrats und der Prototyp wandert ganz selbstverständlich an die CAMB."

Raskh gab sich erschrocken.

"Die CAMB hat Interesse an dem System? Wie weit ist der Proto-typ denn schon?"

Sein Bruder stöhnte leise.

"Wir stehen kurz vor den ersten Testflügen."

Raskh nickte. "Damit ist jedenfalls endgültig bewiesen, daß dein Warptriebwerk ernst genommen wird. Immerhin gehen fast 98 % aller Regierungsaufträge für den Bau von Schiffstriebwerken an die CAMB. Der größte Rüstungsriese auf Cardassia samt Nebenwelten. Die lassen sich nicht gern von einem einzelnen Ingenieur Konkurrenz machen. Ich schätze, da wird einiges Geld an den Industrieschutz geflossen sein."

Er holte tief Luft, denn er wußte, was jetzt kommen würde.

"Ich werde sehen, was ich tun kann. Ich glaube aber, bis spätestens heute abend kann ich falsche Pässe für dich besorgt haben. Such am besten eine der Nebenwelten auf und verhalte dich ru-hig! In ein paar Jahren ist Gras über die Sache gewachsen."

Rilkar sah überrascht auf.

"Du hast mich falsch verstanden. Ich habe nicht vor, davonzulaufen. Fast mein halbes bisheriges Leben habe ich an diesem Triebwerk gearbeitet. Ich habe geplant, berechnet und wieder verworfen, habe an nichts anderes denken können, bis es endlich perfekt war. Mein einziger Wunsch war, eines Tages ein Schiff mit meinem Antrieb fliegen zu sehen. Einundzwanzig gute Leute haben mit mir zusammen fast zwei Jahre lang hart gearbeitet. Niemand weiß, was die CAMB mit ihnen anstellt, wenn ich einfach verschwinde. Schließlich wissen sie über den Antrieb fast ebensogut Bescheid wie ich. Ich bin fast hundertprozentig sicher, daß sie auf die eine oder andere Art aus dem Weg geräumt würden.

Nein, worum ich dich bitten wollte, ist um deine Unterstützung in der Öffentlichkeit und Geld für einen Rechtsbeistand. Du weißt, daß ich das Geld, das mir Vater vererbt hat, komplett in den Prototyp gesteckt habe. Mir stehen kaum noch flüssige Mittel zur Verfügung, zu wenig für einen solchen Prozeß." Er warf seinem Bruder einen flehenden Blick zu. "Ich bitte dich nicht, mir das Geld zu schenken, das weißt du! Wenn die Sache überstanden ist..."

Peinlich berührt unter-brach Raskh ihn mit einer Handbewegung.

"Rilkar, darum geht es nicht! Natürlich würde ich dir das Geld leihen. Aber du mußt doch einsehen, daß du nicht die geringste Chance hast, einen Prozeß zu gewinnen, in dem ein Rüstungskonzern seine Finger hat. Es handelt sich hier um Leute, die ihr Geld und ihre Beziehungen überall haben und es absolut nicht mögen, wenn sich ihnen jemand in den Weg stellt. Die sind auf ihre Art genauso gefährlich wie der Obsidianische Orden. Was du dir da vor-stellst, wäre der reinste Selbstmord, und das kann ich nicht zulassen. Ich bitte dich, nimm die Pässe an!"

"Nein!" Kopfschüttelnd stand sein Bruder langsam auf. "Nein, Raskh, das wäre ein Rückfall in das alte Cardassia, auf dem in öffentlichen Schauprozessen der Angeklagte als lebender Toter sei-ner Verurteilung entgegensah. Dieses Cardassia sollte der Vergangenheit angehören! Du hast bei unserer letzten Begegnung selbst gesagt, daß sich die Dinge geändert haben auf Cardassia Prime. Vielleicht schon genug, um eine Chance zu haben. Ich gebe den Antrieb und meine Leute nicht auf, Raskh! Ich gehe das Risiko ein. Es wäre nicht der erste scheinbar aussichtslose Kampf, den ich gewinne."

In Raskh keimte Ärger auf. Es war genau das eingetreten, was er befürchtet hatte.

"Natürlich willst du wieder mal mit dem Kopf durch die Wand!" sagte er scharf. "Mein Bruder, der nie klein beigibt. Hast du immer noch nicht gelernt, daß es Dinge gibt, gegen die ein Kampf aussichtslos ist? Dies ist keine Prügelei mit Straßenjungen oder einem streitlustigen Kasernengrobian, der sehen will, was der Mischling so draufhat. Du bist immer ein guter Kämpfer gewesen, ich weiß! Aber hier helfen dir weder Kraft noch breite Schultern, noch nicht einmal das pfiffige Mundwerk, von dem du als Junge so gern Gebrauch gemacht hast. Hier wirst du dir einen blutigen Kopf holen, ach was, man wird dir im Vorbeigehen das Rückrat brechen ohne den Kopf zu wenden. Begreifst du das nicht? Du reißt dich unrettbar da rein, ohne daß ich dir helfen kann. Im Gegenteil, wenn du dich hier stur stellst, kannst du auch mich in ärgste Schwierigkeiten bringen. Glaube ja nicht, daß diese Leute wegen meiner Position vor mir Halt machen werden! Ich könnte alles verlieren, wofür ich gearbeitet habe."

Rilkar, der schon auf dem Weg zur Tür gewesen war, drehte sich zu ihm um.

"Richtig, das könntest du!" nickte er langsam. "Aber wofür hast du all die Jahre gearbeitet? Für das neue Cardassia, auf dem auch der Einzelne Rechte besitzt und von dem du mir früher so viel erzählt hast? Oder für diesen schönen Sessel da hinter dem Schreibtisch?"

Er kniff die Augen zusammen und sah Raskh prüfend ins Gesicht.

"Das ist es, nicht wahr? Diese hübschen Annehmlichkeiten, diese Macht, an die man sich so schnell gewöhnt und von der man sich nur ungern trennen will. Die kleinen Launen und Eitelkeiten, denen man auf einmal nachgeben kann. Seit dir dein Informant auf Deep Space Nine vor einem Vierteljahr von der Rhazaghani berichtete, die dort ihren Dienst aufgenommen hat, hast du alle Beziehungen spielen lassen, um das Austauschprogramm zwischen Cardassia und der Föderation in deinen Zuständigkeitsbereich zu bekommen. Als du es hattest, hast du gegenüber dem Botschafter der Föderation so lange Druck ausgeübt, bis gerade jene junge Frau dem Austauschprogramm zugeteilt wurde. Und an dem Begrüßungsabend vor sieben Tagen sitzt kein Diplomat dir gegenüber am Tisch, sondern, man stelle sich vor, eben jene Rhazaghani aus der Xenobiologieabteilung von Deep Space Nine!"

Raskh öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch der Ingenieur blockte mit einer Handbewegung ab.

"Woher ich das alles weiß? Es gibt eben Dinge, die sogar bis zu mir durchdringen. Jedenfalls dürfte hinter der ganzen Angelegenheit ja wohl etwas mehr stecken als bloße Völkerverständi-gung und die Faszination für ein Volk, das sich nach wenigen Jahrzehnten fast ruhiger Besatzungszeit aus scheinbarer Primitivität erhoben und uns Cardassianer einfach rausgeschmissen hat. Mach mir nichts vor! Es brächte für dich einen enormen Prestigegewinn unter gewissen Leuten, wenn du eine Geliebte von einer Spezies vorführen könntest, über die auch heute noch auf Cardassia die wildesten Halbwahrheiten kursieren. Dafür also der ganze Auf-wand! Dafür kannst du ungeheure Energien mobilisieren. Mir scheint, du hast deine Prioritäten gesetzt, Raskh!"

Seinem Gegenüber war das Blut ins Gesicht geschossen. Es war ihm deutlich anzusehen, wie unan-genehm es ihm war, daß sein Bruder so gut über ihn Bescheid wußte. Mühsam kämpfte er seine Verlegenheit nieder.

"Mag sein!" brachte er heraus. "Fest steht aber, daß ich mit meinen Kompetenzen bestimmte Dinge erreichen kann und andere nicht. Dein Fall gehört in den letzteren Bereich, das ist einfach eine Tatsache. Nimm die Pässe, Rilkar! Nimm sie und bring dich in Sicherheit!"

Der Ingenieur lachte bitter. "In Sicherheit, sagst du? Woher willst du wissen, daß ich woanders in Si-cherheit sein werde? Wenn die CAMB über einen so langen Arm verfügt, wie du sagst, werden sie mir ohnehin jemanden hinterherschicken und mich bequemerweise da töten lassen, wo es nicht weiter auffällt."

"Nein, Rilkar!" Raskh trat hastig auf ihn zu. "Das glaube ich nicht! Warum sollten sie dich töten, wenn du gehst, ohne Probleme zu machen? Ich bin sicher, sie werden dich in Ruhe lassen. Nur mußt du gleich gehen! Du darfst es nicht hinauszögern! Rilkar?"

Er verstummte, weil sein Bruder ihn aus zusammengekniffenen Augen anstarrte.

"Wie lange weißt du es schon?" hörte er ihn hinter zusammengebissenen Zähnen fragen.

Raskhs Herz setzte einen Schlag aus. Er sah die geballten Fäuste des Ingenieurs, die Haltung seiner Schultern und wußte, daß jeder Muskel in diesem Körper angespannt war. Einen Moment lang fragte er sich, ob sein Bruder dazu fähig war, auf ihn loszugehen, da er nun begriffen hatte, wie sehr er mit dem Rücken zur Wand stand.

Raskh schluckte. Es war eine Weile her, daß er eine Trainingshalle von innen gesehen hatte. Und selbst wenn er in Hochform gewesen wäre, so hätte ihm das nichts genützt. Rilkar war zur Hälfte Tamasi und hatte die hohe Muskeldichte seiner Mutter geerbt.

"Seit gestern abend!" Raskh sah seinen Bruder niedergeschlagen an. "Sie sagten mir, wenn ich dich dazu brächte, Vernunft anzunehmen, hätten weder du noch ich Schwierigkeiten zu befürchten."

"Schwierigkeiten!" Rilkar spuckte das Wort förmlich aus. "Dann, mein lieber Bruder, paß auf, ob du dich aus Schwierigkeiten heraushalten kannst!"

Dann drehte er sich auf dem Absatz um und verließ er mit langen Schritten das Büro.

2.

Die Besetzung Tamas durch cardassianische Truppen war eine eher kurze Episode gewesen. Man kam auf der Suche nach Bodenschätzen, vor allem Dilithium, und fand eine industrialisierte Präwarpkultur auf einem Planeten mit harten klimatischen Bedingungen und einer verhältnismäßig hohen Schwerkraft vor. Als sich die Hoffnung auf eine lohnende Ausbeutung der Kruste des Planeten nicht erfüllte, kam man auf Cardassia zu der Ansicht, daß hier nur Zeit und Geld verschwendet wurden und beorderte die Besatzer zurück nach Hause, unter ihnen auch Gul Riab, einen der leitenden Offiziere der Operation. Dieser führte seine tamasianische Geliebte und ihren zweijährigen Jungen mit sich, ungeachtet der Tatsache, daß auf Cardassia Prime seine Ehefrau Lumai und ein siebenjähriger Sohn seine Rückkehr erwarteten.

Als Riab sein Haus betrat und seine Frau die Lage begriff, drohte sie ihm lautstark mit einem öffentlichen Skandal, was ihn jedoch vollkommen unbeeindruckt ließ. Die Tamasi, eine stille hochgewachsene Frau mit Namen Asa, stand ihren Sohn Rilkar an der Hand haltend daneben und beobachtete stumm die Auseinandersetzung der Eheleute.

Schließlich erkannte Lumai, daß weder weitere Drohungen noch Tränen etwas nützen würden, und sie fügte sich, da sie ihren Mann nicht verlieren wollte, widerwillig in die Situation. Um so überraschter war der Heimgekehrte, als einige Tage später Asa an ihn herantrat und ihrem Geliebten ruhig und fest eröffnete, daß sie den Wunsch hätte, selbständig für das gemeinsame Kind zu sorgen. Sie hatte es fertiggebracht, eine Arbeit in einer lebensmittelverarbeitenden Fabrik anzunehmen und eine kleine Wohnung in einer der zahlreichen Mietskasernen am Stadtrand angezahlt. Daß sie wenige Tage zuvor an Lumai herangetreten und sie um ihre Unterstützung gebeten hatte, erfuhr er jedoch nie.

Die erste Zeit blieb Rilkar in der Obhut einer alten Cardassianerin, doch schon nach wenigen Jahren prügelte er sich auf der Straße mit den Jungen der näheren und weiteren Nachbarschaft herum, die ständig einen Grund suchten, den "Bastard" zu reizen. Durch seine nur schwach ausgeprägten Gesichtsknochenwülste und seine eher hellbraune als graue Haut war seine gemischte Herkunft für jedermann leicht ersichtlich, und so war er fast täglich in irgendwelche Kämpfe verwickelt.

Asa nahm daran keinen Anstoß. Ihr war klar, daß ihr Sohn lernen mußte, sich durchzusetzen. Im übrigen hätte seine Kindheit auf Tamas, wo die Kinder bereits früh sich selbst überlassen wurden, nicht viel anders ausgesehen.

Rilkar litt nicht unter seiner Situation, zumal die anderen Jungen nach einiger Zeit lernten, seine Kraft und Schnelligkeit zu fürchten und ihm daraufhin eine Art widerwilligen Respekt zollten. Dieses slumähnliche Viertel mit den schmuddeligen, endlos erscheinenden Mietskasernen war sein Zuhause, er paßte seiner Auffassung nach hierher. Zwar wird oft behauptet, uneheliche Kinder hätten auf Cardassia keinen Status, aber all die alleinstehenden Mütter mit ihren von den Vätern verleugneten Sprößlingen, Mischlinge, Ungewollte, aus Scham Abgeschobene, auch die Gescheiterten, Verarmte, Trinker und Drogensüchtige - hier gab es sie! Fast jeder trug in dieser Gegend irgend einen Makel mit sich herum, und so perlten die Spottnamen und Beschimpfun-gen an dem Jungen ab wie Wassertropfen. Auch fand er Gefallen an den Ringkämpfen und Schlägereien, provozierte sie nicht selten selbst und suchte sich dabei aus Prinzip Gegner aus, die größer waren als er selbst.

In der öffentlichen Lehranstalt des Viertels beschränkte man sich in der Körpererziehung darauf, die Jungen das Stockfechten zu lehren, um die Aggressionen der Jugend zu kanalisieren, wie es hieß, und um die Ausbildung zu guten cardassianischen Soldaten vorzubereiten. Der Erfolg bestand darin, daß die Jungen abends statt mit Nasenbluten und Blutergüssen mit Kopfplatzwunden und geschwollenen Fingergelenken heimkehrten.

In dieser Zeit schleppte sich Rilkar zum ersten Mal wirklich übel zugerichtet nach Hause. Seiner Gewohnheit folgend, grundsätzlich gegen größere Gegner anzutreten, hatte er nicht bedacht, daß dieser ihm zwar nicht kräftemäßig, dafür aber in der Technik dieser neu erlernten Kampfart drei Jahre voraus war. Als er einige Tage später wieder zur Schule gehen konnte, hatte er aus diesem Erlebnis gelernt, befolgte sorgfältig die Anweisungen des Lehrers, beobachtete die älteren Jahrgänge beim Training und suchte sich seine Gegner, seine Fähigkeiten langsam steigernd, sorgfältig aus.

Eine weitere Neuerung für sein Leben kündigte sich an, als ein Wohnungsnachbar, der schon des längeren einen Blick auf Asa geworfen hatte, begann, zudringlich zu werden. Rilkar selbst wurde Zeuge, wie der Mann vor ihrer Haustür handgreiflich wurde, worauf ihn Asa kurzerhand die Treppe hinunterwarf. Der so nachdrücklich Zurückgewiesene entschloß sich wenige Tage später, auszuziehen.

Sein Nachfolger war ein älterer Cardassianer, der den größten Teil seines Lebens auf Frachtschiffen gearbeitet hatte und so bis an den Rand des klingonischen Reiches gekommen war. Wenn er betrunken war, was nicht selten vorkam, pflegte er lautstark klingonische Lieder zu singen, die mühelos durch die dünnen Wohnungswände drangen. Verspürte Rilkar keine Lust auf seine Streifzüge, ging er hinüber und ließ sich von den Erzählungen des Alten über seine Reisen fesseln: Prahlereien von einer angeblichen klingonischen Geliebten, phantastisch anmutende Schilderungen von Aliens und vor allem die Beschreibungen von Raumschiffen, die er im Laufe der Jahre gesehen hatte.

Rilkar war fasziniert von Raumschiffen und wollte alles über sie wissen: Wie groß sie waren, wie schwer ihre Bewaffnung, welche Besatzungsstärke sie hatten, vor allem aber wie schnell sie waren. Tauchte in den Erzählungen des alten Raumfahrers ein neuer Schiffstyp auf, bat ihn der Junge, diesen aufzuzeichnen und seine Besonderheiten zu erklären, eine Bitte, der der Alte jedesmal sachkundig nachkam.

Als der für Rilkars Altersgruppe vorgeschriebene Besuch eines Kriegsschiffes der Flotte durchgeführt wurde, begeisterte er sich vor allem für den Maschinenraum. Der Chefingenieur, den das Interesse des Jungen freute, führte ihn persönlich herum, beantwortete geduldig die zahlreichen Fragen und gab ihm zum Abschluß den freundlichen Rat mit auf den Weg, über eine technische Laufbahn nachzudenken. Cardassia brauchte fähige Ingenieure, mochten sie nun reinrassig sein oder nicht.

In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen kam Riab zu Besuch, blieb dann über Nacht und machte Asa Vorwürfe, sie würde Rilkar verwildern lassen. Diese zuckte dann jedesmal die Achseln und steckte den Tadel ein. Für ihren Sohn änderte sich dadurch nichts, was diesem nur recht war, denn er schätzte Asas toleranten Erziehungsstil. Obendrein empfand er die Besuche seines Vaters eher als Störung, und dessen Versuchen, an ihm herumzuerziehen, begegnete er mit hartnäckigem Widerstand, was Riab nur in seinen Ansichten bestärkte. So begann er damit, seinen jüngeren Sohn hin und wieder in sein Haus mitzunehmen.

Beim ersten Mal schloß sich Lumai in ihrem Zimmer ein und kam erst wieder heraus, als Rilkar das Haus am Abend wieder verlassen hatte. Später gewöhnte sie sich an diese Besuche und begegnete ihm mit der Zeit in einer Art von zurückhaltender Freundlichkeit.

Raskh dagegen, der wie stets versuchte, es seinem Vater recht zu machen, gab sich zu Anfang in einer großer-Bruder-Manier, die Rilkar sofort rasend machte. Asas Sohn war sich der Situation genau bewußt, und er hätte eher Verständnis dafür gehabt, wenn Raskh den Versuch unternommen hätte, ihn aus dem Haus zu prügeln. In der jovialen Art, die dieser ihm entgegenbrachte, witterte er Feigheit und er sagte es Raskh in wenigen beißenden Worten - er hatte Übung darin, andere aus der Reserve zu locken.

Als Riab seine Söhne später verhörte, der eine ein heranwachsender Junge, der andere schon fast ein junger Mann, aber beide gleichermaßen derangiert, war es ihm nicht möglich zu erfahren, wer die Schlägerei angefangen hatte. Selbst sein sonst so überaus gehorsamer älterer Sohn preßte auf die an ihn gerichteten Fragen hin eigensinnig die Lippen zusammen. Schließlich ließ Riab die Sache auf sich beruhen, bestrafte beide und mußte sich widerwillig eingestehen, daß er eigentlich recht zufrieden mit ihnen war.

Seit diesem Vorfall betrachteten sich die Halbbrüder gegenseitig mit wohlwollender Achtung. Sooft sie sich in Zukunft auch sahen, kam es doch nie wieder vor, daß sie sich prügelten, wenn sie auch keineswegs immer der gleichen Ansicht waren.

 

Mit der Zeit kristallisierte sich in Rilkar immer stärker der Wunsch heraus, Ingenieur zu werden und Raumschiffe zu bauen. Er besorgte sich selbständig Lehrmaterial über Warpfeldtheorie und Schiffsbau und verbrachte viel Zeit lesend zu Hause. Die Schlägereien auf der Straße, nach denen er fast süchtig gewesen war, nahmen nach und nach ab und hörten schließlich ganz auf. Statt dessen besuchte er abends die öffentlichen Trainingshallen des Viertels und übte sich im Ringen und ganz besonders im Stockfechten, den ältesten Kampfdisziplinen Cardassias sowie der meisten intergalaktischen Völker. Und da es nach einer Weile von ihm hieß, es sei fast unmöglich, den Bastard zu schlagen, brauchte er sich über einen Mangel an Gegnern nicht zu beklagen. Der Verlauf war so gut wie jeden Abend gleich: Wenn Rilkar die Halle betrat, kam meist irgendein kampflustiger junger Bursche auf ihn zu, warf ihm ritualhaft eine Beleidigung an den Kopf, die Asas Sohn ruhig entgegennahm, und der Kampf begann. Auch der Ausgang war schließlich im großen und ganzen immer gleich, was jedoch nur wenige davon abhielt, ihr Glück zu versuchen.

Eines Tages erhielt Rilkar Besuch von seinem Vater, der ihn über Raskhs Einziehung in den Militärdienst informierte. Dieser würde nach seiner Ausbildungszeit als Offiziersanwärter nach Bajor zur Verstärkung der Besatzungstruppen geschickt werden. Riab wäre es durch seine Beziehungen ein Leichtes gewesen, seinen Sohn auf Cardassia zu behalten, jedoch war es sein Wunsch, daß Raskh eine Militärlaufbahn einschlug, und er war der Ansicht, daß der Dienst auf Bajor ein guter Anfang dafür wäre. Schließlich kam er auf Rilkars Ausbildung zu sprechen, erinnerte ihn daran, daß auch für ihn in wenigen Jahren die Einberufung zum Soldaten folgen würde und äußerte die Erwartung, sein jüngerer Sohn möge sich von dort aus hochdienen. Von Rilkars Absicht, die Ingenieursschule zu besuchen, wollte er nichts wissen und kündigte an, er werde dessen Aufnahme dort verhindern.

Glücklicherweise war Asa anwesend, der es im letzten Moment gelang, eine körperliche Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn zu verhindern. Sie schickte Rilkar in die Trainingshalle und sprach den ganzen Abend mit ihrem Geliebten. Danach erklärte Riab sich einverstanden, seinem Sohn eine Ingenieursausbildung zu ermöglichen, machte es jedoch zur Bedingung, daß dieser dazwischen seine Militärzeit absolvierte. Rilkar wußte, daß er um die obligatorische Zeit auf Bajor, wo die Truppen zunehmend mit Widerstand zu kämpfen hatten, nicht herumkam, und er stimmte erleichtert zu.

Als Raskhs Ausbildung fast beendet war, faßte Asas Sohn den Entschluß, seinen Bruder vor dessen Verschickung nach Bajor noch einmal zu sehen. Zu diesem Zweck suchte er die Trainingshalle des eleganten Stadtteils auf, in dem sich das Haus seines Vaters befand. Er wußte, daß Raskh regelmäßig mit anderen Offiziersanwärtern dort trainierte. Rilkar war kaum eingetreten, als er auch schon von einer Gruppe junger Burschen aus guten Familien bemerkt wurde. Man verstellte ihm den Weg, und der Anführer machte sich einen Spaß daraus, ihn zu verhöhnen.

Rilkar reagierte sorglos. Gewohnt, mit jedem Gegner fertig zu werden und einem Kampf durchaus nicht abgeneigt, ließ er keine der Beleidigungen unerwidert und legte dabei wesentlich mehr Schlagfertigkeit als sein Gegenüber an den Tag.

Hier jedoch schätzte er die Situation völlig falsch ein. Im heimatlichen Stadtviertel war es Ehrensache gewesen, Mann gegen Mann zu kämpfen. Diese jungen Cardassianer hier empfanden Rilkar als so weit unter sich stehend, daß für sie Gesetze der Fairneß in diesem Fall keine Gültigkeit hatten.

Raskh bemerkte den Tumult am Eingang der Halle, bahnte sich einen Weg dorthin und erkannte entsetzt seinen Bruder, der von zwei Burschen festgehalten wurde, während die übrigen im Begriff waren, ihn krankenhausreif zu schlagen. Ohne ein Wort der Erklärung abzugeben, stürzte er dazwischen und entriß Rilkar der Horde, die, als sie Raskhs Uniform erkannten, es vorzogen, sich aus dem Staub zu machen.

Ein Jahr später bewarb Rilkar sich an der Ingenieursschule und wurde anstandslos aufgenommen, ob nun aufgrund seiner Begabung oder durch die Beziehungen seines Vaters vermochte er nicht zu sagen. Von Anfang an hatte er keinerlei Schwierigkeiten. Für Rilkars Ausbilder, fast alle verliebt in ihre Materie, zählte in erster Linie Sachkompetenz. Provokationen und Schlägereien wurden erbarmungslos unterbunden. Asas Sohn begann, Freundschaften unter einigen Ingenieursanwärtern zu pflegen, bemühte sich mit Erfolg um ein Mädchen seines Heimatviertels und begann, an dem Konzept eines verbesserten Warpantriebs zu arbeiten.

Als die Hälfte seiner Ausbildungszeit herum war, erreichte ihn dann der erwartete Ruf zum Militär, worauf etwas später seine Verschickung nach Bajor erfolgte. Rilkar hatte Glück: Er wurde in eine bajoranische Provinzstadt versetzt, in der man ein halbes Jahr zuvor ein Widerstandsnest der Shakaar-Bewegung ausradiert und dabei gründliche Arbeit geleistet hatte. Die Bevölkerung war dementsprechend eingeschüchtert und verhielt sich ruhig, so daß hier nichts von den blutigen Unruhen bemerkt wurde, die ansonsten einen großen Teil Bajors betrafen.

Als Rilkar auf Bajor eintraf, erregte sein Äußeres, wie zu erwarten gewesen war, sofort die Aufmerksamkeit seiner Regimentskameraden, worauf er beschloß, das Verfahren abzukürzen. Nach kurzer Beobachtungszeit machte er unter ihnen den anerkannt stärksten Schläger aus und ließ es auf eine Konfrontation ankommen. Danach hatte er endgültig Ruhe.

Wie gründlich die Lektion gewesen war, merkte er, als eines Abends einer der Soldaten ein etwa sechzehnjähriges bajoranisches Mädchen mit sich in die Kaserne zerrte. Rilkar versperrte ihm den Weg und forderte sie für sich, woraufhin der Mann sie ihm kampflos überließ. In dieser Nacht schlief sie auf dem Bett seines zellenartigen Quartiers, während er sich, wie so oft, seinen Berechnungen widmete.

Da er von seiner Mutter her auch die Seite der Eroberten kannte, empfand er das Unrecht, das der bajoranischen Bevölkerung angetan wurde, wesentlich stärker als die Gemäßigteren unter seinen Truppenkameraden, und er zweifelte nicht daran, daß Bajor früher oder später seine verhaßten Besatzer abschütteln würde.

Einige Male traf er sich mit Raskh, dessen Regiment immer wieder die volle Wucht des Shakaar-Widerstandes zu spüren bekam. Bei einem Anschlag war er wie durch ein Wunder nur leicht verletzt worden, während sieben seiner Kameraden den Tod fanden. Wenn die beiden Brüder zusammensaßen, pflegte Raskh sich jedesmal zu betrinken, verfluchte Bajor und dessen Besetzung und sprach über die Notwendigkeit eines Neuanfangs für Cardassia. Rilkar beobach-tete dann stets aufmerksam die Umgebung, denn diese Reden hätten seinen Bruder leicht den Kopf kosten können, wenn sie an die falschen Ohren gelangt wären.

Gegen Ende seiner Dienstzeit erreichte ihn dann die Nachricht Riabs, daß Asa an einer verschleppten Infektion gestorben war. Die Trauer seines Vaters, dessen Selbstbeherrschung in Rilkars Gegenwart immer eine vollkommene gewesen war, wurde darin erschütternd deutlich, und der junge Mann, selbst hart getroffen, erkannte, daß er die Art der Beziehung, die seine Eltern ver-bunden hatte, wohl nie würde verstehen können.

Nach seiner Rückkehr nach Cardassia machte er sich daran, seine Ausbildung zu beenden, ohne jedoch dabei seinen Warpantrieb zu vernachlässigen. Auch nahm er die Gewohnheit wieder auf, an den Abenden die Trainingshalle aufzusuchen, wo er einige seiner früheren Gegner wiedertraf, aber auch etliche neue, und bald stellte er zufrieden fest, daß er zu seiner alten Form zurückgefunden hatte. Nicht allzulange danach war er dann soweit, daß er sich Ingenieur nen-nen durfte, während der Warpantrieb im Begriff war, konkrete Formen anzunehmen.

Als Riab starb, traf dies Rilkar nicht unerwartet. In den letzten Jahren war die Gesundheit seines Vaters immer schlechter geworden. Sein Herz wurde schwächer, und der Magen bereitete ihm Probleme. So verstarb er eines Nachmittags friedlich im Schlaf. Als sein letzter Wille verlesen wurde, stellte sich heraus, daß er auch Rilkar berücksichtigt hatte, was diesen sehr überraschte, denn dies kam seiner offiziellen Anerkennung als Sohn gleich. Er trat das Erbe ohne schlechtes Gewissen an, denn er nahm damit weder dem vom befreiten Bajor zurückgekehrten Raskh, der inzwischen einen Posten bei der Regierung innehatte, noch Lumai etwas weg: Nach dem cardassianischen Erbschaftsrecht konnte jedem Familienmitglied nur eine bestimmte Maximalsumme vererbt werden, während der Rest Cardassia zufiel.

Damit standen dem Ingenieur nun die Mittel zur Verfügung, die er brauchte, um seinen Traum zu verwirklichen. Er interessierte Freunde aus seiner Ausbildungszeit für das Projekt und warb einige Kameraden aus der Zeit auf Bajor an, von denen er wußte, daß sie über die erforderliche Ge-schicklichkeit verfügten. Ein paar Leute kamen von selbst auf ihn zu.

Der wirkungsgradverbesserte Warpantrieb war in der Planung fertig. Als Rilkar das geeignete Schiff fand, begannen sie zu bauen.

3.

Es war bereits Mittag, als Rilkar auf dem Gelände der Werft eintraf. Er sah den Bug seines Schiffes schon von weitem, der schwach an einen irdischen Rochen erinnerte, während der hintere Teil schlank auf das Warptriebwerk zulief. Die Sorong war ein ehemaliges Schmugglerschiff, wahrscheinlich auf einer orionischen Werft gebaut. Als sie aufgebracht wurde, erhielt ihr ursprüngliches Triebwerk einen Treffer, was ihr weitere Schäden ersparte und sie erschwinglich machte. Ihre Vorteile waren ihre hohe Stabilität, die schnellen Warpflug ermöglichte und eine geringe Größe, die es ihr erlaubte zu landen. Der Umbau wäre in einer Orbitalwerft nicht zu bezahlen gewesen. Ein weiteres Extra, das sie aufzuweisen hatte, war ein schnelles Beiboot, das in ihrem Hangar ruhte.

Der Ingenieur seufzte. Sie hatten vorgehabt, dem Schiff nach dem ersten erfolgreichen Testflug einen cardassianischen Namen zu geben. Einer seiner Männer hatte ständig behauptet, Sorong sei der Name einer orionischen Ungezieferart und damit die ganze Belegschaft geärgert.

Als er näher herankam, sah er seine Leute um das Schiff versammelt stehen. Nurak, sein Werkmeister, kam auf ihn zu.

"Sind alle da?" rief Rilkar ihm entgegen.

"Die letzten kamen eben vor dir an. Was ist denn los?"

"Gleich! Steht nicht hier draußen um das Schiff herum! Rein mit euch!"

Etwas später stand Rilkar, von seinen Leuten umringt, im Mannschaftsraum des Schiffes und besprach mit den fassungslosen Männern die Situation.

"Ihr werdet verstehen, daß es das Beste ist, wenn ihr sofort aufbrecht." sagte er zum Schluß. "Ich halte es für unwahrscheinlich, daß eure Familien etwas zu befürchten haben. Sie wissen nichts und die CAMB will garantiert größeres Aufsehen vermeiden. Sagt zuhause nur, daß ihr zu einem längeren Testflug aufbrecht! Wie sieht es mit den Replikatoren aus?"

"Gestern von den Werftarbeitern installiert!" meldete sich einer der Männer. "Auf Vorräte ist das Schiff nicht mehr angewiesen."

"Gut! Die medizinische Ausrüstung?"

"Komplett!" nickte ein anderer.

"Ausgezeichnet! Sagt also der Werftleitung Bescheid, daß der Testflug vorgezogen wurde. Und noch etwas: Fliegt den Antrieb nicht aus! Schließlich hatten wir mit den Tests noch gar nicht angefangen. Keinen schnellen Warpflug, es sei denn, ihr werdet verfolgt, haben wir uns verstanden?"

Seine Leute nickten.

"In Ordnung! Ich werde jetzt das Beiboot aus dem Hangar holen. Ihr wißt, wo wir uns treffen. Viel Glück!"

Nurak trat auf ihn zu.

"Was genau hast du vor?" fragte er.

"Etwas Wahnsinniges! Ich möchte lieber nicht darüber reden, dann könnt ihr später sagen, ihr hättet nichts gewußt. Ihr seid auf Testflug, vergeßt das nicht!"

Sein Werkmeister nickte beunruhigt.

Wenig später hob das kleine Beiboot auf dem Werftgelände ab. Der Ingenieur warf noch einen Blick auf die Sorong. Er bedauerte, daß er ihren Start nicht miterleben konnte, aber die Zeit lief ihm davon.

Sicher war es denkbar, daß man erst einmal seine Reaktion abwarten würde, immerhin hatte man offensichtlich gezielt Informationen an ihn durchsickern lassen, in der Hoffnung, daß er kampflos das Feld räumte. Aber darauf konnte er sich nicht verlassen.

Als das kleine Schiff den Orbit erreicht hatte, parkte er es synchron zur Planetenumdrehung und wandte sich an den Bordcomputer.

"Zeig mir alle Informationen über Rhazaghan, die du in deinem Speicher hast!"

Als der Bildschirm sich füllte, begann er konzentriert zu lesen. Schließlich nickte er und machte sich daran, mit Hilfe des Computers den Fluchttransporter zu programmieren.

Wenig später materialisierte er in einem Lagerraum des xenobiologischen Instituts. Auf den Korridoren suchte er dann so lange, bis er an der Wand eine Orientierungshilfe fand. Er studierte sie aufmerksam und fand seine Vermutung bestätigt. Alle Einrichtungen dieser Art hatten solche Anlagen. Als kurz darauf ein Institutsgehilfe vorbeikam, hielt Rilkar ihn an.

"Entschuldigung, wo finde ich die Xenobiologin aus dem Austauschprogramm?"

Der junge Bursche verlagerte das Gewicht eines Nanoskops mühsam auf die andere Seite.

"Die Rhazaghani? Treppe rauf, vorletzte Korridortür links!"

Er begann zu grinsen.

"Passen Sie aber auf, daß Sie von ihr nicht gefressen werden!"

Rilkar grinste zurück.

"Vielen Dank für den Rat!"

Auf dem bezeichneten Korridor sah er vorsichtig in den nächstbesten Raum. Er war leer. Leise schloß er die Tür hinter sich und gab der internen Sprechanlage den Code des ihm bezeichneten Zimmers ein.

"Die rhazaghanische Xenobiologin wird aufgefordert, in Raum Siebzehn rot zu kommen!" sagte er fest. Jetzt konnte er nur hoffen, daß er Glück hatte.

 

Nirrit von den Vari sah gereizt vom Bildschirm hoch und blickte zur Sprechanlage.

"Noch einer, der es nicht für nötig hält, sich meinen Namen zu merken!" murmelte sie.

Sie fühlte sich hier ohnehin völlig fehl am Platz. Kaum hatte sie sich auf Deep Space Nine eingelebt, da kam dieser Sternenflottenbürokrat und teilte ihr mit, daß sie vollkommen ungefragt dem Austauschprogramm zugeteilt worden war. Dabei nahmen eigentlich nur Freiwillige, die später eine diplomatische Laufbahn anstrebten, daran teil. Als sie sich weigerte, hatte der Kerl die Brauen hochgezogen und war mit "Ich nehme, an daß sie auch weiterhin hier arbeiten wollen!" angekommen. Sie hatte sich natürlich sofort über Subraum mit Rhazaghan in Verbindung gesetzt und Tabantani die Lage geschildert.

"So geht es nicht!" hatte diese aufgebracht gefaucht. "Die können dich nicht einfach für ein halbes Jahr nach Cardassia zerren! Wir legen Protest ein! Mach dir keine Sorgen, bald bist du wieder zurück! Versuch in der Zwischenzeit, das Beste daraus zu machen!"

Und dann, nach Nirrits Ankunft, hatte auf der Begrüßungsveranstaltung dieses hohe Tier ihr gegenüber gesessen, war fast unerträglich freundlich gewesen und hatte sie mit durchdringendem Blick gemustert. Da war sie endgültig sicher gewesen, daß hier etwas nicht stimmte. Als man sie dann ins Institut brachte, war die Institutsleiterin übereilt angestürzt gekommen und es war leicht ersichtlich, daß sie über Nirrits Ankunft nicht informiert worden war. Überhaupt machte das ganze Institut den Eindruck, als sei man hier noch nicht lange über das Stadium hinaus, in dem man fremde Lebensformen vor allem daraufhin untersucht hatte, ob man sie entweder nutzbringend verwenden oder aber versklaven konnte.

Nirrit blickte hilfesuchend auf den Plan.

"Siebzehn rot, wo liegt das nun wieder?" seufzte sie. Als sie sich orientiert hatte, stand sie auf und machte sich auf den Weg ins Untergeschoß.

 

Die Evolution der Säugetiere hatte auf Rhazaghan unter erschwerten Bedingungen stattgefunden. Da alle ökologischen Nischen zum Zeitpunkt ihres Erscheinens von zum Teil riesigen reptilienähnlichen Warmblütern besetzt waren, kamen die Säuger etliche Jahrmillionen nicht über ein Stadium von kleinen, primitiven Geschöpfen hinaus. Das änderte sich, als sich in der Brust einer Spezies ein sternförmiges Gewebe aus abgewandelten Nervenzellen entwickelte. Auf biologischem Wege konnte von ihm ein Effekt erzeugt werden, der Ähnlichkeit mit einem natürlichen Transporterfeld hatte, was es ermöglichte, bei Bedrohung kurzfristig eine abschreckende Gestalt anzunehmen.

Zunächst wurde der Körperzustand blitzartig erfaßt und gespeichert. Daraufhin erfolgte die Umwandlung auf energetisch-atomarer Ebene, allein das entsprechende Organ wurde davon nicht betroffen. Kurz darauf fiel der Körper in den gespeicherten Zustand zurück.

Diese Innovation brachte den Vorteil, der bisher gefehlt hatte: Nur wenige Millionen Jahre später gab es bereits mehrere Gattungen, die in der Lage waren, von der Grundform gewisse Zeit in unterschiedliche Alternativformen zu wechseln, darin zu jagen, sich zu verteidigen oder zu flüchten. Durch Selektionsdruck wurde diese Eigenschaft perfektioniert bis hin zu der Fähigkeit, notfalls blitzartig die ökologische Nische zu wechseln und die neue Gestalt beliebig lange zu halten.

Diese Kombination aus Spezialisierung und Flexibilität wurde ein Erfolgsrezept. Der neue Säugertypus hatte keinerlei Schwierigkeiten, sich neben seinen Konkurrenten zu halten, ja, etliche wurden durch ihn sogar verdrängt. Und war auch das Artenspektrum der Säuger schmaler als auf vielen anderen Planeten, so prägte sich doch eine Formenvielfalt innerhalb dieser wenigen Arten aus.

Die Erlernung und der Einsatz der verschiedenen Wandelmöglichkeiten machten bei immer höherer Entwicklung eine lange Kindheitsphase, sorgfältige Brutpflege und Intelligenz zur Bedingung. So kam es schließlich auch zur Entwicklung von Primaten und letztendlich von Humanoiden. Am Ende seiner Entwicklung standen dem Rhazaghaner die humanoide Grund- und vier verschiedene Alternativformen, die Luuma, zur Verfügung, die auch bewußt leicht variiert werden konnten.

Die sogenannte Krallenluum, die gewöhnlich als erstes erlernt wurde, glich einem beweglichen vierbeinigen Raubtier eher geringer Größe, das die Fähigkeit zu klettern besaß, und das über ein besonders scharfes Gehör verfügte. Deutlich größer war die muskulöse und ausdauernde Zahnluum. Bei ihr war der Geruchssinn stark ausgeprägt und sie konnte vor allem in Gemeinschaftsjagden sehr große Beutetiere erlegen. Das Äußere der Steppenluum entsprach dem eines hochgebauten Huftiers, dessen Vorteil seine Schnelligkeit war sowie die Fähigkeit, pflanzliche Nahrung auszunutzen. Dennoch verfügte sie über ein Allesfressergebiß und war auch zur Jagd fähig, wobei sie sich vor allem mit der Zahnluum hervorragend ergänzte.

Die Schwingenluum war flugfähig und ähnelte stark den reinen Vögeln, die es auf Rhazaghan gab. Allerdings wurde sie meist als letztes erlernt, da sie ein hohes Maß an Körperbeherrschung und -koordination verlangte. Mit ihrer Hilfe waren die Rhazaghaner in der Lage, zwei isolierte Kontinente zu besiedeln und untereinander Kontakt zu halten.

Die humanoide Grundform schließlich war durch die Geschicklichkeit ihrer Hände in der Lage, Schutzzonen für den hilflosen Nachwuchs zu schaffen.

Es dauerte lange, bis junge Rhazaghaner der Kindheit entwachsen waren, was zwangsläufig eine hohe Langlebigkeit zur Bedingung machte. Auch wuchsen sie ihr ganzes Leben hindurch, wenn auch nach der Hauptwachstumsphase nur noch sehr verlangsamt. Als für sich selbst verantwortlich galt jeder erst, wenn er eine Luum vollkommen beherrschte und eine zweite zu lernen begonnen hatte. Unter diesen Umständen war die Wachstumsrate der Bevölkerung nur sehr gering und stagnierte zeitweise ganz.

Als die Cardassianer auf Rhazaghan eintrafen, hatte sich die Lebensweise seiner Bewohner seit Jahrtausenden nicht verändert. Jeder Clan hielt ein inselartiges Gebiet von Raubtieren und größeren Nahrungskonkurrenten frei, pflegte jedoch freundschaftlichen Kontakt zu den Nachbarclans, bei denen man den Reifungs- oder Lebenspartner auswählte. Gelebt wurde in je nach Clangröße teilweise riesenhaften Habitaten, deren Form stets der Natur entlehnt war. Sie klebten wie Tropfsteinformationen an Felsen oder erhoben sich, gewaltigen Schneckenhäusern gleich, über der Ebene. Andere hatten die Form von Koniferenzapfen, Früchten oder Sukkulen-ten, aber immer boten sie dem ganzen Clan Raum, zeichneten sich durch hohe Beständigkeit aus und waren oft viele Jahrhunderte alt.

Die Cardassianer, die in der Planetenkruste hohe Dilithiumvorkommen orteten, beschlossen ihre Ausbeutung, auch wenn Rhazaghan von Cardassia weit entfernt war. In der Urbevölkerung sahen sie Wilde, von denen man keine Schwierigkeiten zu befürchten hatte. Durch Zufall stellten sie bald fest, daß man die Wandelfähigkeit der Bewohner durch fluktuierende Geonfelder unterdrücken konnte. Diese störten die Erfassung sowie die Speicherung des Körperzustandes durch das verantwortliche Organ, des Murandrals, und machten damit den Aufenthalt in einer Luum unmöglich. Allerdings mußte das entsprechende Feld im Falle von älteren und stärkeren Rhazaghanern eine hohe Intensität besitzen. So stellten die Besatzer in der Nähe ihrer Anlagen große Geongeneratoren auf, die bisher in erster Linie zum Luftrecycling eingesetzt worden waren.

Jahrzehnte später, als die Bewohner des Planeten ihre Besatzer abgeschüttelt hatten, flogen die ersten Föderationsschiffe Rhazaghan an und wurden mit großem Mißtrauen empfangen. Die Rhazaghaner begriffen jedoch rasch die Vorteile einer Föderationsmitgliedschaft und trafen betreffs des Dili-thiums ein Handelsabkommen unter der Bedingung, daß das Dilithium nur von ihnen selbst mit schonenden Methoden und streng festgelegten Quoten abgebaut werden durfte.

Nicht sehr lange danach trafen auf der Erde die ersten lernwilligen jungen Rhazaghaner ein, die eine Ausbildung vor allem für den Wissenschaftsdienst der Föderation anstrebten, unter ihnen Nirrit vom Clan der Vari. Nach ihrer Ausbildungszeit wurde sie, wie von ihr erhofft, nach Deep Space Nine versetzt, dem Tor zu den unerforschten Lebensformen des Gamma-Quadranten. Sie hatte noch keinen Reifungspartner gewählt, wie es bei ihrem Volk eigentlich üblich gewe-sen wäre, denn sie hatte ihre Eigenverantwortlichkeit erst kurz vor ihrem Aufbruch von Rha-zaghan erreicht. Auf der Erde hatte sie zwar ein paar Kandidaten ins Auge gefaßt, war aber nicht sicher gewesen, ob diese ihr Interesse nicht vielleicht mißverstehen würden. So hatte sie gehofft, im Laufe der Zeit auf Deep Space Nine fündig zu werden.

 

Nirrit folgte dem Verlauf des Korridors, die Markierungen an den Wänden im Auge behaltend. Kurz darauf fand sie den bezeichneten Raum und öffnete die schwere Metalltür. Unbesorgt trat sie ein, blieb jedoch nach wenigen Schritten ruckartig stehen. An diesem Ort wurde, wie es für solche Institute Vorschrift war, die Luft wiederaufbereitet, um bei einem Unfall ein Entweichen von Mikroben in die Außenwelt unmöglich zu machen. Nirrit spürte deutlich, daß selbst Tarkin aus ihrem Clan in diesem Raum nicht hätte wechseln können.

"Hier gibt es einen Geongenerator!" dachte sie begreifend. "Das ist eine Falle!"

Sie drehte sich zur Tür um und fand diese von einem großen, nur wenig cardassianisch wirkenden Mann versperrt, der einen starken und durchtrainierten Eindruck machte. Mit einem Blick in sein Gesicht erkannte sie, daß ihr Gegenüber zum Äußersten entschlossen war.

"Es tut mir leid!" sagte Rilkar ruhig. "Ich muß Sie bitten, mich zu begleiten!"

Er ging auf Nirrit zu, die mit aufgerissenen Augen dastand.

4.

Rilkar hielt sich die Seite, wo wie er wußte, eine Rippe mindestens geprellt war, und schalt sich im Stillen einen leichtsinnigen Dummkopf. Der Schiffscomputer hatte die Gravitationskonstante von Rhazaghan als ähnlich hoch wie die von Tamas und Vulkan angegeben. Und eine Spezies, die sich ständig mit großen Raubtieren auseinanderzusetzen hatte, mußte zwangsläufig schnell sein. Trotzdem war er davon ausgegangen, daß sich das Mädchen durch seine Größe würde einschüchtern lassen.

Er blickte zu Boden, wo Nirrit bewußtlos vor seinen Füßen lag. Er bedauerte sehr, daß er sie hatte niederschlagen müssen, aber er hatte keine andere Wahl gehabt.

Er bückte sich, und heftete ihr einen Transportermarker an, um sich daraufhin mit dem Schiffscomputer in Verbindung zu setzen. Als sie entmaterialisiert war, wartete er die erforderliche Zeitspanne ab, um ihr auf das Beiboot folgen zu können.

Wenig später verließ das kleine Schiff den Orbit Cardassias, um Kurs Richtung der neutralen Zone zwischen Föderation und Romulanischen Reich aufzunehmen.

 

Nirrit kam wieder zu sich mit dem Gefühl, daß Kopf und Hals bis hin zu den Schultern zu einem Stück verwachsen waren. Ihr Nacken schmerzte und hinter den Schläfen machte sich ein heftiges Klopfen bemerkbar. Als sie versuchte, die rechte Hand zur Stirn zu heben, hatte sie den Eindruck, daß diese irgendwo festhängen mußte, denn mitten in der Bewegung gab es einen Ruck, der sie zurückriß. Die junge Frau öffnete die Augen, schloß sie aber sofort wieder, denn das helle Licht ließ das Pochen auf ein unerträgliches Maß ansteigen.

"Wenn ich mich jetzt aufsetze, wird mir schlecht!" fuhr es ihr durch den Kopf. Also beschloß sie, zunächst einmal mit geschlossenen Augen liegen zu bleiben und ein Bild von ihrer Situation zu gewinnen.

Als erstes stellte sie fest, daß es in unmittelbarer Umgebung ein Geonfeld geben mußte. Es war deutlich schwächer als das in der Ambientenkontrolle des Instituts, aber es reichte. Wechseln würde sie vorerst nicht können. Auch wurde ihr nach einer Weile klar, daß es sich bei dem Geräusch in ihren Ohren, das sie zunächst den Nachwirkungen des Schlages zugerechnet hatte, um das Säuseln eines leichten Warptriebwerkes handelte. Schließlich atmete sie einige Male bewußt tief durch, blinzelte und schlug dann endgültig die Augen auf.

Ihren ersten Eindruck fand sie bestätigt: Sie befand sich an Bord eines kleinen Raumschiffes. Ihre Hand hatte sie ganz einfach darum nicht heben können, weil diese mit einem Paar Handschellen am Rahmen der Pritsche befestigt war, auf der sie lag. Mühsam drehte sie den Kopf zum vorderen Teil des Schiffes. An den Kontrollen saß der Mann, der sie niedergeschlagen hatte, und beobachtete sie ruhig.

"Freut mich, daß Sie aufgewacht sind!" sagte Rilkar. "Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Tut mir leid, ich hatte eigentlich nicht so stark zuschlagen wollen! Aber wie ich gemerkt habe, sind Sie ziemlich schnell, und ich hielt es für keine gute Idee, mir noch eine Rippe von Ihnen demolieren zu lassen. Immerhin habe ich keinen Regenerator an Bord."

Nirrit setzte sich vorsichtig auf.

"Gut!" sagte sie. "Raus damit! Dahinter steckt der Kerl vom Begrüßungsabend, nicht wahr?"

Der Ingenieur zog die Brauen hoch.

"Der Kerl vom Begrüßungsabend?" fragte er in gespielter Ahnungslosigkeit.

"Sie wissen genau, wen ich meine!" fauchte sie. "Dieses hohe Tier, dem bei einem diplomatischen Anlaß nichts anderes einfällt, als über das Haar und die Augenfarbe anderer Leute zu reden."

Rilkar lachte.

"Sie meinen Raskh! Ihre türkisfarbenen Augen werden ihn erstaunt haben, die Augenfarbe gibt es nicht bei uns. Um Ihre Frage zu beantworten: Nein, diese Sache hier geht nicht von ihm aus. Raskh wird sogar sehr aufgebracht sein, wenn er davon erfährt. Sie wird ihm nämlich ziemliche Schwierigkeiten bereiten."

"Sie kennen ihn also?"

Rilkar warf einen prüfenden Blick auf die Kontrollen.

"Natürlich, er ist mein Bruder!"

Er wandte sich wieder Nirrit zu.

"Mein Halbbruder, um genau zu sein! Wie Sie sehen, bin ich nur zur Hälfte Cardassianer."

"Und wie komme ich dabei ins Spiel?"

"Ein Konzern plant, in Kürze gefälschtes Belastungsmaterial gegen mich auffliegen zu lassen, um in den Besitz des von mir entwickelten Schiffsantriebes zu kommen. Ich habe meinen Bruder um Unterstützung gebeten, doch er lehnte ab, da er Probleme befürchtet. Er hätte es lieber gesehen, daß ich untertauche, aber ich lasse mir meinen Prototyp nicht wegnehmen. Raskh hatte sich viel Mühe damit gemacht, Sie von Deep Space Nine kommen zu lassen, daher kam mir der Gedanke mit Ihrer Entführung. Ich habe die Hoffnung, daß er seine Einstellung noch einmal überdenkt, da ihm sonst die Föderation bald unbequeme Fragen stellen wird."

"Und wenn er sich weigert, Ihnen zu helfen?"

"Dann kann ich nur hoffen, daß die Föderation so tüchtig ist, wie sie stets behauptet und bei den Untersuchungen die Machenschaften der CAMB mit aufdeckt. "

Nirrit schnaubte verärgert. "Großartig! Und ich werde hierbei überhaupt nicht gefragt, was? Wer sagt mir denn, daß überhaupt stimmt, was Sie mir da erzählen?"

Der Ingenieur betrachtete sie ernst.

"Ich erwarte nicht von Ihnen, daß Sie Verständnis für meine Situation aufbringen. Glauben Sie mir, ich bedaure selbst, daß es hierzu gekommen ist, aber ich mußte schnell handeln. Bei dieser Sache geht es um viel für meine Leute und mich."

Die junge Frau schwieg eine Zeitlang. Plötzlich flog ihre linke Hand zum Hals und ertastete dort einen Gegenstand.

"Das ist der Ursprung des Geonfeldes! Was ist das?"

"Ein Halsband mit einem kleinen integrierten Geongenerator. Sie brauchen nicht zu versuchen, es zu öffnen! Das Schloß ist codiert."

"Woher haben Sie das?"

Rilkar zuckte die Schultern.

"Es war nicht schwer, es zu bauen. Schließlich bin ich Ingenieur!"

"Darf ich wenigstens fragen, wohin wir unterwegs sind, oder bleibt das ein Geheimnis?" fragte Nirrit wütend.

"Keineswegs! Wir fliegen an den Rand der neutralen Zone, um uns dort mit meinen Leuten zu treffen. Ich muß erst einmal eine gewisse Entfernung zwischen uns und Cardassia bringen, und wie Sie vielleicht verstehen, liegt mir auch nichts daran, von Föderationsschiffen angehalten zu werden. An der neutralen Zone ist es im Moment besonders ruhig, da die Föderation den Waffenstillstand mit den Romulanern nicht gefährden will. Sobald wir da sind, werde ich mich dann über Subraum mit meinem Bruder in Verbindung setzen."

"Schön und gut, aber Sie können mich ja nicht die ganze Zeit über hier angekettet lassen!"

Rilkar sah sie erstaunt an.

"Und warum nicht?"

Sie lächelte süßsäuerlich. "Weil es dann ein Problem gibt! Ich bin zwar keine Spezialistin für Ihr Volk, aber ich glaube doch zu wissen, daß auch beim cardassianischen Stoffwechsel Abfallprodukte entstehen, die entsorgt werden müssen."

Rilkar runzelte die Stirn.

"Wie? Ach so, ich verstehe!"

Er ging zu ihr hinüber und öffnete die Schelle an ihrem Handgelenk.

Diesmal war der Ingenieur vorbereitet, daher hatte er die Bauchmuskeln angespannt, als ihn der Schlag in Magenhöhe traf. Nach kurzem Handgemenge lag die Rhazaghani am Boden und Rilkar hielt sie fest.

"Das wird eine lange Reise!" seufzte er.

 

Eineinhalb Tage lang herrschte im großen und ganzen belastendes Schweigen zwischen ihnen. Nirrit griff Rilkar nicht mehr an, sprach aber nur das Nötigste mit ihm. Schließlich wandte er sich von den Kontrollen ab und ihr zu.

"Im Moment haben wir ja reichlich Zeit! Eigentlich könnten Sie mir erzählen, was damals nach unserer Landung auf Rhazaghan passiert ist."

"Nach Ihrem Einfall!" verbesserte sie.

"Nach unserem Einfall!" gab der Ingenieur sich geschlagen. "Jedenfalls sind die Berichte, die man über die Vorfälle auf Rhazaghan erhält, reichlich diffus. Also, was meinen Sie?"

Nirrit musterte ihn.

"Warum sollte ich Ihnen überhaupt irgend etwas erzählen?"

Er zuckte die Achseln und wandte sich wieder den Kontrollen zu.

"Bitte sehr! Wenn Sie glauben, daß es der interplanetarischen Völkerverständigung dienlich ist, wenn Teile unserer einfachen Bevölkerung immer noch glauben, daß es sich bei den Bewohnern Ihres Planeten um böse Geister handelt..."

"Wie bitte?"

"Natürlich! Was glauben Sie denn, wie es auf einfache Soldaten wirkt, wenn sie von einem Schiff angegriffen werden, dessen Besatzung nachweislich durch explosive Dekompression ums Leben gekommen ist."

Er drehte sich wieder zu ihr um.

"Immerhin könnten Sie mir ruhig sagen, von wem Rhazaghan plötzlich die fünf Schiffe hatte. Sie werden wohl kaum behaupten können, daß ein derart primitives Volk plötzlich zum Raumflug fähig ist."

Nirrit schluckte den Köder glatt.

"Wir waren nicht primitiv!" schnappte sie. "Wir haben schon Mathematik und Astronomie betrieben, als Ihr Volk noch in Fellröcken herumlief. Haben Ihre Leute sich denn keine Gedanken darüber gemacht, daß wir zum Bau unserer Habitate Berechnungen anstellen mußten? Das Habitat der Sirk auf dem Nordkontinent ist über einhundertundneunzig Rhazaghanerschritte hoch und fast achtzig Jahrzehnte alt! Glauben Sie, das baut man auf gut Glück?"

"Allerdings gab es nirgendwo Industrieanlagen auf Rhazaghan."

Sie zuckte die Achseln. "Wozu? Wir waren an unseren Planeten hervorragend angepaßt. Forschung wurde bei uns nur im kleinen Stil betrieben und diente dem erweiterten Verständnis des Universums, nicht der Verbesserung der Ernährung. Auch heute noch liegt die Bevölkerungszahl von Rhazaghan bei ein paar Millionen, obwohl der Planet ziemlich groß ist. Er hat uns im-mer mühelos getragen, bis Ihr Volk kam und begann, uns unsere Lebensgrundlage zu entziehen. Es blieb uns nichts anderes übrig, als tätig zu werden."

"Und Sie entschlossen sich zum Angriff!"

"Auf dem Gebiet der Numa, eines Nachbarclans von uns Vari, gab es besonders große Dilithiumvorkommen. Als die Numa begriffen, was vorging, setzten sie sich zur Wehr. Und dann geschah das Unfaßbare."

"Die Cardassianer beschlossen, ein Exempel zu statuieren!"

Nirrit nickte. "Fast der ganze Clan wurde ausgelöscht. Etwas Vergleichbares hatte es auf Rhazaghan in seiner ganzen Geschichte nicht gegeben. Der Einzelne gilt viel bei uns, und nun war ein Clan vernichtet. Es kam einem Schock gleich. Die Überlebenden fanden bei den Vari Aufnahme, die die Geschehnisse fast unmittelbar mitbekommen hatten. Sie begriffen, daß unser Volk im offenen Aufstand seinen eigenen Untergang heraufbeschwören würde und beschlossen daher, im wahrsten Sinn des Wortes in den Untergrund zu gehen. Es gab in unserem Clangebiet eine riesige natürliche Kaverne, die vom Wasser ausgewaschen worden war, und man richtete sich dort ein, nicht ohne sich mit den übrigen Clans in Verbindung gesetzt zu haben.

Wir hatten das Glück, daß Ihre Sensoren damals noch nicht so ausgereift waren. Außerdem werden Sie mit Sicherheit wissen, daß es auch heute noch in der Gegenwart bestimmter Mineralien Ortungsprobleme gibt. Dilithium gehört bekanntermaßen dazu.

Es lag eine gewisse Ironie darin, daß die Substanz, die Ihr Volk angelockt hatte, half, uns vor ihm zu verbergen. Ich glaube auch in der Tat, daß wir nicht vermißt wurden. Wir waren uns mit den anderen Clans darüber einig, daß wir zwar über Wissen, aber zuwenig technische Erfahrung verfügten, um es mit Ihnen aufnehmen zu können. Außerdem mußten wir erst eine industrielle Infrastruktur aufbauen, und so viel Zeit hatte unser Planet nicht. Irgendwie mußten wir es schaffen, unser Ziel mit möglichst einfachen Mitteln zu erreichen.

Wir begannen, indem wir ein cardassianisches Shuttle entwendeten. Wir studierten es sorgfältig und werteten seinen Schiffscomputer aus. Auf diese Weise erfuhren wir von den Ferengi, ihrer Gerissenheit, ihrer Gier und der Tatsache, daß man bei ihnen alles kaufen kann, auch Informationen jeglicher Art. Dann bauten wir einen Störsender, der dem Shuttle einen unbemerkten Start ermöglichen sollte, luden es voll mit reinstem Dilithium und schickten drei unserer erfahrensten Leute mit ihm los. Gleichzeitig begannen wir, bereits vorhandene natürliche Kavernen zu erweitern und neue, künstliche, in den Fels zu sprengen.

Der Plan gelang. Fast ein Jahr später kehrte das Shuttle zurück, ohne Dilithium, aber mit reichlich Informationen über Industrie, Schiffs- und Waffenbau, Computertechnik und interstellare Kampfführung aus allen Teilen des Quadranten. Nun begannen wir unterirdisch die Industrie hochzuziehen, die wir für unseren Plan benötigten und sammelten Erfahrungen im Computerbau. Fast der ganze Planet arbeitete entweder auf theoretischem oder praktischem Gebiet unbemerkt an dem Projekt. Vor allem die Computertechnik beschäftigte viele von uns sehr. Wir besaßen bereits durch unsere Forschungen einige Erkenntnisse darüber, aber nun hatten wir die Möglichkeit, sie mit denen anderer Völker zu vergleichen und zu ergänzen.

Durch die Computerdateien Ihres Shuttles wußten wir, daß das Dilithium regelmäßig durch einen Sechserverband Kriegsschiffe der Galorklasse abtransportiert wurde. Wie wir erfahren hatten, gab es Schwierigkeiten mit orionischen Piraten, und man wollte wohl die wertvolle Ladung auf der langen Heimreise keinen Gefahren aussetzen, indem man sie langsamen Frachtern anvertraute. Als die Kriegsschiffe erneut eintrafen, versteckten sich sechs aus Rhazaghanern bestehende Mannschaften zwischen dem Dilithium und ließen sich mit hochbeamen. Von den Frachträumen aus überfielen sie das jeweilige Schiff, töteten die Mannschaft - Sie wissen ja, daß wir gute Jäger sind - und steuerten die Oberfläche an, wo riesige hydraulische Systeme die vorbereiteten Kavernen öffneten und hinter den Schiffen wieder schlossen."

Rilkar starrte sie fasziniert an.

"Wollen Sie damit sagen, das sind unsere eigenen Schiffe gewesen, die uns damals vom Planeten aus angegriffen haben?"

Nirrit lächelte. "Sie haben sie nicht wiedererkannt, nicht wahr? Sie waren gründlich umgebaut und mit ergänzender Technologie versehen worden. Allerdings nur fünf davon. Das sechste benötigten wir für ein Kraftwerk."

"Dabei hatte man auf den Bodenstationen gedacht, die Schiffe wären von einer unbekannten Macht des Sektors aus dem Orbit geschossen worden! Und die Sache mit dem "Geisterschiff"?"

"Das ging auf eine Idee der Vari zurück! Bei uns wurde so lange mit der Elaborationskapazität eines angehenden Schiffscomputers experimentiert, bis er ein Bewußtsein entwickelte. Als dann in der Schlacht um Rhazaghan die Arrhinia D'jah ihre ganze Mannschaft verlor, entschloß sie sich, selbständig anzugreifen. Das entschied glücklicherweise den Kampf für uns. Ihre beschädigten restlichen vier Schiffe wandten sich zur Flucht. Uns blieben drei Schiffe, zwei davon schwer beschädigt, das andere mit einer toten Mannschaft. Seither werden alle Schiffscomputer nach dem Vorbild der Arrhinia D'jah gebaut. Die Persönlichkeit entwickelt sich dann von allein."

"Soll das heißen, Ihre Schiffe können denken?"

Die Rhazaghani breitete die Arme aus.

"Wenn Sie lieber an böse Geister glauben möchten... Jedenfalls machten wir uns sofort fieberhaft an die Reparatur der beschädigten und den Bau neuer Schiffe. Unsere unterirdische Industrie hatte angefangen, zu produzieren. Wir haben immer geglaubt, Ihr Volk würde zurückkommen, aber das geschah nicht. Warum eigentlich nicht?"

"Da gab es mehrere Gründe! Zum einen wurden unsere Kräfte immer stärker durch den bajoranischen Freiheitskampf gebunden. Desweiteren wollte man sich nicht gern an mehreren Fronten aufreiben lassen. Die Regierung war der festen Überzeugung, Ihr Volk hätte irgendwo Hilfe gefunden, anders konnte man sich nicht erklären, daß es plötzlich im Besitz von Schiffen war." Er grinste. "Und schließlich haben Sie uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt!"

"Mag sein! Jedenfalls haben wir den Schiffsbau nie wieder eingestellt. Wir entwickelten unseren eigenen Stil und bauten auch die Arrhinia D'jah noch einmal um. Wir hatten das Gefühl, das waren wir ihr schuldig. Inzwischen hat fast jeder zweite größere Clan einen eigenen Kavernenhangar. Und an der Oberfläche ist die Renaturierung fast abgeschlossen, man sieht Rhazaghan die Wunden nicht mehr an, die ihm zugefügt wurden. Außerdem umkreisen den Planeten stets zahlreiche Schiffe, die für die Feindabwehr zuständig sind."

Sie sah Rilkar mit entschlossenem Gesichtsausdruck an.

"Niemand," sagte sie mit Nachdruck, "wird je wieder Rhazaghan überfallen können!"

5.

Nach zwei weiteren ereignislosen Tagen meldeten die Sensoren ein Objekt in Ortungsreichweite. Rilkar hatte gerade Nirrits Essen dem Replikator entnommen. Er stellte es bei ihr ab und eilte zu den Kontrollen.

"Sieht wie eine Raumstation aus!" murmelte er. "Gar nicht mal so klein und ziemlich nah! In meinen Sternkarten ist sie nicht verzeichnet, obwohl ich aktuelle angefordert hatte. Ich möchte mal wissen, was das ist!"

"Ich glaube, ich kann es mir denken!" meldete sich Nirrit. "Entlang der neutralen Zone gibt es die eine oder andere private Raumstation. Die Föderation duldet sie, weil es schwierig ist, hier draußen die Versorgung zu gewährleisten, obwohl sie zu einem nicht geringen Teil von halblegalen Händlern und Schmugglern angeflogen werden. Vielleicht ist auch Berechnung dabei, denn es gibt Waffenhändler, die für einen entsprechenden Preis das Risiko eingehen, Planeten mit Separationsbestrebungen jenseits der neutralen Zone zu beliefern."

"Schön und gut, trotzdem hätten die Sensoren sie eher melden müssen!"

Er löste die Verkleidung unter den Kontrollen.

"Da stimmt was nicht! Ich werde mir die Sache mal ansehen müssen."

Vor der Konsole knieend untersuchte er die Verbindungen der Sensorenphalanx. Nirrit richtete sich auf.

"Rilkar?"

"Was?" Abwesend drehte er sich zu ihr um. Da wirbelte etwas Rundes an ihm vorbei in die geöffnete Konsole.

 

Der Ingenieur betrachtete das Bild der Zerstörung, das sich ihm bot.

"Bravo, gut gemacht!" knurrte er verärgert. "Der Navigationscomputer tut es nicht mehr. Sie haben mit Ihrem Tablett ganze Arbeit geleistet."

"Während meiner Zeit auf der Erde habe ich mit Freunden häufig auf dem Akademierasen Frisbee gespielt." erwiderte die junge Frau gutgelaunt.

"Und was glauben Sie, wie es jetzt weitergehen soll? Ein paar Ersatzteile habe ich zwar an Bord, aber das gibt bestenfalls ein Provisorium. Genaue Navigation ist uns jedenfalls nicht mehr möglich."

"Fragen Sie doch auf der Raumstation nach!" erwiderte sie unschuldig. "Einrichtungen dieser Art pflegen gut ausgestattete Ersatzteillager zu haben."

Rilkar sah sie an. Dann schüttelte er den Kopf.

"Das könnte Ihnen so passen! Nein, es ist nicht mehr allzuweit bis zum Treffpunkt. Den Rest müssen wir eben so schaffen."

"Sie wollen ohne voll funktionsfähigen Navigationscomputer weiterfliegen?"

"Sieht ganz so aus, als bliebe mir nichts anderes übrig, oder?"

Er machte sich an die Arbeit.

 

Ein weiterer halber Tag verging, während Rilkar immer wieder den Navigationscomputer überprüfte.

Er mißtraute ihm, und das beunruhigte ihn sehr. So nahe an der neutralen Zone war es ein unangenehmes Gefühl, nicht genau zu wissen, ob man sich wirklich dort befand, wo man annahm. Seit einiger Zeit gab es zwar Berichte über eine Verschlechterung der Beziehung zwischen romulanischem Reich und klingonischem Imperium, weshalb die romulanischen Warbirds größtenteils von der Grenze zur Föderation abgezogen worden waren, aber der Ingenieur wollte unbedingt vermeiden, in die neutrale Zone abzukommen.

Sie durchflogen ein kleines Sonnensystem und hatten gerade den zweiten Gasriesen passiert, als der Computer Annäherungsalarm gab. Rilkar stürzte zu den Kontrollen.

"Zwei romulanische Kampfgleiter!" rief er. "Da! Noch einer! Wo kommen die her? Wir können unmöglich auf romulanisches Gebiet abgekommen sein."

Es gab eine heftige Erschütterung.

"Sie setzen ihre Waffen gegen uns ein! Das halten wir nicht lange durch. Unsere Schilde sind nicht so massiv."

Er ließ das kleine Schiff wilde Ausweichmanöver fliegen und wandte sich an Nirrit, ohne den Blick von den Kontrollen zu nehmen.

"Hatten Sie eine Pilotenausbildung?"

"Gehört beim Wissenschaftsdienst dazu!"

"Sie haben mich die ganze Zeit hier beobachtet. Kämen Sie mit den Kontrollen zurecht?"

"Unbedingt!"

Er warf ihr den Öffnungsstift für die Handschellen zu.

"Übernehmen Sie hier, dann bediene ich die Geschütze!"

Das Schiff wurde abermals von einer Entladung gestreift. Die Rhazaghani warf sich auf den Sitz des Kopiloten und brachte das Schiff in einem weiten Bogen hinter die Kampfgleiter. Der Ingenieur feuerte mehrmals, dann landete er bei einem der drei kleinen Schiffe einen Treffer und es fiel zurück. Die anderen beiden Kampfgleiter aber blieben ihnen auf den Fersen.

"Sie treiben uns zu dem Klasse-M-Planeten dahinten!" rief Nirrit

"Ja, und das machen sie ganz ausgezeichnet! Wenn wir ausweichen, geraten wir genau in ihr Geschützfeuer."
Sie erreichten den Planeten und traten in den Orbit ein. Immer noch die feuernden Kampfgleiter hinter sich, rasten sie über Bergketten, Steppen und bewaldete Flächen.

"Sie drücken uns runter!"

Rilkar nickte. "Wir werden wahrscheinlich gleich da sein, wo sie uns hin haben wollen. Die verstehen ihr Handwerk! Ich übernehme die Kontrollen jetzt wieder, ich vermute..."

Im selben Moment gab es ein gewaltiges Krachen und das Schiff sackte ab.

"Das Triebwerk ist getroffen! Wir gehen runter! Halten Sie sich fest, das gibt eine harte Landung!"

Der Ingenieur wich einigen Baumriesen aus, während sie schon die ersten Spitzen der mittleren Vegetation streiften. Im Gleitflug stürzten sie in einen Bereich jüngerer Bäume, die splitternd umgemäht wurden. Es gab einen furchtbaren Ruck, dann herrschte Stille nach dem Knistern und Prasseln an der Außenhaut. Der Ingenieur stellte sofort das beschädigte Triebwerk ab, um die Vegetation nicht in Brand zu setzen.

Er wandte sich Nirrit zu.

"Alles in Ordnung?"

Sie nickte nur.

Er warf einen Blick auf die Sensoren.

"Atembare Atmosphäre, Klima mild! Hauptsächlich bewaldete Fläche, im Süden ein Fluß! Lebensanzeigen nur vage! Kein Wunder, die Anwesenheit von Dilithium wird angezeigt! Aber ganz nah im Südosten scheint es so etwas wie einen Energieschirm zu geben. Möglich, daß es da ein Lager oder eine Siedlung gibt. Wir werden bald Besuch kriegen. Gehen Sie nach hinten, da ist die Notausrüstung! Öffnen Sie die Klappe rechts!"

Nirrit gehorchte und untersuchte die zutagegeförderte Tasche.

"Wo sind die Trikorder?"

Rilkar wandte sich verärgert zu ihr um.

"Trikorder? Wissen Sie, wieviel solche Geräte kosten? Sie sind hier nicht auf einem Schiff der Galaxy-Klasse!"

"Wie kann man denn ohne Trikorder abfliegen?"

Der Ingenieur verließ die Kontrollen.

"Eigentlich hatte ich keine Planetenerkundung geplant."

Die junge Frau blickte nochmals von der Tasche auf.

"Jetzt sagen Sie bloß nicht, Sie haben auch keine Waffen!"

Er sah sie an.

"Können Sie schießen?"

"Ich? Wer ist denn hier der Cardassianer?"

Rilkar schüttelte den Kopf und hängte sich die Tasche um.

"Sie scheinen zu glauben, daß man bei uns auf Cardassia mit gezücktem Phaser durch die Straßen zu laufen pflegt. Ich war zwar Soldat, aber ich bin ein miserabler Schütze. Seien Sie froh, daß wir keine Waffen haben, denn so laufen Sie auch nicht Gefahr, bei einem Kampf versehentlich von mir erschossen zu wer-den!"

Sie verließen das Schiff und bahnten sich mühselig einen Weg durch das verfilzte Unterholz, dabei kamen sie nur sehr langsam voran. Nach einer Weile stießen sie auf mehrere schmale Pfade, die das Gestrüpp durchschnitten.

Die Rhazaghani bückte sich und untersuchte den Waldboden.

"Das sieht nach einem Wildpfad aus!"

Rilkar drehte sich um, wo ihr bisheriger Weg durch zertrampeltes Grün und geknickte Zweige leicht zu erkennen war.

"Mir ist nicht wohl bei der Sache, aber es bleibt uns nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Wir kommen sonst viel zu langsam voran, und außerdem es ist für jedermann leicht ersichtlich, welchen Weg wir genommen haben. Gehen wir nach Westen und halten die Augen offen!"

Er bog in den Pfad ein und Nirrit folgte ihm.

"Was ist eigentlich mit Ihren Männern?" fragte sie nach einer Weile. "Was werden sie tun, wenn sie nichts weiter von Ihnen hören?"

"Das war ein weiterer Grund, sich für die neutrale Zone zu entscheiden!" antwortete Rilkar. "Wir mußten ja einen Alternativplan haben für den Fall, daß ich festgenommen werde oder mein Bruder seine Hilfe verweigert. Einer meiner Leute ist Lemnorianer und hat hier eine Weile geschmuggelt. Er hat Freunde in der Gegend, für die es kein Problem darstellt, ein Schiff zu verstecken. Meine Männer haben von mir die Anweisung erhalten, nicht über den veränderten Warpantrieb zu sprechen, damit sie keinen Ärger bekommen. Alle sind tüchtige Techniker, die man gerne aufnehmen wird. Wenn ich von heute an gerechnet in zwei Tagen nichts von mir hören lasse, tauchen sie unter."

Er hatte die letzten Worte kaum ausgesprochen, als er mit einem Aufschrei einknickte. Eine Art Fangeisen hatte die Zähne in seinen linken Fußknöchel geschlagen. Aus den kleinen Wunden begann Blut zu sickern.

Nirrit bückte sich und bemühte sich mit ihm gemeinsam, die Kiefer der Fangvorrichtung auseinanderzuzwingen. Nach kurzem schüttelte er den Kopf.

"Geben Sie sich keine Mühe! Das Ding ist arretiert, wir bekommen es nicht auf. Der Anker dürfte tief in den Boden hineingesprengt sein und ist wahrscheinlich mit einem Sender versehen, der bei Auslösung der Falle aktiviert wird. Wir Cardassianer benutzten auf Bajor ganz ähnliche Vorrichtungen; sie reagieren auf Annäherung von Humanoiden. Uns bleibt keine Zeit. Kommen Sie her!"

Er streckte die Hand aus und gab hastig den Code in das Schloß an Nirrits Halsband ein, dann nahm er es ab und warf es mit einem weiten Bogen ins Gebüsch.

Die junge Frau stand auf und wich ein paar Schritte zurück.

"Was haben Sie vor?" fragte sie erstaunt.

Ächzend richtete er sich auf, nahm sich die Tasche mit den Vorräten und Ausrüstungsgegenständen ab und warf sie ihr zu.

"Hier, nehmen Sie! Ich werde sie nicht mehr brauchen. Ich bin bei den Romulanern zum Essen eingeladen."

Nirrit starrte ihn fassungslos an.

"Stehen Sie nicht hier herum!" fuhr er sie verzweifelt an. "Oder wollen Sie herausfinden, ob die hiesigen Romulaner zur Ritterlichkeit gegenüber weiblichen Gefangenen neigen? Ich an Ihrer Stelle würde lieber nicht damit rechnen. Machen Sie, daß Sie wegkommen!"

Sie ging ein paar zögernde Schritte, sich noch einmal nach ihm umsehend. Schließlich wandte sie sich ab und verschwand im Dickicht. Sie lief vielleicht fünfzig Schritte, um gleich darauf anzuhalten und die Tasche unter Baumwurzeln zu verstecken. Dann musterte sie die Umgebung, konzentrierte sich auf eine bestimmte Tarnzeichnung und wechselte mit in einem kurzen Aufblitzen in die Krallenluum. Vorsichtig jede Deckung ausnutzend schlich sie dorthin zurück, wo sie den Ingenieur verlassen hatte und wählte einen dichten Baum aus. Mühelos kletterte sie hinauf und ließ sich auf einem Ast nieder, um die weiteren Ereignisse abzuwarten.

6.

Militärkommandant Talan bewegte sich mit seinen Männern durch das Dickicht. Dem Sender nach befand sich die ausgelöste Falle nicht weit von hier im Westen. Ein weiterer Trupp war in Richtung des abgeschossenen fremden Schiffes unterwegs.

Talan fluchte innerlich. Durch den Vorfall war ein Kampfgleiter vorläufig unbrauchbar geworden. Zwar hatte der Pilot die Maschine mit Mühe landen können, aber durch das lückenhafte Ersatzteillager war sie vorläufig nicht zu reparieren, dabei hatte man vor zwanzig Tagen schon einen Gleiter nach Romulus schicken müssen. Und bis auf weiteres war nicht damit zu rechnen, daß dieser zusammen mit einem Transport zurückgesandt werden würde. Mit Sicherheit ließ man sich auf Romulus viel Zeit, bis man sich mit der Anforderung nach einen neuen Bergbauinge-nieur und Material befaßte. Blieben zwei Kampfgleiter, um zu gewährleisten, daß das Lager nicht entdeckt wurde. Talan beschloß, mit dem Piloten der abgeschossenen Maschine zu spre-chen.

Einer der Soldaten blieb an einer Dornenranke hängen und fluchte leise. Als Talan sich schweigend zu ihm umdrehte, erbleichte er und riß sich los, um zum Rest des Trupps aufzuschließen.

Talan sah für sich noch ein weiteres durch die fehlende Maschine verursachtes Problem voraus. Der Lagerkommandant würde sich mit Sicherheit weigern, ihm einen Gleiter für den Flug zu den Kämpfen auf Romulus zur Verfügung zu stellen, in diesem Fall sogar zu Recht. Und eigentlich hatte das schon fast keine Bedeutung mehr, denn Talan lag in sei-nem Training weit zurück.

Dabei hatte er vor einem guten Jahr auf Romulus noch als einer der Favoriten gegolten. In der Hauptstadt standen einem die besten Trainingsmöglichkeiten und qualifizierte Übungspartner zur Verfügung. Talan hatte sich mit ganzer Kraft auf seine Vorbereitung konzentriert und war entsprechend gut vorangekommen. Als er dann zum stellvertretenden Kommandanten von Shadars Regiment befördert wurde, hatte er sich keine Gedanken gemacht, obwohl über diesen einige böse Gerüchte im Umlauf waren.

Er stellte rasch fest, daß diese Berichte der Wahrheit entsprachen. Wohl gab es eine Menge Kommandanten, die ihre Truppen mit eiserner Strenge regierten, aber bei Shadar lag der Fall ganz eindeutig etwas anders. Talan als sein Stellvertreter war zwar einigermaßen sicher vor ihm, aber er mußte stets mit seiner Selbstbeherrschung kämpfen, wenn er mit ansah, wie die Leute geschunden wurden.

Wenig später dann brach Shadars Veranlagung diesem das Genick. Zwar entstammte er einer einflußreichen Familie, und man wollte einen öffentlichen Skandal vermeiden, aber man beschloß ihn loszuwerden, um einer aufkommenden Mißstimmung unter den Truppen vorzubeugen. So schickte man ihn und sein Regiment in die neutrale Zone, zum "Dilithiumsammeln", wie es hinter vorgehaltener Hand hieß.

Das romulanische Reich war arm an Rohstoffen und auf ständigen Nachschub dringend angewiesen. Zwar widersprach es dem Abkommen mit der Föderation, aber man hatte beschlossen, die Dilithiumvorkommen in der neutralen Zone zu nutzen, wenn das auch nur heimlich und im kleinen Stil möglich war. Um einer Entdeckung durch die Föderation vorzubeugen, arbeitete man geschützt durch einen Tarnschirm unter primitivsten Bedingungen, und da man diese Arbeit Romulanern nicht zumuten wollte, wurden Gefangene dafür verwendet: Aufständische, Schmuggler, Spione und Überlebende aus Scharmützeln mit den Klingonen. Für die Bewachung wurde ein Regiment eingesetzt, für das diese Unternehmung stets eine Strafexpedition war. Es mußte strenge Funkstille eingehalten werden, und nur selten traf ein getarnter Warbird mit Ausrüstungsgegenständen und einem Nachschub an Gefangenen ein. Wer in die neutrale Zone versetzt wurde, galt als lebendig begraben.

Talan raste, als er von der Verlegung hörte, denn er wußte, daß ihm damit eine angemessene Vorbereitung auf die Kämpfe unmöglich sein würde. Zu allem Überfluß suchte ihn sein Hauptkonkurrent, wie fast alle Teilnehmer Angehöriger des Militärs, beim Training auf und machte sich über den "Dilithiumsammler" lustig.

Und dann traf das Regiment hier ein. Shadar hatte die oberste Position als Lagerkommandant inne, Talan fielen als Militärkommandant die Truppenbelange zu. Dennoch kümmerte sich Talan fast ausschließlich allein um die Lagerverwaltung, denn Shadar ließ sich selten außerhalb seines Quartiers sehen. Allerdings ließ er es sich nie nehmen, neu eingetroffene Gefangene einer speziellen "Begrüßung" zu unterziehen. Das lenkte ihn zwar von seinen eigenen Leuten ab, aber sein Untergebener verabscheute diese Auftritte trotzdem.

Wohl wissend, wie schlecht seine Chancen standen, setzte Talan seine Vorbereitungen verbissen nach seiner Dienstzeit fort. Sein Stellvertreter, ein ruhiger loyaler Mann, war zwar ein leidlicher Stockfechter, aber seine Fähigkeiten reichten für ein angemessenes Training nicht aus. Und mit den anderen Männern der Truppe ließ sich nicht viel anfangen. Zu Anfang hatte Talan noch gehofft, daß sich unter neu ankommenden Gefange-nen ein geeigneter Kandidat befinden würde, und als der Klingone eintraf, hatte er eine aufkei-mende Chance für sich gesehen. Aber auch diese Möglichkeit war ihm genommen worden.

Talan spürte, wie ihm die Zeit davonlief, und obwohl er jeden freien Augenblick in der Übungshalle verbrachte, wurde er zunehmend gereizter. Vor wenigen Tagen hatte er sich beim Training dazu hinreißen lassen, seinem Stellvertreter so stark zuzusetzen, daß dieser anschließend in die Krankenstation gebracht werden mußte.

Das Empfangsgerät zeigte nun die unmittelbare Nähe des Senders an. Der Kommandant bewegte sich langsam und vorsichtig. Er zog seine Waffe und gab seinen Männern ein Zeichen, zurückzubleiben. Gewissenhaft Deckung suchend, warf er einen wachsamen Blick auf den Verlauf des schmalen Pfades und erkannte einen Mann, den Knöchel von den Kiefern der Schlagfalle umschlossen. Er mußte die Annäherung bemerkt haben, denn er erhob sich mühsam und suchte Halt an einem Baum. Ganz offensichtlich war er unbewaffnet, was der Romulaner zum Anlaß nahm, den Disruptor wegzustecken und seine Leute mit einer Kopfbewegung zu sich zu rufen. Der Fremde beobachtete ihre Annäherung ohne äußere Anzeichen von Unruhe.

Talan blieb vor ihm stehen und musterte ihn gründlich, versuchte seine Kraft, Beweglichkeit und Kondition einzuschätzen, während der Mann seinen Blick ruhig erwiderte. Was der Romulaner sah, gefiel ihm. Vielleicht würde er diesen Mann gebrauchen können.

Während seine Leute sich an der Falle zu schaffen machten, richtete er auf Föderationsstandard das Wort an ihn.

"Wir sind hier ziemlich weit vom cardassianischen Raum entfernt. Wer schickt Sie hierher?"

"Niemand! Ich hatte Probleme mit meinem Navigationscomputer und daher keine Ahnung, daß ich auf romulanisches Gebiet abgekommen bin."

"Und Ihr Kopilot, wo ist er?"

"Es gibt keinen! Ich habe das Schiff allein geflogen."

"Wollen Sie damit behaupten, daß es Ihnen möglich war, Ausweichmanöver zu fliegen und gleichzeitig einen unserer Kampfgleiter zu treffen?"

Rilkar zuckte die Achseln. "Ich bin ein recht guter Pilot. Ich muß allerdings zugeben, daß ich bei dem Treffer ziemlich viel Glück hatte. Ihr Kampfgleiter ist mir direkt ins Waffenfeuer geflogen."

Talan schwieg nachdenklich und wägte die Antworten ab. Es war natürlich möglich, daß der Mann die Wahrheit sagte. Genauso denkbar war, daß eine zweite Person sich noch irgendwo in der Nähe befand. In dem Fall war sie nicht zu beneiden, es gab einheimische Lebensformen, mit denen nicht zu spaßen war. Auf alle Fälle würde sie keine Gefahr darstellen.

Er wollte sich schon abwenden, verharrte aber und drehte sich noch einmal zu Rilkar um.

"Eine Frage noch: Verstehen Sie etwas vom Stockfechten?"

Er sah, wie der Mann den Kopf hob und ein seltsamer Ausdruck in seine Augen trat.

"Vielleicht mehr als Sie!"

Talan beugte sich über die Tasche mit der vorgeschriebenen medizinischen Ausrüstung und entnahm ihr einen Gegenstand. Er warf ihn dem nächststehenden Soldaten zu.

"Behandeln Sie ihn damit!"

Der Soldat warf einen Blick auf das kleine Gerät, das sich als Regenerator entpuppte, und sah erstaunt hoch.

"Aber der Lagerkommandant..."

"Ich kenne die Befehle des Lagerkommandanten!" fuhr Talan ihn an. "Der Mann ist nicht imstande, zu laufen. Vielleicht möchten Sie ihn tragen?"

Daraufhin erhob der Romulaner keine Einwände mehr und kniete bei dem Ingenieur nieder. Als er wenig später seine Arbeit verrichtet hatte, ließ Talan Rilkar Handschellen anlegen und gab den Befehl zum Aufbruch.

 

Nirrit sprang von ihrem Baum und folgte dem Trupp. Sie schloß zu den Männern auf und bewegte sich parallel zum Verlauf des Pfades, wobei sie durch ihre geringe Höhe im Unterholz problemlos vorwärts kam. Mehrere Male witterte sie voraus fremde Lebensformen und umging sie jedesmal in einem weiten Bogen, hatte durch ihr gutes Gehör jedoch keine Schwierigkeiten, in der Nähe der Romulaner und ihres Gefangenen zu bleiben. Erst als die Bäume einer weiten Lichtung wichen, auf der sich ein großes, von einem Energieschirm umgebenes Lager befand, blieb sie stehen.

 

Talan hatte sich auf dem Weg zurück ins Lager zunehmend Sorgen gemacht. Er ahnte Lagerkommandant Shadars Reaktion auf den Gefangenen voraus und sah sich nun dazu gezwungen, etwas zu tun, das er verabscheute: Er würde eine Bitte an Shadar richten müssen. Als der Trupp das Lager erreichte, öffneten dort aufgestellte Wachposten ein Tor in der Energiebarriere, das die Männer durchschritten. Vor dem Quartier des Lagerkommandanten gab der Militärkommandant seinen Leuten einen Wink, mit dem Gefangenen stehenzubleiben und betrat allein das niedrige Gebäude.

Shadar, ein schlanker, nicht mehr junger Mann, erhob sich und trat vor seinen Schreibtisch, als Talan eintrat.

"Und?" fragte er.

Talan grüßte und erstattete Meldung.

"Wir haben den Piloten des Schiffes gefangengenommen. Er gab an, sein Navigationscomputer hätte einen Defekt gehabt. Das könnte stimmen! Er scheint noch nicht einmal zu wissen, daß er sich noch in der neutralen Zone befindet."

"Und der Kopilot?"

"Er sagt, er hätte keinen Begleiter gehabt."

Shadar lächelte.

"Wir werden die Wahrheit schon herausfinden."

Talans Magen krampfte sich zusammen.

"Kommandant, ich möchte Sie bitten, mir den Mann für mein Training zu überlassen!"

Shadar sah ihn sanft an.

"Ich verstehe Ihre Situation sehr gut! Aber Sie müssen verstehen, daß die Lagersicherheit Vorrang hat. Wenn er vernünftig ist, wird ihm nicht viel geschehen. Dann können Sie ihn gerne haben."

"Aber Sie hatten mir bereits den Klingonen versprochen!"

Shadar, der bereits auf dem Weg zum Ausgang gewesen war, wandte sich noch einmal zu Talan um.

"Der Klingone war, wie Sie sehr wohl wissen, widerspenstig. Niemand hätte einen solchen Ausgang vorhersehen können. Hoffen Sie also, daß der Mann keine Schwierigkeiten macht!"

Shadar ging ins Freie und blieb vor Rilkar stehen. Er betrachtete ihn lange. Schließlich wandte er sich an ihn.

"Wo ist die Person, die mit dir an Bord deines Schiffes war?"

Rilkar sah Shadars Blick, der ihm galt und wußte sofort Bescheid. Diese Sorte gab es auch auf Cardassia. Sie war damals auf Bajor regelrecht zur Blüte gelangt.

"Ich habe bereits gesagt, daß ich keinen Begleiter hatte!"

Auf Shadars Gesicht breitete sich eine sonderbare Form von Zufriedenheit aus. Er gab den Soldaten ein Zeichen, und sie brachten den Ingenieur zu einem freien Platz, auf dem ein torartiges Gerüst aus Holz stand. Von dem oberen Querbalken baumelten zwei Handschellen, die sich kurz darauf um Rilkars Handgelenke schlossen, nachdem man seinen Oberkörper frei gemacht hatte.

Shadar trat vor ihn hin und winkte einen Romulaner heran, der etwas trug.

"Wir haben hier eine sehr altmodische Art, mit störrischen Leuten fertigzuwerden, aber sie wirkt immer noch. Unsere Vorfahren pflegten ihre Felder vor vielen Jahrhunderten mit Hilfe von schwerleibigen Tieren zu bestellen, die ebenfalls dazu neigten, störrisch zu sein und manchmal etwas ermuntert werden mußten. Sie erfanden dazu ein einfaches Gerät wie dieses hier. Vielleicht brauchst auch du lediglich etwas Ermunterung."

Rilkar warf einen Blick auf den gezeigten Gegenstand.

"Ich bin Cardassianer!" erwiderte er. "Du brauchst mir nicht zu erklären, was eine Peitsche ist!"

 

7.

An einer Energiebarriere innerhalb des Lagers hatte sich eine bunt gemischte Gefangenengruppe versammelt und beobachtete das Geschehen.

"Das wird lange dauern!" bemerkte ein blauhäutiger Andorianer. "Seht euch die Schultern an!" Er wandte sich zu einem jungen Terraner um. "He, Knut! Ich wette um eine Ration, daß er deine Zweiunddreißig schlägt."

Der Terraner streckte abwehrend die Hände aus.

"Deinen Kobaltfraß? Nein danke, Soto! Außerdem riskierst du da nicht viel. Die Vierundzwanzig hat er ja schon voll und wirkt noch ganz frisch."

Ein Lemnorianer schüttelte sorgenvoll den Kopf.

"Hauptsache, es läuft nicht so ab wie bei dem Klingonen! Wenn er zu lange durchhält, macht Shadar sein neues Spielzeug kaputt."

"Ach, der Klingone! Der war ja auch verrückt! Hat die ganze Zeit getobt und geflucht. Seht euch den Burschen da doch an! Der steht viel entspannter und schont seine Kräfte, anstatt im eigenen Adrenalin zu ertrinken."

Ein auffallend kleiner älterer Klingone sah den Terraner streng und würdevoll an.

"Umag wußte, was mit ihm geschah, und es überwältigte ihn Hogh, der große Zorn, und hielt sein Herz an, um ihm die Schande zu ersparen, daß sein Feind sich an seinen Qualen weidet."

"Ich weiß nicht!" murmelte der Lemnorianer. "Ich hatte aber den Eindruck, daß Shadar ganz schön auf seine Kosten gekommen ist!"

"Jetzt ist er schon fast bei vierzig! Ich hab mal gehört, daß Cardassianer unheimlich zäh sind. Sollen angeblich eine besonders stabile Körperstruktur haben. Wenn ich mir den da ansehe, könnte ich mir fast vorstellen, daß es stimmt."

Der Lemnorianer kniff leicht die Augen zusammen.

"Das ist kein reiner Cardassianer, die Haut ist zu bräunlich und zu glatt! Da ist noch etwas anderes drin; Terraner oder Bajoraner könnte ich mir vorstellen."

Der junge Terraner zuckte die Schultern.

"Mann, das interessiert doch keinen! Wir haben hier keinen anderen, also ist das ein Cardassianer!"

Er sah zu einem schlanken Vulkanier hinüber, der etwas abseits von den anderen an der Energiebarriere stand.

"Sag mal, Silak, denkst du, er wird deinen Rekord brechen?"

Der Vulkanier wandte ihm langsam das Gesicht zu.

"Ich denke, vor allem widerspricht es jeder Logik, aus der Mißhandlung von fühlenden Lebewesen einen Wettbewerb zu machen, Knut! Diesem Mann dort drüben geht es um mehr als die bloße Wahrung seines Stolzes. Ganz offensichtlich versucht er jemanden zu schützen, und es stehen ihm nicht die vulkanischen Mentaldisziplinen zur Verfügung, wie es bei mir der Fall war."

Daraufhin herrschte für einen Moment Schweigen in der Gruppe.

 

Lagerkommandant Shadar ließ eine Pause machen. Er lächelte und ging langsam um Rilkar herum.

"Nun, mein Freund, solange von deinem Rücken noch etwas übrig ist, möchte ich meine Frage noch einmal wiederholen, vielleicht hast du sie am Anfang nicht richtig verstanden. Wo ist die zweite Person, die an Bord deines Schiffes war? Finden werden wir sie ohnehin, und du würdest uns wirklich eine Menge lästiger Sucharbeit ersparen."

Rilkar blickte auf.

"Ich war allein!" sagte er rauh.

 

Der Andorianer meldete sich als erster wieder zu Wort.

"Der wird Silaks achtundsechzig überbieten! Ihm knicken noch nicht einmal die Beine weg. Silak war zu diesem Zeitpunkt schon halb besinnungslos."

Der Lemnorianer ging unruhig auf und ab.

"Ich weiß nur nicht, was passiert, wenn er nicht nachgibt. Seht euch nur Shadars Gesicht an! Der hat so viel Spaß dabei, daß er bestimmt nicht aufhören läßt. Möchte mal wissen, wer der Mann ist, den der Cardassianer da schützt! Vielleicht ein Freund von ihm oder ein Verwandter!"

Über das Gesicht des Klingonen glitt ein Lächeln.

"Er ist ein Krieger, und ein Krieger stirbt lieber, als daß er einen Kameraden verrät. Ein Targ wie Shadar wird das nie begreifen."

Er spuckte deutlich sichtbar aus.

"Achtundsechzig!" sagte der Lemnorianer leise.

 

Talan war am Verzweifeln. Dies war genau der Mann, den er brauchte, und nun war man dabei, ihn totzuprügeln. Er sah zu Shadar hinüber. Dieser stand lächelnd da und schien jedes Detail der Szene in sich einzusaugen. In den Gesichtszügen trug er den kaum zu bemer-kenden Hauch von Anzüglichkeit, den Talan von verschiedenen Gelegenheiten kannte. Und es gab keinerlei Einspruchsmöglichkeit, die Befehle des Lagerkommandanten kamen in diesem Fall an erster Stel-le.

 

"Aus!" seufzte Soto der Andorianer. "Die Beine fangen an ihm wegzuknicken. Wenn sie jetzt noch weitermachen, schlagen sie ihn tot. Siebenundsiebzig! Ich hätte nicht gedacht, daß man das aushalten kann."

Der Vulkanier stand an der Barriere und starrte stumm nach drüben.

"Achtzig!" ächzte Knut.

"Einundachtzig!"

"Zweiundachtzig!"

"Dreiundachtzig!"

 

Talan stürmte über den Platz und riß die Peitsche an sich. Er wandte sich zu Shadar um, dessen Gesicht einen kalten Ausdruck annahm.

"Das reicht!" sagte er.

 

Nirrit hatte von einem hohen Baum unweit der Energiebarriere entsetzt die Vorgänge verfolgt und auch jedes Wort verstanden. Bis zu dem Augenblick, wo der Anführer des Trupps, der Rilkar gefangengenommen hatte, in das Geschehen eingriff, hatte sie nicht daran gezweifelt, daß man anstrebte, ihn totzuschlagen. Erleichtert nahm sie nun zur Kenntnis, daß Soldaten den halb Bewußtlosen von den Handschellen befreiten. Offenbar hatte man vor, ihn am Leben zu lassen.

Es dämmerte, und die Sicht wurde schlecht, daher verließ sie den Baum, um sich unweit der Energiebarriere im Gebüsch zu verstecken. Nach dem Gesehenen fiel es ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie wußte nur, daß sie auf keinen Fall wollte, daß der Ingenieur da blieb, wo er jetzt war. Sie mußte irgendwie einen Weg finden, ihn herauszuholen.

"Dazu müßte ich den Energieschirm abschalten!" grübelte sie. "Aber das geht nur von innerhalb des Lagers. Ich muß einen Weg hinein finden!"

Schließlich beschloß sie, die Tasche zu holen und in den nächsten Tagen das Lager zu beobachten, in der Hoffnung, etwas zu erfahren, was ihr weiterhelfen konnte. Sie hielt es für zu gefährlich, jetzt im Dunkeln aufzubrechen, daher rollte sie sich zwischen den Zweigen zum Schlaf zusammen, in dem festen Wissen, daß sie erwachen würde, wenn sich ihr etwas näherte.

 

Shadar saß zurückgelehnt hinter seinem Schreibtisch, sah Talan über seine zusammengelegten Fingerspitzen hinweg an und schwieg.

Talan wußte, daß Shadar ihn zappeln lassen wollte, aber das war ihm im Moment gleichgültig. Er würde seine Bestrafung widerstandslos auf sich nehmen, wenn nur der Cardassianer am Leben blieb. So stand er schweigend im Raum und ließ Shadars Blick über sich ergehen.

Schließlich begann dieser zu sprechen.

"Wie kommen Sie zu einer solchen Eigenmächtigkeit?" fragte er leise.

"Ich hielt es für sinnlos, weiterzumachen! Man hätte von dem Mann ohnehin keine Antwort mehr erhalten. Im übrigen denke ich, daß, wenn es denn noch eine Person da draußen gibt, sie früher oder später ums Leben kommen wird. Sie bedeutet keine Gefahr für uns."

"Und außerdem wollten Sie, wie Sie sagten, den Mann für Ihr Training!"

Talan schwieg. Nach einer Weile begann Shadar wieder zu lächeln.

"Wie dem auch sei, ich denke, ich werde die Sache auf sich beruhen lassen. Sie sind noch jung, und Ihre Verzweiflung über Ihr unzureichendes Training ist mir in der letzten Zeit keineswegs entgangen. Sie können gehen!"

Talan hatte Mühe, seine Überraschung zu verbergen.

"Dann kann ich den Lagerarzt benachrichtigen?" fragte er, bevor er sich umwandte.

"Gewiß! In drei Tagen!"

Der Militärkommandant riß ungläubig die Augen auf.

"Das wird der Mann nicht überleben!"

Shadar sah ihn nachdenklich an.

"Wer weiß, vielleicht haben Sie Glück! Er scheint eine robuste Natur zu besitzen. Sie müssen lernen zu warten, mein junger Freund!"

Damit entließ er ihn.

 

Unter den Gefangenen entstand Bewegung.

"Sie bringen ihn rüber!" sagte Soto.

In der Barriere zum Gefangenenlager entstand ein Tor, zwei Soldaten brachten Rilkar halb ihn schleifend herein und legten ihn behutsam auf dem Boden ab. Der Lemnorianer beugte sich über ihn.

"Kommt! Wir legen ihn auf Isht'shabs Bett! Das ist ja jetzt frei."

Er wandte sich an zwei andere Gefangene.

"Sagt dem Lagerarzt, daß er bei uns ist!"

Vorsichtig hoben sie den Ingenieur auf und trugen ihn zu einer von zahlreichen halbröhrenförmigen Baracken, die Platz für jeweils sechs Mann boten. Drinnen legten sie den Bewußtlosen mit dem Rücken nach oben auf eine Pritsche.

"Mann, sieht der aus!" sagte Knut. "Da wird Nilamon aber zu tun haben!"

Er drehte den Kopf zu Soto.

"Ich hätte nie gedacht, daß Talan dazwischen gehen würde. Warum er das wohl getan hat?"

Soto breitete die blauen Kopffühler aus.

"Bin ich ein Romulaner? Vielleicht greift er prinzipiell erst über achtzig ein. Was in deren Köpfen vor sich geht, weiß keiner, nicht wahr Mutub?"

Der Lemnorianer knirschte mit den Zähnen, was auf Nachdenklichkeit hinwies.

"Auf alle Fälle dürfte er sich ganz schön Ärger eingehandelt haben, Shadar kochte im Stillen fast vor Wut. Was er wohl mit ihm macht?"

Der Klingone trat mit verkniffenem Gesicht ein.

"Der Lagerarzt wird nicht kommen!" knurrte er.

"Was? Woher weißt du das?"

Der Klingone stieß einen Fluch in seiner Sprache aus und ließ sich auf einer freien Pritsche nieder.

"Zwei Soldaten an der Barriere sprachen darüber, daß er erst in drei Tagen zu dem Cardassianer gelassen werden darf."

Knut war fassungslos.

"Aber das überlebt er nicht! Wenn sich die Wunden entzünden - und das werden sie - dann wird er uns hier wegsterben!"

Soto sah Mutub an.

"Damit wäre jedenfalls deine Frage beantwortet! Klar, daß Shadar Talan damit eins auswischen will!"

Der Vulkanier hatte still die Baracke betreten. Er ließ sich bei Rilkar nieder und fühlte ihm den Puls. Kurz darauf hob er den Kopf.

"Der Mann hat einen Schock erlitten. Nehmt die Decken, um ihn warmzuhalten! Der Rücken muß frei bleiben, um eine Infektion zu verhindern."

Knut trat an ihn heran und gestikulierte verzweifelt.

"Eine Infektion verhindern, wie soll das denn gehen? Mann, hier draußen entzündet sich doch jeder Kratzer! Um so mehr das da!"

Silak sah ruhig zu ihm auf.

"Wir müssen der Notwendigkeit gehorchen. Oder hast du einen besseren Vorschlag?"

Sie hüllten Rilkar nach Silaks Anweisungen in ihre Decken und warteten in der spärlichen Beleuchtung der Baracke die weitere Entwicklung ab. Der Vulkanier kontrollierte immer wieder Puls und Atmung. Schließlich wandte er sich an die anderen.

"Ich denke, daß er den Schock jetzt überstanden hat. Damit bleibt das Problem mit den Verletzungen. Hat jemand irgendwelche Vorschläge?"

Vom Eingang her wurde ein Rascheln hörbar. Die Anwesenden drehten die Köpfe und erkannten einen Ferengi, der im Halbdunkel versuchte, sich kleiner zu machen, als er ohnehin schon war.

Der Klingone erhob sich knurrend.

"Wie lange hast du Rohrmade schon da gestanden und gelauscht?"

"Gar nicht lange, wirklich nicht!" wand sich der Ferengi. "Ich habe nur gehört, daß der Lagerarzt nicht zu dem Cardassianer darf, und da dachte ich mir, daß wir vielleicht miteinander ins Geschäft kommen."

Der alte Krieger ging drohend auf ihn zu.

"Und ich denke mir, es ist besser für dich, du verschwindest, bevor ich dir deinen dürren Hals umdrehe!"

Bevor der Ferengi sich zur Flucht wenden konnte, hob Silak die Hand.

"Einen Moment, Qo'hog! Mirk, um was für ein Geschäft geht es hier?"

Der Ferengi trat vorsichtig näher und blinzelte.

"Nun, ich muß doch ständig den Bereich des Gefangenenlagers von Bewuchs freihalten, ganz ohne Hilfe. Ich weiß gar nicht, warum! Als ich damit anfing, machte ich zuerst den Bereich der Hygienebaracke frei, und an meinen armen Händen waren hinterher lauter Blasen."

Soto wollte etwas sagen, doch der Vulkanier hielt ihn mit einer Handbewegung davon ab. So fuhr Mirk in jammerndem Tonfall fort.

"Am nächsten Tag mußte ich weitermachen, obwohl ich kaum greifen konnte und die Blasen alle aufgingen. Der Arzt war erst am übernächsten Tag mit seinem Rundgang dran, so daß meine Hände abends noch schlimmer aussahen. Aber am darauffolgenden Abend merkte ich, daß merkwürdigerweise die Schwellung zurückgegangen war, und ich viel weniger Schmerzen hatte als tagsüber. Am nächsten Morgen hatten die ersten Blasen angefangen zu heilen.

Da habe ich mir noch einmal die Pflanzen angesehen, die ich herausgezogen hatte und merkte, daß eine Sorte an den beiden ersten Tagen nicht dabeigewesen ist. Als ich wieder Schrammen an den Händen hatte, habe ich sie damit eingerieben, und sie heilten."

Silak hatte die Brauen zusammengezogen.

"Gibt es noch Pflanzen davon?"

"Oh ja! Sie kommen, wie die anderen übrigens auch, immer wieder nach, weil sie so tiefe Wurzeln haben. Aber diese ziehe ich nicht so gründlich heraus. Man kann ja nie wissen!"

"Was verlangst du dafür, wenn du sie einem von uns zeigst?"

Knut runzelte die Stirn. "Du glaubst ihm das Zeug?"

Der Ferengi legte den Kopf schief und versuchte einschmeichelnd zu grinsen.

"Nun, ich denke, es ist eine wertvolle Information, da ist es doch eigentlich verständlich, wenn ich ein wenig Profit machen möchte. Ich glaube, vier Rationen sind angemessen und zukünftige Hilfe beim Freihalten des Lagers."

Silak verständigte sich durch einen Blick mit dem Lemnorianer. Dieser nickte.

"Mutub und ich werden dir dabei zur Hand gehen. Außerdem bekommst du von mir die Rationen."

"Zwei!" meldete sich Soto. "Die anderen beiden spendiere ich! Ich kann nicht mit ansehen, wie ihr beiden allein übers Ohr gehauen werdet."

Mirk schüttelte den Kopf.

"Nein! Von dem Andorianer nicht! Ich kann kein Kobalt im Essen vertragen."

"Okay!" seufzte Knut. "Dann übernehme ich die beiden Rationen. War gut gemeint, Soto!"

Die Augen des Ferengis funkelten.

"Eigentlich wären sechs Rationen..."

Qo'hog reckte sich demonstrativ.

"Vielleicht wäre es billiger, wenn wir die Information einfach aus ihm herausprügelten."

"Selbstverständlich mache ich für gute Geschäftspartner auch einen guten Preis!" sagte der Ferengi schnell. "Vier Rationen gehen vollkommen in Ordnung."

"Gut!" nickte Silak. "Es ist also abgemacht! Soto, bitte hole aus dem Materiallager geeignete Tücher und ein möglichst sauberes Gefäß. Vielleicht hilft dir Knut dabei, beides in der Hygienebaracke zu sterilisieren. Wir brauchen so heißes Wasser, wie ihr dort bekommen könnt."

Er stand auf und wandte sich an Mirk.

"Ich werde mir jetzt die Pflanzen ansehen."

Qo'hog trat dicht an den Ferengi heran und ließ mit einem grimmigen Lächeln seine scharfen Zähne sehen.

"Und ich kümmere mich um dich, wenn du gelogen haben solltest!"

 

Am nächsten Nachmittag wurden sie Zeuge, wie die beiden verbliebenen Gleiter Rilkars Schiff mit Hilfe von Traktorstrahlen zum Lager schleppten. Das ohrenbetäubende Heulen der Maschinen lockte Knut aus der Baracke. Er stellte sich neben Soto und schirmte seine Augen vor der kleinen gelben Sonne ab.

"Die pusten ganz schön!" bemerkte er. "Hochgezüchtete Triebwerke, für den Kampf konstruiert, aber als Schlepper taugen sie nichts." Er musterte das abgeschossene Schiff. "Das Ding könnte orionisch sein. Sieht eigentlich noch ganz gut aus!"

Soto nickte. "Die haben auf das Triebwerk gezielt und es damit punktgenau runtergebracht. Das andere sind Streifschüsse. Außer den Brandspuren dürften die nicht viel angerichtet haben, wenn überhaupt!"

Er wies mit dem Kopf zu ihrer Unterkunft.

"Wie geht es ihm?"

"Er ist noch immer nicht bei Bewußtsein! Aber die Verletzungen machen keinen schlechten Eindruck und wirken vor allem nicht entzündet. Vielleicht hat der verdammte Ferengi ja tatsächlich die Wahrheit gesagt."

"Und was meint Silak?"

Knut zuckte die Achseln.

"Du kennst ja die Vulkanier! Halten sich immer bedeckt! Es könnte sich ja mal herausstellen, daß sie sich geirrt haben. Aber ich glaube, auch er ist der Ansicht, daß der Cardassianer durchkommt."

Das Heulen der Gleiter verklang, und der Energieschirm schloß sich wieder über dem gesamten Lager.

 

Bereits einen Tag nach ihrem Absturz beobachtete Nirrit etwas, das für sie, wie sie glaubte, von Wichtigkeit war.

Sie war bereits am frühen Morgen erwacht und aufgebrochen, um die Provianttasche zu holen. Das Sonnenlicht fiel in schrägen Strahlen durch die fremde Vegetation und in den Baumkronen hallten die Rufe unbekannter Geschöpfe hin und her. Die Xenobiologin in ihr wäre gern stehengeblieben in der Hoffnung, einige von ihnen zu Gesicht zu bekommen, aber dies war ein Luxus, den sie sich im Moment nicht leisten konnte. Ihre Lage war zu verzweifelt, um sich von der Suche nach einer Rettungsmöglichkeit ablenken zu lassen. Dennoch konnte sie nicht anders, als es zu genießen, wieder einmal in ihrer ausgelernten Luum unterwegs zu sein.

Das letzte Mal, daß sie die Gelegenheit zum Wechseln gehabt hatte, war vor neunzehn Tagen auf Deep Space Nine gewesen. Sie hatte zu diesem Zweck eine Holosuite in der dortigen Bar aufgesucht. Aber obwohl dort "orginalgetreue Naturdüfte" angepriesen worden waren, hatte Nirrit sofort den synthetischen Charakter der wenigen Gerüche erkannt und vor Ablauf der gemieteten Zeit die Suite frustriert wieder verlassen.

Auch auf der Erde hatte sie mit ihrer Natur Probleme gehabt. Es hatte keinen Sinn, in der Krallenluum einen Spaziergang in den Parkanlagen zu unternehmen, wenn sie ständig Erklärungen abgeben mußte. Einige Male hatte sie es sogar erlebt, daß nervöse Passanten die Sicherheit gerufen hatten. Aus diesem Grund war sie auch mit der Erlernung ihrer zweiten Alternativgestalt, der Steppenluum, nicht vorangekommen. Anderen jungen Rhazaghanern, die sich zu Ausbildungszwecken auf der Erde aufhielten und zu denen sie Kontakt hielt, war es ebenso ergangen. Nach einigen ärgerlichen Erfahrungen vermieden sie es, zu wechseln und blieben notgedrungen in der Grundform. Unter diesen Umständen war ein Vorankommen in den Luuma unmöglich.

Nirrit erreichte den Baum, unter dessen Wurzeln sie die Tasche versteckt hatte. Irgendein Geschöpf hatte sie herausgezerrt und sich daran zu schaffen gemacht, war aber mit dem robusten Material nicht fertiggeworden.

Die Rhazaghani nahm sie an sich und überlegte. In der Krallenluum würde ihr der Rückweg mit der sperrigen Last sehr schwer fallen. Andererseits mißfiel ihr der Gedanke, in dieser unvertrauten Wildnis nur auf die stumpfen Sinne der Grundform angewiesen zu sein. Kurzentschlossen hängte sie sich die Tasche um den Hals und wechselte in die Steppenluum.

Sie merkte auf der Stelle, wie unvertraut ihr diese Luum noch war. Da diese viel Energie benötigte, schlug Nirrits Herz spürbar schneller, und durch ihren schlanken, hohen Körperbau hatte sie das unsichere Gefühl, auf Stelzen zu gehen. Der Boden war weit entfernt und mit den tauben Hufen war es ihr kaum möglich, den Untergrund zu ertasten. Die Rhazaghani witterte und horchte unterwegs nach allen Seiten, um nicht von einem Raubtier überrascht zu werden. Da sie nun größer war, war sie dazu gezwungen, auf dem Wildpfad zu bleiben. Dabei hoffte sie, daß die Fallen, mit denen die Romulaner eine Annäherung an oder eine Flucht aus dem Lager erschwerten, wirklich nur auf Humanoide ansprachen.

Sie war erleichtert, als sie das Lager sicher erreicht hatte und in die Krallenluum zurückkehren konnte. Als sie in der weiteren Umgebung nach einem endgültigen Schlafplatz suchte, stieß sie auf einen Baum derselben Art wie jenem, unter dessen Wurzeln sie die Tasche versteckt hatte. Dieser barg unter sich eine regelrechte kleine Höhle, die so aussah, als ob sie auch bei Regen leidlich trocken bleiben würde. So begann Nirrit, ihre vorläufige Unterkunft von verrottetem Laub und Kleingetier zu säubern.

Später lag sie dort zusammengerollt und stillte ihren Hunger an einer der Notrationen. Sie wußte, daß die Vorräte höchstens vier Tage reichen würden, aber das bereitete ihr keine Sorgen. Wer auf Rhazaghan die Eigenverantwortlichkeit erreicht hatte, verstand sich auch zu ernähren, und sie war sicher, daß es in der Umgebung für sie geeignetes Wild gab. Als sie gesättigt war, erhob sie sich und begann damit, das Lager zu umrunden. Sie stellte fest, daß es eine äußere Energiebarriere zum Schutz des gesamten Lagers und eine innere für das Gefangenenlager gab.

"Zwei Schirme, die abgeschaltet werden müssen!" dachte sie unruhig. "Das macht es nicht einfacher!"

Schließlich bezog sie wieder Posten auf dem Baum vom Vortag, von wo sie auch kurz darauf die Überführung des kleinen Schiffes durch die Kampfgleiter beobachtete. Sorgenvoll dachte Nirrit an ihren Entführer. Sie war sicher, daß er bis auf weiteres nicht zur Flucht imstande sein würde. Andererseits rechnete sie auch nicht damit, innerhalb von kurzer Zeit mit einem fertigen Plan in das Lager eindringen zu können.

Als der Maschinenlärm verklungen war, bemerkte sie etwas Ungewöhnliches: Mehrere romulanische Soldaten bewegten sich, vorsichtig den Boden absuchend, mit gezogenen Energiewaffen durch das Lager. Nirrit beobachtete gespannt die ihr am nächsten Gehenden, die offenkundig etwas suchten.

Im nächsten Moment passierte es bereits: Unmittelbar neben einem der Männer schien über dem Boden für einen Augenblick die Luft zu flimmern, etwas zischte, und der Romulaner stürzte schreiend zu Boden. Nirrit nahm beißenden Säuregeruch wahr. Augenblicklich eilten die anderen Soldaten dem Mann zur Hilfe, zogen ihn zur Seite und feuerten ihre Waffen auf die Stelle ab, wo nur noch ein verkohlter Fleck übrig blieb. Gleich darauf wurde der stöhnende Verletzte abtransportiert.

Nirrit blieb keine Zeit, das Gesehene zu verarbeiten. Von der anderen Seite des Lagers erklang ein weiterer Schrei, Soldaten rannten, und wieder wurden Energiewaffen eingesetzt. Als die Rhazaghani in der Nähe der Stelle an der Energiebarriere eintraf, war schon alles vorüber, nur der Geruch nach Säure sprach eine deutliche Sprache.

Nirrits Gedanken rasten. Sie war sicher, daß sie soeben eine der Lebensformen des Planeten in Aktion erlebt hatte. Sie mußte feststellen, worum es sich handelte, denn daß so ein Geschöpf auch ihr gefährlich werden konnte, stand außer Frage. So begann sie ohne zu zögern, schleichend und witternd ihre Umgebung abzusuchen, in der inständigen Hoffnung, daß der Säuregeruch ihr weiterhelfen würde, denn sie hatte sonst keine Vorstellung, wonach sie suchen sollte. Vorsichtig die Pfoten setzend, bewegte sie sich durch das Unterholz, auf jedes Rascheln, jede Bewegung achtend. Sie hatte bei dem ersten Vorfall ein Luftflimmern am Boden gesehen. Der Größe nach mußte es sich bei dem Wesen also vermutlich um etwas Kleines oder Flaches handeln.

Sie war im Begriff, das Dickicht zu verlassen, als sie abrupt stehen blieb. Sie hatte ein Rascheln in unmittelbarer Nähe wahrgenommen und war sicher, daß es sich nicht um Einbildung gehandelt hatte.

Langsam, langsam sank sie in sich zusammen und suchte, bewegungslos kauernd, die Umgebung mit den Augen ab. Ein seltsam stumpfer Geruch lag über dem Gebüsch und sie glaubte außerdem ein ganz schwaches Echo der Säure von vorhin zu riechen.

Und dann sah sie es: Kaum wahrnehmbar, unmittelbar über dem Boden zwei Schritte voraus, waberte schwach die Luft und vermittelte die Vorstellung, daß sich dort etwas langsam vorwärts schob. Nirrit beobachtete es fasziniert.

"Ein natürliches Tarnfeld!" dachte sie. "Fast nicht zu sehen, und wenn, dann nur in Bewegung. Eine weitere Spezies, die sich auf biologischem Wege ein physikalisches Phänomen zunutze macht!"

Sie überlegte fieberhaft, wie sie das Geschöpf erlegen konnte, ohne gleichzeitig von einem Strahl Säure getroffen zu werden.

"Der Ausstoß ist beim Kopf- aber auch beim Schwanzende denkbar." grübelte sie. "Dennoch ist genaues Zielen mit dem Kopf wegen der Nähe der Augen im allgemeinen leichter."

Langes Überlegen brachte sie nicht weiter. Für eine Seite würde sie sich entscheiden müssen. Mit einem einzigen hohen Sprung katapultierte sie sich nach vorne und setzte beide Vorderpranken dort auf, wo sie den Kopf der Kreatur vermutete. Sie spürte, daß sie etwas Muskulöses zu Boden preßte, und augenblicklich zischte ein langer Säurestrahl unter ihren Pfoten hervor, der eine nahe Pflanze traf. Nirrit sah die Blätter sich zusammenrollen und schwarz werden.

"Wenn mich das Zeug trifft, bin ich erledigt!" fuhr ihr durch den Kopf. "Das Biest muß doch irgendwo ein Nervenzentrum besitzen!"

Das sich windende und Säure spuckende Geschöpf mit einer Vorderpranke festhaltend, schlug Nirrit ihm immer wieder die Krallen der anderen systematisch von oben nach unten vorgehend in den Leib, bis sie spürte, daß es erschlaffte. Sie schlug noch einmal nach und plötzlich hörte der Tarneffekt auf.

Unter ihr lag der Kadaver eines glasig grauen, wurmartigen Geschöpfes, etwa so lang wie das Bein eines durchschnittlichen Humanoiden, allerdings etwas dicker. Rings um den Kopf war ein Kranz primitiver Punktaugen angeordnet. Der letzte Hieb hatte das Tier im oberen Drittel des Rückenteils getroffen. Nirrit beschloß, es zu ihrem Ruheplatz mitzunehmen und sich dort näher anzusehen.

Als sie es dorthin geschleift hatte, wechselte sie in die Grundform, denn für das, was sie nun vorhatte, würde sie Hände brauchen. Sie wühlte in der Tasche und brachte schließlich ein kleines scharfes Vielzweckmesser zutage. Mit diesem Instrument als einziger Hilfe machte sie sich daran, den Kadaver zu sezieren. Sie vermutete, daß der Körperbehälter, der die Säure enthielt, nahezu leer war, immerhin hatte die Kreatur während des Kampfes fast ununterbrochen Säure gespuckt. Dennoch ging sie mit gebotener Vorsicht vor.

Im Inneren des Leibes fand sie zunächst ein elastisches rohrförmiges Gerüst aus stäbchenartigen, von Sehnen zusammengehaltenen Knorpeln, das den Körper durchzog und sich zum Ende hin verjüngte. Als sie es öffnete, fand sie neben mehreren Organen auch einen länglichen schlaffen Sack. Nirrit wußte nun, wo das Geschöpf seine tödliche Waffe lagerte. Ein gutes Stück weiter oben saß ein gehirnähnlicher Nervenknoten, mehrfach durchbohrt. Es durfte mit hinreichender Übung nicht schwer sein, ihn zu treffen. Wichtig war vor allem, das Wesen rechtzeitig mit Hilfe von Geruch und Gehör zu orten und dann durch genaue Beobachtung seine Position festzustellen.

Nirrit überlegte, ob sich das Geschöpf als Nahrung verwenden ließ. Appetitlich wirkte es nicht, und das einzige, was ihr genießbar erschien, war das muskulöse Schwanzstück. Aber noch war sie satt, und ihr war nicht danach, es auszuprobieren.

Sie wandte ihre Gedanken wieder dem Lager zu. Wie konnte das, was sie gesehen hatte, ihr weiterhelfen? Offenbar hatten die Romulaner Schwierigkeiten, diese Kreaturen zu orten, denn sie hatte keine Trikorder gesehen. Die Soldaten hatten ausschließlich mit Hilfe ihrer Augen nach ihnen gesucht.

"Vielleicht liegt es am Dilithium!" dachte sie. "Oder diese Geschöpfe verfügen noch über eine weitere Eigenschaft. Jedenfalls scheinen die Romulaner ihnen gegenüber recht hilflos zu sein."

Und dann kam ihr eine Idee. Sie wußte, daß man auf der Erde unerwünschte Lebensformen häufig von Symbionten vertreiben oder vernichten ließ. Ihr Artenspektrum reichte von Einzellern bis hin zu recht intelligenten Säugetieren. Gerade den Letzteren wurde oft ein großer Freiraum gestattet, und meistens brachte man ihnen sogar Zuneigung entgegen.

Nirrit war unsicher, ob es solche Gepflogenheiten auch bei Romulanern gab. Sie hatte zwar auf der Akademie nach den empfohlenen Vulkanischkursen auch einen in Romulanisch besucht, weil es dem Altvulkanischen so ähnlich war, aber über romulanische Bräuche war nicht viel gesprochen worden. Es würde ihr nichts anderes übrigbleiben, als einen Versuch zu wagen. Natürlich brauchte sie im Erlegen der wurmartigen Kreaturen wesentlich mehr Routine, aber die konnte sie sich aneignen.

Den Rest des Tages verbrachte sie damit, die Säurespucker aufzuspüren und zu erlegen. Am Ende des Tages hatte sie eine Strecke von vieren dieser Geschöpfe vor sich, das erste mitgerechnet, und stellte zufrieden fest, daß ihr die Jagd von Mal zu Mal leichter gefallen war.

 

Rilkar kam zu sich in dem Glauben, auf einem Raumschiff zu sein. Irgendwo in der Nähe heulten gequälte Triebwerke, denen man etwas abverlangte, wofür sie nicht gebaut waren. Als dann Stille einkehrte, schlug er die Augen auf und sah in das schmale Gesicht eines Mannes, der ihn ernst beobachtete. Der Ingenieur bemerkte spitze Ohren und eine olivfarbene Haut.

"Wo bin ich hier?" krächzte er mühsam.

"Sie sind im Inneren des Gefangenenlagers!" antwortete sein Gegenüber ruhig. "Bleiben Sie bitte liegen, es ist besser, wenn Sie sich möglichst wenig bewegen! Wünschen Sie irgend etwas?"

"Wasser!" brachte Rilkar heiser heraus. Der Mann nickte und verließ ihn für einen Moment, um mit einem Behälter und einem Kunststoffbecher zurückzukehren. Er half dem Verletzten, sich vom Bauch aus halb aufzurichten und unterstützte ihn beim Trinken. Danach kehrte Rilkar in seine alte Lage zurück und schloß die Augen. Silak vergewisserte sich, daß es sich diesmal nur um einen Erschöpfungsschlaf, nicht um Bewußtlosigkeit handelte und nahm wieder seinen Platz neben dem Krankenbett ein.

Als der Ingenieur das zweite Mal erwachte, fühlte er sich wesentlich besser und versuchte vorsichtig, sich aufzurichten. Allerdings verursachte ihm jede Bewegung starke Schmerzen und er war froh, daß er seinen Rücken nicht sehen konnte.

"Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß es besser für Sie wäre, wenn Sie sich möglichst wenig bewegen." hörte er eine Stimme neben sich sagen.

Er sah auf und erkannte den Mann, der ihm das Wasser gebracht hatte. Rilkar räusperte sich und stellte fest, daß seine Stimme nicht mehr so rauh war.

"Sind Sie Vulkanier?" fragte er und sah eine Augenbraue nach oben wandern.

"Das ist korrekt!"

"Habe ich mir irgendwie gedacht!"

Sotos Gesicht erschien im Eingang.

"He, er ist wieder unter den Lebenden!" rief er nach draußen, wo das schräg einfallende orangefarbene Licht vermuten ließ, daß es Abend wurde. Kurz darauf fand Rilkar seine neuen Barackenkameraden um sich versammelt.

"Mann, wir haben schon gefürchtet, er hätte dich erledigt!" bemerkte Knut. "Du hast Glück, daß wir hier zufällig ein grünes Medikamentenlager haben. Darf man nach deinem Namen fragen?"

"Rilkar! Ich bin Ingenieur!"

"Und was treibt dich so weit weg von Cardassia Prime?"

"Ich bin einem Rüstungskonzern in die Quere geraten und konnte nicht länger dort bleiben. Aber wie kommt ihr hierher? Die Erde soll zum Beispiel in einer ganz anderen Richtung liegen, habe ich gehört."

"Man könnte es so ausdrücken, daß die Romulaner uns bei verschiedenen Gelegenheiten für den Job hier rekrutiert haben. Mutub, Soto und ich waren auf einem Schmugglerschiff. Silak als redlicher Föderationsbürger ist vor drei Jahren mit seinem havarierten Schiff in die neutrale Zone abgedriftet, gerade zu dem Zeitpunkt, als sich die Beziehungen zwischen Föderation und Romulanern stark abgekühlt hatten, und Qo'hod war auf einem getarnten Bird of Prey, der den Auftrag hatte, romulanische Stellungen zu beobachten."

"Und was macht ihr hier?"

Knut grinste. "Normalerweise sind wir Dilithiumsammler! Oder vielmehr werden wir es sein, sobald wir erst einmal die Lagerstätte erreicht haben. Die Romulaner beuten die Vorkom-men in der neutralen Zone aus. Die Föderation darf natürlich nicht dahinter kommen."

"Wir sind hier noch in der neutralen Zone?"

"Wußtest du das nicht? Jedenfalls kannst du froh sein, daß du nicht früher hier runtergekommen bist. Im Moment sind wir nämlich im Urlaub. Sieh uns gut an, so erholt sehen wir nicht alle Tage aus!"

"Was Knut Ihnen damit sagen will, ist, daß wir im Moment nicht eingesetzt werden können, weil es im Bergwerk vor sechsundzwanzig Tagen einen Einsturz gegeben hat." erklärte Silak ruhig. "Zwölf Gefangene und der romulanische Bergwerksingenieur sind dabei ums Leben gekom-men."

"Der Shas'bad wußte, daß das Material knapp war und hat die Stollen nicht vernünftig abstützen lassen." knurrte Qo'hod. "Gut, daß es ihn mit erwischt hat!"

"Auf alle Fälle ist jetzt ohne Räumgeräte und Nachschub nichts mehr zu machen." stellte Soto fest. "Hoffen wir, daß Shadar nicht auf dumme Gedanken kommt, weil er uns nicht mehr schwitzen sehen kann!"

Rilkar blickte von einem zum anderen.

"Und wie kommt ihr mit der Situation zurecht?"

"Im großen und ganzen ist der Zusammenhalt hier im Gefangenenlager ganz gut. Allerdings gibt es hier auch ein paar Schläger. Vor allem vor dem Nausikaaner solltest du dich in acht nehmen! Er ist ständig auf Ärger aus, liegt vielleicht in der Natur seiner Spezies. Jedenfalls zieht er öfters herum und macht schwächeren Gefangenen die Rationen streitig."

"Dulden denn die Wachen Schlägereien?"

Mutub zuckte die Achseln. "Man muß sie verstehen! Das ist die einzige Abwechslung, die sie hier haben. Manchmal geht allerdings Talan dazwischen, wenn die Sache für einen der Beteiligten zu schlecht aussieht."

"Talan? Ist das der Anführer des Trupps, der mich herbrachte?"

Der Lemnorianer nickte. "Er ist hier der Militärkommandant, hat aber die ganze Lagerverwaltung allein am Hals. Der Bursche hat eine enorme Kraft und ist auch sehr schnell. Neulich hat der Nausikaaner den kleinen Bolioner am Wickel gehabt. Er hat sich aber anschließend ziemlich gewundert."

Knut lachte. "Wahrscheinlich hat er gar nicht gewußt, daß er fliegen kann!"

Mutub lachte ebenfalls. "Von Talan kann man jedenfalls behaupten, daß er streng, aber soweit in Ordnung ist, wie man das von einem Romulaner sagen kann. Wir glauben, daß er Shadar verabscheut. Ich nehme an, du weißt, von wem hier die Rede ist."

Rilkar nickte. Er sah ein Paar dunkler Augen vor sich, deren Blick sich mit seltsamer Gier in die seinen bohrte, und eine Welle der Übelkeit stieg in ihm auf. Wenn die Rhazaghani in die Hände dieses Mannes gefallen wäre, hätte er die Schuld daran getragen. Er konnte jetzt nur noch hoffen, daß ihre Natur ihr half, irgendwie da draußen zu überleben.

Er sah Mutub an.

"Greift Talan bei solchen Gelegenheiten öfters ein?"

"Nein, niemals! Wir waren alle sehr überrascht, als er es tat. Vielleicht hat ihm deine Haltung gefallen, sonst wüßten wir keine Erklärung. Er hat einiges dabei riskiert, denn Shadar vergreift sich bei Verstößen auch an seinen eigenen Leuten. An Talan traut er sich aber wahrscheinlich nicht heran, obwohl er mit Sicherheit gern seine Peitsche an ihm ausprobieren würde. Stattdessen hat er verboten, daß der Arzt dich in den ersten drei Tagen behandeln darf, in der Hoffnung, daß du nicht durchhältst. Aber ich denke, da haben wir ihm ein Schnippchen geschlagen!"

 

8.

Nirrit war bereits seit dem frühen Morgen unterwegs, um sich im Säurespuckerfang zu vervollkommnen. Inzwischen wußte sie, daß es in der Nähe des Lagers viele von diesen Kreaturen geben mußte, denn sie nahm ihren Geruch, den sie inzwischen auch aus größerer Entfer-nung erkannte, überaus häufig wahr. Sie war am Vortag auch ein Stück in den Wald hineingelaufen, um am Fluß ihren Wasservorrat aufzufüllen, aber hier war die Witterung nicht annähernd so prä-sent gewesen.

"Wahrscheinlich ist es die hohe Konzentration an Biomasse im Lager!" überlegte sie. "Diese Tiere scheinen dadurch aus der ganzen Umgebung angelockt zu werden. Es ist auch durchaus möglich, daß sie chemische Botenstoffe aussenden, mit denen sie ihren Artgenossen mitteilen, daß es hier etwas zu holen gibt."

Sie hatte es inzwischen zu einer gewissen Geschicklichkeit in der Jagd auf sie gebracht und plante nun, die Reaktion der Romulaner auf diese Fertigkeit zu testen. Dazu wählte sie das größte Exemplar ihrer morgendlichen Jagdstrecke aus und schaffte es zur Barriere.

Sie hoffte inständig, daß die Soldaten sie nicht als das erkennen würden, was sie war. Zwar hatte ihr Volk noch nie direkten Kontakt zu Romulanern gehabt, aber Nirrit zweifelte nicht daran, daß durch Spione innerhalb der Föderation unter anderem auch Informationen über Rhazaghan in das romulanische Reich hinübergetragen worden waren. Letztendlich schob sie jedoch diese Bedenken beiseite. Die Soldaten konnten sich kaum ständig über neuentdeckte Völker auf dem Laufenden halten. Auch die Möglichkeit, daß man sie als ein dem hiesigen Ökosystem fremdes Geschöpf erkannte, hielt sie für eher unwahrscheinlich. Was die Romulaner auf diesem Planeten auch taten, sie waren kaum zu Forschungszwecken hier. Und hatten sie hier auch bisher kein Tier wie die Krallenluum gesehen, konnte sie doch sehr gut ein Exemplar einer zugewanderten Spezies abgeben.

Nirrit wählte den Augenblick für ihren Auftritt sorgfältig aus. Sie wartete, bis zwei Romulaner, die im Moment keiner erkennbaren Beschäftigung nachgingen, sich unterhaltend in die Nähe der Barriere kamen, dann verließ sie mit ihrer Beute scheinbar zufällig das Strauchwerk. Im Augenwinkel beobachtete sie, wie einer der beiden Männer stehenblieb und in ihre Richtung zeigte. Daraufhin wandte sich Nirrit dem Schwanzende des Säurespuckers zu und begann, es zu zerreißen.

Sie hielt die Ohren gespitzt, in der Hoffnung, etwas von der Unterhaltung der beiden verstehen zu können, aber trotz ihres Romulanischkurses blieben ihr die Bedeutungen der gehörten Worte unklar. Auch schien ihr die Aussprache anders als die erlernte zu sein.

"Das ist wahr-scheinlich ein anderer Dialekt!" dachte sie. "Soviel also zur Praxis!"

Der Mann, der sie als erster bemerkt hatte, näherte sich nun vorsichtig der Barriere. Nirrit hob den Kopf von ihrer Beute und sah ihn an, worauf er langsam in die Hocke ging. Hatte sie von dem Gespräch auch nichts verstanden, konnte jedoch der Gesichtsausdruck des Romulaners nicht fehlgedeutet werden: Er lächelte.

Die Rhazaghani behielt ihn weiter im Blick, wäh-rend sie fortfuhr, das Schwanzstück zu verzehren. Der Soldat sprach in leisem, beschwichti-gendem Tonfall auf sie ein, wobei sie sich hin und wieder von dem Säurespucker abwandte und ihn mit spielenden Ohren betrachtete.

Schließlich stellte sie die Nahrungsaufnahme ein und ließ den Rest liegen. Bevor sie im Gebüsch untertauchte, blickte sie jedoch noch einmal zurück. Der Romulaner hatte sich nicht be-wegt. Er hockte noch immer an derselben Stelle und sah ihr ruhig nach.

Nirrit trabte zufrieden mit dem Erfolg zu ihrem Ruheplatz. Sie war sicher, daß sie die Romulaner an ihre Anwesenheit würde gewöhnen können und beschloß, die Vorstellung am Nachmittag noch einmal zu wiederholen. Allerdings wußte sie, daß Säurespuckerschwänze nie zu ihren Lieblingsspeisen gehören würden. Das Fleisch hatte eine schleimige Konsistenz, die ihr nicht zusagte, und der tranige Geschmack stieß sie ab. Dennoch würde sie es überleben, wenn sie sich eine Zeitlang davon ernähren mußte.

 

Nilamon der Lagerarzt stand schon mittags vor der inneren Energiebarriere und beschimpfte mit bilderreichen Worten die Wachen, die ihn daran hinderten, das Tor zum Gefangenenbereich zu durchschreiten. Die Männer versuchten, ihn sanft zu beschwichtigen. Die meisten von ihnen hatten sich von ihm bereits wegen Zorlverätzungen im Lazarett behandeln lassen müssen, und das letzte, was sie sich wünschten, war ein Streit mit ihm. Aber sie hatten direkte Anweisung von Lagerkommandant Shadar, daß vor dem Nachmittag niemand zu dem neuen Gefangenen gelassen werden durfte.

Talan verfolgte die Szene vom Eingang des Verwaltungsgebäudes aus, seinen hilflosen Zorn nur mühsam zurückhaltend. Auch er hatte für die letzten drei Tage Befehl gehabt, sich vom Gefangenenlager fernzuhalten. Die ganze Zeit über war es Talan nicht möglich gewesen, seine Unruhe zu verbergen, obwohl er wußte, daß Shadar viel Gefallen daran fand, ihn zu beobachten.

Normalerweise hielt sich der Lagerkommandant meist in seiner Unterkunft auf, doch nun hatte er ein ungewohntes Interesse an der Verwaltungsarbeit entwickelt und Talan zu allerhand Fragen zu Rate gezogen. Amüsiert hatte er feststellen können, daß sein sonst scheinbar so ungerührter Militärkommandant gegen Ende der drei Tage vor unterdrückter Wut fast zitterte.

Talan sah zum Gefangenenlager hinüber. Wenigstens hatte noch keine Leiche abgeholt werden müssen, und nun hoffte er, daß Nilamon noch etwas zum Retten vorfand. Gewiß, der Cardassianer war furchtbar zugerichtet worden, aber er hatte sich mit solcher Zähigkeit gehalten, daß Talan hoffte, er möge auch die letzten Tage irgendwie überstanden haben.

 

Am Nachmittag öffneten die Wachen das Energietor, und der Arzt schulterte seine Tasche, um mit langen Schritten den Gefangenenbereich zu betreten. Drinnen stand Knut, der ihm den Weg zu ihrer Baracke wies.

"Wie weit ist der Entzündungsprozeß fortgeschritten?" fragte der Arzt ohne Überleitung.

"Warten Sie es ab!" konnte Knut es sich nicht verkneifen zu antworten. "Sie werden staunen!"

Es verschlug dem Arzt beim Betreten der Baracke fast die Sprache, statt eines Sterbenden ei-nen zwar geschwächt wirkenden, aber dennoch fast aufrecht sitzenden Mann vorzufinden, während Silak leise aber deutlich seiner Meinung über den letzteren Umstand Ausdruck gab. Sofort kam Nilamon dem Vulkanier zu Hilfe.

"Er hat recht!" sagte er knapp zu Rilkar. "Legen Sie sich hin!"

Der Ingenieur sah zu einem energisch wirkenden hageren Romulaner auf und entschloß sich, der Aufforderung Folge zu leisten. Kurz darauf untersuchte Nilamon behutsam die Verletzungen, die die Peitsche angerichtet hatte. Verwundert stellte er fest, daß sie nicht oder nur gering entzündet waren, während Knut ihm stolz von ihren Maßnahmen berichtete.

"Können Sie mir eine der Pflanzen zeigen?" fragte er, als Knut zum Ende gelangt war.

Soto verschwand nach draußen und kehrte kurz darauf mit einem Exemplar zurück. Der Arzt nahm es entgegen und betrachtete es eingehend. Die Pflanze wirkte vollkommen unauffällig, und nichts an ihr wies auf etwas Besonderes hin.

"Wahrscheinlich enthält sie sterilisierende Substanzen oder sogar ein Antibiotikum!" überlegte er halblaut. "Vielleicht nicht unbedingt ein Wundermittel, aber sie hat zu Ihrer Rettung beigetragen."

"Gab es denn noch etwas anderes?" fragte Knut verblüfft.

"Ich denke doch!" erwiderte der Arzt und wandte sich an Rilkar. "Sie sind kein reiner Cardassianer, nicht wahr?"

"Meine Mutter war Tamasi!" antwortete dieser.

"Das Volk ist mir unbekannt! Aber sein Heimatplanet hat eine hohe Schwerkraft?"

Rilkar nickte. "Etwa wie Vulkan oder Romulus!"

"Dachte ich mir! Und Sie sind stärker als durchschnittliche Cardassianer, nehme ich an?"

Rilkar nickte abermals.

"Das habe ich vermutet! Bereits bei einem Cardassianer hätten die Schläge weniger Schaden angerichtet als bei den meisten anderen Humanoiden. In Ihrem Fall kommt noch die höhere Muskeldichte hinzu. Ihr Rücken sieht zwar schlimm aus, aber nicht so, wie es die Anzahl der Hiebe vermuten ließe. Man sieht, daß sie erst ziemlich spät tiefer in das Fleisch eingedrungen sind. Man könnte sagen, daß Ihre Mischlingsnatur Ihnen das Leben gerettet hat. Die Behandlung wird allerdings ein paar Tage dauern, in denen Sie sich möglichst ruhig verhalten werden. Silak wird Sie mit Sicherheit darin unterstützen."

Der Vulkanier nickte.

"Leider muß ich Ihnen sagen, daß unser verehrter Lagerkommandant die modernen Regeneratoren im Gefangenenbereich nicht zuläßt. Er möchte die Spuren seines Wirkens sehen, daher stehen mir hier nur die zweiunddreißiger Regeneratoren zur Verfügung, die schon achtzig Jahre alt sind. Bei den neuen Geräten wäre nach der Behandlung nur eine stärker durchblutete Stelle zu sehen, die nach einiger Zeit verschwindet, aber so werden Narben bleiben, es tut mir leid!"

"Schon gut!" antwortete der Ingenieur ruhig. "Sollte mir die Flucht gelingen, dann werde ich es nachbehandeln lassen. Bleibe ich aber hier, spielt es wohl kaum eine Rolle."

Der Arzt lachte heiser. "Das ist die richtige Einstellung! Ich werde jetzt mit der Behandlung beginnen, die Wunden aber noch nicht komplett schließen. Ich muß dem Gewebe Gelegenheit geben, zu reagieren, sonst ist seine Elastizität nicht mehr gewährleistet. Die Behandlung muß mindestens zwei- oder dreimal wiederholt werden. Außerdem bekommen Sie von mir ein Breitband-Antibiotikum, damit Sie Ihre Freunde nicht mehr zum Blumenpflücken schicken müssen."

Er machte sich an die Arbeit.

"Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, daß es mir an Übung fehlen könnte!" bemerkte er dabei in einer Art von bitterem Humor. "Ich habe diese Behandlung wahrhaftig schon oft genug durchgeführt. Bei Ihnen wird sie lediglich etwas um-fangreicher. Mit Ausnahme von Qo'hod habe ich schon alle Anwesenden hier wieder zusam-menflicken müssen."

Als der Arzt die Baracke wieder verließ, hatte Rilkar den Eindruck gewonnen, daß Talan nicht der einzige war, der den Lagerkommandanten verabscheute.

 

Talan fing Nilamon bereits an der Barriere ab.

"Wie sieht es mit ihm aus?" fragte er.

"Er hat viel Glück gehabt!" erwiderte der Arzt, ohne stehenzubleiben. "Der Mann stellt eine gelungene Kombination aus zwei widerstandsfähigen Völkern dar. Außerdem hat er bei den Gefangenen Freunde gefunden, die sich sachkundig um ihn gekümmert haben. Sie sind dabei mit viel Einfallsreichtum vorgegangen, könnte man sagen!"

"Wann glauben Sie, wird es dem Mann möglich sein, mit mir zu trainieren?"

Nilamon blieb stehen und musterte Talan.

"Also das war es!" bemerkte er schließlich mit spürbarer Enttäuschung. "Und ich hatte schon geglaubt, daß dieses erbärmliche Schauspiel selbst für Sie den Punkt der Unerträglichkeit erreicht hatte. Sieht fast so aus, als müßte man das Gefangenenlager aufsuchen, um noch ehrliche Formen von Hilfsbereitschaft zu erleben!"

Talans Augen verengten sich.

"Ich hatte Sie nicht um moralische Unterweisung gebeten, Nilamon! Beantworten Sie meine Frage!"

"Wie Sie wünschen! Nun, ich denke, Sie werden sich noch mindestens zehn Tage gedulden müssen. Etwa so lange wird die Behandlung und Rekonvaleszenz bei meinen Möglichkeiten hier dauern. Und nun entschuldigen Sie mich! Ich habe Patienten im Lazarett."

Damit wandte er sich ab und strebte der Krankenstation zu.

Surin, der Assistent des Lagerarztes, blickte überrascht von seiner Arbeit auf, als sein Vorgesetzter mit wütendem Gesicht das Labor betrat. Ihm kam eine böse Ahnung.

"Wie sah es aus?" fragte er beunruhigt. "War es bereits zu spät?"

Nilamon wandte sich ihm verärgert zu.

"Für den Gefangenen? Nein, ihm geht es erfreulicherweise glänzend, wenn man bedenkt, was er durchgemacht hat. Es geht um Talan! Ich hatte schon geglaubt, dieser Bursche mit seiner untadeligen Haltung hätte mich ein einziges Mal an-genehm überrascht und sich zu einem Akt des Mitgefühls hinreißen lassen. Dabei geht es ihm lediglich um einen Partner für sein verdammtes Training!"

Er sah dem jungen Mann über die Schulter.

"Haben die Proben irgend etwas ergeben, was wir noch nicht wissen?"

Sein Assistent schüttelte resigniert den Kopf.

"Das Probenmaterial ist noch schlechter als beim letzten Mal! Nur von dem zweiten Tier ist überhaupt etwas übriggeblieben, das andere ist vollständig verbrannt. Aber ich glaube, selbst wenn wir ein unversehrtes Exemplar erhielten, würde uns das nicht viel weiter bringen. Uns stehen gar nicht die Mittel zur Verfügung, um eine wirksame Bekämpfung durchzuführen."

Nilamon fluchte. "Es ist zum Verrücktwerden! Wie bekommen die Krankenstation einfach nicht leer. Acht Fälle von Zorlverätzungen bereits in diesem Abschnitt, insgesamt fünfzehn in dem davor! Vier Tote in der gesamten Zeit, in der wir hier sind! Und auf Romulus scheint das niemanden zu interessieren. Zuwenig Material, eine unzureichende medizinische Ausrüstung, Schiffe mit Versorgungsgütern treffen seit den Anfängen nicht mehr ein! Und ständig heißt es, daß die Entdeckung durch die Föderation nicht riskiert werden darf. Dabei beklagt sich der Lageringenieur schon seit längerem darüber, daß der überbeanspruchte Schirmfeldgenerator einer Überholung bedarf! Wenn nicht langsam Ersatzteile eintreffen, kommt es zu einer Überladung, und dann ist unsere Entdeckung ohnehin nur noch eine Frage der Zeit. Ich glaube langsam, dem Oberkommando war Shadars Abschiebung wesentlich wichtiger als das bißchen Dilithium, das die Ge-fangenen hier aus dem Boden scharren sollen."

Ein Soldat warf einen prüfenden Blick in die Krankenstation.

"Gut, daß Sie wieder da sind, Nilamon!" lächelte er, Surin ignorierend. "Wir haben etwas für Sie!"

Er wandte sich um.

"Ihr könnt ihn herbringen!" rief er nach draußen.

Zwei weitere Soldaten betraten das Labor, die eine Plane zwischen sich trugen. Auf ihr lag der Kadaver, den Nirrit an der Barriere zurückgelassen hatte. Der Arzt riß die Augen auf.

"Woher habt ihr den?" fragte er verblüfft.

Der Mann grinste, stolz über den gelungenen Auftritt.

"Wir haben vorhin beobachtet, wie ein Raubtier die Büsche am südlichen Teil der Barriere verließ und den Zorl mitschleppte. Es hat sich seelenruhig niedergelassen und angefangen zu fressen. Ein hübsches Tierchen, mittelgroß und gefleckt, anders als das, was hier in der Gegend so herumläuft! Es ist nicht einmal geflüchtet, als ich vorsichtig näherkam und machte auch keinen aggressiven Eindruck. Den Zorl hat es dann liegen lassen. Da haben wir uns gedacht, wir machen ihn Ihnen zum Geschenk, weil Sie doch immer die Reste von unseren Vernichtungsaktionen zusammenkratzen."

Der Arzt betrachtete eingehend den Kadaver.

"Vielleicht bringt uns das tatsächlich ein Stück weiter! Jedenfalls haben wir noch nie ein so vollständiges Exemplar gehabt. Vor allem aber ist es erfreulich, daß langsam ein Freßfeind der Biester hier auftaucht. Die Panzerköpfe meiden ja leider das Lager, oder vielleicht sollte ich lieber glücklicherweise sagen! Sollte das Tier wieder auftauchen, dann stört es nicht und verhaltet euch behutsam! Sagt allen im Lager Bescheid! Ich will nicht hören, daß irgendein Dummkopf es vertrieben oder gar erschossen hat. Und jetzt verschwindet, es sei denn, ihr seid krank! Wir werden uns den Zorl näher ansehen müssen."

Gegen Abend betrat ein weiterer Soldat die Krankenstation.

"Das Tier ist zurückgekommen und hat noch einen Kadaver liegenlassen! Wo sollen wir ihn hinlegen?"

Der Arzt betrachtete nachdenklich die Ergebnisse der Analyse. Sie hatten ihn nicht weitergebracht. Er fürchtete allmählich, daß Surin recht hatte. Ihre Mittel waren zu eingeschränkt, um etwas Wirksames gegen die Zorls unternehmen zu können.

"Bringt ihn zu Surin ins Labor!" erwiderte er in Gedanken versunken. "Ich sehe ihn mir später an."

Nach einer Weile sah Nilamon wieder hoch. Der Mann hatte sich nicht von der Stelle gerührt.

"Stimmt etwas nicht? Ich sagte doch, bringt ihn zu Surin!"

Der Mann sah ihn unwillig an.

"Zu dem nicht!" brachte er schließlich heraus.

Den Lagerarzt packte eine kalte Wut, und er trat dicht an den Soldaten heran.

"Wovor habt ihr eigentlich Angst?" zischte er. "Daß Surin über euch herfallen könnte? Glaubt ihr nicht, ihr überschätzt eure Anziehungskraft auf ihn ganz gewaltig? Bringt das Tier rüber, habe ich gesagt!"

Der Mann gehorchte eingeschüchtert, und Nilamon wandte sich verärgert wieder den Untersuchungsergebnissen zu.

 

In den nächsten Tagen zeigte sich Nirrit häufig an der Barriere, ließ sich entweder an bestimmten Plätzen zum Verzehr ihrer Beute nieder oder zeigte deutlich, daß sie auf der Jagd war. Die Soldaten wurden dann stets auf sie aufmerksam und reagierten erfreut auf ihre Anwesenheit. Zweimal war es ihr sogar möglich, ihre Beutetiere direkt an der Barriere zu töten, wobei sie sich ihrer Zuschauer sehr bewußt war. Schließlich glaubte sie, daß die Zeit dafür reif war, den nächsten Schritt zu wagen und wartete nur noch auf eine passende Gelegenheit.

Sie brauchte sich nicht lange zu gedulden. Bereits am nächsten Morgen nach ihrem gefaßten Entschluß war es soweit: Sie witterte eines der Tiere im Inneren des Lagers.

Sie hatte in der Nähe des Energietores Position bezogen, als ihr der Wind den Geruch zutrug. Offenbar war der Säurespucker nicht weit entfernt. Sie hielt im Schleichgang geradewegs auf die verräterische Witterung zu, um erst vor dem verschlossenen Tor stehenzubleiben. Konzentriert starrte sie in die Richtung, wo sie das Geschöpf vermutete, duckte sich und ließ ihre Ohren spielen. Die Wachen, die sie beobachtet hatten, wurden unruhig, sahen in die entsprechende Richtung, konnten aber nichts erkennen. Schließlich verließ ein Soldat seinen Posten und eilte davon, wobei er einen vorsichtigen Bogen um die Stelle schlug, auf die Nirrit blickte.

Der Mann rannte geradewegs zum Verwaltungsgebäude, in dem sich wie immer um diese Zeit der Militärkommandant aufhielt. Atemlos kam er in den Raum, wo Talan hinter seinem Schreibtisch an der Arbeit saß. Der Soldat grüßte und erstattete Meldung.

"Kommandant! Die Zorljägerin steht beim Tor an der Barriere und starrt ins Lager. Wir haben sie ein paar Mal bei der Jagd beobachtet und glauben, daß sie eins von den Biestern wittert. Was sollen wir tun?"

Talan sah zu dem beunruhigten Soldaten auf, erhob sich und griff zu seiner Waffe.

"Ich sehe mir die Sache an! Wie lange verhält sich das Tier schon so?"

Der Mann lief neben ihm her.

"Erst seit kurzem! Vorher hat sie etwas weiter weg gesessen. Je-denfalls hat sie sich noch nie so benommen, sondern nur am Rande der Barriere gejagt. Es muß etwas im Lager sein!"

Sie kamen am Energietor an. Talan beobachtete aus schmalen Augen Nirrit, die fortfuhr, mit zuckenden Ohren in eine bestimmte Richtung zu starren. Talan wägte mögliche Gefahren ab, dann traf er eine Entscheidung.

"Öffnet das Tor!"

Kaum hatte sich das Flimmern des Schildes verflüchtigt, schlich Nirrit durch die Öffnung und näherte sich dem Punkt, an dem sie das Geschöpf vermutete. Langsam und fließend bewegte sie sich über den Platz und nahm dabei die Witterung immer deutlicher wahr. Ihre feinen Ohren hörten das Schaben des wurmartigen Leibes über den Boden. Konzentriert sah sie dorthin, von woher sie das Geräusch vernahm und bemerkte das typische, kaum erkennbare Flim-mern. Die Rhazaghani duckte sich und sprang.

Kurz darauf löste sie die Krallen aus ihrer Beute, die zum Säurespucken keine Gelegenheit mehr gehabt hatte und sah auf. Die Soldaten hielten es zwar für sicherer, in Talans Gegenwart von lauten Beifallsbekundungen Abstand zu nehmen, doch in ihren Gesichtern spiegelte sich deutliche Erleichterung.

Der Blick des Militärkommandanten ruhte dagegen prüfend auf ihr, ihr Verhalten abwartend. Nirrit hielt es für sicherer, sich sofort wieder dem Kadaver zuzuwenden, um sich nicht verdächtig zu machen.

Als sie mit dem Verzehr begann, wandte sich Talan von ihr ab und den Wachen zu.

"Ermöglicht dem Tier den Zugang zum Lager!" befahl er. "Sollte es sich allerdings aggressiv verhalten, ist mir das unverzüglich zu melden!"

Damit machte er sich auf den Weg zurück zu seinem Schreibtisch.

 

Am nächsten Morgen hatte Nirrit keinerlei Schwierigkeiten, ins Lager zu gelangen. Sobald sie auftauchte, öffneten die Wachen das Tor, und die Rhazaghani nahm die unausgesprochene Einladung ohne zu zögern an. Sofort machte sie sich daran, das Lager auf die Witterung ihrer Beutetiere hin zu untersuchen, in der festen Absicht, ihre Tüchtigkeit unter Beweis zu stellen. Sie merkte rasch, daß die Jagd im Lager einen großen Unterschied zu der im Wald darstellte. Das Lager war groß und verwinkelt, die Vielzahl ungewohnter Gerüche und Geräusche störte sie und ständig kreuzten Romulaner, die sie nicht bemerkt hatten, ihren Weg. Hinzu kam, daß sie den Anspruch an sich hatte, das Lager komplett von Säurespuckern zu säubern, anstatt nur die Exemplare zu fangen, die sie zufällig ausmachte. Unter diesen Umständen würde man sie gern weiterhin im Lager dulden, und sie konnte sich ganz der Ermittlung des Schildgeneratorstandortes widmen.

Nach einiger Suche hatte sie eines der Tiere in der Nähe der Barriere und ein weiteres mitten im Lager erlegt. Um den Schein zu wahren, fraß Nirrit sie an, obwohl ihr der Geschmack inzwischen gänzlich zuwider war.

Surin beobachtete sie dabei von einem Fenster der Krankenstation aus.

"Es sieht so aus, als bekämen wir noch einen Zorl zur Analyse!" bemerkte er. "Sie scheint ihre Beute grundsätzlich nur anzufressen."

Nilamon erhob sich von seiner Arbeit und gesellte sich zu ihm.

"Ich nehme an, es handelt sich um eine Spezies mit ausgeprägten Jagdtrieb!" spekulierte er. "Sie erlegt mehr, als sie fressen kann! Vermutlich, weil die Beutetiere hier in so großer Zahl auftreten. Mich wundert aber vor allem, daß sie an die Jagd auf sie so schlecht angepaßt ist. Das Fell mag vielleicht vor ein paar Säuretropfen schützen, aber niemals vor einem ganzen Strahl. Feh-ler bei der Jagd dürfen nicht passieren. "

"Der Gedanke ist mir auch schon gekommen!" nickte Surin. "Die Panzerköpfe sind durch ihre Hornplatten deutlich besser vor Verätzungen geschützt. Vielleicht ernähren sich diese Tiere normalerweise gar nicht von Zorls. Obwohl ich mir nicht erklären kann, warum dieses Exemplar die Jagd auf sie so gut beherrscht. Es könnte natürlich sein, daß es von seinen gewohnten Jagdgründen vertrieben wurde und dazu gezwungen war, sich mit viel Glück diese Fähigkeit anzueignen."

Der Arzt kehrte zu seinen Unterlagen zurück.

"Wenn die Zorljägerin regelmäßig hierher käme, um die Biester zu erlegen, wäre sie jedenfalls ein großer Gewinn für das Lager! Unsere Soldaten sieht sie offensichtlich nicht als Beutetiere an, sie verhält sich nicht im mindesten aggressiv. Vielleicht wird sie mit der Zeit auch zutraulich, was für die Moral der Männer wahrhaftig nicht schlecht wäre. Es ist mir lieber, die Leute beschäftigen sich mit dem Tier, anstatt Prügeleien unter den Gefangenen zuzusehen und auf ihren Ausgang zu wetten."

Surin wandte ihm das Gesicht zu.

"Wie geht es dem Cardassianer?" fragte er.

"Halbcardassianer!" verbesserte Nilamon. "Mit der Behandlung des Rückens bin ich in ein paar Tagen fertig, und nach und nach kommt er auch wieder zu Kräften. Der Vulkanier gibt sich viel Mühe, ihn am Verlassen der Baracke zu hindern. Nicht auszudenken, wenn er in seinem jetzigen Zustand in eine Schlägerei verwickelt wird!"

Sein Assistent nickte nachdenklich und fuhr fort, die Rhazaghani zu beobachten.

 

Fünf Tage später war Nirrit soweit, einen Versuch zu unternehmen, in die Nähe des Ingenieurs zu gelangen. Sie war inzwischen im Lager wohlgelitten und ihr morgendliches Auftau-chen galt als Selbstverständlichkeit. Die meisten Romulaner lächelten wohlwollend, wenn sie vorbeilief, riefen ihr freundlich klingende Worte zu oder blieben stehen, um ihr bei der Jagd zu-zusehen. Nur ein einziges Mal hatte ein Mann mit mürrischem Gesicht nach ihr getreten, wor-aufhin es fast zu einer Schlägerei gekommen war. Der Soldat konnte froh sein, daß man ihn aus Sorge, Talan könnte auf den Zwischenfall aufmerksam werden, mit heiler Haut davonkommen ließ.

Nirrit begriff auch bei dieser Gelegenheit, wer Kesh'ta war. Da sie ständig angestrengt versuchte, das hiesige Romulanisch zu verstehen, hatte sie das Wort schon mehrfach gehört. Nun, da einer der wütenden Männer auf den Übeltäter einschrie und auf sie zeigte, wurde ihr klar: Kesh'ta, das war sie selbst. Offenbar hatte man sich entschlossen, ihr einen Namen zu geben.

Die Rhazaghani wußte, daß man sie auch aus dem Inneren des Gefangenenlagers beobachtet hatte und glaubte nicht, dort mit Schwierigkeiten rechnen zu müssen. Als der Lagerarzt sich wieder anschickte, den Gefangenen einen Besuch abzustatten, lief sie einfach mit. Zwar zeigten sich die Wachen verunsichert, aber nach kurzer Diskussion mit Nilamon entschied man sich dafür, sie durchzulassen.

Nirrit vermutete, daß Rilkar der Grund für den Besuch des Arztes war, und nun hoffte sie sehr, ihn sehen zu können. Die gräßlichen Bilder von der Mißhandlung des Ingenieurs hatte sie abends, wenn sie auf ihrem Schlafplatz zur Ruhe kam, mühsam verdrängt. Sie konnte es sich nicht leisten, sich von ihnen lähmen zu lassen. Nun aber, da sie so weit gekommen war, machte sich Aufregung in ihr breit. Rilkar war der einzige auf diesem Planeten, der von ihr wußte, ihren Namen kannte und der mit ihr geredet hatte.

Der Wunsch nach einem richtigen Gespräch überwältigte sie fast, obwohl sie sicher war, daß sie sich in dieser Hinsicht noch lange würde gedulden müssen. Zuhause im Habitat gab es immer jemanden, mit dem man reden konnte. Zwar konnte es sein, daß man zu einer mehrtägigen Jagd oder einem Ausflug aufbrach, aber das war letztendlich nur für eine kurze Zeit. Nirrit war in ihrem Leben noch nie so allein gewesen.

Sie wußte, daß es zu auffällig gewesen wäre, dem Arzt bis in die Baracke zu folgen. Außerdem war sie nicht sicher, ob er dieses Verhalten geduldet hätte, auch wenn er sich die letzten Tage ihr gegenüber sehr freundlich gezeigt hatte. Einmal hatte er ihr sogar ein Stück gebratenes Fleisch aus einer Replikatorration zugeworfen, für das sie ihn hätte umarmen können.

Die Rhazaghani durchsuchte flüchtig die Umgebung, ohne daß ihr eine verdächtige Witterung auffiel, dann ließ sie sich nahe am Eingang der Baracke nieder, in der der Arzt verschwunden war. Sie wußte, daß die umstehenden Gefangenen sie im Auge behielten, daher reckte sie sich in der Sonne, gähnte und versuchte, möglichst harmlos zu wirken. Gleichzeitig spitzte sie die Ohren und genoß es inständig, wieder Föderationsstandard zu hören.

 

In der Zwischenzeit hatte Nilamon an Rilkar die letzte Behandlung durchgeführt.

"Die Wunden habe ich jetzt endgültig geschlossen!" teilte er ihm mit. "Ihr Rücken wird allerdings die nächsten Tage noch empfindlich sein, nehmen Sie also bitte darauf Rücksicht! Auch sonst sind Sie noch längst nicht wieder der alte, auch wenn sie das vielleicht jetzt nicht glauben mögen."

Rilkar nickte. "Ich danke Ihnen! Wie sieht es mit der Elastizität aus?"

"Die wird gewährleistet sein! Wenn man die Narben auch sehen kann, behindern werden sie Sie nicht, soviel kann ich Ihnen versichern."

Knut trat ein.

"Einen hübschen Besuch haben Sie uns da mitgebracht, Nilamon! Danke, daß Sie sich bei der Wache für uns eingesetzt haben! Wir mögen die Zorls auch nicht besonders."

Rilkar sah ihn erstaunt an.

"Zorls? Was meinst du, Knut?"

"Zorls sind eine einheimische Lebensform, die ihre Beute mit Hilfe einer hochkonzentrierten Säure tötet." klärte Silak ihn auf. "Sie verfügen zwar über keine große Reichweite, doch da sie über eine Art Tarnfeld verfügen, sind sie fast nicht wahrzunehmen. Es hat hier schon Tote wegen dieser Tiere gegeben, und Verätzungen kommen außerordentlich häufig vor. Der äußere Lagerring ist öfter betroffen, aber die Zorls kommen auch in den Gefangenenbereich."

"Deshalb ist es gut, wenn Kesh'ta zukünftig auch hier jagt!" betonte der Arzt. "Sie war ohnehin sehr interessiert daran, mitzukommen. Sie brauchen sich ihretwegen keine Sorgen zu machen, sie ist in keiner Weise angriffslustig."

"Von wem sprechen wir hier?" fragte der Ingenieur.

"Stimmt, du hast sie ja noch nicht gesehen! Komm mit raus, sie sitzt vor dem Eingang!"

Rilkar begleitete Knut vor die Baracke. In der Nähe des Eingangs saß, in die Sonne blinzelnd, ein rotbraunes Tier, das in Längsrichtung dunkelbraun gestreift und gefleckt war. Die Ohren liefen spitz zu und den langen Schwanz hatte es um sich herumgelegt. Als Rilkar stehenblieb, drehte es ihm den Kopf zu. Die weit geöffneten Augen waren intensiv türkisfarben.

 

An diesem Abend kehrte Nirrit in Hochstimmung zu ihrem Schlafplatz zurück. Sie hatte das gesteckte Teilziel erreicht und den Ingenieur gesehen, der ihr zwar geschwächt, aber auf dem Wege der Genesung zu sein schien. Zudem wußte sie, daß er sie erkannt hatte, und das gab ihr das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Zufrieden schlief sie unter den Baumwurzeln zusammengerollt ein.

Rilkar dagegen blieb in der künstlichen Beleuchtung des Gefangenenquartiers noch lange wach. Er lag auf seiner Pritsche, während ihn eine Vielzahl von Gedanken beschäftigte.

"Ihr habt mir von diesen Zorls erzählt!" wandte er sich nach einer Weile an seine Kameraden. "Gibt es noch mehr Raubtiere da draußen?"

Mutub sah von der Seite herüber.

"Berichtet wird schon davon!" antwortete er vorsichtig. "Es soll noch die Panzerköpfe geben, aber es heißt, sie kämen nicht in die Nähe des Lagers."

"Wir haben uns auch schon gefragt, was aus deinem Kopiloten geworden ist!" ließ Knut sich vernehmen. "Hoffentlich hat er keinen Ärger mit den Viechern da draußen, immerhin hast du einiges mitgemacht, damit er nicht geschnappt wird! Ist er ein Freund von dir?"

"Wie kommst du auf den Gedanken, daß ich einen Kopiloten hatte?" erwiderte der Ingenieur scharf. "Schon mehrmals habe ich deutlich gesagt, daß ich allein war. Ich denke, daß selbst Shadar das mittlerweile begriffen hat!"

Knut wechselte mit Soto einen bestürzten Blick.

"Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, daß wir ihn verraten!" versuchte Soto ihn zu beschwichtigen. "Knut hat doch nur gefragt..."

"Ich denke, ihr habt verstanden, was er gesagt hat!" unterbrach Qo'hod ihn mit leiser Warnung in der Stimme. "Oder hören eure Ohren die Worte, die man zu euch spricht, nicht mehr? Was gibt es lange zu fragen, wenn ein Mann sagt, er sei allein gewesen?"

Knut zog es diesmal vor, nichts mehr zu erwidern und Rilkar in Ruhe zu lassen. Dieser blickte nachdenklich an die Decke der Baracke. Er wußte, daß er in dieser Nacht nur wenig Schlaf finden würde.

 

9.

Als nächstes Ziel hatte es sich Nirrit gesetzt, den Standort des Schirmfeldgenerators ausfindig zu machen. Sie hatte die Vermutung, daß er sich in einem großen fensterlosen Bau befand, neben dem ein kleineres Wohngebäude lag. Als sie um dessen Ecke bog, erschrak sie, da ein Paar in Stiefeln steckender Füße fast über sie gestolpert wären. Nirrit wich etwas zurück, sah an dem Romulaner hoch und erstarrte. Dies war der Mann, auf dessen Befehl der Ingenieur ausgepeitscht worden war. Neben ihm standen Talan und sein Stellvertreter Driskal.

Nirrit duckte sich entsetzt unter dem Blick des Lagerkommandanten. Es war nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn sie das Mißfallen dieses Mannes erregen sollte. So bleib sie stehen, wo sie war und wartete ängstlich seine Reaktion ab.

Shadar stand bewegungslos und betrachtete sie eingehend. Plötzlich ging er langsam vor ihr in die Hocke. Sein Gesichtsausdruck, der vorher nicht zu deuten gewesen war, verwandelte sich in ein Lächeln.

"Das ist also das Tier, von dem mir berichtet worden ist. Ein hübsches Geschöpf, nicht wahr?" wandte er sich an Talan.

"Wenn Sie meinen!" erwiderte dieser ungerührt.

Shadar erhob sich mit hochgezogenen Brauen.

"Sie wollen mir doch nicht etwa sagen, daß Sie keine positive Einstellung zu Tieren haben?" fragte er überrascht. "Sehen Sie es doch nur an! Ein Fell wie Seide, wunderbar gezeichnet. So etwas muß doch selbst Ihnen gefallen. Oder nehmen die Verwaltungsbücher und Ihr Fechtstock Ihre Aufmerksamkeit so stark in Anspruch, daß Sie auch jeglichen Sinn für das Schöne verloren haben?"

Talans Wangenmuskeln mahlten.

"Meine Einstellung zu Tieren ist völlig ohne Bedeutung." erklärte er steif. "Dieses Exemplar ist wichtig für die Sicherheit des Lagers, deshalb wird es geduldet. Sein Aussehen ist dabei nicht von Belang."

Shadar sah ihn aus schmalen Augen an und schüttelte mit einem nachsichtigen Lächeln den Kopf.

"Sie sollten lernen, das Leben mehr zu genießen. Sie werden dabei merken, daß es oft die kleinen Dinge sind, die Freude bereiten. Denken Sie gut darüber nach, mein Freund!"

Mit diesen Worten verließ er sie und verschwand in dem Wohngebäude. Driskal sah auf Nirrit hinab, die sich unschuldig reckte und ihre Jagd wieder aufnahm.

"Seltsam!" bemerkte er. "Ich hatte gedacht, er würde Befehl geben, das Tier zu töten."

Sein Vorgesetzter schüttelte den Kopf.

"Damit war nicht zu rechnen. Shadar haßt die Zorls mehr als jeder Soldat im Lager. Jemand, der soviel Freude an der Qual anderer hat, muß den Schmerz fürchten."

Driskal sah ihn mitfühlend an.

"Er hat Ihnen den Gleiter für die Dauer der Kämpfe verweigert?"

"Ja, aber das hatte ich erwartet. Die Begründung war, ein Gleiter allein könne das Lager nicht schützen."

"Was werden Sie jetzt tun?"

Talan blickte nachdenklich in die Richtung des kleinen Hangars, der am äußersten Rand der gegenüberliegenden Lagerseite lag.

"Ich werde ihm den Gleiter lassen müssen. Aber noch ist genug Zeit. Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit."

Als Talan den Hangar betrat, war der Techniker, der die Wartung der Kampfgleiter besorgte, gerade dabei, das beschädigte Triebwerk von Rilkars Schiff in Augenschein zu nehmen.

"Können Sie das Schiff wieder flugtauglich machen?" wandte sich Talan an ihn.

Der Mann dachte nach. "Es scheinen alle für das Triebwerk erforderlichen Ersatzteile an Bord zu sein." antwortete er schließlich. "Aber was die Kalibrierung angeht, wird es Probleme geben. Der Schiffstyp ist mir nicht vertraut. Ich müßte Messungen und Testflüge durchführen, und selbst dann wäre ich nicht sicher, ob es nicht nach einer gewissen Belastungszeit zur Katastrophe kommt. Leichter wäre es, wenn ich die technischen Daten hätte, aber die sind im Schiffscomputer nicht enthalten."

Der Kommandant überlegte einen Moment.

"Und wenn Ihnen jemand zur Hand geht, der mit dem Schiff vertraut ist?"

"Dann gibt es keine Schwierigkeiten."

Talan nickte. "Sie sollen Ihre Hilfe bekommen!"

 

An diesem Morgen hatte Mutub Rilkar im inneren Lager herumgeführt. Er machte ihn mit den wenigen Einrichtungen vertraut und stellte ihm verschiedene Gefangene vor, die, erfreut über die Genesung des Ingenieurs, ihn begrüßten und einige Worte mit ihm sprachen. Mehrere stellten Fragen nach der Föderation und politischen Veränderungen, und Rilkar versuchte, sie nach bestem Wissen zu beantworten. Er sah einen weiteren Terraner, Bolioner, zwei Orioner, ein paar Tellariten und eine Menge Angehörige von Völkern, von denen er noch nie gehört hatte.

"Ein ganz schön gemischter Haufen!" bemerkte er zu Mutub.

"Ja!" antwortete dieser. "Ich nehme an, die Romulaner durchmischen die Gefangenen absichtlich, um Zusammenrottungen einer bestimmten Spezies zu verhindern. Stell dir nur mal einen Haufen Klingonen hier im Lager vor!"

Rilkar lachte. "Das gäbe Ärger!"

Mutub nickte. "Allerdings! Also werden hier die unterschiedlichsten Völker zusammengewürfelt, um die Gefahr eines Aufstandes zu verringern. Nach ihrer Gefangennahme werden sie direkt an die Lager verteilt. Manchmal sind Rassen dabei, mit denen die Romulaner noch nicht viel Kontakt hatten. Es heißt, aus diesem Grunde hätte das romulanische Oberkommando Shadar sogar einen Verhörspezialisten für interplanetarische Rassen mitgegeben für den Fall, daß etwas ganz Neues hier eintrifft. Wenn das stimmt, hatte er bisher nicht viel zu tun. Vielleicht ist es auch nur ein Gerücht."

Der Ingenieur wollte gerade eine Frage stellen, als ihn von hinten ein scheinbar freundschaftlicher Schlag mit furchtbarer Wucht zwischen die Schultern traf und ihn damit fast zu Fall brachte.

"Wen haben wir denn hier? Wenn das nicht die Vierundachtzig ist!" hörte er hinter sich eine Stimme in höhnischem Tonfall grollen.

Rilkar blickte zurück. Dort stand der Nausikaaner, vor dem Knut ihn gewarnt hatte, etwa einen Kopf größer als er selbst und mit einem mächtigen Kreuz versehen. Mit verzerrtem Gesicht tastete der Ingenieur vorsichtig nach seiner Schulter.

Der Nausikaaner holte gerade Luft, um eine weitere Bemerkung von sich zu geben, als sein Gegner auch schon herumwirbelte und zuschlug.

Mutub blickte überrascht auf den flach am Boden Liegenden hinunter.

"Nicht schlecht!" staunte er. "Broharesh hatte sicher erst einmal einen ausgiebigen Austausch von Beleidigungen erwartet."

"Ich mußte schnell reagieren!" erklärte Rilkar und drückte mit einem Ächzen seinen Rücken durch. "Ich hätte einen Kampf mit ihm nicht durchgehalten."

"Woher wußtest du, daß man bei Nausikaanern zwischen die Augen schlagen muß?"

"Wußte ich nicht! War ein kleiner Hinweis von Qo'hog."

"Der Alte erstaunt mich immer wieder. Mir war es jedenfalls neu."

Mehrere Gefangene waren auf den Zwischenfall aufmerksam geworden und begannen, sie zu umringen. Hier und da war Gelächter zu hören. Mutub zog den Ingenieur aus dem Kreis heraus.

"Komm, laß uns gehen! Wir müssen nicht unbedingt noch hier sein, wenn Broharesh wieder zu sich kommt. Obwohl du wahrscheinlich jetzt Ruhe vor ihm hast. Er verliert nicht gern."

Als sie weitergingen, fiel Rilkar seine Frage wieder ein.

"Übrigens: Nilamon erwähnte, daß er jeden von euch hatte behandeln müssen, bis auf Qo'hog. Warum eigentlich ihn nicht?"

"Qo'hog kam mit dem letzten Materialtransport hier an. Bei ihm war ein riesiger Bursche im besten Alter, ein wahres Prachtexemplar von einem Klingonen. Shadar war entzückt, nahm ihn sich sofort vor und ließ sich viel Zeit dabei. Die Wut und die Demütigung durch die "Begrüßung" muß dabei für den Klingonen zuviel gewesen sein, denn nach einer Weile versagte sein Herz. Nilamon konnte mit seiner mageren medizinischen Ausrüstung nichts mehr für ihn tun. Mit Qo'hog hat sich Shadar erst gar nicht befaßt. Wahrscheinlich versprach er sich nicht viel davon, den Alten durch die Mangel zu drehen."

Plötzlich weiteten sich Mutubs Augen.

"Da hinten kommt Talan. Wahrscheinlich hat er den Zwischenfall eben durch die Barriere gesehen. Vielleicht läßt du besser mich reden."

Rilkar schüttelte den Kopf.

"Nein, laß gut sein! Ich komme schon klar."

Mit raschen, entschlossenen Schritten kam der Militärkommandant auf sie zu, der lediglich von zwei Wachen begleitet wurde. Das letzte Stück ging ihm der Ingenieur entgegen.

"Wenn es wegen des Nausikaaners ist," begann er, als Talan vor ihm stehenblieb, "er wollte den Streit."

Talan zog verwundert die Brauen zusammen, doch dann sah er die Gefangenen um den noch am Boden Liegenden herumstehen und verstand.

"Sie haben den Nausikaaner niedergeschlagen?"

"So ist es!"

Talan wandte sich ihm wieder zu.

"Freut mich zu hören!" bemerkte er mit einer Art trockener Genugtuung. "Doch deswegen habe ich Sie nicht aufgesucht. Ich benötige Ihr Schiff, aber unser Techniker kündigte mir Schwierigkeiten bei der Triebwerkskalibrierung an. Sind Sie bereit, ihn zu unterstützen?"

Der Ingenieur richtete sich auf.

"Warum sollte ich das tun?"

Talan sah ihm ruhig in die Augen.

"Ich könnte Sie leicht dazu zwingen."

Rilkar nickte nachdenklich. Er zweifelte nicht daran, daß Talan es verstand, unangenehm zu werden, wenn er auch mit Sicherheit subtiler vorgehen mochte als Shadar. Während er den Blick des Militärkommandanten erwiderte, wanderten seine Gedanken zurück zu dem Abend, an dem er als Gefangener ins Lager gebracht worden war. Seine Erinnerung zeigte ihm Shadars lächelndes Gesicht, das furchtbare Gefühl der Hiebe und einen Mann, der über den Platz rannte, die Peitsche ergriff und zwei Worte sprach.

Er atmete tief durch.

"Ich werde Ihnen helfen!"

 

Als der Ingenieur in Begleitung der Wachen den Hangar betrat, fand er den Techniker bereits bei der Arbeit vor. Er merkte schnell, daß der Mann sein Fach verstand. Er arbeitete effektiv und mit Liebe zur Technik, und Rilkar kam rasch mit ihm ins Gespräch. Auf etwas holperigem Föderationsstandard erzählte der Romulaner, daß der Kampfgleiter, den Rilkar getroffen hatte, vorerst nicht zu reparieren war.

"Der Militärkommandant ließ den Nichtskönner von Piloten zu sich in sein Arbeitszimmer rufen." berichtete er schadenfroh, da er dem Mann anscheinend nicht verzeihen konnte, daß er den Gleiter hatte zu Schaden kommen lassen. "Als er wieder herauskam, war er ziemlich blaß um die Nase. Kommandant Talan hat bestimmt, daß er nach dem Eintreffen der Ersatzteile die durchgebrannten Plasmainjektoren eigenhändig ausbaut und ersetzt, und zwar nach Beendigung seines Dienstes, versteht sich. Ich soll ihn dabei lediglich überwachen. Der Bursche wird garantiert nicht vor Ablauf von sechs Tagen fertig sein."

Am Nachmittag kam Talan persönlich in den Hangar, um sich ein Bild von den Fortschritten der Reparaturarbeiten zu machen. Der Techniker informierte ihn darüber, daß das Schiff voraussichtlich in vier Tagen wieder flugfähig sein würde. Rilkar rang mit sich, dann sprach er den Kommandanten an.

"Es mag mich nichts angehen, aber haben Sie eine längere Reise vor?"

Talan musterte ihn mit verschränkten Armen.

"Zur Heimatwelt, nach Romulus!" gab er zur Antwort.

Rilkar nickte. "Also eine ziemlich weite Strecke! Ich fürchte, das wird nicht so ohne weiteres gehen."

"Was meinen Sie?"

"Ich meine, daß der Navigationscomputer Schwierigkeiten machen wird. Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich Probleme mit ihm hatte, deshalb bin ich jetzt in der Lage, die romulanische Gastfreundschaft zu genießen. Bevor Sie irgendwohin fliegen, müssen Sie ihn also erst einmal reparieren. Die Ersatzteile habe ich allerdings nicht an Bord, und Sie sie garantiert nicht in Ihrem Lager. Bevor mir der Navigationscomputer ausfiel, bin ich allerdings an einer vermutlich privaten Raumstation vorbeigeflogen, dorthin ist es vielleicht mit manueller Steuerung zu schaffen. Können Sie über längere Zeit ein ernstes Gesicht machen?"

Talan hob seine rechte Augenbraue.

"Wollen Sie damit andeuten, es könne notwendig werden, mich für eine gewisse Zeit als Angehöriger des vulkanischen Volkes auszugeben?" fragte er mit unbewegter Miene.

Rilkar lachte. "Nicht übel! Soll das heißen, Sie haben damit schon Erfahrungen gesammelt?"

Talan lächelte kaum merklich.

"Aus romulanischer Sicht ist die vulkanische Mitgliedschaft eine der Schwachstellen der Föderation. Ohne sie fiele uns die Informationsbeschaffung weitaus schwerer. Ich bin bereits einmal auf der Station gewesen. Sie ist tatsächlich privat und versorgt zum Teil Schmuggler und Waffenhändler, die gegen romulanisches Recht verstoßen. Es wird mir wahrscheinlich nicht schwer fallen, dort die Ersatzteile zu bekommen, die ich brauche, um zu den Kämpfen nach Romulus fliegen zu können."

Der Ingenieur hob den Kopf.

"Von was für Kämpfen sprechen Sie?"

"Sie finden alle sieben Jahre auf Romulus statt und umfassen alle Kampfarten, die bei uns jemals üblich gewesen sind. Sie sind jedoch soweit modifiziert, daß es nur noch selten zu Toten kommt. Die Teilnehmer sind in erster Linie Angehörige des Militärs, dennoch ist das Ereignis für den ganzen Planeten von großer Bedeutung, und es werden Wetten auf die Sieger abgeschlossen. Meine Disziplin ist der Kampf mit dem Fechtstock. Er gilt als besonders angesehen, weil er so ursprünglich ist. Sie deuteten an, es bestünde die Möglichkeit, daß Ihre Fähigkeiten die meinen übersteigen. Wären Sie bereit, den Beweis anzutreten?"

Rilkars Körper straffte sich.

"Wann immer Sie wollen!"

Talan betrachtete ihn nachdenklich.

"Ich hielte es für besser, noch etwas zu warten. Ich schlage vor, daß Sie in drei Tagen abends in die Trainingshalle kommen. Mein Stellvertreter Driskal wird Sie abholen."

"Einverstanden! Ich werde voraussichtlich zuhause sein."

Als Rilkar abends von zwei Soldaten in das Gefangenenlager zurückgebracht wurde, kam ihm Knut bereits entgegen.

"Mann, warst du lange weg! Ist alles in Ordnung?"

"Wie du siehst! Warum?"

"Wir hatten schon geglaubt, sie wollten dich noch einmal verhören. Hast du überhaupt schon etwas gegessen?"

"Um ehrlich zu sein, nein. Aber ich könnte etwas gebrauchen. Ist denn noch etwas da?"

"Silak und Qo'hod haben deine Ration aufgehoben. Das ist normalerweise gar nicht so einfach. Allerdings hatte es sich im Lager schon herumgesprochen, daß du den Nausikaaner niedergeschlagen hast, deshalb brauchten die beiden nur zu sagen, daß das Essen für dich ist. Die meisten haben sich so darüber gefreut, daß der Kerl Prügel bezogen hat, daß sie dir die Ration nicht streitig machen wollten. Der Rest hatte Sorge, daß du dich an demjenigen rächen würdest, der sie dir wegschnappt."

Während Rilkar kurz darauf in der Baracke das Essen zu sich nahm, mußte er sich im Stillen eingestehen, daß er sich auf den Kampf mit Talan freute.

 

 

Als Nirrit am nächsten Morgen erwachte, war es schon recht spät, dennoch fühlte sie sich deutlich unausgeschlafen.

"Kein Wunder, wenn man von morgens bis abends den Biestern nachrennt!" dachte sie schlecht gelaunt. "Langsam müßte ich eigentlich mit ihnen aufgeräumt haben, aber so oft ich auch auf der Jagd gewesen bin, es sind immer noch welche da. Ich möchte mal wissen, wo die sich verkriechen."

Sie war nun fest entschlossen, den Standort des Schirmgenerators so schnell wie möglich herauszubringen. Inzwischen hatte sie angefangen, sich in das hiesige Romulanisch hineinzuhören. Tatsächlich war die Aussprache etwas gewöhnungsbedürftig gewesen, einen Teil reimte sie sich zusammen, und auch das Altvulkanische half manchmal ein Stück weiter. Der Unterhaltung zwischen Shadar und Talan hatte sie sogar ein Stück folgen können, daher wußte sie, daß ihr von Shadar bis auf weiteres keine Gefahr drohte. Sie beschloß, ihre neugewonnenen Sprachkenntnisse auf der Suche nach dem Generator einzusetzen, in der Hoffnung, daß sie ein nützliches Gespräch belauschen konnte.

Ihr Wasserbehälter war leer, deshalb machte sie sich auf den Weg zum Fluß. Als sie durch den sonnendurchfluteten Wald trabte und die zahlreichen Gerüche wahrnahm, fühlte sie sich deutlich gehobenerer Stimmung. Eigentlich war es ein schöner Planet, nur fand sie es bedauerlich, daß sie ihn unter diesen Umständen hatte kennenlernen müssen. Das Klima war angenehm, die Natur erinnerte ein wenig an zu Hause, und endlich war sie nicht mehr ausschließlich an die Grundform gebunden. So näherte sie sich allmählich dem Fluß, in der Erwartung, bald das frische Wasser zu riechen. Statt dessen drang ihr eine ganz andere, unmißverständliche Witterung in die Nase: Der Geruch von Aas.

Sie richtete sich auf, um seinen Ursprung besser wahrnehmen zu können, und bewegte sich vorsichtig weiter auf das Ufer zu. Bevor sie ins Freie trat, vergewisserte sie sich noch einmal, daß sie sonst nichts Auffälliges witterte, dann verließ sie den Schutz der Vegetation.

Es hatte sich offenbar um einen Pflanzenfresser gehandelt. Kopf und Vorderleib lagen im Wasser. Nirrit kletterte die sandige Uferböschung hinab, um sich den Kadaver näher anzusehen. Der untergetauchte Hals war relativ langgestreckt, die kräftigen Beine endeten in gespaltenen Hufen, und der rotbraune Rücken mit den groben hellen Streifen fiel leicht ab. Der massige Rumpf des Tieres war in seiner ganzen Länge aufgerissen, und etwas hatte den größten Teil des hinteren Leibes sowie die Eingeweide verzehrt. Die Rhazaghani wußte genau, daß sie in der Krallenluum niemals imstande sein würde, so große Beute zu reißen.

Alarmiert hob sie den Kopf und witterte nach allen Seiten, denn sie begriff nun, daß sie nicht mehr allein hier draußen war. Irgend etwas teilte das Revier jetzt mit ihr, ein Fleischfresser der fähig war, ein so mächtiges Tier zu schlagen. Sie kletterte so schnell sie konnte die Uferböschung wieder hinauf und horchte, nahm aber nur das Strömen des Flusses und die Geräusche des Waldes wahr. Dennoch war sie sicher, daß der andere Jäger, welcherart er auch sein mochte, zu seinem Riß zurückkehren würde. Hastig füllte Nirrit ein Stück flußaufwärts ihren Wasserbehälter und ließ den Kadaver in schnellem Lauf hinter sich.

 

Drei Tage nach Rilkars Aufenthalt im Hangar kam Driskal von zwei Wachen begleitet in das innere Lager, um ihn abzuholen. Als er die Baracke betrat, hoben Soto und Mutub überrascht den Kopf. Driskal wandte sich an den Ingenieur.

"Sind Sie bereit?"

Als dieser nickte, gab er seinen Begleitern ein Zeichen, die daraufhin vortraten und Rilkar zu seiner Verwunderung je eine kräftige Metallspange um die Handgelenke schlossen. Driskal gab keine Erklärung zu ihrem Zweck ab, und Rilkar vermutete, daß man ihn später darüber belehren würde. Sie behinderten ihn jedenfalls nicht, so daß er ihre Existenz einfach hinnahm.

Wenig später führte Talans Stellvertreter ihn zu der kleinen Übungshalle des Lagers, die hell erleuchtet war. In einem Vorraum wurde dem Ingenieur leichte Trainingskleidung angeboten. Er nahm an, daß sie eigens für ihn repliziert worden war, denn sie saß tadellos. Jemand mußte ein gutes Augenmaß für seine Größe gehabt haben.

Als Rilkar in den Saal trat, schallten ihm die Geräusche der sich in verschiedenen Sport- und Kampfarten übenden Romulaner entgegen: Der dumpfe Aufprall auf Matten, Gelächter, anfeuernde Zurufe und das Aufeinanderschlagen unterschiedlicher Waffen. Talan stand ruhig am anderen Ende der Halle und erwartete ihn.

Als der Ingenieur vor ihm stehen blieb, nickte er ihm zu.

"Sie sind also noch entschlossen, sich mit mir zu messen?"

"Darum bin ich hier. Fangen wir an?"

Ohne eine Antwort zu geben, griff der Romulaner in einen Ständer, zog zwei Stöcke heraus und ließ ihn wählen. Sie bestanden aus einem hellen, nur leicht elastischen Material und waren etwas länger, als er es gewohnt war. Da er keinen Unterschied zwischen ihnen bemerkte, entschied er sich für einen, nahm ihn an sich und prüfte sein Gewicht. Zufrieden stellte er fest, daß es in etwa dem der ihm vertrauten Übungsstöcke entsprach.

Talan, der ihn dabei beobachtet hatte, führte ihn zu einem freien Platz in der Halle, wo beide voreinander Aufstellung bezogen und jeder in seine gewohnte Ausgangsposition ging. Gleich darauf knallten die Stöcke aufeinander.

Rilkar merkte schnell, daß der Romulaner dabei war, ihn zu testen. Anfangs setzte er ihn nicht unter Druck, steigerte sein Tempo aber rasch, als er feststellte, daß sein Gegner keine Probleme hatte, mitzuhalten. Der Ingenieur schlug zu, wich aus und täuschte an, um abermals zuzuschlagen, trieb seinen Gegner zurück, und mußte gleich darauf ebenfalls Boden preisgeben.

Mutub hatte nicht übertrieben: Talan war nicht nur stark und ausdauernd, sondern auch ungeheuer gewandt. Längst bewegten sie sich nicht mehr auf der ursprünglichen Fläche, inzwischen kämpften sie sich quer durch die Halle. Die anwesenden Romulaner stellten nach und nach ihre Betätigungen ein, um dem Kampf zuzusehen. Fassungsloses Erstaunen spiegelte sich auf ihren Gesichtern. Sie konnten sich nicht entsinnen, daß Driskal ihrem Militärkommandanten jemals auch nur annähernd so lange die Stirn geboten hatte.

Inzwischen glänzten die Gesichter der Kämpfenden vor Schweiß, doch verbissen trieben sie sich weiter gegenseitig durch den Übungssaal. Rilkar begann zu merken, daß seine Genesung erst kurze Zeit zurücklag. Ein bleiernes Gefühl machte sich in seinen Armen breit und durch seine Lunge schien Feuer zu fließen. Das Tempo machte ihm nun deutlich zu schaffen. Talan begann ihn immer mehr zurückzutreiben, ohne daß er es verhindern konnte.

Die Hiebe angestrengt abwehrend, mußte er Schritt für Schritt zurückweichen. Mittlerweile keuchte er, und sein Herz versuchte vergeblich, den Sauerstoffbedarf der zitternden Muskeln zu decken. Plötzlich spürte er, wie ihm der Romulaner in einem schnellen seitlichen Ausfall das Bein wegriß, auf dem sein Gewicht lagerte, und er fand sich auf dem Rücken liegend wieder.

Talan sah, auf seinen Fechtstock gestützt, auf ihn herab. Sein Brustkorb hob und senkte sich in kurzen, heftigen Atemstößen. Einen Moment lang sagte er nichts, doch dann begann er zu lächeln.

"Nicht übel!" brachte er heraus. "Zwar ist Ihre Kondition noch nicht ganz in Ordnung, aber ich denke, daß wir das ändern können."

Er streckte die Hand aus und half Rilkar auf die Beine.

"Kommen Sie! Meiner Ansicht nach reicht es für heute. Ihre Belastung darf nicht zu schnell gesteigert werden."

Driskal hatte den Kampf der beiden vom Eingang der Halle aus verfolgt, in der Hoffnung, daß der neue Gefangene den Erwartungen gerecht wurde, die sein Kommandant in ihn setzte. Mit jedem verstreichenden Augenblick, den der Cardassianer länger durchhielt, war seine Aufregung gewachsen, und nun verspürte er ein Gefühl der Erleichterung. Es hatte für ihn eine große Belastung bedeutet, seinem Vorgesetzten beim Training nicht die Fähigkeiten bieten zu können, die dieser dafür gebraucht hätte. Hilflos hatte er die vergangene Zeit mitansehen müssen, wie die Gereiztheit Talans über diesen Umstand immer mehr anstieg und ein deutliches Gefühl der Schuld über seine eigene Unfähigkeit empfunden, diesem gegenüber einen angemessenen Gegner zu verkörpern. Auch die Tatsache, daß er seinen Kommandanten durch sein mangelndes Können so weit gebracht hatte, daß dieser ihn vor aller Augen beim Training zusammenschlug, hatte ihn mit Scham erfüllt.

Befriedigt beobachtete er nun, wie Talan dem Cardassianer eigenhändig hochhalf, denn er wußte, daß auch sein Vorgesetzter zufrieden war. Er sah den beiden Männern nach, wie sie gemeinsam den Umkleideräumen zustrebten, dann wandte Driskal sich ab, um sich seinen Pflichten zu widmen.

Als Talan und Rilkar den Vorraum betraten, lagen heiße und feuchte Tücher für sie bereit, die der Reinigung des Körpers dienten. Während sich der Romulaner damit abrieb, betrachtete er Rilkar, der noch im Begriff war, die Trainingskleidung abzulegen. Sein Blick blieb an den schmalen hellen Linien haften, die sich in großer Zahl kreuz und quer über den Rücken des Ingenieurs zogen.

"Nilamon hat gute Arbeit geleistet." brach er schließlich sein Schweigen.

Rilkar drehte ihm den Kopf zu.

"Das haben meine Kameraden auch gesagt. Er scheint überhaupt ein bemerkenswerter Arzt zu sein."

"Das stimmt!" antwortete Talan trocken. "Leider neigt er ein wenig zur Insubordination."

Rilkar lächelte. "Ich habe einmal sagen hören, das täten alle Ärzte, die etwas taugen. Militärischer Gehorsam und medizinische Kompetenz sind zwei Dinge, die sich nur schwer miteinander vereinbaren lassen. Wahrscheinlich ist es einfach unumgänglich, daß sich ein guter Militärarzt so aufführt, als hätten sowohl seine Vorgesetzten als auch seine Patienten die Vernunft von Kleinkindern."

"Das hört sich so an, als seien Sie ebenfalls Soldat gewesen."

"Sie haben recht! Ich war auf Bajor stationiert. Dort habe ich einige Militärärzte kennengelernt, von denen längst nicht alle ihr Fach verstanden. Sie können sich glücklich schätzen, daß der Ihre sich mit Leib und Seele seinem Beruf verschrieben hat."

"Sie haben leicht reden, Sie müssen sich nicht ständig mit ihm streiten. Wenn es nach Nilamon ginge, müßte ich meine Leute bis auf weiteres auf den nächsten Urlaubsplaneten schicken, von denen die Föderation angeblich mehrere haben soll."

"Was wäre daran so schlecht?"

"Das Oberkommando hätte einiges dagegen."

Sie verließen gemeinsam die Trainingshalle. Rilkar hatte erwartet, daß er durch die Wachen in das innere Lager zurückgeführt würde, aber zu seiner Überraschung machte Talan sich mit ihm auf den Weg zu seiner Unterkunft. Als sie das geräumige, aber schlicht eingerichtete Quartier betreten hatten, wandte sich der Ingenieur verwundert an den Romulaner.

"Haben Sie keine Bedenken, daß ich versuchen könnte zu fliehen?"

Talans Antwort bestand in einer stummen Geste, mit der er auf die Spangen an Rilkars Handgelenken wies. Als dieser darauf verständnislos die Brauen hob, griff der Romulaner zu einem kleinen Gerät, das an seinem Gürtel befestigt war.

Im selben Augenblick fühlte sich der Ingenieur mit einem ungeheuren Ruck an den Armen nach unten gerissen. Fassungslos fand er sich auf den Knien liegend wieder, während seine Handgelenke wirkten, als seien sie mit dem Boden verwachsen. Talan betrachtete ihn leicht amüsiert.

Rilkar blickte mit aufgerissenen Augen zu ihm hoch.

"Was sind das für Geräte?"

"Modifizierte Grav-Anker! Benutzt man so etwas auf Cardassia nicht?"

Sein Gegenüber versuchte mühsam, mit seinem verletzten Stolz fertigzuwerden.

"Doch! Beim Schiffsbau!" knirschte er. "Lassen Sie mich los? Oder hatten Sie vor, mich für den Rest des Abends auf den Knien liegen zu lassen?"

Talan schmunzelte und griff zu seinem Gürtel, worauf sich der Ingenieur erleichtert erhob. Der Romulaner wandte ihm den Rücken zu und stellte zwei Gläser sowie eine Flasche mit blauem Inhalt auf den Tisch. Mit einer Handbewegung forderte er Rilkar auf, sich zu setzen, goß jedes Glas halbvoll und stellte eines vor seinem Gast ab. Dieser roch vorsichtig daran.

"Ist das nicht romulanisches Ale?"

"Das ist richtig! Es ist nur Replikator-Qualität, aber der Alkohol, den Sie da riechen, ist echt. Also lassen Sie uns auf ein erfolgreiches gemeinsames Training trinken!"

Rilkar hob den Kopf und stellte sein Glas ab.

"Wie meinen Sie das?"

"Ich brauche einen qualifizierten Trainingspartner. Driskals Talent als Stockfechter ist nur begrenzt, Sie dagegen sind der beste Kämpfer, mit dem ich es seit langer Zeit zu tun hatte. Sind Sie einverstanden, mit mir zu trainieren?"

Der Ingenieur lehnte sich zurück und schwieg nachdenklich. Kurz darauf hob er den Blick und sah den Romulaner an.

"Gesetzt den Fall, ich wäre es, wie sähe es dann mit Gegenleistungen aus?"

Talans Augen wurden schmal.

"Gegenleistungen? Sind Sie Cardassianer oder Ferengi?"

"Sagen Sie nichts! Meine Kameraden haben mir erzählt, daß ich mein Überleben zum Teil einem geschäftstüchtigen Ferengi zu verdanken habe."

Der Romulaner schwieg einen Moment.

"Von was für Gegenleistungen reden Sie?"

"Eine Vergrößerung der Gefangenenrationen um fünfundzwanzig Prozent!"

"Warum sollten die Rationen vergrößert werden? Die Gefangenen arbeiten im Moment nicht einmal."

"Das Essen ist auch jetzt nicht als ausreichend anzusehen. Überlegen Sie es sich! Sie brauchen doch einen Trainingspartner, nicht wahr?"

Talan fixierte ihn ruhig.

"Ich könnte Sie auch einfach dazu bestimmen."

"Das wäre aber dem Training nicht unbedingt förderlich."

Der Romulaner blickte zur Seite.

"Die Lagerbelange unterliegen Shadar, das wissen Sie!"

"Ich weiß auch, daß sich Shadar nur selten blicken läßt. Die Verwaltungsarbeit überläßt er Ihnen. Es ist recht unwahrscheinlich, daß er auf die Idee käme, die Rationen für die Gefangenen nachwiegen zu wollen, zumal er über deren Größe kaum informiert sein dürfte. Und Ihre Leute werden mit Sicherheit keine Fragen stellen."

Talan lehnte sich zurück und atmete tief durch.

"Nun gut! Eine Vergrößerung um zehn Prozent."

"Wer ist jetzt der Ferengi? Wir reden von Replikatorrationen!"

Talan lächelte kaum merklich.

"Ich habe den Eindruck, daß es nicht ungefährlich ist, sich mit Ihnen auf eine Verhandlung einzulassen. Also achtzehn Prozent! Machen Sie aber jetzt nicht den Fehler, mehr zu verlangen!"

Rilkar nickte langsam. "Wie Sie meinen! Trinken wir also?"

Er hob sein Glas und Talan, der ihn noch immer mit leisem, amüsiertem Lächeln ansah, tat dasselbe. Der Ingenieur, der die Stärke des Getränkes bemerkte, hielt sich im Laufe des Abends beim Trinken vorsichtig zurück. Gleichzeitig beobachtete er fasziniert seinen Gastgeber. Der durchtrainierte, asketisch wirkende Talan trank wie ein Loch.

"Trinken Sie jeden Abend solche Mengen?" fragte er nach einer Weile.

Der Romulaner schüttelte den Kopf.

"Nicht mehr seit meinem Abflug von Romulus!" antwortete er. "Und selbst dort nur hin und wieder mit meinen Freunden nach dem Training."

Wesentlich später rief Talan die Wachen, die Rilkar in das innere Lager zurückführten. Inzwischen war auch der Ingenieur nicht mehr ganz nüchtern, doch er betrat die Baracke in dem erleichterten Gefühl, eine gute Nachricht für seine Kameraden zu haben.

Rilkar schlief bis in den Mittag hinein und bemerkte sofort nach seinem Erwachen ein bohrendes Gefühl in den Schläfen.

"Das blaue Zeug hat es in sich!" dachte er. "Ich möchte mal wissen, wie es Talan geht."

Er blinzelte vorsichtig und erkannte einen Kunststoffteller mit seiner Ration, den jemand auf Mutubs Pritsche abgestellt hatte. Sofort richtete er sich auf und bemerkte Silak, der sich als Einziger außer ihm in der Baracke aufhielt.

"Er hat Wort gehalten!" nickte der Vulkanier. "Die Erhöhung des Gewichts dürfte exakt achtzehn Prozent ausmachen."

 

Als der Ingenieur in der Nacht zurückgekehrt war, hatte er Silak noch wach vorgefunden. Natürlich bestritt jener, sich Sorgen gemacht zu haben. Es war, wie er angab, nur logisch, daß die Person mit dem geringsten Schlafbedürfnis wach blieb, um die anderen von Rilkars Rückkehr informieren zu können. Der Ingenieur hegte allerdings den Verdacht, daß der stille Vulkanier mitunter einer etwas eigenen Logik folgte.

Ihre Kameraden hörten sich kurz darauf verschlafen den Bericht des Zurückgekehrten an, wurden aber schlagartig wach, als sie von der Abmachung mit dem Militärkommandanten hörten.

"Die anderen müssen darüber informiert werden, daß Shadar von den vergrößerten Rationen nichts weiß." erklärte Rilkar. "Es ist wichtig, daß sie sich unauffällig benehmen. Haltet sie also bitte dazu an!"

"Das erledige ich!" rief Knut und sprang mit einem Satz von seinem Lager. Bevor er jedoch die Baracke verlassen konnte, hielt der Ingenieur ihn auf.

"Ich denke, es reicht vollkommen aus, wenn die Leute im Laufe des Vormittags von der Veränderung erfahren. Es ist ziemlich auffällig, wenn das ganze Lager aus den Betten gerissen wird. Laß die anderen schlafen, Knut!"

"Aye, aye, Captain!" grinste der junge Bursche und kehrte zu seiner Pritsche zurück.

Rilkar reckte sich gähnend und streckte sich auf seinem Lager aus. Mutub musterte ihn.

"Was hat es eigentlich mit den Metallringen auf sich, die du trägst? Benötigt man auf Romulus so etwas zum Training?"

Bevor der Angesprochene antworten konnte, meldete sich Silak.

"Ich habe davon gehört. Meines Wissens nach sind es Gravitationsspangen, die über einen Sender mit hoher Reichweite aktiviert werden können. Die Romulaner verwenden sie bei Gefangenen, bei denen man Verletzungen vermeiden will. Im Falle eines Fluchtversuches oder einer aggressiven Handlung genügt es, die Geräte einzuschalten, und der Träger wird auf der Stelle unfähig, irgendwelchen Widerstand zu leisten."

Mutub sah nachdenklich zu Rilkar hinüber.

"Eine raffinierte Erfindung, typisch für Romulaner!" mußte er zugeben. "Auf alle Fälle sieht es ganz so aus, als würde Talan nur ungern auf dich schießen müssen."

 

Als Rilkar seine Ration zu sich nahm, trat zu seiner Überraschung der Militärkommandant ein.

"Zufrieden?" wandte er sich an den Sitzenden.

Der Ingenieur nickte. "Sie pflegen sich offensichtlich an ihre Abmachungen zu halten."

Er musterte Talan gründlich und suchte bei ihm vergeblich nach Anzeichen des Alkoholgelages von gestern Nacht. Schließlich schüttelte er in widerwilliger Bewunderung den Kopf.

"Wie halten Sie das Zeug bloß aus?"

Talan verstand und grinste selbstgefällig.

"Cardassianer vertragen nichts! Sehen wir uns heute Abend in der Halle?"

"Auch ich weiß, was eine Abmachung ist!"

Der Romulaner nickte und verließ das Gefangenenquartier. Draußen ging er an der erschöpften Nirrit vorbei, die dort in der Sonne lag und döste. Sie hatte mehrmals beide Lager nach dem Unterschlupf der verbliebenen Zorls durchsucht, war aber nicht fündig geworden. Nun war sie fest entschlossen, noch einmal das äußere Lager abzusuchen, um sicherzugehen, daß ihr nicht ein einziger entgangen war.

Am Vortag war es zu einem üblen Zwischenfall gekommen. Die Rhazaghani hatte wie am Tag zuvor in der Nähe des vermuteten Generatorstandortes Position bezogen, Gespräche belauscht und die Romulaner beobachtet, die das Gebäude betraten oder verließen. Dabei mußte sie eingeschlafen sein, denn sie schreckte hoch mit dem Eindruck, einen Schrei gehört zu haben. Um sie herum rannten bereits die Soldaten in eine bestimmte Richtung, und gleich darauf nahm Nirrit das bekannte Geräusch der Energiewaffen wahr. Als sie am Ort eintraf, war Nilamon bereits bei der Arbeit und versorgte einen stöhnenden Romulaner, der knieend an einer Energieleitung zum Replikatortrakt gearbeitet hatte. Der Zorl hatte ihn an Gesicht, Schulter und Hals getroffen.

Nirrit betrachtete entsetzt die furchtbaren Verätzungen, die die Säure verursacht hatte. Sie kannte den Mann. Sie hatte ihn oft bei der Arbeit an verschiedenen technischen Anlagen gesehen, und er hatte dabei stets ein paar schmeichelnde Worte für sie übrig gehabt. Und nun stand sie da und beobachtete, wie er in Eile zur Krankenstation gebracht wurde.

Die Rhazaghani fühlte sich ausgesprochen schuldig. Anstatt zuerst darauf zu achten, daß den Bewohnern des Lagers keine Gefahr drohte, hatte sie viel zu viel Zeit vor dem Gebäude verbracht und war schließlich sogar eingeschlafen. Sie wußte, daß der Mann mit mehr Achtsamkeit auf ihrer Seite unverletzt geblieben wäre. Es war unumgänglich, daß sie die restlichen Zorls aufstöberte.

 

Als Nirrit das innere Lager ohne Ergebnisse verlassen hatte, entschied sie sich dafür, die unmittelbare Nähe der Barriere abzusuchen. Bisher hatte sie das für sinnlos erachtet, da der Energieschirm schon längere Zeit nicht abgeschaltet worden war und die Zorls sich in der Nähe ihrer potentiellen Beute zu verbergen pflegten, aber sie war nun fest entschlossen, keine Möglichkeit mehr außer acht zu lassen. So trabte sie direkt neben der Barriere entlang, als auf einmal die Pflanzendecke unter ihrer Pfote nachgab. Sie zog das Bein heraus und witterte. Sie war in ein Loch eingebrochen, dessen Beschaffenheit an die Bauten von Nagern erinnerte, die sie auf der Erde gesehen hatte. Sie bemerkte keine Gerüche, denn diese pflegten sich in der Nähe der Barriere nicht lange zu halten. Nachdenklich lief sie weiter und stieß auf ein zweites Loch unter einem Strauch, das etwas größer war als das erste.

Das Begreifen überkam sie schlagartig. Die ganze Zeit über war sie davon ausgegangen, daß diese Tiere erst bei Abschalten des Schildes Zugang zum Lager erhielten und sich dann hier verbargen, dabei waren sie ununterbrochen hereingekommen.

"Wahrscheinlich graben sie sich nachts durch und sind bereits hier, wenn ich das Lager betrete." dachte Nirrit hilflos.

Das machte alles nur noch schwieriger. Aber es half nichts, sie konnte nicht während ihrer Suche nach dem Generator und seiner Abschaltmöglichkeit das Lager ungeschützt den Zorls überlassen. Sie würde sich noch mehr anstrengen müssen.

 

10.

Am späten Abend lag Rilkar mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf seiner Pritsche. Silak meditierte. Soto und Knut spielten mit verschiedenfarbigen Kieseln eine andorianische Version von Schach auf einem schmutzigen karierten Tuch, das Soto für zwei Rationen erstanden hatte. Im Hintergrund war die Stimme von Qo'hog zu hören, der Mutub eine der zahlreichen Heldentaten des großen Kahless erzählte.

"...und als er die Anhöhe erreicht hatte, hob er das Bat'leth Karoks hoch über sein Haupt, die Männer auffordernd, sich mit ihm im Kampf zu messen..."

Rilkars Gedanken glitten zurück zu dem vergangenen Abend. Er hatte sich bemüht, Talan zu zeigen, daß das Risiko, welches er mit der Rationenvergrößerung einging, die Sache wert war. Da er wußte, daß seine Kondition noch nicht seine gewohnte war, hatte er gleich zu Anfang entschlossen angegriffen und den Romulaner sogar kurzfristig in Bedrängnis gebracht. Dieser hatte jedoch rasch reagiert, war unter seinen kraftvollen Hieben weggetaucht und seinerseits zum Angriff übergegangen. Eine Zeitlang hielt sich der Kampf zwischen ihnen die Waage, bis sich dann irgendwann Rilkars mangelnde Ausdauer bemerkbar machte. Schließlich endete es damit, daß der Kommandant seinem Gegner in einem blitzartigen Vorstoß den Stock aus der Hand schlug. Trotzdem war Talan zufrieden gewesen.

"Es wird!" hatte er schwer atmend herausgebracht. "In einigen Tagen muß ich mich wahrscheinlich vor dir in Acht nehmen. Dein Stil ist allerdings etwas ungewohnt, jedoch nicht so fremdartig, daß er ein Problem darstellt. Die Möglichkeiten bei dieser Kampfart sind zum Glück begrenzt."

Sie hatten inzwischen zu der vertraulicheren Form der Anrede gefunden, da der Romulaner sie beim Training für angebrachter hielt. Dennoch war es für den Ingenieur noch immer schwer, einzuschätzen, was für Gefühle und Gedanken sich hinter den ziselierten Gesichtszügen seines Trainingspartners verbargen.

Nach dem Training hatten sie sich dann getrennt, da den Kommandanten noch Arbeit an seinem Schreibtisch erwartete, und Rilkar war von zwei Soldaten in das innere Lager gebracht worden.

Rilkars Gedanken wanderten weiter zu Nirrit. Zweifellos lag sie jetzt irgendwo dort draußen in der Wildnis in ihrem Versteck und schlief, ständig in Gefahr, von einem Raubtier getötet zu werden. Mühsam versuchte der Ingenieur die Vorstellung zu verdrängen, wie sich eine fremdartige Bestie über den gefleckten Körper beugte und ihn zerriß. Er hielt es mittlerweile für absolut unentschuldbar, daß er die junge Frau in diese Situation gebracht hatte.

"Ich hätte eine andere Lösung finden müssen!" dachte er voller Gewissensbisse. "Stattdessen habe ich mich von der Wut auf Raskh blenden lassen."

Der Ingenieur war inzwischen zu der Ansicht gekommen, daß dessen Handlungsweise den Versuch dargestellt hatte, sowohl seinen Bruder als auch seine Karriere zu retten. Raskhs Laufbahn hatte für diesen wahrscheinlich in gewisser Weise die gleiche Bedeutung wie für ihn selbst das Triebwerk. Es war unfair gewesen, zu versuchen, ihn unter Druck zu setzen, noch dazu durch die Entführung einer völlig unbeteiligten Person.

Vielleicht hätte er sich an die Föderation wenden können mit der Bitte, die Anklagen zu widerlegen. Die Regierung war im Moment so sehr um gute Beziehungen mit ihr bemüht, daß sogar Reparationsleistungen für Bajor im Gespräch waren. Es war natürlich fraglich, ob die Föderationsbürokraten auch nur einen Finger für einen unbedeutenden cardassianischen Ingenieur gerührt hätten.

In der Halle hatte er Talan scheinbar beiläufig nach Nirrit gefragt. Dieser hatte die Achseln gezuckt.

"Das Tier sucht regelmäßig jeden Morgen das Tor auf, wo die Wachen Befehl haben, es einzulassen. Am Abend verläßt es das Lager wieder, mir ist nicht bekannt, wo es sich dann aufhält. In seinem Unterschlupf, nehme ich an. In der übrigen Zeit geht es hier im Lager auf die Jagd, obwohl ich mich frage, warum, denn es frißt die Zorls ohnehin nur an. Gestern muß es allerdings einen übersehen haben, denn der Lageringenieur wurde verletzt. Zum Glück war Nilamon sehr schnell bei ihm, um das Schlimmste zu verhindern. Seiner Aussage nach wird das betroffene Auge keinen Schaden zurückbehalten."

Der Ingenieur seufzte niedergeschlagen und versuchte sich wieder auf Qo'hogs Erzählung zu konzentrieren.

"...hatten die drei Brüder das Tal erreicht und machten ein Feuer, um sich daran niederzulassen und eine Entscheidung zu treffen. Und obwohl sie weit entfernt von ihrem angestammten Haus waren, stimmten sie das Kampflied ihrer Sippe an."

Qo'hod holte Luft und begann in tiefer Tonlage zu singen. Rilkar horchte erstaunt auf und fiel, ohne groß darüber nachzudenken, mit kräftiger Stimme ein:

"Norosuri Sam uq 'ta, samino hoq Urag'tij."

Der Klingone sah mit offenem Mund zu ihm herüber.

"Bei dem Schwert des Kahless! Woher kennst du das, Cardassianer?"

Dieser lachte. "Ob du es glaubst oder nicht, ich habe das Lied in meiner Kindheit häufig durch eine Wand hindurch gehört. Nur die Bedeutung ist mir vollkommen unbekannt."

Bevor Qo'hog etwas erwidern konnte, trat ein Bolioner in den Eingang und wandte sich unsicher an den Ingenieur.

"Entschuldigung, aber die beiden Orioner haben den Ferengi erwischt, kurz bevor er sich an die Wachen wenden konnte. Ich dachte nur, das sollten Sie vielleicht wissen."

Rilkar schoß von seinem Lager hoch.

"Verdammt! An den Ferengi hatte ich nicht gedacht! Mutub und Qo'hog, könnt ihr mich begleiten?"

Die beiden Angesprochenen erhoben sich sofort und folgten dem Ingenieur, der sich von dem Bolioner zu einer dunklen Stelle zwischen den Baracken führen ließ. Ein verzweifeltes Jammern wurde hörbar. Rilkar trat heran und erkannte Mirk, dem die beiden aufgebrachten Orioner bereits tüchtig zugesetzt hatten. Aus der gerillten Nase floß Blut und eines der beiden großen Ohren begann bereits dunkel anzulaufen.

"Laßt ihn los!" wandte er sich ruhig an die beiden Männer. Diese sahen überrascht auf, gehorchten aber sofort.

Er holte tief Luft. "Also, was ist passiert?"

Einer der beiden sah wütend auf den wimmernden Ferengi hinab.

"Der Kriecher war bereits auf dem Weg zu Shadar, um ihm von den geänderten Rationen zu berichten. Jeder hier weiß, daß er für den Schinder spioniert. Als er damals der "Begrüßung" unterzogen wurde, hat er nach zwei Hieben das ganze Lager zusammengeschrien und versprochen, daß er alles Interessante im Gefangenenlager berichten würde. Shadar hat laut gelacht und ihn zu sich bringen lassen. Seither kriecht dieser Wurm herum und spitzt überall die Ohren. Manchmal läßt er sich nachts von den Wachen zu Shadar bringen. Er glaubt anscheinend, daß wir es nicht bemerken."

Der Ingenieur seufzte. "Kommt, wir nehmen ihn mit zu uns! Ich werde mit ihm reden."

Qo'hog zog den jammernden Ferengi auf die Beine. Der andere Orioner sah jenen aus schmalen Augen an.

"Es wäre besser, wenn wir die Sache gleich hier erledigen würden. Wir könnten das übernehmen."

Rilkar drehte sich zu ihm um.

"Und wo wolltet ihr die Leiche lassen? Ich kümmere mich darum, habe ich gesagt!"

Er warf Mutub einen Blick zu, worauf der nickte und bei den beiden Orionern zurückblieb, um beschwichtigend auf sie einzureden.

Als sie in der Baracke eingetroffen waren, bat Rilkar Soto und Knut, sich zu vergewissern, daß den Wachen nichts aufgefallen war. Daraufhin begann er eine unruhige Wanderung im Gang zwischen den Pritschen, während der Klingone ein wachsames Auge auf den immer noch schluchzenden Mirk hielt.

Er wußte, daß es keinen Sinn hatte, einem Ferengi moralische Vorhaltungen zu machen. Ebensogut hätte er jemandem mit Infrarotsicht einen Regenbogen erklären können. Verzweifelt überlegte er, wie Mirk zu überzeugen war.

Es ging nicht nur um die Rationen. Der Ingenieur konnte sich nur zu gut ausmalen, was mit Talan geschehen würde, wenn Shadar von dessen Eigenmächtigkeit erfuhr. Mutub hatte sich zu dem Thema deutlich genug geäußert.

Rilkar blieb stehen und sah den Ferengi an.

"Warum tust du das, Mirk? Die Rationenvergrößerung stellt doch auch für dich einen Profit dar. Du dürftest wissen, was passiert, wenn Shadar davon erfährt."

Der Ferengi krümmte sich eingeschüchtert zusammen.

"Ich habe eine geschäftliche Vereinbarung mit ihm getroffen." wimmerte er.

"Eine geschäftliche Vereinbarung? Mit Shadar? Und worin bitte soll dein Vorteil dabei bestehen?"

Mirk sah zögernd an ihm hoch.

"Ich habe ihm hin und wieder ein paar Kleinigkeiten aus dem Gefangenenlager erzählt. Er will hören, ob es Zorlverletzungen gegeben hat. Und er interessiert sich für die Prügeleien. Dafür, sagte er, stünde ich unter seinem Schutz."

Der Ingenieur richtete sich auf.

"Unter seinem Schutz? Silak, was meinst du dazu?"

"Daß es unlogisch ist!" ließ sich der Vulkanier ruhig vernehmen. "Mirk besitzt keinerlei Vorrechte oder Vergünstigungen hier im Lager. Seine Rationengröße ist stets dieselbe wie bei den anderen Gefangenen. Und bis vor kurzem hat Mirk noch ohne jede Hilfe das Gefangenenlager von Bewuchs freihalten müssen. Die Vorstellung, daß Shadar ihm das Leben hier erleichtert, ist absurd."

"Und du, Qo'hod?"

"Ich kann dazu nur eines sagen!" knurrte der Klingone. "Wenn sich hier jemand entschließen sollte, dem Ferengi den Hals umzudrehen, wird ihm kaum jemand eine Träne nachweinen, am allerwenigsten Shadar."

Rilkar wandte sich wieder an Mirk.

"Du hast sie gehört! Glaubst du immer noch, daß deine Vereinbarung mit Shadar dir Vorteile bringt?"

"Ich kann die geschäftliche Verbindung zu ihm nicht lösen." jammerte dieser verzweifelt. "Er könnte mir furchtbare Dinge antun, wenn ich das täte."

Der Ingenieur überlegte einen Moment.

"Wenn das so ist, schlage ich dir ein Geschäft vor: Berichte Shadar auch weiterhin von den Vorfällen hier! Vorher jedoch wirst du zu mir kommen und deine Berichte mit mir abstimmen. Shadar kann dich vor dem Zorn deiner Mitgefangenen nicht schützen, ich aber schon. Im übrigen heißt es, Ferengis hätten gute Ohren. Vielleicht hörst du ja die eine oder andere nützliche Information im äußeren Lager, zum Beispiel über den Aufstellungsort des Schildgenerators. Sprichst du romulanisch?"

"Ich hatte mehrere romulanische Geschäftspartner, bevor ich gefangengenommen wurde." antwortete Mirk stolz.

"Also gut! Gilt unser Geschäft?"

"Ja, es gilt! Aber was ist mit denen da draußen?" fragte Mirk und schielte ängstlich zum Eingang.

"Sollte dir einer von ihnen Ärger machen wollen, verweis ihn an mich. Ich werde ihm erklären, daß du jetzt zu uns gehörst. Und wegen der Rationen kein Wort zu Shadar, versteht sich!"

Als Mirk die Baracke verließ, wußte Rilkar, daß der Ferengi keine Gefahr mehr darstellen würde. Sollte Shadar ruhig weiterhin seinen Spaß an den Schilderungen von Verletzungen und Schlägereien haben. Von der Abmachung mit Talan würde er nichts erfahren.

 

Nilamon beugte sich prüfend über das Auge des Lageringenieurs Velkat.

"Was haben Sie für einen Eindruck?"

Der Mann blinzelte.

"Ich bemerke keinen Unterschied. Sie stehen zwar im Ruf, Ihre Patienten zu terrorisieren, aber Sie verstehen es, sie wieder zusammenzuflicken. Gut gemacht, Nilamon!"

"Was macht die Schulter?"

"Die spannt im Moment nur etwas. Surin hat mir vorhin etwas gegen die Schmerzen gegeben, allerdings fühle ich mich jetzt etwas müde davon."

"Gedulden Sie sich noch ein paar Tage! Ich will hier keinen Pfusch leisten. Zorlverätzungen dauern, das wissen Sie! Das letzte Mal mußten Ihre Plasmaleitungen auch fünf Tage ohne Sie auskommen."

"Ich weiß! Ich mache Ihnen ja auch keine Vorwürfe. Aber da gibt es etwas anderes, das mir Sorgen macht. Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Kesh'ta magert ab!"

Nilamon nickte nachdenklich. "Ja, ich habe es auch gesehen und Surin ebenfalls. Das Fell sieht auch nicht mehr so gut aus wie am Anfang."

"Und sie schläft manchmal in der Sonne ein. Das hat sie am Anfang nie gemacht. Glauben Sie, daß sie krank ist?"

Der Arzt zog ratlos die Schultern hoch.

"Fragen Sie mich etwas Leichteres. Mit der hiesigen Fauna kenne ich mich kaum aus. Kesh'ta ist überhaupt das einzige Exemplar ihrer Art, das ich bis jetzt zu Gesicht bekommen habe. Ich kann unmöglich sagen, was für sie als normal gilt, und was nicht."

"Sie könnten sie nicht untersuchen, oder?"

"Wie stellen Sie sich das vor? Abgesehen davon, daß sie kaum stillhalten würde, wüßte ich nicht einmal zu sagen, bei welchem Wert ihr normaler Puls liegt, von ihren anderen Normwerten ganz zu schweigen. Ihre Organe sind vermutlich ganz anders beschaffen als unsere. Wenn sie krank ist, kann eine Infektion ebenso die Ursache sein wie ein Tumor. Ich wäre nicht in der Lage, es zu erkennen. Ich fürchte, wir können nur hoffen, daß sie sich von selbst wieder erholt, es tut mir leid."

Der Lageringenieur nickte bekümmert und schwieg.

 

11.

Nirrit erwachte morgens mit Kopfschmerzen. Sie warf einen Blick aus ihrem Versteck und stellte anhand des Sonnenstandes fest, daß es wieder relativ spät sein mußte. Seit dem Tag, an dem sie entdeckt hatte, auf welche Weise die Zorls ins Lager gelangten, hatte sie einen aufreibenden Kampf gegen diese Tiere begonnen, und die Folge davon war anscheinend ständige Müdigkeit. Dennoch war sie stolz darauf, daß es zu keiner Verätzung mehr gekommen war. Stets war sie rechtzeitig zur Stelle gewesen, um zu verhindern, daß der Eindringling hatte gefährlich werden können, und sie wußte, daß die Bewohner des Lagers froh waren über die Möglichkeit, einigermaßen angstfrei leben zu können.

Sie witterte ins Freie, wo der Boden noch feucht von dem heftigen Regen in der Nacht war. Sie war von seinem Rauschen aufgewacht und davon, daß sie fror. Es hatte während ihres Aufenthaltes auf diesem Planeten schon mehrmals geregnet, aber anscheinend war die Temperatur diesmal stärker abgesunken als gewöhnlich. So hatte sie die Luum mit einem leichten Aufblitzen durch eine isolierende Schicht von Unterhaar erweitert und war dann nach einer Weile wieder eingeschlafen.

Sie verließ die kleine Höhle unter den Baumwurzeln und reckte sich. Es dauerte jetzt immer etwas, bis sie in die Gänge kam, aber wenn das der Preis dafür war, daß sie nicht wieder die Schuld an einem Zwischenfall wie neulich trug, war es die Sache wert.

Die Rhazaghani lief ihren gewohnten Weg Richtung Lager, wo, wie sie wußte, die Wachen sie bereits erwarteten. Sie hatte den Eindruck, im Laufen noch ein wenig gedöst zu haben, als sie plötzlich sie das Gefühl bekam, daß ihr irgend etwas entgangen war. Sie bremste ihr Lauftempo ein wenig ab. Hatte sie etwas gesehen, aber nicht bewußt wahrgenommen? Irgend etwas war anders als sonst.

Sie bewegte sich nur noch langsam. War es vielleicht ein Geräusch gewesen, das sie nicht hatte einordnen können und auf das ihr Unterbewußtsein sie nun hinwies? Nein! Kein Geräusch, da war sie sich sicher.

Sie blieb stehen und starrte in das Dickicht des Waldes.

Kein Geräusch, eine Witterung!

Kein starker Geruch, nur schwer wahrnehmbar. Ein ganz leichter Wind strich durch den Wald und sie hatte ihn im Rücken. Sie kannte die Witterung. Wo hatte sie sie zuletzt wahrgenommen?

Beim Kadaver!

Im selben Augenblick explodierte das Gebüsch seitlich vor ihr, etwas Ungeheures kam auf sie zugestürzt, blitzende Zähne, ein aufgesperrter Rachen! Mit einem Adrenalinschub, der ihr durch den ganzen Körper schoß, katapultierte sie sich nach vorne, unter Krallen hindurch, die nach ihr schlugen und den kleinen flinken Körper verfehlten. Vorbei an mächtigen Hinterbeinen und einem langen Schwanz. Nur vorwärts! Ihr Gegner drehte sich jetzt, das wußte sie. Ein großer mächtiger Leib, der zu bewegen war. Voraus ein Baum, und schon der fauchende Atem des Feindes hinter ihr. Wie konnte der schon so nahe sein? Nur nicht umdrehen! Da war der Baum! Ein mächtiger Satz, und nichts riß sie zurück. Kein Zupacken, das ihrem Leben ein Ende setzte! Sie kletterte weit hinauf bis in eine Astgabel, erst dort ließ sie sich schwer atmend und mit rasendem Herzschlag nieder. Dann blickte sie nach unten.

Der Räuber stand am Fuße des Baumes und starrte zu ihr hoch.

Zuerst fiel ihr nur der mächtige gepanzerte Kopf auf, wo grünliche Hornplatten einen regelrechten Schild bildeten. Dann bemerkte sie, daß das Geschöpf auf den Hinterbeinen stand, von dem kräftigen Schwanz ausbalanciert. Die Krallen der kürzeren Vorderbeine kratzten über die Baumrinde. Die Panzerung erstreckte sich auch über den Rest des Leibes und Nirrit wußte, daß dieses grün-braun getigerte Tier keine Probleme damit haben würde, sich notfalls nur von Zorls zu ernähren.

Dies war kein Reptil, dessen war sie sich sicher, vielleicht handelte es sich sogar um einen Säuger, aber letztendlich war ihr das im Moment gleichgültig. Ihr Gegner hob den zerfurchten Schädel und fauchte drohend, und die Rhazaghani knurrte wütend zurück.

"Tarkin würde dich töten!" dachte sie feindselig.

Der Räuber schien sich auf eine längere Belagerungszeit einzurichten, denn er ließ sich nach einer Weile am Fuße des Baumes nieder. Nirrit sah es voller Sorge. Sie konnte nicht ewig hier oben bleiben, sie mußte ins Lager. Und nun kam dieses Biest und setzte sie fest. Gereizt betrachtete sie den zernarbten Rücken. Ohne Zweifel war dieses Exemplar nicht mehr jung. Vielleicht war es von einem stärkeren Artgenossen aus seinem Revier vertrieben worden und hatte sich nun ausgerechnet in den Teil des Waldes zurückgezogen, in dem sie jagte.

Ihre Verzweiflung stieg immer mehr an. Endlich vergewisserte sie sich, daß sie in der Astgabel sicher saß und wechselte zurück in die Grundform.

"Nährst du dich von meinem Fleisch, wird sich mein Clan von deinem nähren!" schrie sie nach rhazaghanischem Brauch den Räuber an.

Sie hatte immer gefunden, daß viel Trost in diesen Worten lag, aber hier, auf diesem fremden Planeten, waren sie inhaltsleer und das war ihr schmerzlich bewußt. Hier gab es niemanden, der sie rächen würde, wenn ihr Körper dieser Kreatur zum Fraß diente.

Der Panzerkopf starrte entsetzt nach oben. Das helle Licht hatte ihn erschreckt, und nun saß dort ein anderes Geschöpf als jenes, das er auf den Baum gejagt hatte. Zischend zog er den Kopf ein, wandte sich ab und suchte das Weite. Die Rhazaghani sah ihm nach und verließ, am ganzen Körper bebend, in der Krallenluum den Baum.

Mit noch immer zitternden Beinen rannte sie zum Lager, in dem Bewußtsein, daß der Überraschungseffekt, der sie heute gerettet hatte, ihr kein zweites Mal nützen würde.

 

Mittlerweile war Rilkar gänzlich wiederhergestellt, so daß es ihm möglich war, jeden Tag, nachdem Talan seinen Dienst beendet hatte, das Training mit ihm aufzunehmen und sich erst am späteren Abend von ihm zu trennen. Die Kondition des Ingenieurs war nun wieder die alte, dennoch nahm er an, daß der Romulaner wahrscheinlich immer um einiges geschmeidiger als er sein würde, während sein eigener Vorteil unbestreitbar in seiner überlegenen Kraft lag.

Im cardassianischen Fechtkampf gab es eine Technik, die Stöcke in einer raschen Bewegung ineinander zu verhaken, mit dem Ziel, den Gegner zu entwaffnen. Rilkar hatte sie bei Talan noch nicht beobachtet, und er vermutete, daß sie auf Romulus entweder nicht zugelassen oder aber unbekannt war. Er beschloß, es darauf ankommen zu lassen und setzte sie bei einer günstigen Gelegenheit ein.

Der Erfolg war durchschlagend. Rilkar zog das Bewegungsmuster mit solch einer Gewalt durch, daß sein überraschter Gegner nicht nur entwaffnet wurde, sondern sogar den Halt verlor. Verblüfft sah er zu dem Ingenieur auf, war aber sofort wieder mit einem Satz auf den Beinen, und zum ersten Mal stellte Rilkar fest, daß Talan nicht nur lächeln, sondern auch lachen konnte.

"Das war mir neu, Cardassianer! Kannst du mir das noch einmal etwas langsamer zeigen?"

Der Militärkommandant hatte eine gute Auffassungsgabe, so daß er das neue Bewegungsmuster bereits nach einer Demonstration reproduzieren konnte. Rilkar zweifelte nicht daran, daß er es sich nach ein paar Tagen vollkommen zu eigen gemacht haben würde.

An diesem Abend beendete Talan das Training etwas früher, lud seinen Trainingspartner wie beim ersten Mal in sein Quartier ein und spielte den Gastgeber. Als Rilkar mißtrauisch an dem Inhalt seines Glases gerochen hatte, zog er erfreut die Brauen hoch.

"Canar! Woher hast du den?"

"Ich hatte Velkat gebeten, einen Replikator darauf zu programmieren. Ob er dabei gute Arbeit geleistet hat, weiß ich nicht, ich bin kein Kenner cardassianischer Getränke. Ich schätze, das kannst du besser beurteilen."

Der Ingenieur nippte am Glas und nickte anerkennend.

"Gar nicht schlecht dafür, daß er aus einem romulanischen Replikator stammt. Du kannst deinem Lageringenieur mein Kompliment ausrichten."

Für den Rest des Abends tranken sie ausschließlich Canar, und diesmal hielt auch Rilkar tüchtig mit. Als er später ins innere Lager gebracht wurde, hatte er den Eindruck, daß der Alkohol bei Talan an diesem Abend stärker Wirkung gezeigt hatte, als an jenem, den sie mit romulanischem Ale bestritten hatten.

Am Nachmittag darauf verließen Rilkars Kameraden die Baracke, da ein Bolioner einen der Orioner zu einem freundschaftlichen Ringkampf herausgefordert hatte. Mutub hatte es sogar geschafft, Silak zum Mitkommen zu überreden. Der Ingenieur blieb als einziger zurück, weil er wußte, daß sich bald Driskal einstellen würde, um ihn zum Training zu holen.

Er hatte sich eben auf seiner Pritsche ausgestreckt, als eine weibliche Stimme vom Eingang her erklang.

"Sind Sie eigentlich nie allein?"

Er schoß mit freudigem Erschrecken hoch und sah die Rhazaghani in der Krallenluum am Eingang sitzen. Ihm fiel sofort auf, wie entkräftet sie aussah.

"Nirrit! Ich hatte nicht gewußt, daß Sie in dieser Gestalt zu sprechen imstande sind. Wie geht es Ihnen?"

Sie zwinkerte müde, erhob sich und kam heran.

"Es wäre ein großer Nachteil für uns, wenn wir uns bei der Jagd nicht abstimmen könnten." erwiderte sie, die Frage ignorierend. "Ich bin hier, weil ich dringend etwas wissen muß. Gibt es hier jemanden, der romulanisch spricht?"

"Mehrere, warum?"

"Fragen Sie bitte nach, was Schirmfeldgenerator auf romulanisch heißt. Ich habe zwar einen Verdacht, wo er sich befindet, aber mir fehlt noch immer die Gewißheit, ob das wirklich der Standort ist."

"Das fensterlose Gebäude direkt neben dem Quartier des Lagerkommandanten."

Nirrit riß die Augen auf.

"Sie wissen, daß er dort steht?"

"Das betrifft allerdings nur den Generator für den Außenschild. Der für die innere Barriere befindet sich neben dem Replikatortrakt."

"Was? Sie sind räumlich getrennt? Woher wissen Sie das?"

"Sie wären überrascht, wie schnell Ferengis etwas herausfinden können. Daß die Generatoren an unterschiedliche Energieversorgungen angeschlossen sind, ist nicht weiter verwunderlich. Der Schild für den äußeren Ring schützt das Lager ja nicht nur, sondern dient auch seiner Tarnung. Dieser Schirm kann mit den üblichen Sensoren nur aus großer Nähe erfaßt werden und braucht eine Menge Energie. Die Barriere um das innere Lager dagegen hat lediglich den Ausbruch der Gefangenen zu verhindern. Ansonsten unterscheiden sie sich nicht nennenswert von den Schilden, die die landwirtschaftlichen Produktionsstätten auf cardassianischen Kolonien schützen. Luft- und Wasseraustausch ist gewährleistet, gewaltsames Eindringen massiver Substanzen jedoch nicht möglich. Bei Ihnen in der Föderation werden sie mit Sicherheit auch verwendet."

Nirrit sah ihn hilflos an.

"Aber wie soll ich Ihnen und den anderen unter diesen Umständen zur Flucht verhelfen?"

Er betrachtete sie voller Mitleid.

"Sie wissen, daß das nicht ohne größeres Blutvergießen möglich wäre. Außerdem könnte ich Ihnen ohnehin nicht folgen, wegen dieser Schmuckstücke hier." Er hob seine Handgelenke mit den Grav-Spangen. "Für Talan reicht ein Griff zu seinem Gürtel, und die Geräte nageln mich am Boden fest. Mein Trainingspartner möchte nur ungern auf meine Dienste verzichten."

"Ich habe schon bemerkt, daß Sie regelmäßig in die Halle gebracht werden. Was tun Sie dort eigentlich?"

"Ich habe eine Abmachung mit Talan getroffen. Er gewährt den Gefangenen größere Rationen, und ich helfe ihm, sich im Stockfechten auf die anstehenden Kämpfe auf Romulus vorzubereiten. Aber etwas anderes: Sie sollten lieber zukünftig die Nächte im Lager verbringen, es gibt Raubtiere da draußen."

"Ausgeschlossen! Ich kann nicht ständig hier bleiben. Wenn ich die Bereitschaft dazu zeigte, würde sich das Tor bald nicht mehr für mich öffnen. Sollte ich mir aber eine ernsthaftere Erkrankung zuziehen, kann ich die Luum nicht mehr halten. Dann muß ich eine Möglichkeit haben, mich verbergen zu können."

"Sie sehen nicht gut aus, wissen Sie das?"

"Versuchen Sie es einmal, ständig diesen Würmern nachzujagen! Außerdem würde auch Ihnen der Appetit vergehen, wenn Sie eine Zeitlang nur von Zorlfleisch gelebt hätten."

Rilkar wollte etwas erwidern, als Nirrits Kopf herumfuhr.

"Sie bekommen Besuch!"

Sie sprang auf und lief zum Eingang, fand diesen jedoch bereits durch Driskal versperrt, der überrascht auf sie hinuntersah.

"Ich hatte keine Ahnung, daß sie auch die Unterkünfte aufsucht."

Der Ingenieur kam ihm entgegen.

"Tut sie normalerweise auch nicht! Ich hatte nur ausprobieren wollen, ob sie sich durch einen Bissen von meiner Ration hereinlocken läßt."

Driskal blickte ihn mißbilligend an.

"Tun Sie das bitte nicht! Der Militärkommandant sieht das nicht gern. Er hat den Männern verboten, das Tier zu füttern und sich bereits deswegen eine heftige Auseinandersetzung mit dem Lagerarzt geliefert. Kesh'ta wird hier geduldet, weil ihr Jagdtrieb für uns von Wert ist. Wenn sie gefüttert wird, könnte sie damit aufhören, den Zorls nachzustellen. Denken Sie also daran und richten Sie sich danach! Gehen wir?"

Er gab den Eingang frei, damit Nirrit nach draußen entkommen konnte, und Rilkar begleitete ihn in das äußere Lager. Als sie den Replikatortrakt passiert hatten, hielt Driskal plötzlich an. Vor ihnen standen Talan und Shadar, dem es gefallen hatte, den Militärkommandanten während seiner dienstfreien Zeit für einen Kontrollgang aus der Trainingshalle holen zu lassen.

Als der Lagerkommandant den Ingenieur erkannte, hob er den Kopf und kam gemächlich heran, um ihn ausgiebig zu mustern. Rilkar ertrug den Blick mit viel Mühe und hielt sich sehr gerade dabei. Endlich wandte Shadar sich an Talan.

"Wie ich sehe, verwenden Sie den Mann jetzt für Ihr Training. Es war richtig von Ihnen, ihn mit den Spangen zu versehen. Haben Sie sie schon ausprobiert?"

"Sie funktionieren!" wich Talan der Frage aus.

"Meiner Ansicht nach sollten Sie sie verwenden, um ihm etwas den Nacken zu beugen. Seine Haltung hat noch immer etwas Anmaßendes."

"Ein gebrochener Mann nützt mir nichts!" erwiderte sein Stellvertreter mit deutlichem Ärger in der Stimme.

"Wie Sie meinen! Ich habe nicht vor, Ihnen in Ihre Trainingsgewohnheiten hineinzureden." Er wandte sich wieder Rilkar zu und trat sehr nahe an ihn heran.

"Dir scheint es im Moment recht gut zu gehen. Ich frage mich, was dein Kopilot jetzt wohl macht. Sehr viel wird wahrscheinlich nicht von ihm übrig sein, die hiesige Fauna pflegt mit Fremden kurzen Prozeß zu machen."

Seine Augen bohrten sich in die des Ingenieurs.

"Denkst du nicht manchmal auf deinem Lager daran, daß es vielleicht besser für deinen Freund gewesen wäre, wenn du dich nicht so starrsinnig verhalten hättest? Immerhin bist du am Leben und hier bei uns in Sicherheit!"

Rilkars Nägel bohrten sich in seine Handflächen. Shadar vergewisserte sich, daß sein Gegenüber vor Wut und Abscheu bebte, dann wandte er sich zufrieden lächelnd ab, um mit Talan den Rundgang fortzusetzen.

Driskal schwieg einen Moment.

"Soll ich Sie vorerst wieder in Ihr Quartier zurückbringen?" fragte er schließlich. "Es wird mit Sicherheit noch eine ganze Weile dauern."

Der Ingenieur schüttelte den Kopf. "Lassen Sie nur! Ich ziehe es vor, in der Halle auf den Kommandanten zu warten."

 

Als Nirrit am Abend in ihr Versteck zurückkehrte, gingen ihr die Worte des Ingenieurs nicht aus dem Kopf. Die Auskunft über die unterschiedlichen Standorte der Generatoren erfüllte sie mit Ratlosigkeit, aber sie beschloß, erst einmal weiterzumachen wie bisher, in der Hoffnung, daß sich irgendeine unerwartete Fluchtmöglichkeit für die Gefangenen ergeben würde. Auch über Rilkars Äußerung über ihr schlechtes Erscheinungsbild machte sie sich Gedanken.

Sie wußte selbst, daß sie in schlechter Verfassung war, und sie machte sich zunehmend Sorgen, daß ihr deswegen bei der Jagd Fehler unterlaufen könnten. Zweifellos war es niemandem damit gedient, wenn sich ihre Gesundheit durch ihre mangelhafte Ernährung verschlechterte. So nahm sie sich vor, den kommenden Vormittag für eine Jagd nach angemessener Beute zu verwenden.

Am nächsten Tag brach sie dann auf und begab sich auf die Suche nach einer vielversprechenden Fährte. Sie sah keinen Sinn darin, sich mit etwas zu Kleinem abzugeben. Sollte die Zeit vernünftig investiert sein, mußte ihre Beute mindestens für zwei oder drei Tage ausreichen. Zweimal stieß sie auf frische Spuren, mußte aber bald feststellen, daß die Urheber die Flucht ergriffen hatten, noch bevor sie Gelegenheit erhielt, sich anschleichen zu können.

Sie war bereits sehr ermüdet, als sie dann bei der dritten Fährte Glück hatte. Offenbar handelte es sich um ein recht unerfahrenes Tier, das vielleicht den Anschluß an seine Artgenossen verloren hatte. Während sie sich im Dickicht gegen den Wind anschlich, stellte sie fest, daß es etwas größer war als sie selbst, also optimal für ihre Zwecke. Sein Hals war relativ kurz, der graubraune getüpfelte Körper gedrungen und mit einem flaumig wirkenden Fell bedeckt. Auf dem gewölbten Kopf war der Ansatz eines klobigen Gehörns zu erkennen.

Als sich das Geschöpf alarmiert aufrichtete, schnellte sie auch schon los und packte es am Hals. Einen Wimpernschlag später hatte sie seine Kehle zerrissen, worauf das Tier noch einige Male schwach um sich schlug und dann still lag. Grünes Blut entströmte der Halswunde.

Nirrit starrte schockiert darauf und verstand.

"Das ist es!" dachte sie erschüttert. "Aus irgendeinem Grund nimmt die hiesige Fauna kein Eisen auf. Das Blut ist wahrscheinlich wie auf Vulkan und Romulus auf Kupferbasis aufgebaut. An den Zorls ist mir das nicht aufgefallen, bei Wirbellosen ist das Blut meist Teil der Gewebsflüssigkeit. Aber dem Blut von Wirbeltieren sieht man es an. Kein Eisen! Ich leide schlicht und einfach an Anämie!"

Sie saß lange da und starrte vor sich hin. Die Gefangenen hatten mit der speziellen Fauna des Planeten keine Probleme, weil sie Replikatorrationen erhielten. Aber sie selbst lebte nur von dem, was sie erjagte. Hilflos dachte sie an den hohen Eisenbedarf ihres Volkes, an die dichten Muskeln und das Murandral mit dem hohen Sauerstoffbedarf. Der Planet selbst war dabei, sie umzubringen.

Schließlich forderte ihr Magen sein Recht und sie wandte sich dem Fleisch zu, das nur ihre geschmacklichen Bedürfnisse erfüllen konnte. Kein Eisen. Nun wußte sie, daß ihr gnadenlos die Zeit davonlief.

 

12.

An diesem Vormittag war der Lageringenieur in Begleitung von drei Wachen erschienen, um in der Hygienebaracke die Einrichtung zu reparieren, die der Sterilisierung von Decken und Tüchern diente. Als Rilkar ihm dabei zusehen wollte, hatten die Wachen ihn aufgefordert, das Gebäude zu verlassen, aber Velkat winkte ihn heran. Der Ingenieur dankte und verfolgte die Reparatur mit sachkundigem Blick.

"Die Replikatorprogrammierung für den Canar letztens hatten Sie hervorragend durchgeführt." bemerkte er nach einer Weile. "Mir sind kaum Unterschiede zu unserem Heimischen aufgefallen."

Velkat, der knieend an der Arbeit war, wandte sich ihm zu.

"Vielen Dank! Der Kommandant hatte bereits an mich weitergegeben, daß Sie zufrieden waren. Ich hatte die Informationen über die Bestandteile aus unserem Hauptcomputer. Allerdings weiß ich nicht, was Sie an dem Zeug finden. Ich habe es selbst probiert und am nächsten Morgen das Gefühl gehabt, mir fiele der Kopf von den Schultern."

Rilkar schmunzelte. Das deckte sich mit seinen Erfahrungen. An jenem Tag, als er Shadar begegnet war, hatte er in der Halle lange auf Talan warten müssen. Als dieser schließlich erschien, nahm er das Training mit einer Verbissenheit auf, die der Ingenieur sonst nicht an ihm kannte. In der Trainingshalle pflegte der Militärkommandant normalerweise die Ruhe selbst zu sein. Nach Abschluß der Übungen gingen sie dann wie schon einige Male zuvor in Talans Quartier.

Als dieser die Getränke eingeschenkt hatte, sah Rilkar, daß sich in seinem eigenen Glas Canar befand, während Talan eines mit romulanischem Ale in der Hand hielt. Auf den fragenden Blick des Ingenieurs hin lächelte er verlegen.

"Ich schlage vor, zukünftig bleibt jeder bei seinem gewohnten Getränk. Ich möchte vermeiden, daß mir wieder den ganzen Morgen an meinem Schreibtisch der Schädel brummt."

Am späteren Abend stellte der Ingenieur ihm dann die Frage, die ihm schon länger im Kopf herumgegangen war.

"Kann Shadar dir Schwierigkeiten machen, zu den Kämpfen zu fliegen?"

"Nur aus einem sehr triftigen Grund. Als Teilnehmer habe ich das Recht, meine Freistellung für die Dauer der Kämpfe zu verlangen. Wenn es also nicht gerade zu handfesten Unruhen unter den Gefangenen kommt, wird er mich gehen lassen müssen."

Die letzten Worte waren von einem warnenden Blick begleitet worden. Der Ingenieur hatte daraufhin geschwiegen.

 

Während er Velkat noch über die Schulter sah, schob sich Mutub vorsichtig in den Eingang. Auf seinen hilfesuchenden Blick hin kam Rilkar ihm entgegen und folgte ihm.

"Broharesh!" sagte Mutub nur.

Seitdem man festgestellt hatte, daß der Nausikaaner einer Konfrontation mit dem Ingenieur auswich, wurde jener öfters hinzugezogen, wenn der streitlustige Gefangene sich eine seiner Provokationen erlaubte. Broharesh hatte kein Interesse daran, sich mit einem Mann, der ihn in geschwächtem Zustand niedergeschlagen hatte, auf einen Kampf einzulassen, zumal dessen Verfassung mittlerweile eine ausgezeichnete war.

Heute hatte sich der Nausikaaner einen Bolioner gegriffen, der wehrlos in den Pranken des Riesen hing. Als Rilkar hinzutrat, drehte der Angegriffene ihm hilfesuchend den Kopf zu.

"Broharesh meint, ich wäre ihm bei der Rationenausgabe auf den Fuß getreten. Aber das kann nicht sein! Ich stand noch nicht einmal in seiner Nähe."

"Womit du sagen willst, daß ich lüge, nicht wahr?" zischte ihn der Nausikaaner an.

Der Ingenieur blickte demonstrativ auf den schmächtigen Bolioner, um daraufhin seinen Blick langsam an dem gewaltigen Broharesh bis hin zu dessen ebensolchen Füßen hinabwandern zu lassen.

"Wie dem auch sei," lächelte er amüsiert, "jedenfalls kann ich der Liste der mir bekannten nausikaanischen Eigenschaften wie zum Beispiel kriegerisch, kraftvoll, tapfer und mächtig eine weitere hinzufügen: Unwahrscheinlich empfindsame Füße."

Die Umstehenden lachten. Broharesh starrte zu Rilkar hinüber und ihre Blicke trafen sich. Daraufhin ließ der Nausikaaner den Bolioner ruckartig los und wandte sich ab. Der Ingenieur sah ihm noch einen Moment nach, um sicherzugehen, daß er es sich nicht anders überlegte, dann strebte er seiner Unterkunft zu, durch die Barriere hindurch nach Nirrit Ausschau haltend.

Der Rhazaghani schien es von Tag zu Tag schlechter zu gehen. Rilkar hegte den Verdacht, daß ihr Zustand nicht lediglich auf Anstrengung und mangelnden Appetit zurückzuführen war, sondern daß es noch irgendeine andere Ursache gab. Seit dem Tag, an dem sie miteinander gesprochen hatten, war es ihm nicht mehr gelungen, sie allein zu sehen. Er hoffte sehr, daß sich heute eine Gelegenheit ergeben würde.

 

Als Nirrit im inneren Lager eintraf, hatte sie bereits mit der Kurzatmigkeit zu kämpfen, die ihr jetzt immer öfter zu schaffen machte. Am Vortag hatte sie den Versuch unternommen, in die Steppenluum zu wechseln, dabei aber festgestellt, daß sie die notwendige Energie nicht mehr aufbrachte, und heute war ihr im äußeren Lager ein Jagdfehler unterlaufen. Sie hatte den Gehirnknoten eines aufgestöberten Zorls beim Ansprung verfehlt. Es war reines Glück gewesen, daß sie durch den Säurestrahl nicht getroffen worden war und damit noch einmal Gelegenheit zu einem zweiten Zupacken erhielt. Nun schlich sie müde durch das Gefangenenlager und suchte auch hier nach einer verdächtigen Witterung.

Broharesh drückte sich wütend zwischen den Baracken herum. Seitdem der verfluchte Cardassianer im Lager war, hatte sich seine eigene Position hier deutlich verschlechtert. Noch vor kurzem hätte es keiner gewagt, ihn auszulachen, und nun kam dieser Bastard und riß Witze über ihn. Schlecht gelaunt suchte er nach einer Möglichkeit, um sich abzureagieren, als die Rhazaghani seinen Weg kreuzte. Zufrieden grinsend bückte er sich nach einem Stein.

Nirrit hatte sich soeben entschlossen, den Bereich der Hygienebaracke abzusuchen, als sie ein furchtbarer Schlag am Kopf traf und von den Pfoten riß. Einen Moment lang schien es Nacht um sie zu werden, da kämpfte sie auch schon entsetzt gegen die Besinnungslosigkeit an. Als sie die Augen aufriß und hochblickte, sah sie eine riesige Gestalt über sich aufragen, die im Begriff war, mit einem Felsstück auszuholen.

"Du Idiot! Was tust du da?" erklang im selben Augenblick eine fassungslose Stimme.

Nirrit versuchte, auf die Beine zu kommen.

"Knut! Das war die Stimme von Knut!" fuhr ihr durch den Kopf.

Der Nausikaaner wandte sich um, als der junge Terraner auch schon heran war und sich auf ihn stürzte. Broharesh lachte. Dieses Kräfteverhältnis war genau nach seinem Geschmack. Er packte den schlanken Burschen und schmetterte ihn krachend gegen eine Barackenwand, ohne jedoch damit zu erreichen, daß sein Gegner den wilden Angriff abbrach. Der Nausikaaner holte gerade zu einem weiteren Schlag aus, als er eine Stimme hinter sich hörte, die fast erstickte vor Wut.

"Laß das, Knut! Das übernehme ich!"

Die Zuschauer glaubten, daß der hinzugekommene Ingenieur nun Broharesh den lang erwarteten Kampf liefern würde, aber das war nicht der Fall. Rilkar kämpfte nicht gegen den Nausikaaner, er prügelte ihn durch das ganze Lager. Er wußte nicht, ob Nirrits Verletzung sie in ihren Grundzustand zurückfallen lassen konnte, aber er setzte alles daran, um von ihr abzulenken. Es war wichtig, daß sie möglichst unbeobachtet das Tor erreichte, und so fiel es ihm leicht, das zu tun, wonach ihm im Moment am meisten zumute war: Den Nausikaaner mit einer furchtbaren Grimmigkeit zusammenzuschlagen.

Nirrit stemmte sich auf die Beine. Einen schrecklichen Augenblick lang hatte sie geglaubt, die Krallenluum zu verlieren.

"Ich muß hier weg!" dachte sie voller Panik.

Der Tumult hatte eine der Wachen dazu gebracht, ihren Posten zu verlassen, um Talan von dem Vorgang zu informieren. Als dieser im Gefangenenlager eintraf, sah er auf den ersten Blick, daß er sich um Rilkar keine Sorgen zu machen brauchte. Er war nur verblüfft, seinen Trainingspartner so außer sich zu erleben.

"Was ist passiert?" fragte er einen der Soldaten.

"Die Gefangenen sagen, daß der verdammte Nausikaaner versucht hat, Kesh'ta zu erschlagen, Kommandant!" antwortete der Mann empört.

Talan runzelte die Stirn.

"Ist das Tier verletzt?" fragte er beunruhigt.

"Ich weiß es nicht, Kommandant! Ich habe sie nicht gesehen."

Talan machte sich auf dem Weg zurück zum Tor, das in den äußeren Lagerring führte. Auf halbem Weg bemerkte er Nirrit, die versuchte, sich aus dem Lager zu schleppen, fast blind von dem Blut, das ihr in die Augen lief.

Talan beobachtete sie scharf, aber sie schien ihm im Moment nicht gefährlich zu sein, daher gab er den Wachen einen Wink, sie durchzulassen. Sie weiterhin im Auge behaltend, folgte er ihr durch den äußeren Lagerbereich und vergewisserte sich, daß sie keine Gefahr für seine Leute darstellte. Unterwegs begegnete ihnen Surin, der abrupt stehen bleib und ungläubig die Augen aufriß. Er blieb jedoch, wo er war, weshalb der Kommandant sich nicht genötigt sah, ihm einen entsprechenden Befehl zu geben.

Erst als Nirrit taumelnd das äußere Tor durchquert hatte, kehrte er um, in der Absicht, im inneren Lager nach dem Rechten zu sehen. Als er an der Krankenstation vorbeiging, begegnete ihm der Lagerarzt mit seiner Tasche. Talan kniff die Augen zusammen und verstellte ihm den Weg.

"Wo wollen Sie hin, Nilamon?"

"Velkat war eben hier und hat mir erzählt, daß Kesh'ta verletzt wurde. Ich muß sie mir ansehen."

"Das Tier hat das Lager bereits verlassen, und Sie werden sich unterstehen, ihm zu folgen!"

Nilamon sah ihn wütend an.

"Lassen Sie mich durch, ich muß ihr nachgehen! Draußen hat sie nur eine geringe Überlebenschance, das wissen Sie so gut wie ich."

"Und ich sage Ihnen, Sie werden hierbleiben! Ein verwundetes Tier kann sich unberechenbar verhalten, das sollte Ihnen doch wohl bekannt sein. Ich habe nicht vor, zuzulassen, daß unser Lagerarzt wegen eines Wildtieres

sein Leben riskiert. Zwingen Sie mich jetzt nicht, Gewalt anzuwenden! Glauben Sie mir, ich bin bereit, notfalls handgreiflich zu werden, wenn Sie nicht gehorchen."

Der Arzt sah ihn an und begriff, daß er auf verlorenem Posten stand.

Er seufzte. "Verstehen Sie doch, Talan! Es wäre ein Jammer, wenn wir sie verlieren würden."

"Ich verstehe Sie sehr gut, Nilamon! Auch ich war froh darüber, daß unsere Männer nicht mehr ständig der Gefahr von schweren Verletzungen ausgesetzt waren. Wenn das Tier überleben sollte, wird es zurückkommen. Das einzige, was Sie im Moment tun können, wäre den Nausikaaner zu behandeln, vorausgesetzt, der Cardassianer läßt etwas von ihm übrig."

Schweren Herzens schlug der Arzt gemeinsam mit Talan den Weg ins Gefangenenlager ein, ohne zu merken, daß hinter ihnen Surin das Lazarett betrat, um sich an den Computer des Labors zu setzen.

Nicht viel später verließ er mit Medizinertasche und einem Disruptor ausgerüstet die Krankenstation und machte sich eilig auf den Weg zum äußeren Tor, wo ihn die Wachen anhielten.

Der eine der beiden Männer zog bei Surins Anblick geringschätzig die Brauen hoch.

"Sieh mal einer an! Wo will denn unser kleines Mädchen hin? Ich wüßte nicht, daß du von Nilamon die Anweisung erhalten hast, Proben zu sammeln."

Surin ertrug geduldig seinen Blick.

"Bitte lassen Sie mich durch! Ich möchte versuchen, Kesh'ta zu finden. Ich glaube nicht, daß sie es ohne medizinische Hilfe schafft."

Der Mann runzelte die Stirn.

"Hast du dazu überhaupt die Erlaubnis?"

"Laß ihn doch gehen!" mischte sich der andere Mann ein. "Kesh'ta ging es wirklich sehr schlecht. Sie sah ohnehin in letzter Zeit krank aus, und jetzt kommt noch die Verletzung hinzu. Möchtest du wieder auf Zorljagd gehen?"

Sein Kamerad sah ihn nachdenklich an. Dann schüttelte er den Kopf und öffnete das Tor, das Surin im Laufschritt durchquerte.

 

Nirrit schleppte sich mühsam den vertrauten Weg entlang. Sie hatte mit Schwindelgefühlen zu kämpfen, und hin und wieder packte sie eine Welle der Übelkeit. Sie wußte nur eines: Sie mußte es zu ihrem Versteck schaffen, ehe ein Raubtier ihre Hilflosigkeit bemerkte. Mochte ihr Blut auf diesem Planeten auch fremd sein, so zweifelte sie doch nicht daran, daß die Witterung weithin wahrnehmbar war. Zwischendurch blieb sie schwer atmend stehen und sammelte Kraft, um dann weiter ihrem Baum zuzustreben. Als sie schließlich den schmerzenden Kopf schüttelte, um das Sausen in ihren Ohren zu vertreiben, riß heftiger Schwindel die Beine unter ihr weg, und sie fand sich auf dem Boden liegend wieder. Abermals überkam sie das Gefühl, die Luum nicht mehr halten zu können, als ihr ein leichter Wind die Witterung zutrug, vor der sie sich am meisten gefürchtet hatte.

Sie hob den Kopf. In einer gewissen Entfernung stand er zwischen den Bäumen und zögerte. Seine letzte Begegnung mit ihr verband er mit einem verstörenden Erlebnis, auch wenn seine Beute im Moment keinen wehrhaften Eindruck machte. Der Panzerkopf zischte unschlüssig, dann machte er einige Schritte auf sie zu.

"Bleib, wo du bist!" schrie Nirrit ihm entgegen.

Der alte Räuber blieb stehen. Auch das erste Mal hatte er diese Stimme gehört und außerdem einen Blitz gesehen. Allerdings erinnerte er sich nicht daran, Schmerz empfunden zu haben. Der Geruch des Blutes stach ihm in die Nüstern und er schnaubte, um sich abermals in Bewegung zu setzen.

"Also gut!" nickte Nirrit.

Die Furcht hatte ihren Sinn verloren, nun stemmte sie sich zum letzten Kampf hoch.

"Du wirst sehen, daß Rhazaghanerfleisch nicht kostenlos zu haben ist."

Unsicher schlich der Panzerkopf in einem Bogen näher an Nirrit heran, während sie sich bemühte, ihm weiterhin ihre Front zuzuwenden und dabei auf den Beinen zu bleiben. Sie sah, wie er langsam die Muskeln anspannte.

Im nächsten Augenblick zuckte sie so sehr zusammen, daß sie wiederum den Halt verlor. Erst nachträglich begriff sie, daß es sich bei dem heiseren Fauchen um eine aus unmittelbarer Nähe abgefeuerte Energiewaffe gehandelt hatte. Als sie aufblickte, sah sie ihren Gegner im Laub liegen. Vom Kopf war nichts übriggeblieben, nur der Rest des Halses rauchte.

Einige Schritte entfernt stand Surin, der die Hand mit der Waffe wieder gesenkt hatte. Er steckte sie weg und kam langsam auf sie zu.

Nirrit knurrte warnend. Augenblicklich blieb er stehen und hob die leeren Hände.

"Bitte!" hörte sie ihn auf föderationsstandard sagen. "Lassen Sie mich Ihnen helfen! Sie kennen mich und müßten wissen, daß ich nicht vorhabe, Ihnen etwas anzutun."

Nirrit ächzte leise. Dann wechselte sie zurück in die Grundform. Surin kam heran und beugte sich behutsam über sie.

"Sie sind die zweite Person aus dem abgeschossenen Schiff, nicht wahr?" fragte er sanft.

Nirrit schloß die Augen und nickte erschöpft.

"Wie sind Sie dahinter gekommen?"

"Ihre Blutfarbe! Auf diesem Planeten gibt es kein Blut auf Eisenbasis. Im Laborcomputer fand ich dann Informationen über Rhazaghan. Ich vermute, Sie leiden schon seit einer Weile an Anämie, ist das richtig?"

Nirrit nickte abermals. "Weiß Nilamon Bescheid?"

"Nein, und es ist auch besser für ihn, wenn er hiervon nichts erfährt. Aber jetzt lassen Sie mich bitte erst einmal Ihre Stirn ansehen! Sie ist noch immer dabei, etwas zu bluten."

Surin setzte den Regenerator ein und schloß die Wunde. Danach überprüfte er Nirrits Zustand mit einem medizinischen Scanner.

"Fortgeschrittene Anämie. Außerdem eine Gehirnerschütterung. Die letztere kann ich hier behandeln, danach benötigen Sie nur noch einige Tage Ruhe. Aber die Anämie stellt mich vor ein Problem. Was Sie bräuchten, wären regelmäßige Eisengaben. Ich habe zwar eine kleine Dosis dabei, aber mir fehlte vorhin die Zeit, zusätzliche zu replizieren. Ich war in Sorge, daß Sie in Gefahr geraten könnten." Sein Blick wanderte zu dem toten Panzerkopf. "Eigentlich ist es ein Wunder, daß Sie so lange durchgehalten haben."

Als er die Behandlung durchgeführt hatte, sah er sie sorgenvoll an.

"Ich könnte versuchen, Ihnen im Lager Eisen zu verabreichen, aber das ist sehr riskant. Sie könnten deshalb früher oder später entdeckt werden. Wie wollen Sie sich eigentlich die nächsten Tage ernähren?"

Nirrit wies zu dem toten Raubtier.

"Machen Sie sich deshalb keine Gedanken. Sie haben mich bereits versorgt. Die nächsten zwei oder drei Tage ist das Fleisch für mich noch genießbar. Im übrigen will ich Sie nicht in Gefahr bringen. Wenn Shadar herausfinden sollte, was Sie für mich getan haben, wären die Konsequenzen für Sie nicht auszudenken. Deshalb ist es das Beste, wenn Sie mich jetzt verlassen."

Er erhob sich zögernd.

"Glauben Sie wirklich, daß Sie zurechtkommen?"

"Ich habe es nicht weit bis zu meinem Versteck. Außerdem gibt es ihn nun nicht mehr."

Ihre Augen wanderten zu dem Panzerkopf.

Surin sah ihr nach, wie sie, nun wieder in der Krallenluum, zwischen den Bäumen verschwand. Dann drehte er sich um und ging zurück zum Lager.

Er erreichte die Lichtung und sah Talan bereits am Tor bei den Wachen warten, die beide sehr blaß wirkten. Der Militärkommandant hatte die Hände auf den Rücken gelegt und ging mit versteinertem Gesicht auf und ab. Als Nilamons Assistent das Tor durchquert hatte, trat er mit schmalen Augen an ihn heran.

"Sie scheinen zu glauben, daß es Ihre eigene Angelegenheit ist, wenn Sie Ihr Leben da draußen aufs Spiel setzen, aber da irren Sie sich!" sagte Talan erstaunlich leise. "Wir sind von Romulus weit entfernt und können es uns nicht leisten, medizinisches Personal zu verlieren. Im übrigen gilt auch für Sie, daß Sie bei mir um Erlaubnis nachzusuchen haben, bevor Sie das Lager verlassen. Ich gebe Ihnen acht Tage Zeit, während der Sie in aller Ruhe diese Regel auf sich einwirken lassen werden."

Er winkte mit einer knappen Handbewegung zwei Soldaten heran, die Surin in eine Arrestzelle brachten.

 

Rilkar saß mit verschränkten Armen auf seiner Pritsche und blickte schweigend zu Boden. Draußen hatten die Wachen für Ruhe unter den Gefangenen gesorgt, und nun lag Stille über dem inneren Lager. Nilamon befand sich bei dem Nausikaaner, um dessen nicht unerheblichen Verletzungen zu behandeln, und eben hatte Talan den Ingenieur kurz aufgesucht, um ihn darüber zu informieren, daß er es für richtiger hielt, das Training an diesem Tag ausfallen zu lassen. Er hatte sich noch einmal vergewissert, daß Rilkar keine Verletzungen davongetragen hatte, dann war er gegangen.

Als der Ingenieur den Kopf hob, begegnete er dem Blick von Silaks dunklen Augen.

 

Rilkar hatte den inzwischen vollkommen zur Gegenwehr unfähigen Nausikaaner immer wieder auf die Beine gerissen, um ihn ein Stück weiter zwischen den Baracken hindurchprügeln zu können. Er sah sich einfach außerstande, aufzuhören. Anstatt sich wegen der erlittenen Demütigung an ihm zu rächen, hatte sich Broharesh das mit Abstand hilfloseste Wesen im Lager dafür ausgesucht: Die kranke und entkräftete Nirrit.

Rilkar vermochte nicht einzuschätzen, ob sie mit der Verletzung noch in der Lage war, in der Wildnis zu überleben, aber er befürchtete das Schlimmste. Durch seine Schuld war sie in diese Lage geraten, seine Schuld würde es sein, wenn ihr da draußen etwas zustieß. Das Wissen um diese Verantwortung lastete schwer auf ihm und machte ihn blind für jegliches Erbarmen gegenüber seinem Gegner. Als er sich erneut bückte, um ihn zu packen, spürte er eine kräftige Hand, die seinen Arm festhielt.

"Rilkar, hör auf, es reicht!"

Der Ingenieur entzog sich dem Griff des Vulkaniers.

"Noch lange nicht!" zischte er.

Silak beugte sich über sein Ohr.

"Sie hat es unerkannt hinaus geschafft. Es hilft ihr nicht, wenn du ihn umbringst."

Rilkar starrte ihn an. Dann ließ er den Nausikaaner zu Boden fallen und verließ den Platz.

 

Der Ingenieur sah zu Silak hinüber, stand auf und ging hinaus. Der Vulkanier folgte ihm.

Eine Weile gingen sie stumm nebeneinander durch das Lager, dann brach Rilkar das Schweigen.

"Wie konntest du das wissen?"

"Rhazaghan ist Föderationsmitglied." antwortete Silak schlicht.

"Und wann ist dir klargeworden, was sie ist?"

"Schon recht früh! Schließlich tauchte sie kurz nach deinem Abschuß hier auf und verbrachte viel Zeit in der Nähe unserer Unterkunft. Die Art, wie sie die Vorgänge im Lager beobachtete, ließ auf Intelligenz schließen, da lag die Schlußfolgerung nahe. Außerdem mußte man aufgrund deiner Haltung gegenüber Shadar vermuten, daß du einen Begleiter hattest. Bloßer Stolz wäre eine recht unzureichende Erklärung dafür, so gefaßt diese Behandlung über sich ergehen zu lassen. Schließlich standen dir keine mentalen Hilfsmittel zur Verfügung."

"Wenn du es so ausdrückst, wundert es mich, daß nicht das ganze Lager davon weiß."

"Ich denke, es ist unnötig, sich Sorgen zu machen. Die Wenigsten informieren sich über Völker, die dem Planetenbund in der jüngeren Vergangenheit beigetreten sind. Außerdem hat sie ihre Rolle sehr gut gespielt. Wenn du den Nausikaaner nicht zusammengeschlagen hättest, hätten es vermutlich die Wachen getan. Darf ich fragen, wie sie in deine Begleitung gekommen ist? Schließlich liegt die Besetzung Rhazaghans durch Cardassia einige Zeit zurück."

Rilkar ächzte innerlich. Vor dieser Frage hatte er sich gefürchtet.

"Durch eine Entführung." seufzte er.

 

13.

Am nächsten Tag warteten die Wachen am Tor vergeblich auf Nirrit, so daß mittags unter vielen Soldaten bereits eine gedrückte Stimmung herrschte. Man war sich darüber einig, daß der Nausikaaner mit den Prügeln das bekommen hatte, was er verdiente, und hegte eine gewisse Sympathie für den Cardassianer. Durch dessen Eingreifen war es nicht nötig gewesen, selbst tätig zu werden und sich dafür Ärger mit dem Militärkommandanten einzuhandeln.

Im Gefangenenlager war Rilkar außer sich vor Sorge. Nirrits Ausbleiben konnte zwar bedeuten, daß sie es vorzog, sich erst einmal von ihrer Verletzung zu erholen, genausogut war jedoch denkbar, daß sie niemals zurückkehren würde. Diese Ungewißheit nagte an ihm und machte ihn unwirsch und gereizt. Seine Kameraden, die den Grund dafür ahnten, ohne jedoch die ganze Wahrheit zu kennen, hielten es für besser, ihn in Ruhe zu lassen, während Silak ihn voller Mitgefühl beobachtete.

Als Driskal am Nachmittag erschien, suchte der Ingenieur mit ihm die Halle auf, in der Hoffnung, beim Training Ablenkung zu finden, aber diese erfüllte sich nicht. Noch ehe die halbe übliche Trainingszeit vorüber war, hatte Talan ihm mehrere Treffer versetzt und ihm bereits zweimal den Stock aus der Hand geschlagen. Der Romulaner, der seinen Trainingspartner beunruhigt beobachtet hatte, beendete die Übungen vorzeitig und lud ihn zu sich ein.

Talan hoffte, daß Rilkar nach einigen Gläsern auf den Grund für seine mangelnde Konzentration zu sprechen kommen würde, doch dieser blieb trotz starken Alkoholkonsums ungewöhnlich schweigsam. So beschloß der Romulaner, die Initiative zu ergreifen.

"Du hast dem Nausikaaner ganz schön zugesetzt." begann er. "Ich hatte schon geglaubt, du wolltest ihn totschlagen. Nilamon hat tüchtig an ihm zu tun gehabt, allerdings habe ich es bei ihm gestern das erste Mal erlebt, daß er einen Patienten nur widerwillig behandelt."

Der Ingenieur starrte vor sich hin.

"Ich kann ihn gut verstehen!" knurrte er.

"Du solltest dir den Vorfall nicht so zuziehen. Ich bin nicht der Ansicht, daß die Verletzung eines Tieres eine solche Erschütterung rechtfertigt."

Rilkar kippte den Inhalt seines Glases hinunter und sah ihn zornig an.

"Wie solltest du auch! Du hast ja ohnehin nie viel für Kesh'ta übrig gehabt, nicht wahr?"

Talan musterte ihn besorgt. Es war das erste Mal, daß er beobachtete, wie sich der Ingenieur gezielt betrank. Offensichtlich verfügte dessen Wesen noch über einige Aspekte, die ihm unbekannt waren.

"Wenn es dich tröstet: Ich habe vor, mir den Nausikaaner gründlich vorzunehmen, wenn das Tier nicht zurückkommt. Es wäre schließlich ein ziemlicher Verlust für die Lagersicherheit."

"Die Lagersicherheit!" Rilkar schnaubte verächtlich. "Ist das das einzige, was dir dazu einfällt? Das arme Geschöpf ist verletzt und den Raubtieren da draußen hilflos ausgeliefert. Es hätte wahrhaftig einen besseren Dank für seinen Einsatz hier verdient!"

"Rilkar! Es ist ein Tier!" versuchte Talan ihn sanft zu beschwichtigen. "Es folgt seinen Instinkten."

Sein Trainingspartner wandte sich ab und erhob sich.

"Wahrscheinlich verlange ich in dieser Sache einfach zu viel Verständnis von dir. Würdest du bitte deine Wachen rufen? Ich bin müde!"

Talan stand auf und erfüllte Rilkars Wunsch. Als die Wachen den Ingenieur durch das Dunkel des Lagers davonführten, sah der Romulaner ihm ratlos nach.

 

Drei Tage später kam Nirrit, von der Gehirnerschütterung einigermaßen genesen, wieder am Tor an. Zwar litt sie noch deutlich an ihrer Anämie, doch sie glaubte zu merken, daß die kleine Dosis Eisen, die sie von Surin erhalten hatte, ihren Zustand geringfügig verbessert hatte. Im Augenblick war sie auch für die kleinste Steigerung ihres Befindens dankbar, auch wenn sie wußte, daß diese Wirkung bald wieder nachlassen würde.

Der erste Soldat, der sie bemerkte, stieß einen freudigen Aufschrei aus und lief davon, um die Nachricht von ihrer Rückkehr als erster zu überbringen. Nirrit ließ sich von den Wachen das Tor öffnen und freute sich, daß sie vermißt worden war. Die letzten stillen Tage waren ihr zur Last geworden, und sie war froh, wieder die vertrauten Gesichter zu sehen. Während ihrer Genesung hatte sie die Vorstellung nicht verdrängen können, daß der Tag nicht fern sein mochte, an dem es ihr nicht mehr möglich war, sich von ihrem Lager zu erheben.

Talan hatte in seinem Arbeitszimmer eine Auseinandersetzung mit Nilamon, der darüber aufgebracht war, daß er keine Erlaubnis erhielt, Surin im Arrestbereich zu besuchen.

"Ihr Assistent befindet sich dort, wo er ist, nicht im Urlaub." machte der Kommandant seinen Standpunkt deutlich. "Es handelt sich um eine Strafmaßnahme. Ich kann nicht dulden, daß das Lager nach Lust und Laune verlassen wird, das wissen Sie recht gut. Außerdem habe ich in Surins Fall das Strafmaß ausgesprochen klein gehalten, weil ich mir bewußt bin, daß Sie die Hilfe Ihres Assistenten benötigen. Einer meiner Leute wäre bei einem solchen Vergehen kaum mit acht Tagen davongekommen."

Nilamon schnaubte verärgert.

"Wenn Sie glauben, ich verginge jetzt vor Dankbarkeit über Ihre Großmut, dann irren Sie sich. Sie wissen genau, daß ich Surins Hilfe bereits gestern nötig gehabt hätte."

Talan betrachtete ihn ernst.

"Soviel ich weiß, handelte es sich um einen eher leichten Fall, weil der Mann relativ weit von dem Zorl entfernt stand."

"Gut! Gestern war es ein leichter Fall. Aber können Sie mir sagen, was heute oder morgen sein wird? Die Fälle werden sich jetzt zwangsläufig wieder häufen. Kesh'ta war unsere einzige Möglichkeit, die Zorlgefahr einzudämmen, aber Sie waren ja der Ansicht, daß ein Tier kein Risiko wert ist."

Sein Gegenüber warf ihm einen gereizten Blick zu.

"Nilamon! Fangen wir schon wieder damit an? Ich dachte, ich hätte Ihnen meine Argumente dargelegt. Sie wollen doch wohl nicht behaupten, daß es meinen Männern nützt, wenn Sie Ihr Leben verlieren? Surin wäre allein nicht in der Lage, die Krankenstation zu führen. Zwei schweren Zorlverätzungen gleichzeitig, wie wir sie im letzten Abschnitt hatten, stünde er hilflos gegenüber. Im übrigen bin ich bei Eintreten eines solchen Falles selbstverständlich bereit, den Arrest auszusetzen."

Ein aufgeregt wirkender Soldat betrat den Raum und grüßte. Talan forderte ihn mit einem Nicken dazu auf, Meldung zu machen.

"Kommandant! Kesh'ta ist wieder zurück! Sie lief eben auf das Tor zu. Inzwischen müßte sie bereits im Lager sein."

Talan lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und blickte Nilamon an, dessen Stimmung sich offensichtlich auf diese Nachricht hin schlagartig gehoben hatte.

"Es sieht so aus, als hätte sich ein Teil unseres gemeinsamen Problems soeben von selbst gelöst. Ich nehme an, ihr Assistent wird auch noch die restlichen vier Tage in seiner Zelle überstehen können."

Als er kurz darauf wieder allein war, atmete er erleichtert auf. Vielleicht würde jetzt auch ein vernünftiges Training wieder möglich sein. Zwar war der Ingenieur die letzten Tage etwas konzentrierter gewesen als am Tag nach der Schlägerei, aber er hatte so bedrückt und in sich gekehrt gewirkt, daß Talan fast den Eindruck erhalten hatte, er trauerte. Rilkars Verhalten stellte ihn vor ein Rätsel und erfüllte ihn mit Unsicherheit. Er hatte nicht mehr gewagt, das Thema anzuschneiden, weil er einen erneuten Zornausbruch befürchtete, und in dem Fall hätte er keine Möglichkeit gesehen, seinen Trainingspartner zu beschwichtigen. Nun blickte Talan mit einer gewissen Zuversicht dem Nachmittag entgegen.

In der Trainingshalle dann war Rilkar wie ausgewechselt. Als ob er die letzte unbefriedigende Trainingszeit nachholen wollte, machte er Gebrauch von seiner überlegenen Kraft und trieb den Romulaner rückwärts. Obwohl Talan seine ganze Schnelligkeit einsetzte, kam er heute gegen den neugewonnenen Schwung des Ingenieurs nicht an, und der Kampf endete damit, daß dieser ihm das Standbein wegriß, so daß er auf dem Rücken zu liegen kam. Er sah fast verärgert zu Rilkar hoch, der schwer atmend, aber mit leuchtenden Augen vor ihm stand.

"Es sieht so aus, als müßte ich diesem Tier eine Leibwache zur Seite stellen, um meinen Trainingspartner bei Laune zu halten." stellte er fest. "Nicht auszudenken, wenn ihm tatsächlich etwas geschehen sollte! Du weißt nicht zufällig, wie hoch die Lebenserwartung dieser Spezies ist?"

Der Ingenieur zog ihn auf die Beine und lachte.

"Nicht genau! Aber sie sollen sehr alt werden können, habe ich gehört."

"Großartig! Also viel Zeit, um sich zu sorgen!"

Rilkar bedauerte es, Talan nicht ins Vertrauen ziehen zu können. Aber ihn um Unterstützung zu bitten, wäre eine offene Aufforderung zum Verrat gewesen. Talan war jedoch vor allem romulanischer Offizier, und es wäre illusorisch gewesen, zu glauben, daß er das vergessen konnte.

 

Nilamon holte Surin, der die Zeit seiner Haft mit Gleichmut ertragen hatte, vier Tage später aus dem Arrestbereich ab. Da Talan bezüglich der Besuchserlaubnis hart geblieben war, freute sich der Arzt sehr, seinen Mitarbeiter wiederzusehen. Während der letzten acht Tage hatte er reichlich Gelegenheit gehabt, Surins Kompetenz sowie seine freundliche Gegenwart zu vermissen.

Auf dem Weg zur Krankenstation begegnete ihnen Nirrit, die sich ihnen kurz zuwandte und einen Moment verharrte, um danach dem Gefangenenlager zuzustreben.

Surin sah ihr nach.

"Sie ist zurück!" sagte er nur.

Nilamon folgte lächelnd seinem Blick.

"Ich nehme an, die Verletzung war weniger gravierend, als Velkat geglaubt hat. Es ist nicht einmal etwas zu sehen, allerdings dürfte das Fell auch einiges verdecken. Was mir noch Sorgen macht, ist ihr schlechter Allgemeinzustand. Vielleicht können wir es aber als ein gutes Zeichen ansehen, daß sie trotz ihrer Verwundung keinem Raubtier zum Opfer gefallen ist. Es steckt offenbar mehr Kraft in ihr, als man ihr ansieht."

Surin nickte nachdenklich, wandte sich dann ab, und begleitete seinen Vorgesetzten in die Krankenstation, wo dieser seine Tasche für den Rundgang bei den Gefangenen aufnahm.

Talan hatte sich soeben vergewissert, daß der Assistent des Arztes ordnungsgemäß entlassen worden war, als er wieder auf das Verwaltungsgebäude zusteuerte. Unterwegs bemerkte er Nilamon, der das Tor der inneren Barriere durchschritten hatte, um im Gefangenenlager nach dem Rechten zu sehen. Er sah, wie jener abrupt stehen blieb und sich stirnrunzelnd bückte.

"Wie ich sehe, gab es letztens wieder eine Schlägerei, noch dazu vor Ihren Augen." sagte der Arzt tadelnd.

"Wegen der Blutflecken?" antwortete eine der Wachen. "Tut mir leid, Nilamon! Da können Sie uns diesmal keine Vorwürfe machen! Sie stammen noch von Kesh'ta neulich."

Talan hatte sich bereits abgewandt, als er den Arzt hinter sich weitersprechen hörte.

"Ausgeschlossen! Diese Blutflecken stammen von keinem einheimischen Geschöpf. Das einzige rote Blut auf diesem Planeten finden Sie in unserem Gefangenenbereich."

Der Kommandant richtete sich langsam auf.

"Wie Sie meinen, Nilamon!" sagte die Wache einlenkend. "Ich hätte zwar schwören können, ihr Blut wäre rot gewesen, aber Sie sind der Fachmann."

Die letzten Worte hörte Talan nicht mehr, denn er war bereits im Laufschritt unterwegs zum Hauptcomputer des Lagers.

Er trat ein und ließ sich auf dem Platz vor der Computerkonsole nieder.

"Computer!"

"Bereitschaft!" erklang die emotionslose Stimme.

"Suche nach einer intelligenten Spezies, die in der Lage ist, ihr Erscheinungsbild zu ändern!"

Es gab eine kurze Pause.

"Es sind mehrere solcher Spezies im Datenspeicher enthalten."

"Verbale Auflistung!"

"NaCl-Amide von Föderationsplanet M113. Ausgestorben. Umwandlung auf vermutlich energetischer Ebene in diverse Formen.

Rug-Na-Var von Rana 3. Umwandlung auf zellularer Ebene in eine Kältephase-taugliche Form.

Daledianer von Daled 4. Umwandlung auf energetischer Ebene in diverse Formen."

"Halt!"

Die Computerstimme schwieg. Talan überlegte einen Moment.

"Korrektur: Nenne nur jene Spezies, die mittelbar oder unmittelbar mit der Geschichte Cardassias in Zusammenhang stehen!"

"Formwandler aus dem Delta-Quadranten. Genaue Herkunft unbekannt. Umwandlung auf struktureller Ebene in diverse Formen.

Rhazaghaner von Rhazaghan. Umwandlung auf energetisch-atomarer Ebene aus einer Grundform in vier tierartige Alternativformen."

"Halt!"

Die Stimme schwieg erneut.

"Zeig mir diese Alternativformen!"

Der Holo-Emitter des Computers projizierte die holographischen Bilder von vier verschiedenen Geschöpfen in den Raum. An einem von ihnen blieb Talans Blick hängen.

"Das war also dein Geheimnis, Cardassianer!" sagte er leise.

 

Als Nirrit ihre Jagd beendete und sich anschickte, das innere Lager zu verlassen, fühlte sie sich wie erschlagen. Es geschah nicht sehr häufig, daß gleich zwei Zorls an einem Tag den Weg in das Gefangenenlager fanden. Sie hatte den Verdacht, daß der eine von ihnen ihr am Vortag entgangen war, und das sah sie als ein schlechtes Zeichen an. Es war unbedingt nötig, daß sie sich mehr zusammenriß, bevor es wieder zu Verletzten kam.

Die Wachen öffneten ihr wie jeden Tag das Energietor in den äußeren Lagerring, durch das sie müde hindurchschlich, ohne nach rechts oder links zu sehen. Sie wollte nur noch schlafen.

Als sie einige Schritte gegangen war, hörte sie hinter sich eine harte Stimme, deren Klang sie genau kannte.

"Bleib stehen, Rhazaghani!"

Nirrits Herz setzte einen Schlag aus. Sie drehte sich um, und sah Talan wenige Schritte von ihr entfernt auf dem Platz stehen. Er blickte nicht mehr auf ein Tier, er sah ihr direkt in die Augen, und sie begriff, daß sich das äußere Tor heute nicht für sie öffnen würde.

Sie stand da und zögerte, aber dann begann sie langsam, die Muskeln anzuspannen. Auf der Stelle winkte Talan zwei Soldaten heran, die ihre Waffen auf sie richteten. Nirrit sah die beiden Männer an, die offensichtlich unsicher waren, aber sie zweifelte nicht daran, daß sie auf den Befehl des Kommandanten schießen würden.

Talan nickte. "Und jetzt hätte ich gern deine Grundform gesehen!"

Nirrit sah verzweifelt auf die Waffen, die auf sie zielten. Gegen so etwas hatte sie nicht die geringste Chance. Sie hatte gesehen, was mit den Zorls und dem Panzerkopf geschehen war und sie wußte, daß sie verloren hatte.

Sie senkte den Kopf und gab die Krallenluum auf.

Talan verharrte einen Moment vollkommen bewegungslos, um die junge Frau vor ihm zu betrachten. Dann drehte er sich zum Gefangenenlager um. Direkt jenseits der inneren Barriere stand Rilkar, von Silak und Qo'hod flankiert. Seine Haltung drückte eine stumme Warnung aus.

Der Kommandant gab seinen Leuten den Befehl, Nirrit zum Verwaltungsgebäude zu bringen. Er warf er dem Ingenieur noch einen kurzen Blick zu, dann wandte er sich ab und machte sich auf den Weg zu Shadars Quartier, um Meldung zu machen.

Nirrit spürte, daß die beiden Soldaten, die sie abführten, sie so behutsam festhielten, als handelte es sich bei ihrer Person um etwas Zerbrechliches. Sie hob den Blick und sah entgeisterte Gesichter unter den Zuschauern, aber einige waren auch sorgenvoll und manche mitleidig. Unter ihnen befand sich Velkat, aber auch der entsetzte Surin, den Nirrit auf ihrem Weg zum Verwaltungsgebäude erkannte. Kurz darauf schloß sich hinter ihr die Tür von Talans Arbeitszimmer.

Trotz der Sorge, was jetzt mit ihr geschehen würde, war es ein seltsames Gefühl, sich wieder in einem geschlossenen Raum zu befinden. Nirrit betrachtete die zweckmäßige Einrichtung und verspürte den vagen Wunsch, sich zum Ausruhen auf dem Stuhl niederzulassen, der dem Schreibtisch des Militärkommandanten gegenüberstand. Sie war sicher, daß die schweigenden Wachen, die gemeinsam mit ihr warteten, sie nicht daran gehindert hätten, aber sie wollte sich nicht die Blöße einer solchen Schwäche geben. So zwang sie sich, stehenzubleiben.

Nach relativ kurzer Wartezeit traten Talan und Shadar in den Raum, worauf der Lagerkommandant als erstes die Wachen hinaus schickte. Nirrit verhielt sich ruhig, denn sie hatte an Talans Gürtel eine Waffe bemerkt. Dieses tückische kleine Gerät vermochte ihrem Leben so schnell ein Ende zu setzen, daß sie nach dem Wechseln keine Zeit mehr zu einem Angriffsversuch gehabt hätte. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als das Kommende abzuwarten.

Shadar umkreiste Nirrit, betrachtete sie eingehend und trug ein erfreutes Lächeln zur Schau.

"Wie ich sehe, hat sich unser Kopilot also doch noch angefunden. Ich war sicher, daß es ihn geben mußte. Aber daß sich seine Natur als weiblich herausstellen würde, hatte ich nicht erwartet. Talan, lassen Sie die Gefangene in mein Quartier überstellen! Ich werde mich mit ihr etwas näher befassen."

Doch dieses Mal wußte sich Talan in der stärkeren Position, und er dachte nicht daran, sie aufzugeben.

"Vielleicht darf ich Sie an die Bestimmungen für solche Fälle erinnern." antwortete er trocken. "Hier handelt es sich eindeutig um einen Fall von feindlicher Infiltration des Lagers. Dies fällt in den ausschließlichen Zuständigkeitsbereich des Militärkommandanten, sowie auch die Entscheidungsgewalt über dabei gemachte Gefangene. Ich fürchte, Sie werden die Rhazaghani mir überlassen müssen."

Shadar begriff sofort, daß er hier nicht weiter kam.

"Natürlich, ich verstehe!" lächelte er hintergründig und blickte auf Talan in einer verschwörerhaften Art und Weise, die Wut in diesem weckte. "Schließlich ist es hart für einen stattlichen jungen Mann, so lange Zeit von der Heimat fort zu sein."

Er musterte Nirrit kurz, und sein Lächeln verstärkte sich.

"Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen!"

Daraufhin drehte er sich um und verließ den Raum.

Talans Blick wandte sich Nirrit zu und verharrte dort eine Weile. Fassungslos bemerkte sie darin eine seltsame Mischung aus verzweifeltem Hunger und Resignation, und allmählich glaubte sie zu verstehen, was vorging.

Er sah ein blasses, abgemagertes Geschöpf vor sich, das alle Anzeichen der Strapazen trug, die es durchgemacht hatte. Die müden Augen wirkten eingefallen und das Haar war struppig und glanzlos.

"Es geht ihm wie mir mit den Zorls!" fuhr ihr durch den Kopf. "Er überlegt, ob seine Beute überhaupt so ansehnlich ist, daß es lohnt, sie zu verzehren."

In ihr stieg trotz ihrer Erschöpfung eine kalte Wut hoch. Sein abschätziger Blick war es nicht, der sie störte. Sie wußte selbst, wie sie aussah. Auch traf es sie in der Tat nicht so sehr, daß ihr Körper als Eigentum betrachtet wurde. Das Konzept der sexuellen Gewalt war unbekannt auf Rhazaghan. Auf der Erde hatte Nirrit zwar das eine oder andere darüber gehört, aber das Prinzip war ihr letztendlich unverständlich geblieben. Ihr Zorn galt etwas anderem.

Auf ihrem Heimatplaneten konnte man seinen Körper nur an ein Raubtier verlieren, und man setzte alles daran, daß dieses es zumindest bereute, eine solche Beute ausgewählt zu haben. Mochte dort auch manchmal jemand den einheimischen Fleischfressern zum Opfer fallen, so doch nicht ohne mindestens den Versuch gemacht zu haben, den Gegner zu verletzen. Es durfte nicht sein, daß ein Räuber die Erfahrung machte, daß Rhazaghaner leichte Beute waren.

Sie erwiderte den Blick des Romulaners mit kalten Augen.

"Mit welchem Recht sehen Sie mich als ihren persönlichen Besitz an?" fragte sie leise.

Talans Antwort kam so prompt und selbstverständlich, daß sie wirkte, als habe er sie schon in seiner Kindheit auswendig gelernt.

"Mit dem Recht des Siegers!"

Ihre Augen wurden schmal.

"Sagen Sie mir, wie kann es einen Sieger geben? Es hat kein Kampf stattgefunden. Sie haben nicht einmal eine Schramme riskiert, es genügte Ihnen, Ihren Leuten einen Wink zu geben. Vor einigen Tagen stand ich einem Panzerkopf gegenüber. Ich hätte ihm nicht mehr viel entgegensetzen können, aber wäre es zu einem Kampf gekommen, hätte er sich seinen Sieg eher verdient gehabt als Sie heute. Vielleicht sind wir zu unterschiedlich, aber bei meinem Volk würde man sich schämen, auf diese Art und Weise an seine Beute zu kommen."

Talans Gesichtsfarbe verdunkelte sich.

"Soll das heißen, Sie hätten sich auf einen Kampf mit mir eingelassen?"

Sie sah ihm in die Augen.

"Ich habe einige Zeit da draußen überlebt. Wie schätzen Sie mich ein?"

Er schwieg einen Moment.

"Und welcherart hätte dieser Kampf sein sollen? Wenn Sie mich in Ihrer vierpfotigen Gestalt angegriffen hätten, wäre die Sache für Sie höchstwahrscheinlich nicht ohne ein gebrochenes Genick ausgegangen. Und Sie wollen ja wohl kaum einen Ringkampf gegen mich vorschlagen!"

"Wie wäre es mit Fechtstöcken? Sie trainieren doch mit Rilkar zusammen, nicht wahr?"

Er lachte kurz auf. "Haben Sie überhaupt schon einen in der Hand gehabt?"

Nirrit wußte, es war aberwitzig, was sie zu tun im Begriff war. Aber alles war ihr lieber, als so leicht wie ein Stück Aas am Weg aufgegriffen zu werden.

"Ein Clanmitglied hat mich zuhause unter anderem auch darin unterrichtet. Er sagte, die Prinzipien entsprächen denen der meisten interplanetarischen Völker."

Talan sah sie an. Die Vorstellung begann, ihn zu amüsieren. Außerdem mußte er ihr im Stillen Recht geben. Auch für seinen Geschmack war die ganze Sache zu einfach gewesen, aber er hatte sie bei der Gefangennahme nicht verletzen wollen. Jedenfalls verblüffte es ihn, daß ein solches körperliches Wrack noch die Entschlossenheit zeigte, Widerstand zu leisten.

Man würde sie auf alle Fälle erst einmal soweit aufbauen müssen, daß ein Kampf überhaupt lohnte. Er wußte zwar nicht, wieviel er sich von all dem versprechen sollte, aber er hatte nicht vor, sich von ihr beschämen zu lassen. Nirrits Bemerkung über kampflose Siege war gut anvisiert gewesen und hatte ins Schwarze getroffen.

"Also gut!" nickte er. "Ein Fechtkampf! Vorher werden Sie sich jedoch erst einmal erholen! Wenn Sie körperlich wieder belastbar sind, werde ich Ihnen nach meinem täglichen Training Fechtunterricht geben bis zu dem Abend vor meiner Abreise nach Romulus. Dann haben Sie die Gelegenheit, ihren Kampfeswillen unter Beweis zu stellen. Ich will es Ihnen nicht zu schwer machen. Es wird Ihnen kaum möglich sein, mich zu schlagen, dazu sind Jahre der Übung notwendig. Es wird für Sie ausreichen, einen Treffer zu landen, dann fällt die Entscheidungsgewalt über Ihren Körper Ihnen zu, und ich werde mich von Ihnen fernhalten. Verlieren Sie den Kampf, werden Sie sich mir unterwerfen, indem Sie sich mir gegenüber auf Ihre Grundform beschränken. Sehen Sie das als faire Chance an?"

Sie nickte. Es war weit mehr, als sie zu hoffen gewagt hatte.

Talan trat an sie heran.

"Wie heißen Sie?"

"Nirrit! Nirrit von den Vari!"

"Also hören Sie zu, Nirrit! Als Gegenleistung erwarte ich von Ihnen, daß Sie sich kooperativ verhalten. Sie werden weiter wie bisher im Lager auf die Jagd gehen, ohne dabei irgendwelche Schwierigkeiten zu machen. Es versteht sich, daß ich Sie unter Beobachtung halten werde. Wenn Sie vernünftig sind, sichere ich Ihnen anständige Behandlung durch meine Leute zu."

Nirrit sah trotzig zu ihm hoch.

"Ich werde Ihnen weiterhin die Zorls vom Hals halten und auch keine Probleme bereiten. Aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich jede Fluchtmöglichkeit ergreifen werde, die ich sehe."

Er sah ernst auf sie hinunter.

"Versuchen Sie es ruhig! Sie werden nicht viel Glück haben. Es gibt für Sie keinen Weg hinaus aus diesem Lager, und glauben Sie mir: Ich werde Sie im Auge behalten!"

Plötzlich sah Nirrit, wie sich seine Augen weiteten und fühlte sich im nächsten Moment von ihm am Arm gepackt. Erschrocken wollte sie sich ihm entwinden, aber Talan hielt sie fest und strich ihr mit der anderen Hand das Haar aus der Stirn.

Eine leichte Rötung machte sich dort bemerkbar.

Talan nickte grimmig. "Ein romulanischer Regenerator! Ich hätte es wissen müssen!"

Ohne ein weiteres Wort an sie zu richten, rief er seine Wachen und gab ihnen den Befehl, Nirrit in den Arrestbereich zu bringen. Daraufhin verließ er das Verwaltungsgebäude und machte sich auf den Weg zur Krankenstation.

Nilamon, der gerade im Begriff war, mit Surin zu sprechen, drehte sich bei seinem Eintreten überrascht um. Der Arzt machte den Versuch, etwas zu sagen, wurde aber von Talan sofort unterbrochen.

"Jetzt nicht, Nilamon! Lassen Sie uns bitte allein! Ich habe mit Surin zu reden."

Als der Arzt zögerte, wandte Talan sich ihm zornentbrannt zu.

"Lassen Sie uns allein, sagte ich! Falls Ihnen das nicht bewußt war: Es handelte sich um einen Befehl!"

Bestürzt über das ungewohnte Aufbrausen des Kommandanten warf Nilamon seinem Assistenten einen fragenden Blick zu, worauf dieser ihm fast unmerklich zunickte. Daraufhin verließ der Arzt den Raum.

Talan trat sofort auf Surin zu.

"Als es neulich zu dem Vorfall mit dem Nausikaaner kam, sah ich eine Kreatur, die ich für ein Tier hielt, sich blutend zum Tor schleppen." begann er mit gefährlicher Ruhe. "Der Farbe des Blutes habe ich dabei keine Bedeutung zugemessen, ich bin kein Naturwissenschaftler. Sie jedoch haben die Verletzung ebenso gesehen wie ich. Es muß Ihnen sofort klargewesen sein, daß dieses Lebewesen nicht der einheimischen Fauna entstammen kann. Also zogen Sie die gleiche Schlußfolgerung wie ich heute, nämlich daß es sich bei dem Geschöpf nur um die Begleitung des Cardassianers handeln konnte. Sie gingen ihr nach und behandelten die Verletzung, dann kehrten sie, ohne ein Wort darüber zu verlieren, ins Lager zurück. Antworten Sie mir! Liege ich richtig mit dieser Vermutung?"

Surin stand ihm bleich, aber gefaßt gegenüber.

"Das ist korrekt!" antwortete er ruhig. "So hat es sich abgespielt."

Talan packte Surin mit furchtbarer Kraft und stieß ihn hart gegen die Wand.

"Warum haben Sie mir Ihre Entdeckung verschwiegen?" schrie er außer sich vor Wut.

Surin zuckte nicht mit der Wimper.

"Aus welchem Grunde hätte ich Ihnen Meldung machen sollen? Damit Sie die Rhazaghani an Shadar übergeben?" zischte er. "Sie wissen selbst, was er ist! Vielleicht möchten Sie die Verantwortung für das tragen, was jetzt geschehen wird, aber für mich trifft das nicht zu. Und jetzt gehen sie schon, und sagen Sie Shadar, daß ich jemandem Hilfe gewährt habe, der nie auch nur einen Augenblick ein Risiko für unsere Sicherheit war, sondern sie im Gegenteil vermehrt hat! Zweifellos wird er überglücklich über die Gelegenheit sein, sich etwas ganz Besonderes ausdenken zu können."

Einen Moment lang starrten beide Männer einander in die Augen. Dann trat eine Art neugewonnener Achtung in den Blick des Kommandanten, und er ließ Surin zögernd los.

"Sieh an! Das "kleine Mädchen" hat mehr Mumm in sich, als erwartet. Es erstaunt mich, daß Sie bereit wären, für eine Fremde eine solche Konsequenz auf sich zu nehmen. Damit Sie es wissen: Ich habe nicht vor, Ihren Schützling dem Lagerkommandanten zu übergeben. Die Bestimmungen sprechen einen unter diesen Umständen gemachten Gefangenen mir zu. Ich nehme an, Sie sind mit mir einer Meinung, daß eine solche Lage für sie besser ist, als bei Shadar zu landen."

Surin sah ihn an.

"Ich verstehe!" sagte er leise.

"Nicht ganz! Die junge Dame und ich sind darin übereingekommen, daß man an Besitz keine Freude hat, wenn man keine Möglichkeit hatte, ihn sich zu verdienen. Deutlich ausgedrückt: Sie verlangt eine faire Chance, sich zu verteidigen. Sie dürften allerdings nur zu gut wissen, daß es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten steht."

Surin atmete tief durch.

"Sie leidet an einer schweren Anämie. Ihr Körper ist auf große Mengen an Eisen angewiesen, die ihr die hiesige Fauna nicht bieten konnte."

Talan wirkte auf diese Auskunft hin nachdenklich.

"Das ist es also! Aber ich nehme an, Sie können diesen Mangelzustand beheben?"

"Bei einer entsprechenden Ernährung und zusätzlichen Eisengaben wird sie sich rasch erholen."

Talan nickte ihm zu. "Gut! Dann werden Sie sich um ihre Gesundheit kümmern. Da Sie sie schon einmal behandelt haben, wird sie sicherlich leicht zu Ihnen Vertrauen fassen. Ich erwarte von Ihnen, daß Sie alle Maßnahmen treffen, die für ihre Genesung notwendig sind. Im übrigen werde ich darauf verzichten, Ihr Verhalten Shadar zu melden. Es wäre ein harter Schlag für die medizinische Versorgung des Lagers, wenn der Assistent des Arztes eine lange Zeit auf dem Krankenlager verbringen muß, vorausgesetzt, er ist überhaupt noch am Leben."

 

Soto und Knut standen an der Barriere und spähten in den äußeren Lagerring, der immer mehr in Dämmerlicht getaucht wurde.

"Driskal scheint heute nicht zu kommen." bemerkte Knut. "Normalerweise wäre er schon längst hier gewesen."

"Wundert dich das? Die dürften drüben erst einmal mit ihrer Entdeckung beschäftigt sein. Talan nimmt sich heute garantiert nicht die Zeit fürs Training."

Die beiden schwiegen einen Moment. Dann begann Soto wieder zu sprechen.

"Hättest du es vermutet? Ich meine, ich konnte mir schon vorstellen, daß Rilkar nicht allein gewesen war, auch wenn er es immer abstritt. Aber das...?"

Knut schüttelte den Kopf.

"Ich war genauso perplex wie du. Da waren wir heilfroh, daß uns jetzt eine Art Lagermaskottchen vor den verdammten Biestern schützt. Die Soldaten haben sich genauso über ihr regelmäßiges Auftauchen gefreut. Klar, schließlich riskieren sie jeden Tag beim Dienst ihre Haut. Und dann stellt sich so etwas heraus! Kein Wunder, daß Rilkar den Nausikaaner fast umbrachte, nachdem der versucht hat, Kesh... das Mädchen zu erschlagen."

"Nirrit!" hörten sie Mutubs Stimme hinter sich sagen. "Ihr Name ist Nirrit!"

Die beiden wandten sich zu ihm um.

"Was ist sie?" fragte Knut. "Ich dachte zuerst, sie wäre eine Formwandlerin. Allerdings habe ich gehört, die sollen irgendwie zerfließen. Das vorhin ging aber mit einem Aufblitzen vor sich."

"Sie ist eine Rhazaghani. Rhazaghaner können in vier verschiedene tierische Formen wechseln."

"Hat Rilkar dir das erzählt? Wo ist er eigentlich?"

"Er ist drinnen. Er wollte zuerst niemanden sehen. Jetzt sind noch Silak und Qo'hod bei ihm. Habt ihr hier noch etwas beobachten können?"

"Zuerst haben Shadar und Talan gemeinsam das Verwaltungsgebäude aufgesucht, aber nach recht kurzer Zeit kam Shadar wieder heraus, meiner Ansicht nach mit ziemlich eingefrorenem Gesicht. Was er auch wollte, anscheinend hat er es nicht bekommen. Etwas später wurde das Mädchen in Richtung Arrestbereich abgeführt, jedenfalls nicht zu Shadars Quartier, soviel steht fest. Talan scheint die Krankenstation aufgesucht zu haben. Mehr war nicht zu erkennen. Im Moment ist alles ruhig."

Der Lemnorianer überlegte.

"Es könnte natürlich sein, daß Talan gegenüber Shadar einen Trumpf in der Hand hat, von dem wir nichts wissen. Shadar ist eigentlich nicht die Sorte, die sich lange zu gedulden pflegt."

"Hoffen wir, daß es so ist! Dann wäre sie erst einmal in Sicherheit."

Mutub warf einen nachdenklichen Blick in Richtung des Verwaltungsgebäudes.

"Freut euch besser nicht zu früh! Ich habe das eine oder andere über romulanische Gepflogenheiten gehört."

Soto und Knut sahen ihn erschrocken an.

"Wie meinst du das?"

"Ich meine, daß Talan noch länger auf diesem verdammten Planeten festsitzt als wir. Hinzu kommt, daß er durch seine Arbeit am Schreibtisch nicht ständig den Zorls ausgesetzt war. Soviel ich weiß, hat er noch nie eine Verätzung davongetragen, und daher wird er die Rhazaghani mit Sicherheit anders betrachten als die Wachen. Die haben jetzt nur Angst, daß sie in Zukunft wieder ohne Schutz dastehen. Ich wäre euch allerdings dankbar, wenn ihr diese Überlegungen gegenüber Rilkar für euch behalten könnt."

 

Driskal erschien am nächsten Tag neutral und korrekt wie immer, um Rilkar zum Training abzuholen. Dieser war voller Unruhe, denn seit Nirrits Entdeckung am Vortag hatte er keine Gelegenheit gehabt, mit Talan zu sprechen.

Als der Ingenieur die Halle betrat, erwartete ihn bereits sein Trainingspartner mit unbewegtem Gesicht. Jeder der beiden wählte schweigend einen Fechtstock aus, und das Training begann. Normalerweise eröffneten sie den üblichen Kampf, sobald sie warm geworden waren, doch diesmal machte sich die Spannung zwischen ihnen deutlich bemerkbar.

Das Gefecht kam nicht in Gang. Beide umkreisten einander, wobei zwischendurch blitzartig und heftig die Stöcke aufeinander knallten, gefolgt von Abschnitten, in denen sich die beiden Männer wieder längere Zeit belauerten. Der Ingenieur beobachtete Talans Gesicht, das undurchsichtig und leicht verkniffen wirkte, aber er fand dort keine Antwort auf seine unausgesprochene Frage.

Nach einer Weile beendete der Romulaner das Training, und beide suchten, immer noch schweigend, den Vorraum auf. Auch während des Kleidungswechsels fiel kein Wort zwischen ihnen, aber beim Verlassen der Halle gab Talan Rilkar einen Wink, ihm zu folgen.

Als beide dann in Talans Quartier einander gegenübersaßen, brach der Ingenieur nach mehreren Gläsern das belastende Schweigen.

"Ich möchte mit dir reden."

Der Romulaner sah hoch und warf Rilkar einen bösen Blick zu.

"Über die Rhazaghani? Du hast mich schön reingelegt!"

"Was hätte ich denn deiner Ansicht nach tun sollen? Sie an Shadar verraten?"

Der Kommandant zögerte.

"Wohl kaum!" gab er schließlich zu und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf sein Gegenüber. "Ist sie deine Geliebte?"

Der Ingenieur sah ihn an. "Nein!" antwortete er, überrascht über die direkte Frage.

"Was tat sie dann auf deinem Schiff?"

Rilkar seufzte und schilderte Talan die Umstände, die zu der Entführung und letztendlich zu ihrem Abschuß und seiner Gefangennahme geführt hatten. Er berichtete knapp, ließ aber nichts aus und beschönigte nichts. Als er seine Erzählung beendet hatte, wirkte der Romulaner zufrieden.

"Ich begreife deine Handlungsweise." meinte er. "Nur dein Pech, daß wir euch erwischt haben!"

Der Ingenieur richtete einen hoffnungsvollen Blick auf ihn.

"Meine Kameraden glauben, daß du Nirrit Shadar verweigert hast. Ist das wahr?"

"Es war mein gutes Recht. Sie wurde gefangengenommen, nachdem sie sich mit möglichen feindlichen Absichten ins Lager eingeschlichen hatte. Hätten wir sie draußen erwischt, wäre der Fall schon wieder anders gelagert. Aber so kommt Shadar nicht ohne weiteres an sie heran."

"Wie wirst du jetzt mit ihr verfahren?"

"Ihr Volk scheint eine wehrhafte Natur zu besitzen, die es ihr unmöglich macht, eine Gefangennahme ohne Kampf zu akzeptieren. Sie hat tatsächlich die Stirn gehabt, mir einen Fechtkampf anzubieten, also soll sie ihre Chance bekommen. Ich sehe allerdings keinen Sinn darin, mich mit einer Person zu duellieren, die völlig entkräftet ist und außerdem nur wenig Erfahrung im Kampf hat. Wenn sie wieder wohlauf ist, werde ich mit ihr trainieren bis zum Abend vor meiner Abreise. Dann kann sie gegen mich antreten. Bringt sie einen einzigen Treffer an, lasse ich sie in Ruhe."

Rilkar sah beunruhigt auf.

"Und wenn nicht?"

Talan nahm einen Schluck aus dem Glas.

"Dann wird sie das Lager mit mir teilen."

"Was?" Rilkar lehnte sich fassungslos vor. "Das ist doch nicht dein Ernst?"

Talan knurrte unwillig .

"Was willst du? Ich gebe ihr immerhin eine Chance. Normalerweise wäre sie längst in meinem Bett gelandet. Weibliche Gefangene gehören dem kommandierenden Offizier."

"Du kannst unmöglich glauben, was du da sagst! Wie kannst du eine derart unzivilisierte Einstellung vertreten?"

Talans Gesicht hatte durch den Alkohol eine dunklere Tönung angenommen. Er kniff die Augen zusammen.

"Zivilisiert! Was heißt schon zivilisiert? Der bekannte Teil der Galaxis beherbergt Hunderte von Völkern, und alle halten sich für zivilisiert, ganz gleich, was für Gesetze und Vorstellungen dort herrschen."

Der Ingenieur stand auf und beugte sich, sich mit den Händen abstützend, über den Tisch, der zwischen ihnen stand.

"Und doch stimmen in einer Hinsicht fast alle überein: Daß es widerlich ist, Hilflose zu mißbrauchen!"

Talan sah ihn gereizt an.

"Seltsame Einstellung für einen Cardassianer!"

"Auch mein Volk hat das Unrecht nicht gepachtet. Jedenfalls stellst du mit dieser Sache unsere Freundschaft auf eine harte Belastungsprobe, das ist dir ja wohl klar!"

Talan stand langsam auf.

"Genug davon! Damit du es weißt, ich lasse mich nicht von dir erpressen! Ich habe dir die Vergrößerung der Rationen gewährt, gut! Aber glaubst du deswegen, ich müßte mich zukünftig nach deinen Launen richten, weil du mein Trainingspartner bist? Wofür hältst du mich? Ich hätte nachgegeben, wenn sie deine Geliebte wäre. Aber so hast du keinerlei Rechte, mir Vorschriften zu machen, wie ich mit ihr zu verfahren habe. Hast du vielleicht vor, dich ihretwegen mit mir zu schlagen? Bitte, ich stehe dir zur Verfügung!"

Der Ingenieur beherrschte sich mühsam. Wenn er sich jetzt mit Talan zerstritt, hatte er nicht mehr die geringste Möglichkeit, auf ihn Einfluß zu nehmen, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Außerdem wußte er, daß es unmöglich war, ihn von etwas zu überzeugen, wenn er so viel getrunken hatte. Den Rest des Abends wurde Nirrit zwischen ihnen nicht mehr erwähnt, und Rilkar hoffte verzweifelt, daß er später Gelegenheit erhalten würde, den Romulaner umzustimmen.

14.

Nirrit lag in ihrer Arrestzelle und schlief. Sie hatte die meiste Zeit seit ihrer Gefangennahme schlafend verbracht, war nur in gewissen Abständen aufgewacht, wenn ihr das Essen gebracht wurde, um dieses restlos zu vertilgen und wieder einzuschlafen. Am Morgen war Surin bei ihr erschienen, hatte ihr die Eisendosis verabreicht, einige freundliche Worte mit ihr gewechselt und sie wieder verlassen.

Schließlich wachte die Rhazaghani auf, weil sie glaubte, ein Geräusch gehört zu haben. Sie hatte sich nicht getäuscht. Shadar war eingetreten.

Ihre Reaktion bestand darin, in die Krallenluum zu wechseln, und nun stand der Lagerkommandant auf der anderen Seite des Energiefeldes und blickte in die ungerührten türkisfarbenen Augen. Shadar nickte langsam.

"Ich schätze, Sie werden nicht mehr lange den Luxus haben, sich nach Belieben in diese Form begeben zu können. Ich kenne meinen Untergebenen gut genug, um zu wissen, daß es für ihn kein Problem darstellen wird, Ihnen das abzugewöhnen."

Er betrachtete sie eine Weile eingehend. Dann begann er zu sprechen. Das Thema war der romulanische Umgang mit weiblichen Gefangenen.

Nirrit sah ihn an. Er verkörperte nicht den Tod in Form des alten Panzerkopfes oder des eigenen langsam versagenden Körpers, auch nicht die drohende Verletzung durch einen Säurestrahl, sondern er war einfach eine Person, die dort stand und redete. Und sie wußte genau, daß er sie nicht verletzen oder gar töten würde. Dieser Mann hatte eine solch unbändige Angst vor den Zorls, daß er sein Quartier kaum verließ. Außerdem schien ihn irgend etwas davon abzuhalten, sich über Talans Zuständigkeit hinwegzusetzen.

Während der Lagerkommandant sprach, saß sie unbewegt ihm gegenüber und hörte konzentriert, fast höflich zu. Sie überlegte, ob tatsächlich das mit ihr geschehen würde, was Shadar ihr in Aussicht stellte, tippte aber auf nein. Talan mochte ausgehungert sein, würde aber seinen Fang nicht mit Genuß zerfleischen, wie Shadar es zu tun pflegte. Sie hatte inzwischen einen Eindruck von der Art des Militärkommandanten erhalten und glaubte nicht, daß ihre Einschätzung sie täuschte. Außerdem wußte Shadar nichts von ihrer Abmachung und sie war auch nicht der Ansicht, das diese ihn etwas anging.

Nach einer Weile schwieg Shadar und blickte in das lebhaft gezeichnete Tiergesicht, das ihm noch immer unmittelbar zugewandt war. Sein allgegenwärtiges Lächeln bekam etwas leicht Säuerliches.

"Wie ich sehe, scheint Sie all das nicht sehr zu beeindrucken. Vielleicht sollte ich Ihnen erst etwas Zeit geben, diese Informationen zu verarbeiten. Wir sehen uns morgen wieder." Daraufhin drehte er sich um und verließ den Arrestbereich.

 

Am nächsten Morgen war Nirrit bereits in aller Frühe munter. Der Schlaf, das reichliche Essen und die hoch dosierten Eisengaben begannen Wirkung zu zeigen, und nun, da sie sich etwas kräftiger fühlte, wurde sie nervös. Sie war sicher, daß wieder ein bis mehrere Zorls den Weg in das Lager gefunden hatten, und die Vorstellung, daß vielleicht Rilkar, Surin oder Velkat ihnen zum Opfer fallen könnten, ließ ihr keine Ruhe. Daher rief sie die Wache aus dem Vorraum herbei, und bat sie, den Kommandanten zu holen.

Als Talan kurz darauf erschien, stellte er überrascht fest, daß sie bereits deutlich lebhafter wirkte als bei ihrer Gefangennahme.

"Sie hatten mich sprechen wollen?"

"Würden Sie mich bitte hinaus lassen? Ich nehme an, daß es für mich wieder einiges im Lager zu tun gibt."

"Sie haben es damit erstaunlich eilig. Fühlen Sie sich denn dazu in der Lage?"

"Das tat ich auch gestern. Nach der Ruhe und den Eisenrationen ist mir allerdings bedeutend wohler, so daß ich mich an die Arbeit machen möchte. Sie wollten doch, daß ich auch weiterhin jage, oder?"

Talan zögerte. Ihr Eifer schien ihm verdächtig, doch er rechnete ebenfalls ständig mit einem Zwischenfall, also ließ er das Energiefeld der Zelle deaktivieren.

"Sie wissen ja, daß ich Sie beobachten lasse!"

Nirrit nickte ungeduldig, dann wechselte sie in die Krallenluum und drängte durch die sich öffnende Tür des Arrestgebäudes ins Freie. Als sie die vertrauten Gerüche des Lagers einsog, hob sich ihre Stimmung sofort und sie machte sich auf die Jagd.

Talan beobachtete mißtrauisch, wie sie auf das äußere Tor zustrebte, mußte aber feststellen, daß sie hier lediglich ihren gewohnten Rundgang durch das Lager aufnahm. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß ihr Verhalten dem vor ihrer Gefangennahme entsprach, machte er sich wieder auf den Weg zum Verwaltungsgebäude. Seine Leute hatten Anweisung erhalten, die Rhazaghani nicht aus den Augen zu lassen, verdächtige Bewegungen sofort zu melden, sie allerdings nicht bei der Jagd zu behindern.

Eigentlich waren diese Instruktionen überflüssig, denn durch das neugewonnene Wissen erregte Nirrit reichlich Aufmerksamkeit unter den Lagerbewohnern. Dennoch waren die Romulaner erleichtert, sie wieder bei ihrer gewohnten Tätigkeit zu sehen, da niemandem wohl war bei der Vorstellung, daß sich wieder einige Zorls zwischen den Gebäuden befinden könnten. Nirrits Erscheinen bedeutete Sicherheit, und nur das hatte letztendlich Bedeutung.

Als sich Knut gegen Mittag auf den Weg zur Rationenausgabe machte, hörte er, wie sich eine weibliche Stimme an ihn wandte.

"Knut, darf ich Sie einen Moment stören?"

Er fuhr herum und mußte erst einmal seinen Blick senken, um die Sprecherin zu sehen.

"Oh, Mann, haben Sie mich erschreckt! Sie heißen Nirrit, nicht wahr?" brachte er heraus und kratzte sich verlegen den Kopf, denn er war weder daran gewöhnt, aus dieser Höhe noch von einem solchen Geschöpf angesprochen zu werden.

Nirrit blinzelte freundlich.

"Rilkar hat Ihnen meinen Namen genannt?"

Der junge Terraner nickte. "Nicht nur das! Werden Sie gut behandelt?" fragte er vorsichtig.

"Noch habe ich keinen Grund zur Klage. Ich genieße es augenblicklich sehr, daß meine Mahlzeiten nicht mehr aus Zorlschwänzen bestehen. Außerdem wollte ich Ihnen danken."

"Mir? Aus welchem Grund denn?"

"Für Ihr Eingreifen neulich! Hätten Sie den Nausikaaner nicht aufgehalten, wäre ich nicht mehr am Leben. Ich weiß es sehr zu schätzen, was Sie meinetwegen getan haben, immerhin wäre es für Sie ein aussichtsloser Kampf gewesen. Noch dazu um jemandem zu helfen, den Sie für ein Tier halten mußten."

Knut grinste. "Ich konnte Tiere schon immer gut leiden. Möchten Sie Rilkar sprechen?"

"Das würde ich in der Tat gern. Befindet er sich in Ihrer Unterkunft?"

"Schon den ganzen Morgen. Soll ich ihn holen?"

"Dafür wäre ich Ihnen dankbar. Ich stehe unter Beobachtung und glaube nicht, daß die Wachen Erlaubnis haben, es zu dulden, wenn ich in einer der Baracken verschwinde."

Als Knut einen Augenblick später mit dem Ingenieur zurückkehrte, fiel ihr sogleich sein niedergeschlagenes Aussehen auf. Er blieb vor ihr stehen und blickte auf sie herunter, während Knut sich ungewöhnlich diskret entfernte.

Rilkar schwieg einen Moment, dann schüttelte er den Kopf.

"Nirrit, worauf haben Sie sich da eingelassen?"

"Auf das einzig Mögliche. Oder glauben Sie tatsächlich, daß es eine Alternative gab?"

"Sie wissen genau, daß diese sogenannte Chance in Wahrheit keine ist."

"Das ist meine eigene Angelegenheit!" erwiderte sie scharf. "Oder glauben Sie, es wäre wünschenswert, wenn sich herumspricht, daß man Rhazaghaner einsammeln kann, ohne sich mit ihnen auseinandersetzen zu müssen? Ich habe diese Abmachung getroffen und werde auch zu ihr stehen."

"Es dürfte Ihnen klar sein, was für Folgen es haben wird, wenn Sie den Kampf verlieren."

"Ich kenne die Konsequenzen. Sie sind nicht so schrecklich wie das, was mit mir in meiner Heimat nach einem verlorenen Kampf geschehen würde. Wir müssen auf Rhazaghan ständig mit der Möglichkeit leben, von einem Clanmitglied nach dessen Aufbruch vom Habitat nur noch die zerrissenen Überreste zu finden. Das ist Teil unserer Realität, auch wenn wir jeden Tag alles daransetzen, um ein solches Ende zu vermeiden. Im Moment sind wir jedenfalls am Leben, und das ist ein gutes Gefühl. Bitte lassen Sie uns von anderen Dingen sprechen."

Der Ingenieur begriff, daß es nur zu einem Streit geführt hätte, wenn er bei diesem Thema geblieben wäre. Außerdem hatte Nirrit recht: Es war sinnlos, über Alternativen zu diskutieren, die es nicht gab. Letztendlich waren sie beide der Gnade des Kommandanten ausgeliefert, auch wenn Rilkar diese Tatsache in Talans Quartier beinahe zu vergessen pflegte.

 

Als Nirrit ihre Jagd beendete und das innere Lager verließ, wurde sie von Driskal erwartet, der sie dazu aufforderte, ihn zum Arrestgebäude zu begleiten. Sie folgte ihm ohne irgendwelche Umstände und ließ sich widerstandslos in ihre Zelle bringen. Zwar fühlte sie sich müde, aber keineswegs so ausgepumpt wie bei der Jagd vor ihrer Gefangennahme, und sie nahm es dankbar zur Kenntnis, daß ihr ohne Verzögerung ihre Ration gebracht wurde. Kurz darauf wurde sie von Surin aufgesucht, der ihr wiederum Eisen injizierte.

"Ich habe Sie bei der Jagd gesehen." bemerkte er. "Die Behandlung scheint bereits anzuschlagen, oder täusche ich mich?"

Nirrit, die sich wieder in der Grundform befand, seit man ihr das Essen gebracht hatte, schüttelte den Kopf.

"Keineswegs, ich bemerke es ebenfalls. Das Atmen fiel mir deutlich leichter als die letzten Male, allerdings traue ich mir noch keine weiten Sprünge zu."

"Sie sollten sich noch ein wenig in Geduld üben. Ich finde Ihre Fortschritte bereits beachtlich. Noch einige Tage Ruhe sowie eiweißreiche Kost und Eisen werden sich entsprechend auswirken. Ihr Körper hatte aufgrund des Mangelzustandes rasch abgebaut. Der umgekehrte Prozeß scheint an Ihnen noch wesentlich schneller abzulaufen. Sollten Sie noch etwas benötigen, dann lassen Sie es mich wissen, allerdings ist es wichtig, daß Sie sich jetzt ausruhen."

"Ich werde mich gleich schlafen legen. Grüßen Sie Nilamon, und sagen Sie ihm, ich bedankte mich für den Braten."

Surin schmunzelte. "Er hatte danach einen ziemlichen Streit mit dem Kommandanten. Ich werde ihm den Dank ausrichten. Er wird sich sehr darüber freuen."

Als Nirrit wieder allein war, streckte sie sich auf der Pritsche aus und war kurz darauf im Begriff, einzuschlafen, als sie hörte, wie jemand den Raum betrat. Fast automatisch verließ sie die Grundform.

"Sie haben bereits ein merklich ansprechenderes Erscheinungsbild." bemerkte Shadar anerkennend. "Die Pflege, die Talan Ihnen durch Surin angedeihen läßt, scheint Wunder an Ihnen zu wirken. Zweifellos wird er erheblich mehr Freude an Ihnen haben, wenn Ihr Körper sich wieder erholt hat. Ich muß zugeben, es ist mir bis jetzt entgangen, daß mein Untergebener das Zeug zum Genießer hat. Dank Ihnen lerne ich nun Teile seines Wesens kennen, die er bisher vor mir sorgfältig verborgen hatte."

Die Begegnung lief ähnlich wie die vom Vortag ab. Nirrit saß ruhig Shadar gegenüber, ohne etwas zu äußern oder eine Reaktion auf die Worte des Lagerkommandanten erkennen zu lassen. Shadar ließ sich ausgiebig in Spekulationen über Talans mögliche Handlungsweisen aus. Schließlich hielt er wiederum inne.

"Sie sind eine echte Herausforderung!" lächelte er. "Um so besser! Es wäre eigentlich schade, wenn sie zu rasch zusammenbrechen würden. Ich verspreche Ihnen, daß ich über Sie nachdenken werde. Erholen Sie sich weiterhin gut! Sie wollen doch unseren Freund Talan nicht enttäuschen, nicht wahr?"

Als er Nirrit verlassen hatte, reckte sie sich ausgiebig, sprang mit einem weiten Satz auf die Pritsche und schlief, nachdem sie in die Grundform zurückgekehrt war, augenblicklich ein.

Am nächsten Morgen stellte sie fest, daß die Wache offenbar Anweisung bekommen hatte, sie zu Beginn des Tages ins Freie zu lassen. Kurz darauf ging sie wieder ihrer selbst gestellten Aufgabe nach und freute sich darüber, daß die Ausführung ihr abermals leichter fiel als am Vortag. Surin hatte recht gehabt: Die Behandlung schlug hervorragend an. Mit stiller Genugtuung ließ sie die leblosen Körper der erlegten Zorls liegen, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen.

Der Tag verlief ohne Zwischenfälle, und die Rhazaghani nahm es gelassen hin, daß Driskal sie später in ihre Zelle zurückbrachte, wo sie ihre Ration zu sich nahm. Sie hatte sich bereits innerlich darauf eingestellt, daß sie heute abgesehen von Surin noch einen weiteren Besuch erwarten mußte, und diese Erwartung trog sie nicht. Nach kurzer Wartefrist stand Shadar jenseits des Energiefeldes.

Als Surin verspätet das Arrestgebäude betrat, mußte er feststellen, daß der Wache, die im Vorraum Dienst tat, vor Angst der Schweiß auf der Stirn stand.

Der Mann schüttelte den Kopf, als er Surin sah.

"Ich habe Anweisung, niemanden hineinzulassen." brachte er derart nervös heraus, daß er vergaß, dem medizinischen Assistenten einen geringschätzigen Blick zuzuwerfen. "Er ist gerade bei ihr."

"Wer?" fragte Surin, Böses ahnend.

"Der Lagerkommandant! Er ist bereits das dritte Mal hier. Vorgestern und gestern kam er auch und blieb jedesmal eine Weile. Soviel ich weiß, spricht er zu ihr."

Surin drehte sich auf dem Absatz um, verließ den Arrestbereich und rannte auf dem kürzesten Weg zum Verwaltungsgebäude.

Talan hatte soeben Driskal zu sich gerufen, um einige Absprachen mit ihm zu treffen, als Surin mit bleichem Gesicht in den Raum trat, ohne sich mit irgendwelchen Höflichkeiten aufzuhalten.

"Shadar ist bei der Rhazaghani! Die Wache meinte, er wäre auch bereits an den beiden vorigen Tagen dort gewesen und hätte sich einige Zeit bei ihr aufgehalten. Sind Sie darüber informiert?"

Auf Talans Gesicht war bei dieser Nachricht ein verkniffener Ausdruck erschienen.

"Das ist nicht der Fall!"

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, erhob er sich und verließ, von Driskal begleitet, das Verwaltungsgebäude.

Shadar sah fast zärtlich auf die ihm gegenüber sitzende Nirrit hinab.

"Eigentlich machen Sie einen recht hübschen Eindruck in dieser Gestalt. Vielleicht sollte ich einige Beziehungen spielen lassen, damit Sie nach unserer Ablösung mir zugesprochen werden. Ich glaube, Sie würden in meinem Empfangsraum auf Romulus an einer Kette überaus dekorativ wirken. Natürlich müßte der Teppich farblich auf Ihre Zeichnung abgestimmt werden, aber das ließe sich einrichten. Regelmäßig kommende Besucher könnten Ihnen jedesmal einen kleinen Leckerbissen mitbringen und sich ein wenig mit Ihnen die Wartezeit vertreiben, bis ich bereit bin, sie einzulassen." Seine Augen verengten sich leicht. "Übrigens habe ich ein paar Freunde, die ebenfalls ihre Vorzimmer etwas beleben möchten. Sie wissen nicht zufällig, ob sich das eine oder andere Schiff Ihres Volkes in der Nähe des romulanischen Raumes aufhält?"

Nirrit hatte den Tag über das Gefühl gehabt, daß ihre Kräfte beinahe stündlich im Begriff waren zu wachsen. Sie hätte bereits zwischendurch während ihrer Jagd gern etwas ausprobiert, aber sie war sicher, daß man ein solches Verhalten von ihr fehlinterpretiert hätte. Nun aber, da kein anderer Zuschauer und vor allem Talan nicht anwesend war, hielt sie den Zeitpunkt für angemessen und wechselte.

Shadar wich unwillkürlich einen Schritt zurück und sah hoch. Das Geschöpf, das aus türkisfarbenen Augen nachdenklich auf ihn herunterblickte, war intensiv rotbraun gefärbt. Der geschwungene Hals sowie der kräftige Rücken wiesen einzelne gelblichbraune Streifen auf, während die langen Beine im unteren Bereich ein schwarzbraun trugen. Den Nasenrücken entlang lief ein scharfer Grat aus Horn bis hinauf zur Stirn, wo er sich über den Augen V-förmig teilte und zwei leicht nach hinten gebogene Dreiecke bildete.

Shadar schwieg.

Bevor er erneut das Wort ergreifen konnte, wurden schnelle, entschlossene Schritte im Vorraum hörbar, und Nirrit hielt es für sicherer, wieder die Grundform aufzusuchen.

Talan trat mit schmalen Augen ein und winkte seinen Stellvertreter zu sich.

"Driskal! Bringen Sie die Gefangene in mein Quartier!"

Shadar sah Nirrit an.

"Wie ich sehe, ist es jetzt soweit. Sie werden also die Möglichkeit haben, meine Aussagen selbst zu überprüfen. Vielleicht sollten Sie mir bei Gelegenheit Ihre Erfahrungen mitteilen."

Die Rhazaghani erwiderte ruhig seinen Blick, ohne etwas zu äußern. Der Lagerkommandant zögerte einen Moment, dann wandte er sich ab und verließ das Arrestgebäude, nicht ohne sich im Vorbeigehen an seinen Untergebenen zu wenden.

"Lassen Sie noch genug von ihr übrig, daß sie zur Jagd in der Lage ist!"

Talan sah ihm voller Verachtung nach. Als Driskal Nirrit an ihm vorbeiführte, bedeutete er seinem Stellvetreter, kurz zu warten. Er betrachtete Nirrit prüfend.

"Surin gab an, er hätte erfahren, daß der Lagerkommandant Sie nicht nur heute, sondern auch an den beiden vergangenen Tagen aufgesucht hat. Ist das richtig?"

Sie nickte.

"Wie hat er sich dabei verhalten?"

Sie zuckte die Achseln.

"Er sprach von Ihnen."

Talans Gesichtszüge verhärteten sich. Dann gab er Driskal ein Zeichen, den gegebenen Befehl auszuführen.

Als Talans Stellvertreter sie im Quartier eingeschlossen hatte, begann Nirrit, sich neugierig umzusehen. Sie war sicher, daß sie hier keine Waffe finden würde, und sie hatte auch nicht die Absicht, danach zu suchen, denn sie war weder dazu imstande noch hegte sie den Wunsch, sich den Weg aus dem Lager freizuschießen.

Das Quartier war ebenso zweckmäßig gehalten wie Talans Arbeitszimmer. Die Einrichtung wurde hauptsächlich von einem Tisch, drei Stühlen, einem Schreibtisch, einem schlichten Teppich und einem Regal mit Getränken bestritten. Einen Moment lang ruhte Nirrits Blick nachdenklich auf der schmalen Lagerstatt, die fast frei in dem großen Raum stand, dann wandte sie sich wieder dem Rest des Quartiers zu. Nebenan lag die Hygienezelle, und sie stellte erfreut fest, daß es hier Wasser gab. Danach kehrte sie in den Wohnraum zurück, wechselte in die Krallenluum und rollte sich zum Schlafen auf dem Teppich zusammen.

Wesentlich später schrak sie hoch, als sich bei Talans Heimkehr die Beleuchtung des Quartiers selbsttätig einschaltete. Sie vermutete, daß er vom Training gekommen war, denn er hatte eine kräftige Gesichtsfarbe, und die Haare wirkten leicht zerzaust. Nachdenklich sah er auf sie herab, nahm aber unkommentiert zur Kenntnis, daß sie sich nicht in der Grundform befand.

Schließlich nahm er eine Decke und ein Polster vom Bett und warf sie ihr zu.

"Kommen Sie damit zurecht?"

"Im Wald war ich weniger Komfort gewöhnt."

Daraufhin beobachtete sie wachsam, wie der Romulaner sich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, zur Ruhe begab. Es überraschte sie, daß er sie ohne weitere Sicherheitsmaßnahmen in seiner Nähe duldete. Zweifellos wußte er inzwischen über die Wirkung von Geonfeldern auf Rhazaghaner Bescheid, und Velkat war mit Sicherheit in der Lage, ein solches eher simples Gerät anzufertigen. Entweder war Talans Vertrauen in sich selbst entsprechend groß, oder aber er glaubte nicht daran, daß sie dazu fähig war, ihn im Schlaf anzugreifen, womit er im letzteren Fall absolut recht hatte. Sie vermutete, daß die Antwort irgendwo in der Mitte lag.

Als die tiefer werdenden Atemzüge ihr signalisierten, daß der Romulaner eingeschlafen war, rollte sie sich ebenfalls nach kurzem Zögern auf der Decke zusammen.

Am nächsten Morgen ließ Talan sie ohne Umstände hinaus und machte sich auf den Weg zu seinem Schreibtisch. Der Himmel war wolkenverhangen und es war deutlich, daß sich ein kräftiger Guß ankündigte. Als der Kommandant einige Zeit später das Verwaltungsgebäude für einen Kontrollgang verließ, hatte der Regen bereits eingesetzt.

Bei einem nahestehenden Gebäude fiel ihm Nirrit auf, die ihrer Jagd nachging und sich in seine Richtung bewegte. Der Regen schien sie nicht zu stören. Das Wasser perlte größtenteils von dem gemusterten Fell ab und tropfte zu Boden, während sie munter vorwärtstrabte und nur einmal innehielt, um sich nachlässig zu schütteln.

Er war bereits dabei, den Blick abzuwenden, als er aus dem Augenwinkel bemerkte, daß die Rhazaghani abrupt abbremste, sich leicht duckte und witterte. Sein Interesse erwachte, und er beobachtete, wie sie sich nun mit langsamen fließenden Bewegungen weiterbewegte, ihre Aufmerksamkeit auf einen ganz bestimmten Punkt richtend. Talan folgte ihrem Blick, und nun, in dem prasselnden Regen, bemerkte er es ebenfalls: Die Tropfen prallten und perlten an der bewußten Stelle ein kleines Stück über dem Boden ab und ließen dort die Umrisse des Zorls vermuten. Nirrit schlich behutsam näher, um kurz darauf in einiger Entfernung von ihrem anvisierten Ziel innezuhalten und ihre Muskeln anzuspannen.

Talan fragte sich, was sie vorhaben mochte, denn sie war von dem Tier noch immer ein gutes Stück entfernt. Im selben Augenblick wurde seine Frage auch schon beantwortet, denn die Rhazaghani katapultierte sich mit einem ungeheuren Satz vorwärts, um mit den Krallen den Zorl zu packen und ihn mit einem einzigen Prankenhieb zu töten. Anschließend schüttelte sie sich noch einmal kräftig und ließ das erlegte Tier achtlos liegen.

Der Romulaner, verblüfft über seine Beobachtung, beschloß, noch am gleichen Abend mit ihrem Training zu beginnen. So kam es, daß Nirrit, nachdem Driskal sie nachmittags in Talans Quartier eingeschlossen hatte, dort Trainingkleidung vorfand, die augenscheinlich für sie bestimmt war. Sie betrachtete die Sachen prüfend, die aus einem weichen, leichten Material bestanden. So etwas entsprach nicht ihrer Gewohnheit, aber sie würde sich anpassen können.

Kurz darauf nahm sie ihre Ration ein, die jemand bereits vor ihrer Ankunft auf dem Tisch abgestellt hatte und ruhte sich anschließend etwas aus. Talan war offenbar der Ansicht, daß es nicht nötig war, mit dem Training noch länger zu warten, was sie begrüßte. Dem Abend sah sie in einer Art gespannter Neugier entgegen, denn sie hatte keine konkreten Vorstellungen, was sie erwarten würde. Ihr einziger Hinweis bestand darin, daß der Romulaner ihrem Wissen nach den Begriff Training sehr ernst zu nehmen pflegte.

Ihre Gedanken wanderten noch einmal zurück zum Morgen, wo Talan sich ihr gegenüber so korrekt wie die letzten Tage auch verhalten hatte. Seit dem Abend ihrer Gefangennahme war es kein einziges Mal mehr vorgekommen, daß er einen Blick hinter seine Maske zuließ. Es war, als wollte er ihr beweisen, wie gut er sich in der Gewalt hatte.

Nirrit neigte normalerweise nicht dazu, sich Sorgen zu machen, aber der Gedanke, was sie im Fall ihres Scheiterns erwarten würde, begann sie immer stärker zu beschäftigen. Wohl war sie in der Lage, Talan dann einen passiven Widerstand entgegenzusetzen, ohne direkt die Abmachung zu brechen, aber sie zweifelte nicht daran, daß der Romulaner diesen über kurz oder lang zu überwinden verstand. Und die Vorstellung, daß sie dann sein Handeln würde dulden müssen, erfüllte sie mit einer nie gekannten Art des Unbehagens. Schließlich zwang sie sich jedoch, Überlegungen dieser Art beiseite zu schieben, da sie sie nicht nur für unnütz, sondern auch für schädlich hielt. Stattdessen versuchte sie so gut es ging, sich ihre Fechtlektionen auf Rhazaghan zu vergegenwärtigen.

Später erschien Driskal, um Nirrit zu holen und traf sie vorbereitet an. Sie durchquerten das ruhige Lager, das bereits im Dunkel lag, wogegen die Trainingshalle ihnen noch hell entgegenleuchtete und Aktivität im Inneren anzeigte. Als sie eintraten, hallte ihnen das scharfe Geräusch von aufeinanderprallenden Fechtstöcken entgegen. Rilkar und Talan waren allein im Übungssaal und lieferten sich ein heftiges Gefecht, wobei sie sich wechselweise zurück trieben.

Nirrit verharrte neben Driskal am Eingang und sah fasziniert dem Kampf zu. Es war ihr sofort klar, daß sie zwei Meister in dieser Disziplin vor sich hatte, aber erst nach einer gewissen Beobachtungszeit fielen ihr Unterschiede in der jeweiligen Kampfweise der beiden Männer auf. Der Ingenieur focht auf eine offensive und kraftvolle Art, ohne es jedoch dabei an Finesse fehlen zu lassen, während Talan durch Geschmeidigkeit, Eleganz und seinen ausgereiften Stil bestach.

Nach einer Weile brachen beide ohne erkennbaren Grund den Kampf ab und sprachen noch einige Worte miteinander, während sie sich gemeinsam auf den Eingang zubewegten. Erst kurz vor ihnen bemerkten sie Driskal mit der Rhazaghani und blieben stehen. Talan nickte seinem Stellvertreter dankend zu.

Rilkars Blick ruhte einen Moment auf Nirrit, dann wandte er sich mit unglücklichem Gesicht an seinen Trainingspartner.

"Talan..."

Dessen Züge verhärteten sich augenblicklich und er hob in einer knappen, warnenden Geste die Hand. Der Ingenieur wartete noch einen Moment, dann wandte er sich mit einem Seufzer ab und suchte, von Driskal begleitet, den Vorraum auf.

Talan betrachtete Nirrit prüfend.

"Die Kleidung paßt, wie ich sehe. Es ist vielleicht das Beste, wenn Sie sich erst einmal aufwärmen."

Die Rhazaghani sah ihn erstaunt an, dann reckte sie sich.

"Ich bin soweit!"

"Glauben Sie mir, es ist vernünftiger, wenn Sie zumindest einige Dehnübungen machen und sich vor dem eigentlichen Training etwas bewegen. Sie beugen auf die Art und Weise Verletzungen vor."

"Das ist nicht nötig. Die Muskulatur von Rhazaghanern ist ständig einsatzbereit und braucht nicht aufgewärmt zu werden."

Talan legte in leichter Überraschung den Kopf zur Seite.

"Sind Sie sicher?"

"Sind Sie sicher, daß Sie Aufwärmung benötigen?"

Er nickte. "Um so besser! Das gibt uns noch etwas zusätzliche Zeit für das Training. Machen wir Sie also erst einmal mit den romulanischen Fechtstöcken vertraut."

Er reichte ihr Rilkars Waffe.

"Sehen Sie ihn sich an! Glauben Sie, daß Sie damit klarkommen?"

Nirrit wog ihn in der Hand.

"Zuhause sind sie etwas länger und aus natürlichem Material. Sie sind aber auch eine Kleinigkeit schwerer. Ich glaube, ich werde keine Probleme haben."

"Gut, kommen Sie!"

Er führte sie ein Stück in die Halle.

"Ich muß erst einmal sehen, worauf wir aufbauen können. Das Beste ist, wenn Sie einige Angriffe gegen mich ausführen, damit ich mir ein Bild von Ihren Fähigkeiten machen kann. Beginnen Sie also! Ich werde Sie zu diesem Zeitpunkt lediglich abwehren und darauf verzichten, zu kontern."

Die Rhazaghani erinnerte sich an ihre Lektionen und attackierte ihn, so gut ihr Können es zuließ. Talan wehrte schweigend die Hiebe ab, bis er ihr endlich zunickte.

"Sie sind kein ganz blutiger Anfänger!" gab er zu. "Die Grundzüge haben Sie sich angeeignet."

"Ich sagte Ihnen, daß ein Clanmitglied mir das eine oder andere beigebracht hat."

"Dennoch werden Sie sich enorm steigern müssen, wenn Sie eine Chance haben wollen. Ihr Gegner beherrscht diese Disziplin seit über fünfundzwanzig Jahren. Außerdem vermute ich, daß Ihre Lektionen eine Weile zurückliegen."

"Sie haben recht! Auf der Erde hatte ich keine Gelegenheit mehr, meine Fähigkeiten zu verbessern."

"Wir werden sehen, was sich tun läßt. Lassen Sie uns am besten an dieser Stelle weitermachen. Geben Sie acht! Diesmal werde ich ebenfalls angreifen, allerdings dabei versuchen, Sie nicht zu überfordern."

Er hob seine Waffe und erwartete ihren Angriff. Nirrit zögerte einen Moment.

"Darf ich Sie etwas fragen?"

Er gab die Kampfhaltung auf und stützte beide Hände auf den Fechtstock, wirkte aber nicht unfreundlich.

"Fragen Sie!"

"Was bedeutet Kesh'ta?"

Er betrachtete sie nachdenklich. Fast schien er zu lächeln.

"Einen Ort, an dem viele Punkte und Flecken konzentriert sind. Bei uns wird zum Beispiel ein Sternhaufen Kesh'ta genannt. Es gibt aber auch eine Pflanze, die diesen Namen trägt."

"Ach so, ich verstehe! Sie wissen nicht zufällig, von wem er stammt?"

"Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, von Velkat. Es paßt jedenfalls zu ihm."

"Ich danke Ihnen für die Auskunft. Entschuldigen Sie bitte, ich wollte nicht von Ihren Unterweisungen ablenken. Wenn es Ihnen recht ist, können wir fortfahren."

Talan hob seinen Fechtstock, ging in Kampfposition und begann mit ihrem Training. Nirrit, die gewohnt war, mit ihren Kräften hauszuhalten, stellte fest, daß der Kampf recht bald begann, ihre Ausdauer zu strapazieren. Zwar war sie in der Lage, über kurze Zeit hinweg nicht unerhebliche Kräfte zu mobilisieren, jedoch niemals für die gesamte Dauer eines ausgedehnten Fechtkampfes. Als Talan bemerkte, daß seine Schülerin im Begriff war, stark zu ermüden, hielt er inne.

"Wir sollten für heute abbrechen. Morgen werde ich damit beginnen, Sie mit den romulanischen Techniken vertraut zu machen, die für Sie geeignet sind. Es hat keinen Sinn, wenn Sie mit der Erlernung von Bewegungsmustern Zeit verlieren, deren Durchführung Ihnen mehr Kraft abverlangt, als Sie aufzubringen in der Lage sind. Driskal wird Sie jetzt in mein Quartier zurückbringen, wo Sie sich wieder umziehen können. Haben Sie vorher noch irgendwelche Fragen?"

Nirrit, noch ziemlich außer Atem, sprach die Frage aus, die sie seit Trainingsbeginn beschäftigt hatte.

"Haben Sie bereits in der Vergangenheit mit Frauen trainiert?"

"Bisher nicht! Es gibt zwar viele Frauen unter den Angehörigen des romulanischen Militärs, aber diese Disziplin ist unter ihnen nicht sehr populär. Die meisten Romulanerinnen bevorzugen Nahkampfdisziplinen, von denen es bei uns eine große Auswahl gibt."

"Ich finde es auffällig, daß Ihr Regiment keine weiblichen Angehörigen aufweist. Vermute ich richtig, daß der Grund dafür die Art Ihres Einsatzes ist?"

In Talans Gesichtsausdruck trat ein Hauch von Bitterkeit.

"Der Grund dafür ist vor allem, daß der kommandierende Offizier Shadar heißt. Es ist einigermaßen tröstlich, daß die Teile des Oberkommandos, die für die Verteilung des militärischen Personals verantwortlich sind, noch einen Funken Verstand besitzen. Dieses Regiment ist berüchtigt, wenn Sie verstehen, was ich meine."

Die junge Frau sah ihn an und nickte voller Mitgefühl. Der Romulaner erwiderte nachdenklich ihren Blick.

"Es ist das Vernünftigste, wenn Sie sich jetzt zur Ruhe begeben. Dies war Ihre erste Lektion und morgen früh erwartet Sie wieder die Jagd im Lager."

Nirrit wandte sich um und sah Talans Vertrauensmann am Eingang stehen, der sie anschließend in die Unterkunft zurückbrachte. Als der Kommandant etwas später sein Quartier betrat, lag die Rhazaghani in der gleichen Form wie am Vorabend auf der Decke, ohne auf sein Erscheinen zu reagieren. Kurz darauf lag auch er in tiefem Schlaf.

 

15.

Talan führte Nirrits Unterweisung grundsätzlich mit großem Ernst durch. Schritt für Schritt erklärte er die neuen Techniken und ließ die junge Frau die ungewohnten Bewegungsmuster zunächst langsam durchführen, während er sie wachsam und kritisch beobachtete. Später dann erprobte er ihre Geschicklichkeit in der Praxis. Sorgsam machte er sie auf Fehler in ihrer Haltung oder im Bewegungsablauf aufmerksam und ermutigte sie, wenn es ihr geglückt war, in einem Probegefecht die neu erworbenen Fertigkeiten einzusetzen.

Nirrit ihrerseits befolgte seine Anweisungen mit Beflissenheit. In ihrer Heimat war es Brauch, daß ein junger Rhazaghaner bei der Erlernung einer neuen Luum von einem Lehrer und Mentor intensiv betreut wurde. Es war wichtig, dessen Anweisungen zu gehorchen, denn von der perfekten Beherrschung der Luuma hing letztendlich die eigene Lebenstüchtigkeit ab. So bemühte sich Nirrit schon aus alter Gewohnheit nach Kräften, den Ansprüchen ihres neuen Lehrers zu genügen. Seine unerschütterliche Geduld und seine Gewissenhaftigkeit fand sie dabei bemerkenswert, denn Talan wurde es niemals müde, beim Auftreten von Problemen seine Ausführungen anschaulich zu wiederholen. Auch sparte er nicht an nützlichen Hinweisen, in dem Bemühen, die Schwächen seiner Schülerin auszugleichen.

"Ihr Gegner ist Ihnen im Hinblick auf Kraft und auch auf Ausdauer überlegen." erklärte er ihr bei einer solchen Gelegenheit. "Andererseits ist mir an Ihnen aufgefallen, daß Sie über außergewöhnlich gute Reflexe verfügen. Machen Sie Gebrauch davon, und zwar bevor Ihr Gegner Sie soweit ermüdet hat, daß Sie sie nicht mehr vernünftig einsetzen können. Beginnen Sie mit ihrer Offensive möglichst früh und setzen Sie Ihre Schnelligkeit ein, denn im Laufe des Kampfes werden Sie diesen Vorteil voraussichtlich rasch verlieren."

Nirrit hörte sich seine Ratschläge stets aufmerksam, aber doch mit heimlichem Staunen an. Beeindruckt erkannte sie, daß der Romulaner, wenn es um seine Kampfdisziplin ging, in eine Welt eintauchte, die ihre eigenen Gesetze besaß. Und daher hätte er es weit von sich gewiesen, einen unverdienten Vorteil zu nutzen.

Tagsüber ging Nirrit weiterhin der Jagd nach, was ihrer Form beim Training leider kaum zugute kam, denn bei der Aufspürung und Tötung der Zorls benötigte sie in erster Linie Aufmerksamkeit und Konzentration, auch wenn ihre schnellen Reflexe hier ebenfalls gefragt waren. Daß die Fähigkeit, längere Zeit größere Kraftanstrengungen durchhalten zu müssen, auf diese Weise nicht erworben werden konnte, war nicht zu ändern. Die einzige Gelegenheit dafür bot der Abend in der Halle.

Talan begann sie immer stärker zu fordern, und die Rhazaghani ahnte langsam, was für Kräfte der Kommandant in einem wirklichen Kampf mobilisieren konnte. Aber auch wenn sie wußte, daß ihre Sache wenig aussichtsreich war, schob sie doch weiterhin diese Gedanken von sich fort und konzentrierte sich auf die Übungen, auf die sie sich zu freuen begonnen hatte. Wenn es ihr im Moment auch nicht vergönnt war, in der Steppenluum voranzukommmen, so bot sich doch wenigstens die Möglichkeit, etwas zu lernen.

Untertags pflegte sie sich nach ihrer Pflichterfüllung mit Rilkar zu unterhalten. Sie wußte, daß die Situation den Ingenieur deprimierte, und wenn sie es auch vermied, das Thema direkt anzusprechen, verwickelte sie ihn doch gern in Gespräche über das Stockfechten an sich. Tatsächlich ließ er sich häufig ablenken, erzählte vom cardassianischen Fechtkampf und seiner Kindheit auf Cardassia Prime, seinen Erfahrungen in den Trainingshallen und den verschiedenen Techniken, die er im Laufe der Zeit erlernt hatte. In diesen Fällen brach stets seine heitere Natur durch und Nirrit genoß es, wieder mit jemandem zusammen lachen zu können.

Nicht selten mischten sich Knut oder Soto in das Gespräch ein, was für zusätzliche Ablenkung sorgte, und es geschah mehr als einmal, daß die Rhazaghani überrascht aufsah, weil Driskal vor ihr stand und sie höflich, aber bestimmt dazu aufforderte, ihm zu folgen. Dennoch fand Nirrit alles in allem die augenblickliche Situation dem Leben im Clan nicht unähnlich, und sie war dankbar dafür, Freundschaften pflegen zu können. So konnte Knut beispielsweise einfach nicht aufhören, über Nirrits aufgespaltene Natur zu staunen.

"Ich stelle es mir merkwürdig vor, auf fünf verschiedene Arten existieren zu können." meinte er an einem sonnigen Nachmittag, an dem sie sich gemeinsam mit Rilkar und Qo'hod vor der Baracke aufhielten. "Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, daß man jedesmal im Inneren derselbe sein soll. Ist es für Sie nicht auch komisch, jemandem zu begegnen, der vor fünf Minuten noch ganz anders ausgesehen hat? Ich glaube, daran könnte ich mich nie gewöhnen."

"Das ist eine Frage der Sichtweise." erwiderte Nirrit. "Wir dagegen hatten vor unserem ersten Fremdkontakt geglaubt, daß intelligentes Leben nicht ohne eine Wechselnatur möglich ist. Wie kann man so überleben? Ständig auf die stumpfen Sinne der Grundform angewiesen, das Tempo der Fortbewegung stark beschränkt, die Zähne nicht der Rede wert, noch nicht einmal eine vernünftige Tarnung. Seltsam, daß es für eine Art möglich sein soll, auf dieser Basis lange genug durchzuhalten, um wirkliche Intelligenz zu entwickeln. Als die ersten Cardassianer bei uns landeten, wurden sie von unserem Volk aufmerksam beobachtet. Wir haben lange Zeit darauf gewartet, vor dem ersten Kontakt die verschiedenen Luuma der Fremden zu sehen. Stellen Sie sich also unsere Fassungslosigkeit vor, als wir begriffen, daß diese gar nicht existieren."

Rilkar betrachtete sie mit verschränkten Armen und hochgezogenen Brauen.

"Woher wollen Sie das denn wissen?"

Nirrit sah erstaunt zu ihm hoch.

"Wie meinen Sie das?"

"Sie haben noch nie einen Cardassianer sein ganzes Leben lang beobachtet, nicht wahr? Vielleicht verstehen wir es ja auch nur ganz ausgezeichnet, uns zu verstellen. Die cardassianische Liebe zur Geheimniskrämerei ist bekannt."

Nirrit betrachtete ihn verblüfft, während Qo'hod und Knut schallend zu lachen begannen. Als Knut sich wieder beruhigt hatte, wandte er sich grinsend an die Rhazaghani.

"Entschuldigen Sie bitte, Nirrit! Aber Sie haben eben so verdattert ausgesehen, als hätten Sie erwartet, daß Rilkar sich im nächsten Moment in einen Vierbeiner verwandelt. Doch ich glaube, damit ist nicht zu rechnen."

"Vorerst nicht!" bemerkte der Ingenieur bedeutungsvoll, das erste Wort betonend.

Kurz darauf wurden sie von Silak unterbrochen.

"Deine Anwesenheit wird benötigt, um einen Streit zu schlichten." informierte er den Ingenieur. "Der eine der beiden Orioner beschuldigt den anderen, sein Sridar entwendet zu haben. Sie stehen unmittelbar vor einer körperlichen Auseinandersetzung. Soto ist bereits dabei, Wetten auf deren Ausgang abzuschließen." fügte er voller Mißbilligung hinzu.

"Immer dasselbe mit den grünen Zwillingen." bemerkte Knut. "Wenn sie woanders keinen Streit vom Zaun brechen können, haben sie sich gegenseitig am Kragen. Keiner von beiden würde so blöd sein, dem anderen das Sridar zu klauen, schließlich gibt es hier nur zwei Orioner."

Die Rhazaghani sah ihn ratlos an.

"Ein Sridar? Was ist das?"

"Ein orionisches Kleidungsstück. Man könnte in etwa von einem Nierenwärmer reden."

Sie sahen Rilkar und dem Vulkanier nach, die sich bereits auf dem Weg zum Schauplatz des Streites befanden.

"Rilkar scheint ziemlich großen Einfluß unter den Gefangenen zu besitzen." bemerkte Nirrit nachdenklich.

"Wenn jemand zum Anführer geboren ist, wird er sich durchsetzen, selbst wenn er nichts von seinen Fähigkeiten weiß." hörte sie Qo'hods Stimme hinter sich. "Talan kann sich glücklich schätzen, daß der Cardassianer ein friedlicher Mann ist, denn sonst hätte es hier bereits einen Aufstand gegeben, in dem nicht nur das Blut von Gefangenen geflossen wäre. Jeder hier wäre bereit, auf Rilkars Stimme zu hören, und der Romulaner weiß das. Schon deshalb sollte er sich sein Handeln gut überlegen, wenn er es denn nicht aus Freundschaft tun will."

Nirrit wußte, daß der Klingone auf ihre Abmachung mit Talan anspielte und das machte sie verlegen. Deshalb stand sie auf und reckte sich.

"Eigentlich würde ich gern etwas trinken. Es ist recht angenehm, daß mir jetzt diese Möglichkeit offensteht, denn vor meiner Entdeckung habe ich im Lager häufig unter Durst gelitten. Knut, wären Sie so liebenswürdig, mir an der Wasserstelle behilflich zu sein?"

Knut lachte. "Wenn es Ihnen nichts ausmacht, daß so ein mickriges Grundformgeschöpf wie ich Ihnen eine Schale Wasser hinstellt, dann gern."

Sie sah ihn in gespielter Verärgerung an.

"Sie wissen, wie ich das vorhin gemeint habe! Außerdem könnte ich es ja selbst, aber dazu müßte ich wechseln, und das würde ich in Anbetracht der Umstände gern vermeiden."

Knut begleitete sie zu dem kleinen Gebäude, in dem sich die Wasserstelle befand.

"Sie brauchen sich deswegen keine Sorgen zu machen. Kesh'ta würde hier niemand anrühren, allein schon wegen des Cardassianers nicht. Qo'hod hat schon recht mit seiner Einschätzung, daß praktisch jeder Gefangene auf ihn hören würde. Außerdem herrscht seit Rilkars Ankunft wesentlich mehr Solidarität unter uns, und das ist viel wert."

Nirrit betrat ohne Zögern den Bau und lief fast in ein Paar mächtiger Beine hinein. Als sie an dem massigen Leib emporblickte, erkannte sie den Nausikaaner. Sofort duckte sie sich und legte die Ohren flach an den Kopf an.

Der Mann riß die Augen auf und stieß bei ihrem Anblick ein entsetztes Keuchen aus. Mit dem Rücken zur Wand drückte er sich an ihr vorbei und verließ fluchtartig das Gebäude. Knut sah ihm gemeinsam mit der Rhazaghani nach.

"Sehen Sie?" sagte er ruhig. "Selbst Broharesh hat es kapiert. Der tut Ihnen nicht noch einmal etwas an, dazu war die Lektion zu gründlich. Unter den Gefangenen weiß jeder, was mit dem passiert, der sich an Ihnen vergreift."

 

Als Rilkar etwas später von Driskal in die Halle gebracht worden war, stellte er zu seiner Überraschung fest, daß Talan ihn mit Canar und romulanischem Ale sowie zwei Gläsern erwartete.

"Wir lassen heute das Training ausfallen." erklärte er. "Zwar sind es nicht mehr viele Tage bis zu meinem Aufbruch, aber ich bin mit meiner augenblicklichen Form überaus zufrieden. Ich denke, wir haben uns einen Abend Ruhe verdient."

"Die Kämpfe beginnen also bald?" vergewisserte sich Rilkar.

Talan nickte und füllte die Gläser. "In achtzehn Tagen. Sechs Tage habe ich für meinen Flug eingeplant, die Reparatur des Navigationscomputers eingerechnet. Ich freue mich schon darauf, Ragor wiederzusehen."

"Den Namen hattest du bis jetzt nie erwähnt."

"Er ist ebenfalls Mitglied des romulanischen Militärs und bekleidet auch den gleichen Rang wie ich. Bevor ich hierher kam, war ich im Stockfechten sein Hauptkonkurrent. Als die Sache mit der Verlegung des Regimentes ruchbar wurde, hat er mich beim Training öffentlich verhöhnt. Ihm war klar, daß ich hier nicht in der Lage sein würde, meine Form zu halten. Aber nun sieht die Sache anders aus. Ich bin wirklich gespannt auf die Begegnung mit ihm."

Der Ingenieur versuchte sich einen Kämpfer vorzustellen, der es fertigbrachte, seinen gleichrangigen Gegner wegen einer unverschuldeten Benachteiligung zu verspotten.

"Er wird sich gründlich wundern!" sagte er überzeugt.

Sein Trainingspartner lächelte mit einer ungewohnten Grimmigkeit.

"Ich werde alles daransetzen, daß er es tun wird. Mit dir konnte er nicht rechnen, und jetzt glaubt er ohne Zweifel, mich los zu sein. Er wird es nicht mehr lange glauben."

Nach kurzer Zeit fiel es Rilkar auf, daß der Romulaner ungewöhnlich wenig für seine Verhältnisse trank. Als er sich darüber wunderte, gab ihm Talan freimütig die Erklärung für seine Zurückhaltung.

"Schließlich werde ich am späteren Abend noch meine Schülerin unterweisen. Ich möchte Nirrit keinen betrunkenen Trainer zumuten."

Erleichtert, daß das Gespräch auf die Rhazaghani gekommen war, beschloß Rilkar, behutsam bei dem Thema zu bleiben.

"Wie macht sie sich?"

"Sie ist mit viel Konzentration bei der Sache, und das gefällt mir. Sollte sie später dabei bleiben, kann sie es in der Disziplin zu etwas bringen. Sie hat zweifellos Talent, und ihre Reflexe sind sogar besser als meine."

"Ich weiß, was du meinst!" nickte der Ingenieur und erinnerte sich.

"Was ihr noch Probleme bereitet, sind Kraft und Ausdauer. Ihre Kondition hat sich durch das Training deutlich verbessert, aber das wird kaum ausreichen. Und bezüglich des Kräfteunterschieds kann ich leider nicht viel tun."

Rilkar sah ihn befremdet an.

"Das hört sich an, als empfändest du Sympathie für sie." bemerkte er.

Talan erwiderte erstaunt seinen Blick.

"Sie ist schließlich meine Schülerin!" antwortete er, als sei dies eine hinreichende Erklärung.

"Du beabsichtigst also nicht mehr, dein Vorhaben durchzuführen?"

Das Gesicht des Romulaners nahm drohende Züge an.

"Es handelt sich um eine Abmachung. Ich dachte, du wüßtest, was das heißt!"

Die Miene des Ingenieurs verdüsterte sich ebenfalls.

"Aber du kommst dir nicht seltsam dabei vor?"

"Ich weiß nicht, was du meinst!"

"Ich gebe dir nur den Rat, gut zu überlegen, was du tun willst."

"Hier gibt es nichts zu überlegen!"

"Überlege es dir gut!" wiederholte Rilkar in warnendem Tonfall.

 

Als Nirrit in die Halle eintrat, traf sie den Kommandanten allein an. Der Ingenieur war offenbar bereits gegangen. Talan empfing sie mit seiner üblichen ernsten Höflichkeit, machte jedoch an dem heutigen Abend einen abwesenden Eindruck. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit zeigte er sich daran interessiert, sich vor dem Training mit ihr zu unterhalten.

"Sie hatten erzählt, in Ihrer Heimat hätte Sie ein Mitglied Ihres Clans unterrichtet." bemerkte er nachdenklich. "Allerdings haben Sie dabei nicht erwähnt, aus welchem Grund Sie begonnen haben, den Umgang mit dem Fechtstock zu erlernen. Ist die Disziplin bei Ihnen so verbreitet?"

Seine momentane Aufgeschlossenheit überraschte Nirrit.

"Eigentlich nicht mehr so sehr. Tarkin hielt es für eine gute Idee, mir einige Kenntnisse zu vermitteln."

Der Romulaner neigte fragend den Kopf.

"Tarkin?"

"Er war mein Lehrer für die Krallenluum. Tarkin der Rote. Rot ist in gewisser Weise sein Markenzeichen. Die Krallen-, Zahn-, Steppenluum, alles in dunklem Rot. Als ich von Rhazaghan fortging, hatte er gerade die Schwinge angefangen. Er geht sogar so auf die Jagd. Ohne Tarnzeichnung! Tybrang sagt, Tarkin wäre verrückt. Er hätte zu viel überschüssige Kraft und daher würde er ständig die Herausforderung suchen. Vielleicht hat Tybrang recht, aber ich mag Tarkin trotzdem."

Talan hatte mit heimlicher Faszination zugehört.

"Und wie kam er auf den Gedanken, Sie das Stockfechten zu lehren?"

"Er vertrat die Ansicht, daß man auch lernen sollte, sich in der Grundform zu verteidigen, wenn man schon unter Grundform-Völkern lebt. Deshalb lehrte er mich etwas Nahkampf und ein wenig Stockfechten, bis ich dann Rhazaghan verließ. Der Stock ist immerhin die einzige Waffe, die jemals bei uns zugelassen war."

"Wollen Sie damit sagen, es hätte auf Ihrem Planeten niemals Auseinandersetzungen gegeben?"

Die Rhazaghani schüttelte den Kopf.

"Keineswegs, auch bei uns gab es die eine oder andere Fehde im Laufe unserer Geschichte, aber wir hätten uns rasch selbst vernichtet, wenn wir nicht darauf geachtet hätten, daß diese einigermaßen unblutig verlaufen. Sie können sich gar nicht vorstellen, was geschehen würde, wenn zwei aufgebrachte Rhazaghaner in der Zahnluum aufeinander losgingen. Ritualisierte Kämpfe in der Grundform sind da eine wesentlich vernünftigere Alternative. Allerdings ist es heutzutage kaum mehr nötig, davon Gebrauch zu machen. Der Kampf mit dem Fechtstock ist an sich nur noch eine Sportdisziplin, aber Tarkin begeistert sich dafür wie für jede Gelegenheit, seine Kräfte erproben zu können."

Der Romulaner lächelte. "Er scheint ein interessanter Gegner zu sein."

Nirrit erwiderte seinen Blick.

"Das ist er zweifellos. Sein Temperament ist allerdings berüchtigt. Dennoch war er ein hervorragender Lehrer, auch wenn es manchmal nicht schlecht wäre, wenn er auch nur zur Hälfte Ihre Geduld besitzen würde."

Talan griff zu seinem Fechtstock. Ihr schüchternes Kompliment freute ihn zwar im Stillen, aber es erinnerte ihn auch daran, daß er seine Pflicht vernachlässigte.

"Wir sollten jetzt anfangen! Wir werden die Techniken, die ich Ihnen vor fünf Tagen gezeigt habe, noch einmal wiederholen. Danach überprüfen wir im Gefecht, ob Sie auch in der Lage sind, sie anzuwenden."

Die Rhazaghani nahm ebenfalls ihren Stock an sich, und das Training begann.

Nirrit wußte inzwischen, daß ihre Fechtlektionen bei Talan gezählt waren. Der Romulaner forderte sie hart, indem er ihr unbarmherzig das vermittelte Wissen abverlangte, und sie glaubte nicht, daß die Übungen noch Neues für sie bereithalten würden. Da geschah zwei Tage später etwas, das beide gleichermaßen überraschte.

Sie hatten das Training gerade begonnen und befanden sich in einem Gefecht, wobei Nirrit von dem Romulaner hart bedrängt wurde. Da täuschte die Rhazaghani, einer Eingebung folgend, einen Schlag rechts oben an, nutzte die Reaktion darauf aus, indem sie nach links wegtauchte, brachte mit einer Fädelbewegung ihren Schlagstock hinter Talans Bein und zog. Und das alles mit einer derartigen Schnelligkeit, daß es einer einzigen zusammenhängenden Bewegung glich. Talan war von dem ungewohnten Manöver derart überrumpelt, daß er nicht rechtzeitig reagierte, ins Straucheln kam und sich nur mühsam abfangen konnte.

Mit aufgerissenen Augen starrte er sie an. Auch Nirrit war so überrascht von ihrem Erfolg, daß sie nicht nachsetzte, sondern erschrocken stehenblieb.

Er schüttelte fassungslos den Kopf.

"Das hätte eigentlich gar nicht funktionieren dürfen. Nur die enorme Geschwindigkeit, in der Sie es durchgeführt haben, hat es möglich gemacht."

Nirrit hatte sich noch immer nicht von der Überraschung erholt, um ein Haar ihren Lehrer zu Fall gebracht zu haben.

"Ich weiß nicht, warum ich den Dornstrauch eingesetzt habe. Tarkin sagte, er sei zu bekannt. Daher ließe er sich lediglich bei unerfahrenen Fechtern oder aber nur sehr schnell durchführen."

"Das kann schon sein! Sie hatten gerade beide Vorteile auf Ihrer Seite, denn ich muß zugeben, daß ich dieses Manöver nicht kenne."

Sie sah, wie in seinem Gesicht widersprüchliche Gefühle miteinander rangen.

"Warum haben Sie es bereits jetzt eingesetzt, und nicht erst am letzten Abend?" fragte er vorwurfsvoll. "Ich hätte es als Treffer angerechnet. Aber nun haben Sie diesen Vorteil aus der Hand gegeben."

Sie sah ihn ratlos an.

"Ich hätte nie damit gerechnet, daß Sie den Dornstrauch nicht kennen. Wie ich Ihnen schon sagte, kann er bei uns nur am Anfang eingesetzt werden. Unter den Älteren kennt ihn jeder."

Talan blickte zur Seite. Es war ihm deutlich anzusehen, daß er mit sich kämpfte. Als er wieder zu sprechen begann, war seine Stimme sehr leise.

"Sollten Sie an dem bewußten letzten Abend keinen Erfolg haben, dann wird es bei der anschließenden Nacht bleiben. Und ich werde nicht rauh mit Ihnen umgehen, Sie haben mein Wort."

Daraufhin beendete er das Training und suchte den Vorraum auf.

Nirrit sah ihm nach.

"Ihm käme nie der Gedanke, daß es möglicherweise ausreichen könnte, mich um mein Einverständnis zu bitten." dachte sie.

Sie hatte längst angefangen, ihren Lehrer zu schätzen. Zwar war eine Reifungspartnerschaft zwischen Lehrer und Schüler nicht üblich, aber unter den momentanen Umständen war eine rhazaghanische Beziehung ohnehin unmöglich.

Normalerweise hätte sie dafür zwei Kandidaten ins Auge gefaßt: Rilkar, bei dem sie das Thema noch nicht angeschnitten hatte und Talan, von dem in diesem Fall die Initiative ausging. Die Entscheidung wäre ihr zweifellos schwer gefallen, vorausgesetzt, sie hätte die Wahl gehabt. Und genau das war das Problem, das ihr zu schaffen machte.

Ihr eigener Wille zählte hier nichts, auch wenn ihre Vertrautheit mit Talan gewachsen war. Sie wußte zwar, daß er ihr mittlerweile Respekt entgegenbrachte, was sie mit Genugtuung zur Kenntnis nahm. Aber auch die Achtung, die sie sich bei dem Romulaner verschafft hatte, würde ihn nicht davon abhalten, ihren Teil der Abmachung einzufordern. Zwar hatte diese durch sein heutiges Zugeständnis viel von ihrem Schrecken verloren, dennoch erfüllte sie die Vorstellung, ungefragt eine Nacht mit Talan verbringen zu müssen, mit Sorge. Sie beschloß, die weitere Entwicklung abzuwarten, denn eine andere Möglichkeit sah sie für sich nicht, obwohl der entscheidende Abend rasch näher rückte.

 

Nirrit erwachte früh an dem Tag, stellte aber fest, daß ihr Talan zuvorgekommen war. Er war bereits fertig angekleidet. Als die Rhazaghani Anstalten machte, wie gewöhnlich mit ihm gemeinsam das Quartier zu verlassen, zögerte er.

"Vielleicht wäre es besser, wenn Sie auf die Jagd verzichten. Sie wissen, was für ein Tag heute ist."

"Das ist mir bewußt. Trotzdem würde ich gern wie üblich meine Runde machen. Sie strengt mich in keiner Weise mehr an."

Er kannte inzwischen ihre Einstellung zu ihrer Aufgabe, daher nickte er und entsprach ihrem Wunsch, woraufhin sie sich auf den Weg durch das Lager machte.

Nirrit spürte deutlich, daß sie in großartiger Form war. Selbst auf Rhazaghan war ihre Muskulatur nicht so ausgeprägt gewesen, und die Zorljagd empfand sie als ein Kinderspiel. Es war kaum zu fassen, daß sie noch vor nicht allzulanger Zeit in so schlechtem Zustand gewesen war, daß sie es kaum geschafft hatte, sich nach der Jagd in ihr Versteck zu schleppen. Nun aber bot die Rhazaghani in der Krallenluum einen prächtigen Anblick, und das wußte sie.

Am Vorabend hatte Talan gewissenhaft alle ihr vermittelten Kenntnisse theoretisch und praktisch überprüft. Ansonsten hatte er sich wie an den vergangenen Trainingsabenden verhalten. Durch nichts hatte er sich anmerken lassen, daß es sich um die letzte Lektion handelte, trotzdem glaubte Nirrit, einen Hauch des Bedauerns in seinem Gesicht erkannt zu haben, als er sie entließ.

Als sie an den Abend dachte, fühlte sie eine Mischung aus Lampenfieber und Nervosität in sich aufsteigen, daher war sie froh, als sie bei ihrer gewohnten Tour das innere Lager erreichte. Sie hoffte, hier nach Erledigung ihrer Pflichten etwas Ablenkung zu finden.

Wie üblich wurde Nirrit von Rilkars Trupp liebenswürdig empfangen, und sie ließ sich von Mutub durch eine Erzählung aus dem lemnorianischen Schöpfungsmythos fesseln. Als Qo'hod zwischendurch aufstand, um die sanitären Anlagen aufzusuchen, rasselte Knut in Höchstgeschwindigkeit sämtliche Klingonenwitze herunter, die er kannte, und Silak befragte Nirrit etwas später über die Insektenwelt auf Rhazaghan. Es war glasklar, daß sie wußten, was die junge Frau am Abend erwartete. Lediglich Rilkar war wie immer, er schien ihr nur etwas ruhiger als sonst zu sein.

Als sie von Driskal zurückgebracht wurde, sah der Ingenieur ihr nach.

"Sie wirkte überhaupt nicht ängstlich." bemerkte Knut. "Vielleicht hat das Training doch mehr gebracht, als du denkst."

Doch Rilkar schüttelte nur den Kopf.

"Mach dir keine Hoffnungen! Die Wahrscheinlichkeit, daß sie im Kampf mit Talan einen Treffer landen kann, ist gleich null. Genausogut könnte ich mit meinem Schiff gegen einen Schlachtkreuzer der Galorklasse antreten. Trotzdem glaubt sie, allein mit der Situation fertigwerden zu können, aber hier irrt sie sich. Ich jedenfalls weiß, was ich zu tun habe."

 

In der Halle angekommen, stellte der Ingenieur zu seiner Zufriedenheit fest, daß Talan der einzige Anwesende war. Offenbar hatte er vor, sich an seinem letzten Abend vor der Reise noch in Ruhe mit seinem Trainingspartner zu unterhalten.

Rilkar durchmaß in langen Schritten die Halle, um bei einem Ständer mit Fechtstöcken anzuhalten, mit entschlossenem Griff zwei davon auszuwählen und auf Talan zuzutreten.

"Hast du es dir überlegt?" fragte er knapp.

Sein Trainingspartner hob gereizt den Kopf.

"Ich schätze, du spielst auf Nirrit an. Du sprichst von dieser Angelegenheit, als handelte es sich um eine Sache, die man durch eine Laune oder einen Stimmungswechsel entscheidet. Was denkst du eigentlich von mir? Ich habe ihr so viel beigebracht, wie es in diesem kurzen Zeitraum nur möglich war. Ich habe sie die Techniken gelehrt, bei denen man sich in erster Linie Schnelligkeit zunutze macht, und versucht, ihre Trainingsform zu verbessern. Sie hat hart an sich gearbeitet, so manchen Treffer eingesteckt und sich von mir drillen lassen bis zur Erschöpfung. Und jetzt verlangst du, daß ich zu ihr gehe und sage: Ich habe es mir überlegt! Vergiß es! Ich mache mich doch nicht vor ihr lächerlich!"

"Aber vor allem reizt dich das, was dich nach dem Ende des Kampfes erwartet, nicht wahr?"

Talans Augen verengten sich.

"Wie kannst du dir anmaßen, den Sieger bereits jetzt kennen zu wollen?"

"Dazu braucht man kein Hellseher zu sein. Ich frage dich ein letztes Mal: Bist du bereit, dein Vorhaben aufzugeben?"

"Und damit du es ein für alle mal weißt: Nein, das bin ich nicht! Du hast nicht das Recht, in meine Abmachung mit ihr hineinzureden."

Rilkar warf ihm den einen der beiden Fechtstöcke zu. Talan fing ihn mit einer Hand, ohne den Kopf zu wenden.

"Wenn das so ist, dann gib acht, daß du dich gut verteidigst!"

 

Nirrit saß in Talans Quartier und dachte nach. Sie hatte sich noch immer nicht entschieden, was sie tun sollte. Es war ihr in all der Trainingszeit nicht ein einziges Mal gelungen, Talan einen Treffer zu versetzen, wenn man von der Sache mit dem Dornstrauch absah. Überraschungseffekte konnte man jedoch nur einmal nutzen, das war bei der Bedrohung durch den Panzerkopf nicht anders gewesen.

Nirrit überlegte weiter. Ein Panzerkopf war etwas Furchtbares, wenn man ihm gegenüberstand, aber es war ihr inzwischen unmöglich, Talan gegenüber so zu empfinden. Wenn der Romulaner ihre wahre Identität nicht entdeckt hätte, dann würden nun irgendwo dort draußen ihre Überreste liegen, das wußte sie.

Talan hatte sie Shadar verweigert. Er hatte ihr einen Weg ermöglicht, ihre Achtung vor sich selbst zu bewahren und dafür gesorgt, daß sie wieder zu Kräften kam, nachdem sie nur noch ein Schatten ihrer selbst gewesen war. Er hatte Zeit und Geduld investiert, um ihr eine wirkliche Chance zu geben.

Und jetzt war sie dabei, zu überlegen, ob sie die Abmachung umgehen sollte.

Talan hatte ihr freiwillig zugesichert, daß die erste Nacht die letzte sein würde, und sie zweifelte nicht daran, daß es ihm ernst damit war. Ebenso sicher war sie, daß es ihr möglich sein würde, ihn in dieser Nacht von sich fern zu halten. Sie überprüfte in Gedanken noch einmal diese Möglichkeit. Sie erschien ihr nach all dem nicht fair.

Noch einmal lauschte sie in ihr Inneres, ohne jedoch irgendwo Furcht zu finden.

Dann traf sie ihre Entscheidung.

 

Talan hatte den Ingenieur bereits dreimal entwaffnet und gerade zum zweiten Mal zu Fall gebracht, aber dieser hatte ihm noch niemals einen solch verbissenen Kampf geliefert, der inzwischen an Besessenheit grenzte.

"Rilkar, hör auf!" keuchte er. "Du hast deinen Kampf gehabt! Im übrigen weißt du, daß es der Konzentration schadet, wenn man sich im Gefecht von Gefühlen überwältigen läßt."

"Nein!" knurrte Rilkar, der sich schwer atmend auf die Seite drehte, um sich zu erheben. "Noch mal!"

"Es reicht, sagte ich! Du änderst nichts damit!"

"Das werden wir sehen!" sagte der Ingenieur und stemmte sich hoch.

Talans Hand wanderte zu seinem Gürtel.

"Nein, Rilkar!"

Dieser riß die Augen auf.

"Das wagst du nicht!" keuchte er.

"Bitte zwing mich nicht dazu!"

Der Ingenieur ballte die Fäuste und senkte drohend den Kopf, als plötzlich Nirrit, die unbemerkt von Driskal hereingebracht worden war, vor ihn trat. Sie hatte die Situation sofort erfaßt und wandte sich ruhig an den Ingenieur.

"Bitte lassen Sie mich diese Sache allein zu Ende bringen! Glauben Sie mir! Ich weiß, was ich tue."

Der erschöpfte Rilkar sah verzweifelt auf sie hinunter.

"Das wissen Sie nicht, Nirrit! Sie haben nicht die geringste Vorstellung, was Sie erwartet. Ich bin auf Bajor gewesen, und habe dort einiges gesehen, was ich lieber vergessen würde."

Sie sah ihn voller Mitgefühl an.

"Ich verstehe!" sagte sie leise. "Aber dies ist nicht Bajor und Sie wissen, daß Ihr Freund kein gewöhnlicher brutaler Offizier mit den Neigungen eines Shadar ist. Können Sie sich vorstellen, was in dem Fall mit uns passiert wäre? Wir würden kaum hier stehen können, um uns über meine Entscheidung zu streiten. Ich bin nach rhazaghanischem Gesetz eigenverantwortlich und spreche Ihnen das Recht ab, sich einzumischen."

Der Ingenieur sah sie einen Moment schweigend an, dann seufzte er tief und wandte sich ab, um Driskal widerstandslos zu folgen. Nirrit blickte ihm nach, bis er den Übungssaal verlassen hatte, dann drehte sie sich langsam zu Talan um und musterte ihn aufmerksam.

Er stand ihr ruhig gegenüber. Sein Atem ging noch immer etwas stoßweise von dem harten Kampf mit dem Ingenieur, und das normalerweise tadellos geglättete schwarze Haar hing ihm seitlich ins Gesicht. Er strich es mit einer achtlosen Handbewegung zurück. In seinen Augen fand sie nichts als blanke Konzentration.

"Auch er ist zu wechseln imstande." dachte sie.

Der Mann, der ihr gegenüberstand, war nicht mehr jener, der sie geduldig das Fechten gelehrt hatte. Er hatte den Trainer abgestreift wie einen Mantel und seine ehemalige Schülerin wußte, daß er in dem bevorstehenden Kampf keine Rücksichtnahme mehr kennen würde. Doch damit war sie zufrieden. Er nahm sie für voll, das war das einzige, was jetzt zählte. Sie war kein Kind, das man großzügig bei einem Spiel gewinnen ließ.

"Sie sollten sich erst etwas ausruhen!" riet sie.

Talan schüttelte nur stumm den Kopf. Da atmete sie tief durch und bückte sich nach Rilkars Fechtstock, der auf dem Boden lag.

Als der Kampf begann, spürte Nirrit sofort, daß der Kommandant schwerfälliger als sonst reagierte. Man merkte ihm an, daß eine sehr heftige Auseinandersetzung hinter ihm lag, auch wenn sein Atem mittlerweile nicht mehr keuchend ging.

Die Rhazaghani wußte, was Rilkar versucht hatte. Er hatte sich bemüht, den Romulaner so weit zu ermüden, daß er nicht mehr in der Lage war, die Hiebe seiner Gegnerin zuverlässig abzuwehren. Sie hatte diesen Vorteil nicht gewünscht, aber nichtsdestotrotz hatte sie ihn jetzt, daher sie folgte Talans Rat und ging entschlossen in die Offensive.

Sie trieb ihn ein Stück rückwärts, tauchte geschmeidig unter seinen Hieben weg, um wiederum anzugreifen. Kurz darauf mußte sie selbst Boden preisgeben, da Talan von seiner Kraft Gebrauch machte, und sie ihn nicht zu nahe an sich heranlassen durfte. Sorgfältig achtete sie darauf, sich nicht von ihm in die Enge treiben zu lassen, um weiterhin ihre Beweglichkeit nutzen zu können. Noch einmal setzte sie energisch nach. Es war ihr klar, daß sich der Kampf nicht mehr allzulange hinziehen durfte. Talan hatte sich in dieser Hinsicht deutlich ausgedrückt.

Ihre anhaltende Kraftanstengung machte sich bereits dahingehend bemerkbar, daß ihre Schnelligkeit leicht nachließ. Gleichzeitig spürte sie plötzlich, daß Talans Tempo anzog. Der Romulaner hatte angefangen, seine schier unerschöpflichen Kraftreserven zu mobilisieren, und nun drängte er vorwärts, während Nirrits Atem allmählich begann, knapp zu werden. Noch einmal nahm sie ihre Kräfte für einen Gegenangriff zusammen, mußte aber feststellen, daß der Romulaner keine Probleme hatte, diesen bereits in den Anfängen zu stoppen. Und nun trieb er sie entgegen allen Bemühungen rückwärts.

Angestrengt wich sie den Hieben aus, während sie immer mühsamer atmete. Nirrit wußte, daß sie verloren hatte. Es war ihr nicht gelungen, ihre Beweglichkeit für einen frühzeitigen Treffer zu nutzen, und nun mußte sie mitansehen, wie sie diesen Vorteil verlor. Ihre Lunge brannte jetzt und sie mußte sich zwingen, ihre immer schwerer werdende Waffe bei der Abwehr ausreichend zu heben. An Angriff war nicht mehr zu denken, sie verteidigte sich nur noch, während sich Talan weiterhin steigerte. Plötzlich schlug er zu und verhakte die Stöcke in einer wirbelnden Bewegung miteinander. Im nächsten Augenblick gab es einen Ruck, und Nirrit verfolgte mit den Augen, wie ihr Stock in einem hohen Bogen zu Seite flog, einmal und noch einmal vom Boden abprallte, ein Stück weiterrutschte und erst an der Wand liegen blieb.

Es war nun, nachdem das ständige harte Aufeinanderprallen vorbei war, unglaublich ruhig in der Halle. Nirrit stand noch immer da und sah zu ihrem Fechtstock, der vor der Wand lag.

"Du warst eine gute Schülerin!" hörte sie Talans Stimme sanft hinter ihrem Rücken.

16.

Talan schloß den Kragen seiner Paradeuniform und überprüfte sein Erscheinungsbild. Es erschien ihm der Verabschiedung seines Regiments angemessen. Danach suchte er noch verschiedene Datenträger zusammen, die er beabsichtigte, dem Verwaltungsapparat der romulanischen Dilithiumgewinnung vorzulegen. Es wurde endlich Zeit, daß Ersatz für den verlorenen Bergbauingenieur sowie neues Material eintraf. Als das erledigt war, ging er hinüber zu seinem Lager und blickte auf Nirrit hinab. Sie schlief noch immer.

Einerseits beruhigte ihn dieser Umstand, aber er bedauerte es auch, nicht die Möglichkeit zu haben, sich von ihr zu verabschieden.

Seine Gedanken wanderten zurück zu der vergangenen Nacht. Sie hatte ihm sehr gefallen und er glaubte zu wissen, daß das auch für Nirrit zutraf. Dennoch verspürte er eine gewisse Unruhe. Am gestrigen Abend hatte er festgestellt, daß ein Teil von ihm auf ihren Sieg gehofft hatte, und dieser nahm mit Freude zur Kenntnis, daß sie seine Ratschläge beherzigte. Daß er einige Male nur mit Mühe einem Treffer entgehen konnte, hatte ihn mit tiefer Genugtuung erfüllt. Aber diese Seite seines Ichs hatte geschwiegen, als er Nirrit in die Arme schloß und sich von seinem Begehren überwältigen ließ. Jetzt erwachte die Stimme jedoch wieder und verfluchte ihn für seinen Sieg.

Mühsam kämpfte er diese Gefühle nieder und wandte sich widerstrebend ab. Er unterdrückte den Impuls, noch einmal zurückzusehen und verließ sein Quartier, um Driskal im Verwaltungsgebäude zu treffen. Er übergab ihm die Lagerverwaltung und sprach verschiedene Details mit ihm ab, die ihm am Herzen lagen. Talan wußte, daß sein Stellvertreter sich alle Mühe geben würde, ihn nicht zu enttäuschen.

Als Driskal mit den Vorbereitungen für die Abschiedszeremonie beschäftigt war, steuerte Talan das Tor an, welches in das Gefangenenlager führte. Er wollte Rilkar nicht in der Baracke aufsuchen, da er sicher war, daß es dann zu einem neuen Streit kommen würde, aber er hatte doch den Wunsch, sich kurz von ihm zu verabschieden. Als er Qo'hod auf der anderen Seite der Barriere erkannte, rief er ihn an.

"Klingone! Sag dem Cardassianer, daß ich ihn sprechen möchte!"

Qo'hod wandte sich ihm zu. Dann trat er ein Stück an die Barriere heran, und senkte den Kopf, wobei er Talan scharf ansah.

"Sag mir, Romulaner, sehe ich wie dein Laufbursche aus?"

Talan zog überrascht die Brauen zusammen. Er betrachtete nun zum ersten Mal den alten Krieger mit wirklicher Aufmerksamkeit. Als dieser mit einem Transport im Lager eintraf, hatte der Kommandant nur dessen jungen und muskulösen Begleiter Beachtung geschenkt. Nun aber kam ihm der Gedanke, daß der Grund für das fortgeschrittene Alter des Klingonen gewiß keine Feigheit sein mochte. Rilkar hatte manchmal über seine Kameraden gesprochen, und er schien dem Alten Achtung entgegenzubringen.

"Qo'hod, machen Sie keinen Fehler!" sagte Talan freundlicher, als er es eigentlich vorgehabt hatte. "Sie wissen, daß ich nicht bereit bin, Aufsässigkeit zu dulden. Im übrigen denke ich, daß auch Rilkar mich vor meinem Abflug noch einmal sprechen wollte. Also sagen Sie ihm bitte, daß ich warte!"

Der Klingone schüttelte den Kopf.

"Ich glaube, daß du dich irrst, Romulaner! Aber ich werde immerhin gehen und fragen."

Dann drehte er sich um und ging auf die Baracke zu.

Talan stellte plötzlich fest, daß sich einige Gefangene an der Barriere eingefunden hatten, die ihn mit auffallend feindseligen Blicken bedachten. Er erkannte Rilkars Barackenkameraden, aber auch einige andere. Die Stimmung unter ihnen schien über Nacht gekippt zu sein. Der junge Terraner, von dem Talan wußte, daß er wegen der noch unerkannten Nirrit bereit gewesen war, sich zusammenschlagen zu lassen, stand ganz vorn und hatte die Fäuste geballt. Der Andorianer leistete ihm Gesellschaft und machte ebenfalls einen kampfbereiten Eindruck. Selbst das Gesicht des freundlichen Lemnorianers wirkte wie eingefroren. Talan wurde unruhig.

"Wie lange ist das schon so?" fragte er knapp eine der Torwachen.

"Seit heute früh, Kommandant!" erwiderte der Mann nervös.

Kurz darauf kehrte der Klingone sich nachdenklich kratzend zurück.

"Es ist, wie ich dachte, Romulaner! Es kann schon sein, daß du den Cardassianer sprechen willst. Umgekehrt ist das jedoch nicht der Fall!"

Talans Gesicht verhärtete sich. Er winkte drei Soldaten heran.

"Geht zu dem Cardassianer und bringt ihn her! Verletzt ihn aber möglichst nicht dabei!"

Die Männer betraten das Gefangenenlager und verschwanden in der Baracke. Es dauerte einen Augenblick, dann sah Talan, wie einer der Soldaten offenbar heftig aus der Gefangenenunterkunft hinausgestoßen wurde, zu Boden stürzte und liegenblieb. Mit den anderen beiden Männern wiederholte sich das Schauspiel, nur daß der letzte taumelnd wieder aufstand, aber ganz offensichtlich nicht mehr in der Lage war, die Anweisung auszuführen.

Talan ballte die Fäuste. Als die Wachen ihn in Erwartung eines Befehls ansahen, schüttelte er den Kopf.

"Bleibt auf eurem Posten! Ich werde selbst gehen."

Als der Romulaner die Baracke betrat, traf er den Ingenieur, der bei dem Geräusch sofort herumfuhr, allein an. Was ihn betroffen machte, war dessen Gesichtsausdruck, der an ein verwundetes und in die Enge getriebenes Tier denken ließ.

"Bist du wahnsinnig?" sprach Talan ihn an. "Muß ich dich vielleicht für die Dauer meiner Abwesenheit in Einzelhaft stecken? Die Sache eben erfüllt den Tatbestand des offenen Aufruhrs, das ist dir ja wohl klar!"

Rilkar stand einige Schritte von ihm entfernt, leicht geduckt, den Kopf gesenkt und die Muskeln angespannt. Dann hob er langsam die Handgelenke mit den Gravitationsspangen.

"Du hast doch die hier!" zischte er. "Warum benutzt du sie nicht?"

"Du weißt genau, daß ich das nicht will!"

"Gestern warst du anscheinend anderer Meinung. Aber wahrscheinlich warst du in Gedanken bereits so bei deinem Vorhaben, daß du es vergessen hast. Gehst du freiwillig, oder muß ich dich ebenfalls hinausprügeln?"

Talan hielt mühsam an sich.

"Wenn du nicht Vernunft annimmst, wird Shadar aufmerksam werden, und du weißt, was dann passiert! Hat dir das letzte Mal nicht gereicht? Ich dachte eigentlich, dein Rücken sieht schon schlimm genug aus."

"So ist es recht! Versteck dich nur hinter Shadar! Warum machst du dir überhaupt Sorgen? Du brauchst mich jetzt ohnehin nicht mehr. Wozu solltest du da noch Rücksicht auf deine persönlichen Sklaven nehmen? An Nirrit hast du ja jetzt auch deinen Spaß gehabt. Wie war sie denn so, die kleine Vergewaltigung deiner Schülerin? Und was gedenkst du während der Zeit deiner Abwesenheit mit ihr zu tun? Wie wäre es denn damit, Shadar ein großzügiges Geschenk zu machen?"

Talan ballte die Fäuste.

"Rilkar, hör auf!" brachte er drohend heraus.

"Gefällt es dir etwa nicht, die Wahrheit zu hören? Du brauchst dich ja nicht mit dem zu befassen, was du getan hast, du reist jetzt einfach ab. Vielleicht sollte ich dir vorher noch einiges über meinen Aufenthalt auf Bajor erzählen. Da gab es einige Cardassianer, die wie du dachten."

"Verdammt, Rilkar! Ich habe ihr nicht wehgetan!"

"Glaubst du tatsächlich, du könntest dir das vormachen?"

"Ich hatte ihr mein Wort gegeben, behutsam mit ihr umzugehen. Außerdem hatte sie von mir die Zusage, daß es bei der einen Nacht bleibt. Glaub mir, es geschah nicht gegen ihren Willen. Oder kannst du mir sagen, wie eine Vergewaltigung bei jemandem möglich sein soll, dessen Kleidung Teil seines Körpers ist?"

Rilkar stutzte einen Moment. Dann starrte er den Romulaner fassungslos an.

"Du meinst..."

Talan nickte. "Ich habe erst nachträglich festgestellt, daß ihre vermeintliche Kleidung keine war, dabei hätten wir es eigentlich wissen müssen. Ich weiß nicht, was sie mit den Trainingssachen gemacht hat, die ich ihr repliziert hatte. Wahrscheinlich hat sie sie einfach in den Abfallvernichter geworfen. Als wir in meinem Quartier waren, hat sie das, was sie zu tragen schien, mit einem leichten Aufblitzen absorbiert. Bei ihrem Volk ist die Herstellung von Kleidung vermutlich gar nicht nötig. Sie tragen sie ähnlich wie Fell und können sie wohl ebenso variieren, wenn sie gelernt haben, damit umzugehen. Glaubst du mir jetzt, daß ich keinen Zwang angewendet habe?"

Rilkar zögerte. Talans Eröffnungen hatten ihn deutlich verwirrt.

"Ich bin mir nicht sicher, was ich glauben soll." sagte er schließlich. "Ich bin immer noch der Ansicht, daß es nicht so hätte zustande kommen dürfen. Man sollte eine Freundschaft nicht aufs Spiel setzen, nur weil man irgendwann eine idiotische Abmachung miteinander getroffen hat. Sie hatte nicht die Spur einer Chance, das weißt du so gut wie ich."

"Sie hat sich gar nicht übel gehalten. Zwischendurch habe ich ein paarmal fast geglaubt, daß sie es schafft. Außerdem hast du mich vorher ganz schön fertig gemacht."

"Und was geschieht nun weiter mit ihr?"

"Ich habe Driskal aufgetragen, sich während meiner Abwesenheit um sie zu kümmern. Sie wird weiter in beiden Lagern auf die Jagd gehen, also kannst du mit ihr sprechen. Shadar hat ohne schwerwiegende Gründe keine Möglichkeit, an sie heranzukommen. Infiltration des Lagers ist immerhin einer der wenigen Fälle, die allein in meinen Zuständigkeitsbereich fallen. Ich entscheide über sie, und Shadar weiß das."

Er warf seinem Trainingspartner einen ernsten Blick zu.

"Noch etwas: Stifte keinen Gefangenenaufstand während meiner Abwesenheit an! Einen größeren Gefallen könntet ihr Shadar gar nicht erweisen, und außerdem hättet ihr nicht die geringste Chance. Ich nehme wohl richtig an, daß du nicht an einem Blutbad interessiert bist."

Rilkar nickte langsam. "Ich will sehen, was ich tun kann."

"Gut! Über alles weitere reden wir nach meiner Rückkehr. Ich muß mich jetzt um die Verabschiedung meiner Leute kümmern."

Bevor Talan sich abwenden konnte, trat der Ingenieur zögernd auf ihn zu. Talan verharrte und sah, daß Rilkar hart mit sich kämpfte.

"Ich wünsche dir auf alle Fälle Glück! Bei einer Sache bin ich mir jedenfalls sicher: Ragor wird dich nicht noch einmal verhöhnen können."

"Ich weiß deine Wünsche zu schätzen!" erwiderte der Romulaner dankbar.

Dann verließ er die Gefangenenunterkunft, um seine Truppe zu verabschieden.

Als er die Zeremonie hinter sich gebracht hatte, blieb noch eine letzte Sache zu tun übrig. Er legte den kurzen Weg zu Shadars Quartier mit wenigen langen Schritten zurück und trat ein. Shadar hatte offensichtlich schon mit ihm gerechnet. Er saß hinter seinem Schreibtisch und sah ihm abwartend entgegen.

Talan blieb aufrecht im Raum stehen.

"Aufgrund unserer ehrwürdigen romulanischen Tradition mache ich von meinem Recht Gebrauch und verlange die Entbindung von meinen Pflichten für die Dauer der Kämpfe auf Romulus sowie die Zeit meiner Reise."

Shadar nickte langsam. "Gewährt!"

Er sah Talan warnend an.

"Ich hoffe sehr, daß Sie unserem Regiment keine Schande machen. Es würde einen dunklen Fleck auf unserer Ehre bedeuten, wenn Sie versagen sollten. Passen Sie also auf, daß Ragor Sie nicht zusammenschlägt!"

Talan lachte.

Shadar hob den Kopf und lauschte erstaunt auf das ungewohnte Geräusch. Er sah die Augen seines Untergebenen blitzen, dann ging das Lachen in ein amüsiertes Lächeln über.

"Ihre Sorge um mich ist überaus rührend, aber glauben Sie mir: Das wird er nicht. Ich denke, ich habe die eine oder andere Überraschung für ihn."

Er nickte dem schweigenden Shadar zu, drehte sich auf dem Absatz um und machte sich mit einem inneren Hochgefühl auf den Weg zum Hangar, wo Rilkars Schiff bereits vorbereitet auf ihn wartete.

Wenig später war das säuselnde Rauschen des Triebwerkes zu hören. Rilkar und Knut beobachteten, wie das kleine Beiboot am Rande des Lagers aufstieg.

"Fliegen tut die Kiste jedenfalls wieder." bemerkte Knut. "Jetzt kannst du nur hoffen, daß er sie auch gut behandelt."

"Deswegen mache ich mir keine Sorgen." erwiderte der Ingenieur. "Ich bin sicher, daß Talan ein hervorragender Pilot ist. Es entspricht einfach seinem Wesen, alles was er beginnt, gründlich zu machen."

Nachdenklich verfolgte er sein Schiff mit den Augen, bis es außer Sichtweite geriet.

 

Als Nirrit erwachte, war sie sicher, daß Talan das Lager bereits verlassen hatte. Vor Ablauf von dreißig Tagen würde er voraussichtlich nicht zurückkehren, daher sollte Driskal sie in der Zwischenzeit täglich hinauslassen und darauf achten, daß es ihr an nichts fehlte.

Sie reckte sich zufrieden. Sie war froh, daß sie sich entschieden hatte, Talan zu vertrauen. Die ganze Zeit über war sein Verhalten von Ehrlichkeit geprägt gewesen, daher hätte es ihn zweifellos zutiefst verletzt, wenn sie zu dem Winkelzug gegriffen hätte, der ihr zur Verfügung stand. Und in der Tat hatte er das in ihn gesetzte Vertrauen nicht mißbraucht.

Ihrem Zeitgefühl nach war es fast Mittag, daher wechselte sie in die Krallenluum und wartete gespannt, ob Talans Vertrauensmann bald erscheinen würde. Sie mußte sich jedoch noch ein wenig gedulden, bis das Quartier entriegelt wurde und Driskal eintrat. Er zeigte die gleiche tadellose Höflichkeit, die er ihr seit ihrer Entdeckung entgegengebracht hatte, und an seinem Gesicht war nicht abzulesen, ob er wußte, was in der Nacht zwischen seinem Vorgesetzten und ihr vorgefallen war.

"Kommandant Talan hatte mir aufgetragen, Ihnen heute die freie Wahl zu lassen, ob Sie auf die Jagd gehen oder in seinem Quartier bleiben möchten."

"Offen gestanden würde ich es vorziehen, wie üblich das Lager abzusuchen. Ich möchte keinesfalls die Schuld an einem Zwischenfall tragen."

"Möchten Sie vorher etwas essen?"

"Das kann warten. Ich bin spät dran, und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich gleich hinauslassen würden."

Kurz darauf machte sie wie gewöhnlich ihren Kontrollgang durch das äußere Lager, um festzustellen, daß es durch Talans Abflug einiges für sie zu tun gab. Als sie deutlich später als sonst im inneren Lager eintraf, sah sie sofort, daß sie unruhig erwartet worden war. Von Rilkars Barackenmannschaft wandte sich als erster Knut an sie, ehe der Ingenieur es verhindern konnte.

"Hallo, Nirrit, schön Sie zu sehen!" sprach er sie deutlich verlegen an. "Haben Sie alles gut überstanden? Er hat Sie hoffentlich anständig behandelt, äh, aber eigentlich wirken Sie ganz wohlauf, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten."

Ehe der junge Bursche noch mehr von sich geben konnte, hatte Qo'hod ihn am Kragen gepackt und zerrte ihn mit sich. Soto zog es vor, die anderen freiwillig zu begleiten. Kurz darauf standen sich der Ingenieur und Nirrit allein gegenüber.

Rilkar sah sie einen Augenblick prüfend an. Dann kam er ohne Umschweife zur Sache.

"Talan hat mir versichert, er hätte keine Gewalt und keinen Druck auf Sie ausgeübt. Hat er die Wahrheit gesagt?"

Nirrit blinzelte auf eine Art und Weise, die dem Ingenieur die Gewißheit gab, daß sie in der Grundform gelächelt hätte.

"Kommandant Shadar wäre ausgesprochen enttäuscht von Talans Vorgehensweise, wenn Sie mich verstehen."

Rilkar atmete erleichtert auf.

"Sie haben nie erwähnt, daß Sie keine Kleidung tragen."

"Das wäre recht problematisch beim Wechsel in eine Luum, nicht wahr? Trotzdem kommen Angehörige von Grundformvölkern nur selten von selbst darauf, auch wenn sie uns schon oft haben wechseln sehen. Talan war übrigens ebenfalls sehr überrascht."

"Er hatte also Ihr volles Einverständnis?"

"Gewiß! Ich habe bisher noch keine Gelegenheit gehabt, einen Reifungspartner auszuwählen. Talan wäre, wie Sie übrigens auch, für mich völlig akzeptabel, allerdings sehe ich ein, daß unter den augenblicklichen Umständen keine Beziehung möglich ist. Hinzu kommt, daß wir bei uns zuhause Partnerschaften etwas anders anzubahnen pflegen, aber in diesem Fall mußte ich eben eine unkonventionelle Lösung finden."

"Wollen Sie damit sagen, Sie hätten eine Beziehung mit mir in Betracht gezogen, obwohl ich Sie entführt habe?" fragte Rilkar, verblüfft über das freimütige Geständnis.

Sie legte den Kopf ein wenig schräg.

"Sie hätten mich nicht entführt, wenn Sie eine Alternative gesehen hätten, das ist doch richtig? Sie haben alles getan, um meine Gefangennahme zu verhindern, obwohl man Sie ohne Talans Eingreifen totgeschlagen hätte. Sie waren der einzige auf diesem Planeten, der meinen Namen kannte, in dessen Augen ich ein Erkennen sehen konnte, und der mir ein Ziel gab. Darüber hinaus waren Sie bereit, sich für mich zu schlagen, sowohl mit dem Nausikaaner als auch mit Talan. Da finde ich es nur selbstverständlich, Ihnen Sympathie entgegenzubringen. Die Voraussetzung für eine Reifungspartnerschaft wäre also absolut erfüllt.".

"Liebe ist bei Ihnen also keine Bedingung?" vergewisserte er sich.

"Eigentlich sprach ich von keiner Fortpflanzungsgemeinschaft." staunte sie. "Dafür kennen wir uns etwas kurz, finden Sie nicht?"

In Rilkar kam der Verdacht auf, daß Rhazaghaner etwas anders an bestimmte Dinge heranzugehen pflegten, als er es gewohnt war. Er beschloß, das Thema zu wechseln.

"Talan sagte, Driskal würde sich um Sie kümmern. Hat er Sie vorhin hinausgelassen?"

"Ja! Er hat großes Vertrauen zu ihm. Ich denke, bis zu seiner Rückkehr wird es wohl keine Schwierigkeiten geben."

 

Talan hatte sich in den vergangenen Tagen mit den Kontrollen des kleinen Schiffes vertraut gemacht, und daher bereitete ihm die Steuerung keine Probleme. Den defekten Navigationscomputer hatte er deaktiviert, da er ihm ohnehin nicht viel nützte. Zudem vertraute er seinen Fähigkeiten und wußte, daß es ihm keine Schwierigkeiten bereiten würde, die Raumstation durch manuell gesteuerten Flug zu erreichen.

Das erste Mal hatte er die Station mit einem kleinen neutralen Shuttle angeflogen, das nun zerlegt im Hangar lag. Da Ersatzteile rar waren, hatte er zugunsten der Flugtüchtigkeit der Kampfgleiter entscheiden müssen, anstatt sich die Möglichkeit offenzuhalten, sich über Aktivitäten von Waffenhändlern informieren zu können.

Er steuerte einen ruhigen Teil der Föderationsgrenze an, denn er beabsichtigte, die Station in einem weiten Bogen von hinten anzufliegen. Kurz bevor er die neutrale Zone verließ, vertauschte er seine Uniform mit einer vulkanischen Robe, die er bereits bei seinem ersten Aufenthalt verwendet hatte. Dann öffnete er die Konsole der Triebwerkskontrollen und versteckte darin seine romulanische Kleidung. Mit der Sprache hatte es bereits während seines ersten Aufenthaltes keine Probleme gegeben; Talan wußte, daß sein Föderationsstandard perfekt war. Außerdem traute er sich zu, eine kurze Unterhaltung auf Vulkanisch bestreiten zu können.

Als er sicher war, die Föderationsgrenze überquert zu haben, ließ er sich auf dem Sitz hinter den Kontrollen nieder, um sie wachsam im Auge zu behalten. Etwas später gönnte er sich einen kurzen Schlaf, verzichtete jedoch darauf, sich hinzulegen.

Als er fast einen Tag lang unterwegs war, meldeten die Sensoren die Annäherung an die Station. Wenig später wurde er angefunkt.

"Dies ist Zemotecs Station!" hörte er eine ansprechende weibliche Stimme. "Was können wir für Sie tun?"

Talan lächelte innerlich. Das war der Vorteil bei privaten Raumstationen. Fragen nach dem Namen des Schiffes und seines Piloten wurden nicht gestellt. Man wollte schließlich Gewinne machen, und dabei interessierte es nicht, welches Vorleben die Person hatte, von der das Zahlungsmittel stammte, noch wie sie in den Besitz desselben gelangt war.

"Reparatur der defekten Navigationseinheit!" erwiderte er knapp.

Es folgte eine kurze Pause, dann meldete sich die Stimme wieder.

"Wir halten für Sie in Hangar sieben einen Platz bereit. Bitte bleiben Sie in Position, wir schicken Ihnen einen Leitstrahl."

Die Raumstation glich in etwa einem achtstrahligen, im Mittelpunkt durch eine lange Achse durchbohrten Stern mit geschwungenem Umriß. Da sie in weitem Umkreis die einzige Einrichtung dieser Art war, war sie stets gut besucht, und Talan bemerkte, daß die Andockrampen wie beim letzten Mal überwiegend belegt waren. Mehrere größere Schiffe, hauptsächlich Frachter, befanden sich auf nahen oder weiteren Kreisbahnen.

Als er näher heran kam, bemerkte er noch ein großes Schiff, das bei seiner Umkreisung gerade hinter der Station auftauchte. Talan zog die Brauen zusammen. Derartige Konturen sah er nun zum ersten Mal.

Die weiten Schwingen erinnerten an einen klingonischen Bird of Prey, jedoch entsprach die Größe des Schiffes in etwa der eines romulanischen Warbirds. Seine Hülle schimmerte durch die Navigationsschilde in einem Blauton, und ganz offensichtlich waren die Erbauer entschlossen gewesen, sein Äußeres einem Vogel so ähnlich zu gestalten, wie es nur möglich war. Man hatte dabei zwar nicht auf eine elegante Stilisierung verzichtet, aber das Ergebnis war trotzdem beeindruckend lebensnah.

Während er weiterhin auf die Station zuhielt, kam ihm das Schiff auf seinem Kurs entgegen, was es Talan möglich machte, einen Blick auf den Kopf zu werfen, der in einen scharfen Schnabel auslief. Am Hals schienen sich Federn zu sträuben, und die Schwingen wirkten leicht angelegt, als schickte sich ihr Eigentümer an, in den Sturzflug zu gehen. Der Romulaner suchte vergeblich nach einer Kennung am Rumpf, aber die zahlreichen Lichter an Bord ließen auf eine rege Betriebsamkeit in seinem Inneren schließen.

Kurz darauf bemerkte er noch etwas Auffälliges: Die Kreisbahn des Schiffes war nicht exakt, seinen Bewegungen haftete etwas Organisches an. Bei seiner Annäherung wandte es ihm leicht den Bug zu, und in ihm kam das absurde Gefühl auf, seine Neugier erregt zu haben. Danach kippte es langsam über eine Tragfläche ab und nahm seinen alten Kurs wieder auf, was Talan beim Vorbeiflug die Gelegenheit gab, noch einen Blick auf die riesenhafte Unterseite zu werfen.

Wenig später hatte er sein Schiff auf dem angegebenen Landeplatz aufgesetzt und einem Techniker das Problem geschildert. Man versicherte ihm, daß die Beschaffung der Ersatzteile kein Problem darstellen würde, da die Station über leistungsfähige Industriereplikatoren verfügte. Allerdings machte man ihn darauf aufmerksam, daß es bis zur Reparatur etwas dauern würde, da die Technikermannschaften im Augenblick ausgelastet waren. Daher beschloß Talan, die Gelegenheit zu ergreifen, sich auf der Station etwas umzusehen. Kurz darauf befand er sich auf dem Weg zum Handelszentrum.

 

Driskal hatte Nirrit an dem Tag nach Talans Abflug um die übliche Zeit hinausgelassen, worauf sie ihre Tour im äußeren Lagerring begann. Nach einiger Suche war ihr aus der Nähe des Gebäudes mit dem Hauptschildgenerator eine Witterung entgegengekommen, die von einem großen Zorl stammte. Sie hatte das Tier gerade erlegt und wollte sich abwenden, als plötzlich ein Schatten auf sie fiel.

Sie sah auf. Vor ihr stand ein Romulaner, den sie schon des öfteren im Lager bemerkt hatte. Es handelte sich nicht um einen einfachen Soldaten, allerdings gehörte er auch nicht zu den Unteroffizieren, die sie mittlerweile ausnahmslos kannte. Hinzu kam, daß seine Uniform leicht von den üblichen abwich. In der Vergangenheit hatte er sich ihr gegenüber stets neutral verhalten, wenn sie ihm auf einem ihrer Streifzüge begegnet war, aber das hatte sich nun geändert.

Der Mann musterte sie mit einem Blick, in dem ein reges, seltsam steriles Interesse sichtbar war. Mehrere Augenblicke lang betrachtete er sie auf diese Weise, während die Rhazaghani spürte, wie sich ihr Fell sträubte. Dann wandte er sich ab, um zwischen den Gebäuden zu verschwinden.

Nirrit sah ihm nach. Sie hatte das Gefühl, daß das soeben Erlebte nichts Gutes zu bedeuten hatte.

 

Als Talans Stellvertreter die Anweisung erreichte, sich in Shadars Quartier zu melden, ahnte er, daß etwas Übles dabei war, sich anzubahnen. Unruhig verließ er das Verwaltungsgebäude und machte sich auf den Weg, während ihm verschiedene Möglichkeiten durch den Kopf gingen. Kurz darauf meldete er sich bei seinem Vorgesetzten, der ihn, wie in den meisten Fällen, hinter seinem Schreibtisch sitzend empfing.

"Ah, Driskal! Ich freue mich, Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen?"

Driskals innere Unruhe wuchs. Ihm war klar, daß der Lagerkommandant ihn nicht in sein Quartier bestellt hatte, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen.

"Gut, Kommandant!" brachte er heraus. "Sie haben Befehle für mich?"

Shadar lächelte. "Ganz recht! Gehen Sie, und bringen Sie die Rhazaghani hierher! Meines Wissens nach befindet sie sich um diese Zeit im Gefangenenlager."

Driskal riß die Augen auf.

"Die Rhazaghani, Kommandant?"

"So glaube ich gesagt zu haben."

Talans Stellvertreter schluckte nervös.

"Verzeihen Sie, Kommandant! Aber die Rhazaghani fällt in den Zuständigkeitsbereich des Militärkommandanten."

Shadar lehnte sich lächelnd zurück.

"Was ich keineswegs bestreite! Aber vielleicht erinnern Sie sich, daß mir das Oberkommando vor unserem Aufbruch die Befugnis erteilte, für einen bestimmten Fall auch Gefangene außerhalb meines Einflußbereiches heranziehen zu können."

Driskal verstand und nickte mühsam.

"Sehen Sie? Bringen Sie sie mir also her! Achten Sie darauf, daß sie sich in der Grundform befindet! Sollte sie Schwierigkeiten machen, dann bringen Sie mir den Cardassianer. Ich nehme an, daß sie dann nach kurzer Zeit kooperiert. Und noch etwas: Sagen Sie ihr nicht, was sie erwartet! Ich möchte sie selbst darüber informieren."

Shadar wandte sich dem Computerterminal auf seinem Schreibtisch zu. Driskal wußte, daß er entlassen worden war. Kurz vor der Tür wandte er sich jedoch noch einmal zögernd um.

"Warum jetzt?" fragte er leise.

Shadar hob den Kopf und runzelte die Stirn. Diese Worte kamen bei Driskal einer offenen Rebellion gleich.

Betont langsam erhob er sich aus seinem Sessel und ging auf seinen Untergebenen zu.

"Da Sie soviel Interesse daran haben, will ich so großzügig sein, es Ihnen zu erklären. Ich wollte erst Kommandant Talan die Gelegenheit geben, sich ausreichend an seinem neuen Spielzeug zu sättigen. Offenbar hat er großes Gefallen an ihr gefunden, was ihm bei der hiesigen Situation wohl niemand verübeln wird. Ob dieses Interesse nach seiner Rückkehr noch so groß sein wird, ist fraglich, da die Teilnehmer der Kämpfe bekanntermaßen über keinen Mangel an Verehrerinnen zu klagen haben."

Er trat nahe an den erstarrenden Driskal heran und musterte konzentriert sein Gesicht.

"Dennoch muß ich sagen, daß Sie mich enttäuschen. Ich habe Sie stets für einen guten Soldaten gehalten, der die Bedeutung des Wortes Befehl kennt. Vielleicht hat Ihre Zusammenarbeit mit Kommandant Talan Ihre bisher so makellose Disziplin aufgeweicht. Ich weiß, daß er die Dinge etwas anders handhabt als ich. Es ist ohnehin wieder an der Zeit, ein Exempel zu statuieren, um den Eifer der Leute anzustacheln. Wie Sie wissen, habe ich es bisher niemals für nötig gehalten, Sie für eine solche Lektion zu verwenden, aber offenbar sollte die Disziplin der Truppe verbessert werden. Wollen Sie sich dafür zur Verfügung stellen, Driskal?"

Er sah seinem Untergebenen in die Augen. Driskal spürte, wie ihm der bohrende Blick bis in sein Innerstes drang. Er senkte den Kopf.

"Ich bringe Ihnen, was Sie verlangt haben."

Shadar nickte zufrieden. "Ich freue mich, daß Sie zu Ihrem tadellosem Gehorsam zurückgefunden haben. Manchmal geht doch nichts über eine kleine Erinnerung daran, was alles möglich ist, nicht wahr?"

 

Rilkar stand sich mit seinen Kameraden unterhaltend im Freien und erörterte mit ihnen gemeinsam Talans Chancen bei den Kämpfen, während Nirrit still dabeisaß und zuhörte.

"Natürlich ist es nicht möglich, von hier aus die Trainingsform seiner Gegner einzuschätzen." gab der Ingenieur zu. "Aber was Talan angeht, kann man nur sagen, daß er in Bestform ist. Ich halte ihn ohne weiteres für fähig, den Sieg zu erringen. Hinzu kommt, daß er sich durch nichts ablenken läßt, wenn er erst einmal im Gefecht steht. Beides zusammen stellt eine schwer zu schlagende Kombination dar."

Qo'hod nickte. "Ein guter Kämpfer denkt im Kampf an den Kampf und nicht an den Blutwein und die Gesänge für den Sieger." ließ er sich vernehmen. "Auch läßt er sich nicht von den Worten seines Gegners berühren, seien es Schmähungen, sei es berechnende Schmeichelei. Ein Gegner hat im Kampf keinen Mund. Nur seine Augen darfst du zu dir sprechen lassen."

"Ich bin schon mächtig gespannt auf seine Rückkehr." meldete sich Soto. "Ich wette jedenfalls drei Rationen, daß er gewinnt."

Knut tippte sich an die Stirn.

"Mann, glaubst du, hier hält jemand dagegen? Immerhin hat Rilkar mit ihm trainiert. Vergiß es! Ich lasse mich doch nicht auf eine Wette ein, die von vornherein verloren ist."

Im nächsten Moment verengten sich seine Augen.

"Dahinten kommt Driskal. Der ist aber ganz schön früh dran heute! Und außerdem hat er sich Gesellschaft mitgebracht, was soll denn das bedeuten?"

Tatsächlich sahen die Anwesenden, wie Talans Stellvertreter in Begleitung von vier Soldaten auf sie zuhielt, um vor der Rhazaghani stehenzubleiben.

"Es tut mir leid, Nirrit! Aber ich muß Sie dazu auffordern, mich zu begleiten. Lagerkommandant Shadar will Sie sehen."

Nirrit fuhr hoch, während die anderen ihn entsetzt ansahen.

"Mich? Aber ich dachte, ich läge außerhalb seiner Machtbefugnisse!"

Der Ingenieur trat nahe an Driskal heran.

"Warum?" fragte er hinter vor Wut zusammengebissenen Zähnen. "Warum lassen Sie das zu, Driskal? Talan hat Ihnen Nirrit anvertraut. Er sagte, Shadar hätte keine Möglichkeit, sich ihrer zu bemächtigen."

Driskal wich seinem Blick aus.

"Er hat eine Hintertür gefunden." antwortete er leise.

"Auf einmal? Da stimmt doch etwas nicht! Es ist reichlich auffällig, daß er sie einen Tag nach Talans Abreise holen läßt."

Er sah in Driskals Gesicht und bemerkte seine Blässe und die feinen Schweißtropfen auf seiner Stirn.

"Er hat Ihnen gedroht!" stellte er grimmig fest.

Driskal wandte sich an Nirrit.

"Ich muß Sie jetzt bitten, mitzukommen. Shadar wartet bereits. Außerdem fordert er Sie dazu auf, in die Grundform zu wechseln."

"Ich kann es mir denken." sagte sie leise. "Was für Maßnahmen hat er angedroht für den Fall, daß ich mich weigere?"

"Dann soll ich ihm den Cardassianer bringen."

Nirrit stöhnte entsetzt und wechselte in die Grundform. Rilkar wollte etwas sagen, aber sie unterbrach ihn sofort.

"Lassen Sie es gut sein! Ich habe ohnehin keine Möglichkeit, dieser Sache auszuweichen. Shadar würde es sicher sehr amüsieren, wenn ich bei meiner Gegenwehr jene Leute verletze, die ich die ganze Zeit vor den Zorls geschützt habe."

Der Ingenieur sah hilflos auf die junge Frau, die in dieser Gestalt unsagbar verletzlich auf ihn wirkte.

"Ich begleite Sie zum Tor."

Sie nickte nur.

"Haben Sie keine Angst, Nirrit!" leistete er ihr Zuspruch, während er neben ihr herging. "Denken Sie daran: Er darf Sie nicht verletzen und schon gar nicht töten. Dafür sind Sie hier zu wichtig. Was er auch vorhat, er muß Sie am Leben lassen."

Die anderen blickten ihnen nach.

"Ich hätte Driskal niemals zugetraut, daß er Nirrit an Shadar ausliefert, um seine kostbare Haut zu retten." zischte Knut wütend.

Silak schüttelte den Kopf.

"Ich glaube nicht, daß es Schmerz ist, was er fürchtet."

Knut drehte ihm verwundert den Kopf zu.

"Wie meinst du das?"

"Driskal ist Offizier." hörte er Mutub neben sich sagen. "Möchtest du noch kommandieren, nachdem dir Shadar vor deinen versammelten Leuten den Rücken gegerbt hat?"

 

Nirrit folgte Driskal durch das äußere Lager. Dann brach sie das Schweigen.

"Warum hat er in Talans Gegenwart darauf verzichtet?" fragte sie nur.

Zunächst glaubte sie, keine Antwort zu erhalten, doch nach einigen Augenblicken begann Driskal zu sprechen.

"Er fürchtet ihn!" sagte er leise.

"Shadar hat Angst vor Talan?"

Er nickte. "Man merkte es sehr rasch nach Talans Versetzung in dieses Regiment. Irgend jemand im Oberkommando war anscheinend der Ansicht, daß bei uns ein aufrechter Mann gebraucht wurde. Shadar witterte in Talan sofort seinen künftigen Nachfolger. Er liebt es, ihn zu reizen, wagt es jedoch nicht, dabei zu weit zu gehen, weil er Talans Reaktion nicht zuverlässig vorhersehen kann. Außerdem weiß er, daß sein Stellvertreter der einzige Mann im Regiment ist, der ihn nicht fürchtet."

Sie kamen vor dem Quartier des Lagerkommandanten an. Driskal warf Nirrit einen verzweifelten Blick zu.

"Bitte leisten Sie ihm so wenig Widerstand, wie es Ihnen möglich ist. Sie würden die Sache für ihn nur noch interessanter machen. Im übrigen hat der Cardassianer recht: Er muß Sie am Leben lassen. Ihm graut vor den Zorls."

"Ich weiß!" sagte sie kaum hörbar.

Dann brachte Driskal sie hinein.

 

Talan hatte einen Bereich aufgesucht, in dem hauptsächlich Bars und Restaurants zu finden waren. Vielleicht konnte er mit etwas Glück die eine oder andere nützliche Information aufschnappen. Während er gemächlich die breite Promenade entlangschritt, beobachtete er die lebhafte Geschäftigkeit um sich her, die durch die Anwesenheit der verschiedenartigsten Rassen verursacht wurde. Bunt gekleidete Händler mischten sich in der Menge mit halbbetrunkenen Frachterbesatzungen, die Vergnügen gesucht und offenbar gefunden hatten. An neuralgischen Punkten wurde zum Glücksspiel aufgefordert und verschiedenfarbige Prostituierte boten ihre Dienste an, wobei beide Geschlechter vertreten waren.

Talan in seiner vulkanischen Robe wurde nicht behelligt, was er mit Zufriedenheit zur Kenntnis nahm. Er wollte unter allen Umständen vermeiden, in irgendeiner Weise aufzufallen, und so folgte er weiter mit streng nach vorn gerichtetem Blick dem Verlauf des breiten Ganges, wobei er jedoch auf alles achtete, was sein scharfes Gehör aufnahm.

Als er gerade an dem Eingang einer Bar vorbeischritt, schallte ihm grollendes Gelächter entgegen. Gleich darauf war eine tiefe heisere Stimme zu hören.

"Was willst du eigentlich für ein Kommandant sein? Ist es dir nicht peinlich, ein Schiff zu befehligen, das nicht einmal in der Lage ist, eine richtige Kreisbahn zu halten?"

Talan blieb stehen.

Nun erklang in der Bar eine gutgelaunte Männerstimme.

"Ich möchte es so ausdrücken: Ich diskutiere mit meinem Schiff nicht über seine Kreisbahn, und im Gegenzug redet es mir nicht in die Auswahl des Flugzieles hinein. Bisher waren wir jedenfalls beide sehr zufrieden mit dieser Übereinkunft."

Talan betrat entschlossen die Bar und warf einen Blick auf die Szene, die sich ihm bot. Ein nicht geringer Teil der Anwesenden wurde von einer nausikaanischen Frachterbesatzung bestritten, die die Absicht gehabt hatte, sich mit dem einen oder anderen Gast anzulegen. Einer der Nausikaaner hatte offensichtlich einen Mann zum Kampf herausgefordert. Beide umkreisten sich auf einer freien Fläche, um die die übrigen Besatzungsmitglieder einen Ring gebildet hatten, während der Herausforderer seinen Gegner durch diverse hämische Bemerkungen zu reizen versuchte.

Talans Interesse war erwacht, daher bestellte er ein Getränk und ließ sich an einem nahestehenden Tisch nieder. Von seinem Platz aus konnte er einen Blick auf den Gegner des Nausikaaners werfen.

Dieser hatte sich noch immer nicht aus der Ruhe bringen lassen, sondern erwiderte die Äußerungen seines Herausforderes mit ruhiger Stimme und amüsiertem Lächeln. Der Mann war ebenso groß wie sein Gegenüber und besaß einen muskulösen Körperbau, gleichzeitig bewegte er sich mit einer raubtierartigen Geschmeidigkeit. Dunkelrotes Haar fiel ihm weit über die Schultern, und als er den Kopf leicht wendete, konnte Talan seine Augen erkennen. Sie waren türkisfarben.

Dann kam die Erkenntnis.

"Tarkin!" begriff er schlagartig.

Der Nausikaaner griff mit einer Geschwindigkeit an, die man einer solch massigen Gestalt im allgemeinen nicht zutraute. Dennoch tauchte der Rhazaghaner unter dem Schlag mühelos weg und versetzte dem Angreifer einen scheinbar leichten Stoß, der ihn quer durch den Raum stolpern ließ. Rasch fing der Mann sich für einen neuen Angriff ab, doch der Schlag, den er ansetzte, wurde mitten in der Bewegung abgeblockt. Tarkin hatte seinen Arm gepackt und beschränkte sich darauf, ihn festzuhalten.

"Er spielt mit ihm!" dachte Talan bei sich.

Der Nausikaaner schaffte es bei aller Mühe nicht, seinen Arm zu befreien. Angriffsversuche blockte der Rhazaghaner mit der anderen Hand ab und beschränkte sich ansonsten darauf, neugierig seinen Angreifer zu beobachten, den er in eisernem Griff hielt. Dessen Rücken verspannte sich unter der Anstrengung, er keuchte, während er mit der anderen Hand an seinem gefangenen Arm zerrte, aber dieser war wie arretiert. Tarkin wartete ab, ob sein Gegner ihm noch etwas entgegenzusetzen hatte, doch als er begriff, daß das nicht der Fall war, nickte er ihm zu.

"Gut! Wenn das alles war, würde ich mich jetzt gern hinsetzen und noch etwas trinken."

Er gab den sprachlosen Nausikaaner frei, um sich an einen Tisch in der Nähe zu setzen, wo drei Männer und zwei Frauen den Kampf ohne Anzeichen von Unruhe verfolgt hatten. Eine der Frauen lehnte sich schmunzelnd vor.

"Nerashik rab sharal, Tarkin!" bemerkte sie in erheitertem Tonfall, worauf die übrigen Personen am Tisch in schallendes Gelächter ausbrachen. Die Nausikaaner nahmen es mit schlechtgelaunten Mienen zur Kenntnis.

Talan nahm einen Schluck von seinem Getränk und beobachtete mit gespanntem Interesse Nirrits Leute. Alle waren auffallend groß, das galt für die Männer als auch die beiden Frauen, wogegen Nirrit selbst einen guten Kopf kleiner als Talan war. Er erinnerte sich daran, in den Computerdateien Auskünfte erhalten zu haben, die besagten, daß Rhazaghaner niemals ganz aufhörten zu wachsen. Demnach mußte Nirrit noch entsprechend jung sein, was dadurch untermauert wurde, daß sie bisher nur eine Luum vollständig beherrschte. Die Personen an dem Tisch dort drüben erweckten keineswegs den Eindruck von fortgeschrittenem Alter, so hätte Talan Tarkin als in etwa gleichaltrig mit sich selbst eingeschätzt. Trotzdem sagte ihm irgend etwas, daß diese Rhazaghaner dort sich nicht nur auf eine einzige Luum zu beschränken brauchten.

Ihm war klar, daß diese Begegnung kein Zufall war. Irgendwie mußte Nirrits Volk auf der Suche nach ihr eine Spur gefunden haben, und nun hofften sie darauf, weitere Hinweise zu erhalten.

"Wenn sie wüßten, wie nahe sie ihr sind!" dachte er mit leichtem Bedauern.

Plötzlich wurde Talans Sichtfeld versperrt. Als er hochblickte, erkannte er einen weiteren Nausikaaner, dem die Streitlust offenbar noch nicht vergangen war.

"Es heißt, Vulkanier wären stark!" grinste er. "Aber vielleicht ist das auch nur ein Gerücht. Wie wäre es, wenn du den Beweis antrittst?"

Talan zog die Brauen zusammen.

"Mir steht der Sinn nicht nach einer körperlichen Auseinandersetzung mit Ihnen." antwortete er. "Ich bin lediglich hier, um etwas zu trinken."

Der Mann beugte sich zu ihm herunter.

"Wenn das der einzige Hinderungsgrund ist - der ließe sich leicht beseitigen."

Er fegte Talans Glas mit einer Handbewegung vom Tisch. Die Freunde des Nausikaaners wurden durch das Klirren aufmerksam und begannen, sie zu umringen. Talan konnte sehen, daß Tarkin den Kopf gedreht hatte.

Der Romulaner fluchte innerlich darüber, seiner Neugier nachgegeben zu haben. Unter normalen Umständen wäre er leicht mit seinem Gegner fertig geworden, sicherlich auch mit einem zweiten, aber niemals mit der gesamten Horde. Außerdem galt es als für Vulkanier ziemlich ungewöhnlich, sich in Bars herumzuprügeln, und den vulkanischen Nervengriff beherrschte er nicht. Er konnte nur hoffen, daß man ihn ohne Schwierigkeiten gehen ließ. Er erhob sich.

"Es war mein völliger Ernst, als ich sagte, daß ich keinen Kampf wünsche. Würden Sie mich bitte entschuldigen?"

Ein weiterer Mann trat vor.

"Du glaubst wohl, du bist zu fein, dich mit uns auf eine Prügelei einzulassen. Aber wir wollen doch mal sehen, ob du dich wenigstens verteidigst."

Ehe der zwischen den Nausikaanern eingekeilte Talan eine Abwehrbewegung machen konnte, hatte sein Gegenüber eine Stichwaffe hervorgeholt und sie ihm über den Arm gezogen. Im selben Moment wurde am Nebentisch ein scharf klingendes Wort gerufen, zwei oder drei Blitze erhellten den Raum und im nächsten Augenblick packte etwas mit ungeheurer Gewalt den Angreifer und schleuderte ihn krachend gegen die Wand.

Die Nausikaaner fuhren herum und sahen sich entsetzt den Rhazaghanern gegenüber, von denen einer in die Krallenluum gewechselt war, während sich zwei weitere in der Steppenluum befanden. Tarkin, der den Besitzer des Messers gegen die Wand geschmettert hatte, befand sich noch immer in der Grundform.

Binnen kurzem hatten die streitlustigen Nausikaaner das Feld geräumt und ihren angeschlagenen Kumpan mit sich genommen. Talan sah verärgert zu, wie sich der Ärmel seiner Robe grün färbte und machte sich Vorwürfe, keinen Regenerator mit auf seine Reise genommen zu haben.

Tarkin trat an ihn heran.

"Das sieht häßlich aus. Auf alle Fälle muß es behandelt werden."

Talan schüttelte den Kopf.

"Ich danke Ihnen für Ihr Eingreifen, aber die Verletzung ist nicht gravierend, und umfangreiche Maßnahmen werden nicht nötig sein. Ich denke, ich komme zurecht."

Tarkin lächelte. "An den Erzählungen über vulkanische Sturheit scheint etwas dran zu sein. Sie wissen, daß man diesen Schnitt nicht so lassen kann. Kommen Sie mit auf unser Schiff! Wir haben dort einen guten Arzt. Auf der hiesigen Krankenstation werden Sie voraussichtlich ziemlich lange warten müssen."

Talan zögerte nur kurz, dann nickte er. Dies war eine Einladung, die er keinesfalls ausschlagen wollte.

 

Als Driskal Nirrit in den großen Raum geführt hatte, erhob sich Shadar aus seinem Sessel und kam ihr entgegen.

"Nirrit! Wie schön, Sie zu sehen!" begrüßte er sie liebenswürdig, um sie lächelnd zu betrachten. "Ich muß sagen, Sie haben sich sehr herausgemacht, seitdem ich Sie das letzte Mal in dieser Gestalt gesehen habe. Ihre Grundform hat durchaus ihren Reiz, daher finde ich es eigentlich schade, daß Sie sie derart verstecken."

Er wandte sich an Talans Stellvertreter.

"Sie haben Ihren Auftrag zu meiner Zufriedenheit ausgeführt. Sie können gehen!"

"Kommandant..."

Shadars Augen verengten sich.

"Haben Sie noch irgendwelche Probleme, Driskal?"

"Nein, Kommandant!"

Driskal verließ mit gesenktem Kopf die Unterkunft.

Shadar lenkte seine Aufmerksamkeit erneut auf Nirrit. Sein Blick richtete sich auf ihre Augen und schien dort etwas Bestimmtes zu suchen.

"Sie fragen sich, was Sie erwartet, nicht wahr? Keine Angst, Sie werden es bald erfahren."

Er sah an ihr vorbei und nickte. Im nächsten Moment fühlte sie sich von hinten hart an den Schultern gepackt.

Nirrit erschrak. Sie hatte nicht bemerkt, daß sich noch eine weitere Person im Raum aufgehalten hatte. Shadar lächelte freundlich.

"Darf ich Ihnen Nardral vorstellen? Sie sind ihm bereits heute morgen begegnet. Wie er mir berichtete, hat er Ihre Jagd verfolgt. Natürlich konnte er nicht ahnen, was für eine angenehme Erscheinung sich in dem gefleckten Fell verbarg. Daher hielt ich es nur für angemessen, daß er Sie auch in dieser Gestalt kennenlernt."

Nirrit spürte, wie der Romulaner, der sie festhielt, vor Begierde zitterte.

Shadars Blick wanderte zu seinem Untergebenen.

"Sie müssen ihn entschuldigen! Wie die meisten Männer hier hat er schon lange keine Frau mehr in den Armen gehalten. Dieser Umstand kann eine große Belastung bedeuten."

Nirrit sah ihn an.

"Aber Sie haben damit anscheinend keine Probleme."

Shadar sah auf sie herab.

"Das ist richtig!" sagte er leise. "Ich pflege auch auf andere Art und Weise an mein Vergnügen zu kommen als unser gemeinsamer Freund Talan. Daher habe ich eigentlich auch nicht die Absicht, mich Ihnen zu nähern. Das hat mein Militärkommandant schon getan, und es sieht ganz so aus, als wären Erlebnisse dieser Art nicht weiter gravierend für Sie, obwohl mich interessieren würde, auf welche Weise es ihm gelungen ist, Sie gefügig zu machen. Wie dem auch sei, es gibt etwas anderes, das ich gern an Ihnen ausprobieren möchte."

Er ging einige Schritte im Raum auf und ab, behielt sie jedoch aufmerksam dabei im Blick.

"Nardral ist ein Verhörspezialist für interplanetarische Völker. Er weiß, welche Droge welche Spezies dazu bringt, Geheimnisse preiszugeben. Es gibt Präparate, die die Kopffühler eines Andorianers vor Schmerz beben lassen. Für einen Lemnorianer dagegen gibt es nichts Furchterregenderes, als das Gefühl, langsam zu ersticken. Natürlich müssen solche Substanzen erst einmal erprobt werden.

Nun bringen Sie uns in eine gewisse Verlegenheit: Wir wissen fast nichts über Sie. Andererseits habe ich vom Oberkommando die Erlaubnis erhalten, eine neuentwickelte Droge, die sich noch im Experimentierstadium befindet, an noch nicht getesteten Spezies zu erproben. Wir wissen, daß sie Klingonen redselig macht. Vulkanoiden reagieren mit starker Übelkeit, während sie bei Ferengis Muskelkrämpfe verursacht. Cardassianer zeigen gar keine Reaktion. Leider ist es mir bisher nicht möglich gewesen, das Mittel einzusetzen. Die von den Gefangenen vertretenen Völker sind schon ausgetestet. Aber nun sind Sie ja da! Vielleicht sind Sie so freundlich, unsere verständliche Neugier, wie ein Rhazaghaner auf 317 TG reagiert, zu befriedigen."

Nirrit verstand. Shadar hatte vor, zu beobachten, wie ihr Körper unter der Wirkung der Substanz langsam kollabierte. Mühsam kämpfte sie ihre Furcht nieder.

"Und wenn sich herausstellt, daß einem Rhazaghaner schlicht und einfach das Herz davon stehenbleibt, können Sie Ihre Zorls zukünftig wieder selbst fangen."

"Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen! Nardral wird Ihre Körperfunktionen sorgfältig überwachen. Sobald es Anzeichen für schwere Komplikationen gibt, breche ich den Versuch ab, und er injiziert Ihnen eine Substanz, die innerhalb kürzester Zeit die Droge inaktiviert."

Er gab seinem Untergebenen einen Wink. Im selben Augenblick brach in Nirrit ihr Überlebensinstinkt durch. In einer plötzlichen Kraftanstrengung riß sie sich los, wechselte reflexartig in die Krallenluum und stand geduckt im Raum.

"Rühren Sie mich nicht an!" knurrte sie warnend.

Shadar blickte unbeeindruckt auf sie herab, während Nardral die Waffe gezogen hatte.

"Mit dieser Reaktion hatte ich gerechnet. Wie schade, daß Sie uns nicht vertrauen! Nardral, sagen Sie Driskal Bescheid! Er soll den Vulkanier herbringen. Wir müssen unsere Freundin davon überzeugen, daß es nichts zu befürchten gibt."

Nirrit starrte ihn mit aufgerissenen Augen an.

"Sie wollen Silak das Zeug versetzen?"

"Nur wenn Sie mich dazu zwingen. Zweifellos wird er dafür Verständnis haben, daß wir Sie zur Mitarbeit bewegen müssen. Schließlich ist es nur logisch, daß Sie sich die Wirkung erst einmal an ihm ansehen möchten."

Die Rhazaghani wechselte zurück in die Grundform. Shadar lächelte.

"Es freut mich, daß ich Sie überzeugen konnte. Nardral, nun sind Sie an der Reihe!"

Der Romulaner befüllte einen Injektor, der sich kurz darauf zischend an Nirrits Arm entlud. Shadar ließ sich in dem Sessel hinter seinem Schreibtisch nieder und lehnte sich erwartungsvoll zurück.

Zunächst bemerkte Nirrit keine Veränderungen, so daß sie schon zu hoffen begann, die Droge möge auf ihre Körperchemie keine Auswirkungen haben. Kurz darauf begann sie zu zittern.

 

Als Talan zusammen mit Tarkin im Transporterraum des rhazaghanischen Schiffes materialisierte, fiel ihm als erstes dessen Größe auf. Zudem wurde er von indirektem, leicht grünlich schimmerndem Licht erhellt. Tarkin wandte sich zu ihm um.

"Willkommen auf der Narhamak, der Wintersturm! Kommen Sie! Ich bringe Sie zur Krankenstation. Wenn das erledigt ist, kann ich Ihnen noch ein wenig das Schiff zeigen, wenn Sie möchten."

"Daran hätte ich in der Tat Interesse. Sind all Ihre Räumlichkeiten so großzügig gestaltet?"

"Das müssen Sie! Ganz besonders gilt das für unsere Freizeiteinrichtungen. Niemand von uns hat die Neigung, sich längere Zeit auf die Grundform zu beschränken. Sie haben ja meine Freunde vorhin gesehen. Vor allem die Steppenluum braucht viel Platz. Hinzu kommt der Drang, sich zu bewegen. Haben Sie schon etwas über unser Volk gehört?"

Talan nickte. "Ich gehe wohl richtig in der Annahme, daß Sie von Rhazaghan stammen."

"Sie sind gut informiert! Die meisten reagieren noch immer recht ratlos, wenn der Name unseres Planeten fällt, obwohl wir schon einige Zeit der Föderation angehören."

Er reckte sich ausgiebig.

"Da Sie über uns Bescheid wissen, macht es Ihnen wahrscheinlich nichts aus, wenn ich es mir bequem mache?"

"Legen Sie sich meinetwegen keine Beschränkungen auf!"

Tarkin nickte freundlich und wechselte. Talan sah zu ihm auf.

Er kannte das Äußere der Steppenluum von den holographischen Bildern des Hauptcomputers, außerdem hatte er vorhin einen Blick auf zwei lebende Beispiele werfen können, daher wußte er über ihre Größe Bescheid. Tarkin gab jedoch unbestritten ein besonders stattliches Exemplar dieser Erscheinungsform ab. Zudem bemerkte Talan an ihm nicht die Spur einer umrißauflösenden Tarnzeichnung. Das Fell schimmerte in einem dunklen Rot und wirkte wesentlich auffälliger als das Rotbraun von Nirrits Krallenluum. Es war deutlich zu merken, daß Tarkin keinerlei Zweifel an seinen Fähigkeiten kannte.

Während er den Rhazaghaner durch das Schiff begleitete, begegneten sie mehreren Besatzungsmitgliedern, die sich in verschiedenen Erscheinungsformen befanden. Talan bemerkte Grundform, Krallen- und Steppenluum, dabei dominierten bei den letzteren hauptsächlich Braun- und Grautöne kombiniert mit verschiedenen Zeichnungen. Nüchternes weißes Licht schien es nirgendwo zu geben, stets war die Beleuchtung indirekt und sanft getönt. Der Bodenbelag in den breiten, hohen Gängen war griffig und federnd, was der Romulaner angesichts von Tarkins scharfen Hufen verständlich fand.

"Ich habe bisher nicht viele Vulkanier auf der Station bemerkt." begann der Rhazaghaner eine Unterhaltung. "Was treibt sie so weit an den Rand der Föderation?"

"Ich beabsichtige, meinen Bruder auf Nafra 4 zu besuchen. Dort gibt es eine vulkanische Forschungskolonie."

"Ich glaube mich erinnern zu können. Man ist dort mit Ausgrabungen beschäftigt, nicht wahr?"

"Das ist korrekt. Darf ich ebenfalls fragen, was Sie hierher geführt hat?"

"Selbstverständlich! Das ist kein Geheimnis. Wir sind auf der Suche nach einer Clanschwester, die auf Cardassia Prime entführt wurde. Das Schiff des mutmaßlichen Entführers besitzt eine prägnante Warpsignatur, der wir bis in diesen Sektor folgen konnten. Dann verlor sich leider die Spur, seither sind wir dabei, das in Frage kommende Gebiet mit drei Sternschwingen abzusuchen. Auf dieser Raumstation begegnet man Leuten, die eine Menge in diesem Sektor herumkommen, deshalb hören wir uns auch hier um. Ihnen ist nicht zufällig in der letzten Zeit ein orionisches Schiff begegnet? Die Besatzung besteht aus etwa zwanzig Mann, und die Warpsignatur ist, wie ich schon sagte, recht auffällig."

Talan schüttelte den Kopf.

"Es tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber ich habe diesen Sektor erst vor kurzem erreicht. Wie ist man eigentlich auf den Täter aufmerksam geworden?"

"Er wurde in dem Institut, in dem unsere Clanschwester arbeitete, gesehen. Er besitzt aufgrund seiner gemischten Herkunft ein auffälliges Äußeres. Außerdem setzte sich kurz nach Bekanntwerden der Tat ein Verwandter des Entführers mit uns in Verbindung. Er bat uns um Diskretion, da er bei der cardassianischen Regierung arbeitet, und wir haben sie ihm zugesagt. Schließlich sind wir froh um seine Kooperation. Nach seinen Angaben scheint es sich bei der Tat um eine Kurzschlußreaktion gehandelt zu haben, was dadurch untermauert wird, daß es nach außen hin keinerlei Motive dafür gibt. Dem Täter wurden zwar gelegentlich Probleme wegen seiner Herkunft bereitet, aber er hatte sich eine feste Existenz aufgebaut. Auch gilt er nicht als gewalttätig, noch ist er jemals mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Auf unseren Druck hin untersucht nun die Föderation in Zusammenarbeit mit den cardassianischen Behörden die Hintergründe der Tat."

Sie erreichten die Krankenstation, wo sie einen hochgewachsenen Mann mit ergrauendem Haar antrafen, der sogar Tarkins Grundform überragt hätte. Er behandelte den Schnitt mit einer behutsamen Geschicklichkeit, und Talan fühlte sich an Nilamon erinnert. Dabei bemerkte er überrascht, daß dem Arzt ein Finger der linken Hand fehlte. Er nahm an, daß der Grund dafür wahrscheinlich eine Jagdverletzung war.

Nachdem Talans Arm wiederhergestellt war, machte sich Tarkin mit ihm auf den Weg zur Brücke.

"Glauben Sie wirklich, daß es noch Chancen gibt, Ihre Clanschwester zu finden?" begann der Romulaner das Gespräch von neuem.

Tarkin legte die spitzen Ohren zurück.

"Bei uns ist man nicht bereit, sich einfach mit dem Verlust einer Person abzufinden. Wer verschwindet, wird von Clanmitgliedern gesucht. In diesem Fall handelt es sich lediglich um eine Suche, die uns weiter führt als üblich. Zwei Nachbarclans haben uns Unterstützung zugesagt. Jeweils eines ihrer Schiffe geht auf Cardassia und seinen Nebenwelten möglichen Spuren nach. Dennoch halte ich es für am erfolgversprechendsten, unsere Nachforschungen hier fortzusetzen."

"Bei Ihnen scheint jeder einzelne großen Wert für die Gemeinschaft zu haben."

"Das stimmt! Bei jedem Clan darf immer nur eine einzige Person einen bestimmten Namen erhalten. Erst bei dem Tod des Namensträgers wird auch der Name wieder frei. Sollte die entsprechende Person verschwunden sein und bleiben, so bleibt dieser für die natürliche Lebensspanne eines Rhazaghaners gebunden."

Talan schwieg einen Moment, um dann den neben ihm gehenden Tarkin zu betrachten. Als sie im Begriff waren, die Brücke zu betreten, gab er seiner Neugier nach.

"Ist dies Ihre einzige Alternativform, oder beherrschen Sie noch andere?"

Tarkin lachte. "Ich gebe zu, daß dies meine Lieblingsluum ist. Die meisten Rhazaghaner favorisieren eine bestimmte Form, das hängt mit dem jeweiligen Charakter zusammen. Trotzdem: Kralle, Steppe, Zahn und Schwinge, ich habe sie nun alle durch. Allerdings bin ich mit meinen Fähigkeiten in der Schwinge noch nicht sonderlich zufrieden."

"Das liegt nicht an deinen Fähigkeiten, sondern an dem Wetter, das du für deine Ausflüge auswählst." äußerte jemand in tadelndem Tonfall.

Talan richtete seine Aufmerksamkeit nun auf die geradezu riesenhafte Brücke, die im Moment jedoch nur schwach besetzt war. Im vollkommen normal geformten Sessel des Kommandanten drehte sich ihnen der Mann zu, dem die Stimme gehörte. Sein kurz gehaltenes Haar hatte die Farbe von dunklem Bernstein, was auch für die Augen galt. Er betrachtete Talan nachdenklich.

"Der stärkste Herbststurm im Gebiet der Vari seit fünf Jahren, und Tarkin wundert sich, daß er danach ein Fall für den Krankenbezirk ist. Ich nehme an, daß eine solche Unvernunft für Sie als Vulkanier ebenso unverständlich ist wie für mich."

Tarkin lachte gutmütig. "Darf ich Ihnen Tybrang vorstellen? Er ist mein stellvertretender Kommandant und teilt meine Leidenschaft für das Risiko nicht."

Tybrang zog die Brauen hoch.

"Wie nennst du das? Ich habe übrigens eben gehört, daß du dich unten wieder an einer Prügelei beteiligt hast."

An den Kontrollen wandte sich eine Frau zu ihnen um. Es handelte sich um jene, die in der Bar die scherzhafte Bemerkung gemacht hatte. Tarkins fremdartige Miene erweckte den Eindruck, daß er das Gesicht verzog.

"Warum erzählst du ihm so etwas, Aslari? Du weißt, daß er nie müde wird, mir Vorhaltungen zu machen."

"Die durchaus in meinem Interesse liegen." lächelte sie sanft, um sich dann wieder den Kontrollen zuzuwenden.

Talan ließ sich fasziniert von Tarkin auf der Brücke herumführen. Bis auf eine Krallenluum waren nur Grundformen vertreten. Schließlich wandte er sich an seinen Begleiter.

"Ich verstehe, daß die Schwingenform an Bord nicht vertreten ist. Aber vorhin erwähnten Sie noch eine weitere, die ich bisher nicht habe bemerken können."

Der Schiffsführer schüttelte den mächtigen Kopf.

"Die wenigsten von uns muten sich das zu. Nur diejenigen, die absolut nicht bereit sind, auf sie zu verzichten, wechseln hier für kurze Zeiträume in die Zahnluum. Die Luft innerhalb einer solchen künstlichen Konstruktion stellt einfach eine Belastung für einen hochentwickelten Geruchssinn dar. Sie werden das verstehen, wenn ich Ihnen sage, daß ein Rhazaghaner in der Zahnluum feststellen kann, welche Kontakte eine Person während eines Zeitraumes von drei oder vier Tagen hatte."

Talan erstarrte innerlich, denn er begriff schlagartig, daß er sich in großer Gefahr befand. Er dachte an die leidenschaftliche Nacht, die er mit Nirrit verbracht hatte und zweifelte nicht einen Moment daran, daß ihr Geruch an Bord hinreichend bekannt war.

"Das klingt bemerkenswert!" antwortete er. "Ich bedaure es sehr, daß mir die Möglichkeit fehlt, mir den Rest des Schiffes anzusehen, aber man hatte mir im Hangar für diesen Zeitpunkt die Fertigstellung meines Schiffes zugesagt. Wären Sie wohl so liebenswürdig, mir die Rückkehr zur Station zu ermöglichen?"

Tarkin warf ihm einen leicht erstaunten Blick zu, doch er entsprach dem Wunsch seines Gastes und begleitete ihn in den Transporterraum. Als Talan auf der Station materialisiert war, machte er sich in höchster Eile auf den Weg zu Hangar sieben, wo ihn Rilkars Schiff bereits erwartete. Binnen kurzem war er gestartet und steuerte sein Schiff vorbei an der Sternschwinge, die weiterhin auf charaktervolle Weise ihre Bahn zog. Als er aus dem Sensorenbereich der Station heraus war, nahm er direkten Kurs auf die neutrale Zone.

Auf der Krankenstation der Narhamak war der Arzt dabei, konzentriert an seinem Computerterminal zu lesen, als im Eingang eine mächtige goldbraune Gestalt erschien.

"Haben wir eine Spur?" fragte sie verwirrt.

 

Nardral warf einen Blick auf seinen Trikorder.

"Ihre Körpertemperatur hat begonnen, rapide zu steigen. Der Herzschlag beschleunigt sich ebenfalls. Die Atmung ist noch konstant, aber das dürfte sich bald ändern. Interessant, Fieber wurde als Folge der Verabreichung bisher noch nicht beobachtet."

Wenig später begann die junge Frau, hastiger zu atmen. Sie hatte das Gefühl, als hätte sie einen anstrengenden Lauf hinter sich und spürte deutlich, wie ihr Herz raste. Inzwischen war sie keineswegs mehr überzeugt davon, daß Shadar ihren Tod nicht billigend in Kauf nahm.

Der Verhörtechniker nickte zufrieden. "Die Atmung zieht nach. Außerdem ist die Körpertemperatur immer noch im Steigen begriffen. Das Immunsystem dieser Spezies scheint sehr heftig reagieren zu können."

Wenig später schlang Nirrit die Arme um sich. Sie zitterte nun heftig und mußte die Kiefer aufeinanderpressen, um nicht mit den Zähnen zu klappern. Noch nie in ihrem Leben war ihr so kalt gewesen, und sie fühlte sich elend.

Shadar stand langsam auf, um wiederum sehr nahe an sie heranzutreten. Er hob ihr Kinn und sah ihr in die Augen.

"So ist es schon wesentlich unangenehmer für Sie, als mit einem trennenden Kraftfeld zwischen uns, nicht wahr? Es würde mich interessieren, ob Sie noch in der Lage sind, sich in eine Ihrer Ausweichformen zu flüchten. Ich glaube allerdings, das ist Ihnen kaum mehr möglich. Also werden Sie sich damit anfreunden müssen, mir diesmal in Ihrer zerbrechlichen Grundform gegenüberzustehen."

Nirrit spürte, wie sie die Kontrolle über ihre Beine verlor. In Talans Arbeitszimmer war sie stehengeblieben, aber nun konnte sie nicht anders, als vor Shadar in die Knie zu sinken. Das fiebrige Zittern schüttelte sie heftigst und sie fühlte sich der Panik nahe. Shadar ging gemächlich um sie herum.

"Ich glaube, das ist es, was Sie fürchten: Körperliche Schwäche! Ihr Volk steht ständig mächtigen Feinden gegenüber. Hilflosigkeit muß für Sie einem Alptraum gleichkommen, habe ich recht?"

Nirrit warf ihm einen haßerfüllten Blick zu. Shadar bemerkte es und lächelte.

Im nächsten Moment meldete sich Nardral wieder zu Wort.

"Das ist bemerkenswert!" sagte er. "Ihre Körpertemperatur beginnt wieder zu fallen."

Shadar sah hoch und runzelte die Stirn.

"Wie?"

"Offenbar hat ihre Körperchemie bereits begonnen, die Droge zu inaktivieren. Sie ist in Umwandlung begriffen. So eine schnelle Gegenreaktion habe ich noch nicht beobachtet."

Nach einer Weile ließ Nirrits Muskelzittern nach, und ihr Puls normalisierte sich allmählich. Dennoch fühlte sie sich wie ausgelaugt, und sie blieb geschwächt auf dem Boden sitzen. Kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn.

Nardral warf einen Blick auf seinen Trikorder.

"Die Droge ist in ihrem Blut nicht mehr nachweisbar. Es gibt jetzt nur noch das inaktive Abbauprodukt. Eine weitere Reaktion ist nicht mehr zu erwarten."

"Na schön!" sagte Shadar in einem Tonfall, dem deutliche Verärgerung anzumerken war. "Sagen Sie Driskal, daß er sie wegbringen soll! Ich habe nicht vor, hier meine Zeit zu verschwenden."

Er blickte auf die erschöpfte Nirrit hinunter.

"Es sieht so aus, als hätten Sie Glück gehabt. Es bleibt allerdings für Sie zu hoffen, daß ich niemals einen Weg finde, Ihre Wandlungsfähigkeit nach Belieben zu unterdrücken."

"Er weiß nicht, wie Geonfelder auf uns wirken!" begriff Nirrit plötzlich. "Seine Informationen über Rhazaghan stammen aus Föderationsdateien und die enthalten kein cardassianisches Wissen. Talan hat sich mit Sicherheit alles von Rilkar berichten lassen, aber er hätte die Informationen niemals an Shadar weitergegeben."

Kurz darauf trat Driskal ein, der sie vom Boden aufhob.

"Verzeihen Sie, Kommandant, aber ich bitte um die Erlaubnis, die Rhazaghani in die Krankenstation zu bringen."

Shadar sah Nardral an. Dieser winkte ab.

"Das ist überflüssig! Die Droge ist bereits abgebaut. Komplikationen können nicht mehr auftreten."

Shadar wandte sich an Talans Stellvertreter.

"Sie haben ihn gehört! Sorgen Sie dafür, daß die Rhazaghani morgen früh wieder auf die Jagd geht!"

Driskal nickte bekümmert, dann trug er Nirrit eigenhändig in Talans Quartier.

 

Tarkin, der wieder in die Grundform gewechselt war, ging unter ausgiebigen Verwünschungen auf der Brücke der Sternschwinge auf und ab.

"Es darf nicht wahr sein!" schrie er aufgebracht. "Ich habe mich von einem Romulaner reinlegen lassen!"

Tybrang und Aslari beobachteten ihn besorgt. Als die Nachricht aus der Krankenstation eintraf, hatte man so schnell wie möglich sämtliche Besatzungsmitglieder zurück an Bord geholt und sich mit Höchstgeschwindigkeit an die Verfolgung des kleinen Schiffes gemacht. Seine Warpsignatur war unauffällig, aber noch frisch, außerdem nahm man an, daß der Romulaner versuchen würde, die neutrale Zone zu überqueren. Kurze Zeit später überprüfte Aslari die Sensoren.

"Da ist er!" meldete sie. "Eine Person an Bord, den Sensoren nach vulkanoid."

 

Talan hatte die neutrale Zone zum großen Teil durchquert, als die Sensoren seines Schiffes Annäherungsalarm gaben. Ein Blick auf die Kontrollen zeigte ihm die Sternschwinge, die mit halsbrecherischem Tempo hinter ihm herkam.

"Tarkin weiß Bescheid!" stieß der Romulaner hinter zusammengebissenen Zähnen hervor. Nun holte er alles aus seinem Triebwerk heraus, in der verzweifelten Hoffnung, daß Rilkar und der Techniker gute Arbeit geleistet hatten. Er konnte nur hoffen, daß er rechtzeitig romulanisches Gebiet erreichte, obwohl er bezüglich Tarkins Reaktion starke Bedenken hatte. Ein normales Föderationsschiff hätte ihn bereits angefunkt und zur Umkehr aufgefordert, aber die Rhazaghaner hielten sich mit so etwas nicht auf. Stumm raste die Narhamak hinter ihm her.

 

Nur wenig später schaltete sich der Monitor an Tarkins Kommandosessel ein. Eine computeranimierte Vorderansicht des Schiffes erschien auf dem Bildschirm - die Vorstellung der Narhamak von sich selbst. Eine Stimme, die schwer als männlich oder weiblich zu identifizieren war, wandte sich an den Kommandanten.

"Tarkin! Wir überqueren nach meinen Dateien gerade die Grenze der neutralen Zone."

"Von mir aus!" erwiderte der Angesprochene scharf. "Wir müssen den Kerl einholen, Narhamak! Er weiß, wo Nirrit ist."

Das Schiff schwieg.

 

Talan konnte förmlich sehen, wie das rhazaghanische Schiff näher kam. Die Grenze war inzwischen sehr nahe, aber er war unsicher, ob ihn dieser Umstand retten würde. Der Computer mahnte bereits Triebwerksüberlastung an. Dann erreichte er romulanisches Gebiet. Besorgt beobachtete er die Narhamak. Sie flog noch immer mit Höchstgeschwindigkeit. Inzwischen war sie der romulanischen Grenze sehr nahe gekommen.

 

Die Narhamak meldete sich wieder.

"Tarkin, wir nähern uns romulanischem Gebiet."

"Wenn schon!" fauchte der Rhazaghaner. "Dann fliegen wir eben auf romulanisches Gebiet! Ich will diesen Romulaner kriegen!"

"In meinen Dateien finden sich Informationen über mit der Föderation abgeschlossene Verträge, die ein solches Verhalten verbieten."

"Wenn du wüßtest, wie egal mir die Föderation im Moment ist!"

 

Talan sah die Sternschwinge sich mit enormer Geschwindigkeit romulanischem Gebiet nähern. Plötzlich, er konnte seine Erleichterung kaum fassen, bremste das große Schiff ab. Kurz vor der Grenze schwebte es still im Raum.

Der Romulaner wußte nicht, wer den Befehl dazu gegeben hatte, er war sich nur einer Sache sicher: Er stammte nicht von Tarkin. Der rhazaghanische Kommandant wäre ihm notfalls bis nach Romulus gefolgt. Vermutlich hatte Tybrang eingegriffen, obwohl es dem Romulaner unklar war, inwiefern der stellvertretende Kommandant dazu die Möglichkeit hatte.

Talan warf noch einen letzten Blick auf die ruhig daliegende raubvogelartige Konstruktion.

"Tut mir leid, Tarkin!" sagte er leise.

Dann setzte er seinen Flug nach Romulus fort.

 

"Großartig!" tobte Tarkin. "Wir waren so nahe dran, und gerade jetzt bekomme ich Streit mit meinem Schiff!"

Die Narhamak schien sein Wutanfall nicht zu beeindrucken.

"Nach meinen Dateien verfügt die romulanische Flotte über Schiffe mit Tarnvorrichtungen. Es ist möglich, daß sich eins bis unbekannt viele davon getarnt jenseits der Grenze befinden. Ich habe eindeutige Prioritäten erhalten und bin nicht bereit, meine Besatzung zu gefährden."

Tarkin holte gerade Luft, als sich Tybrang einschaltete.

"Laß sie! Das Schiff ist vernünftiger als du. Sieh dir den Kurs des Mannes an! Er fliegt direkt Richtung Romulus. Wir können jedoch sicher sein, daß Nirrit dort nicht ist, nach einem so langen Zeitraum wäre die Witterung nicht mehr wahrnehmbar gewesen. Wir sollten uns darauf konzentrieren, den näheren Bereich nach ihr abzusuchen. Es macht keinen Sinn, dem Mann vielleicht bis nach Romulus zu folgen. Wahrscheinlich stammt er aus irgendeinem Spionagenest auf Föderationsgebiet. Im übrigen wissen wir jetzt endlich, daß Nirrit noch am Leben ist. Das ist eine großartige Neuigkeit, da kannst du sagen was du willst!"

Tarkin beruhigte sich langsam.

"Na schön! Läßt sich der Kurs des Schiffes in Gegenrichtung verfolgen?"

"Leider nicht! Die Warpsignatur löst sich bereits auf. Der Auftraggeber des Schiffes war offenbar nicht daran interessiert, daß man ihn verfolgen kann. Die Bauweise ist übrigens den Dateien nach orionisch. Es muß zu dem größeren Schiff gehören. Ich schlage vor, wir suchen erst einmal das Föderationsgebiet in ungefährer Gegenrichtung ab, irgendwo muß der Bursche ja hergekommen sein. Nebenbei bemerkt: Er scheint deine Begeisterung für Risiken zu teilen. Immerhin hatte er die Stirn, an Bord zu kommen."

Tarkin wandte sich an die Rhazaghani, die inzwischen aus der Zahnluum zurück in die Grundform gewechselt war.

"Was schätzt du, wie nahe der Kontakt war, den der Romulaner zu Nirrit hatte?"

Die Frau hob die Brauen.

"Sehr nahe!" erwiderte sie mit viel Nachdruck.

Tarkin begann wieder zu fluchen. Tybrang sah ihn befremdet an.

"Was willst du? Du weißt doch, daß Nirrit noch keine Reifungspartnerschaft geschlossen hatte!"

Sein Gegenüber drehte sich wütend zu ihm um.

"Und du glaubst, daß sie nach ihrer Entführung keinen anderen Wunsch hatte, als sich mit einem romulanischen Spion zu binden? Du hättest etwas mehr Zeit auf der Raumstation verbringen sollen! Da kann man eigenartige Dinge über Grundformvölker erfahren."

 

Driskal legte Nirrit auf Talans Lager und betrachtete sie unglücklich. Schuldgefühle nagten an ihm.

"Kann ich irgend etwas für Sie tun?"

Nirrit, die sich nicht mehr gerührt hatte, seitdem sie von ihm aus Shadars Quartier hinausgetragen worden war, öffnete leicht die Augen.

"Könnten Sie mir bitte etwas Wasser bringen?"

Driskal nickte, kehrte kurz darauf mit einem Glas aus der Hygienezelle zurück und half Nirrit, zu trinken. Danach sank sie wieder zurück. Talans Stellvertreter wartete noch einen Augenblick, aber als er bemerkte, daß sie schlief, verließ er still das Quartier.

Als er am nächsten Morgen zurückkehrte, fand er sie genauso vor, wie er sie verlassen hatte. Vorsichtig berührte er ihre Schulter, worauf sie erwachte.

"Wie geht es Ihnen?"

Nirrit antwortete zunächst nicht. Sie verspürte ein dumpfes Gefühl in ihrem Kopf, außerdem fühlte sie sich nicht wohl. Langsam setzte sie sich auf.

"Glauben Sie, daß Sie in der Lage sind, zu jagen?"

Sie nickte stumm, erhob sich, und wechselte in die Krallenluum. Erstaunt stellte sie fest, daß sie auffallend viel Energie dafür aufwenden mußte.

"Sie haben gestern nichts gegessen. Meinen Sie nicht, daß ich Ihnen zuerst etwas bringen sollte?"

Sie schüttelte den Kopf. Der Gedanke an Nahrungsaufnahme weckte Übelkeit in ihr.

"Ich danke Ihnen, aber ich habe keinen Appetit."

Driskals Besorgnis nahm zu. Er hoffte, daß sich die Rhazaghani an der frischen Luft erholen würde, daher ließ er sie hinaus. Einige Augenblicke lang beobachtete er sie, aber als er sah, daß sie ihre Runde wie immer begann, entschloß er sich, seinen Pflichten nachzugehen.

Nirrit widmete sich mit ganzer Kraft ihrer Aufgabe, aber diese fiel ihr an dem heutigen Morgen ungewöhnlich schwer. Als sie das äußere Lager komplett auf Zorls untersucht hatte, wurde sie den Eindruck nicht los, daß sie begonnen hatte, leicht zu schwanken.

Sie wußte, daß etwas mit ihr nicht stimmte. Es bereitete ihr Mühe, sich auf einen Gedanken zu konzentrieren, und wenn sie es geschafft hatte, schien es nicht möglich zu sein, ihn festzuhalten.

Plötzlich hörte sie direkt neben sich eine Stimme, die sie anrief. Nirrit blickte hoch und überlegte einen Moment. Richtig! Dies war Velkat.

Der Lageringenieur trat auf sie zu.

"Ich habe gehört, daß Sie gestern zu ihm mußten." Er warf einen feindseligen Blick in die Richtung von Shadars Quartier. "Teile des Lagers reden bereits darüber. Ich weiß nicht, was er mit Ihnen gemacht hat, aber ich möchte, daß Sie verstehen, daß es mir leid tut. Bei Ihnen in der Föderation wird wahrscheinlich so einiges über romulanisches Militär erzählt. Vieles davon mag sogar wahr sein. Aber es stimmt nicht, wenn behauptet wird, daß wir es vergessen, wenn jemand etwas für uns getan hat. Verstehen Sie mich?"

Nirrit nickte. Tatsächlich war sie nicht richtig in der Lage gewesen, Velkats Ausführungen zu folgen. Irgendwie schweiften ihre Gedanken immer wieder ab. Als sie weiterlief, versuchte sie sich daran zu erinnern, was er zu ihr gesagt hatte. Es fiel ihr schwer.

Dann hatte sie einen Moment lang das gespenstische Gefühl, daß ihre Realität kippte.

Zu ihrer Erleichterung hielt dieser Eindruck jedoch nur kurz an. Allerdings bemerkte sie, daß mit ihrer Umgebung etwas nicht zu stimmen schien. Der Platz, auf dem sie sich befand, war ihr fremd, aber dennoch war sie sicher, diesen Weg schon oft gegangen zu sein, daher folgte sie erst einmal dem Gefühl der Gewohnheit. Kurz darauf stellte sie fest, daß sich einige Männer vor ihr befanden, die ihrem Aussehen nach keine Rhazaghaner sein konnten. Ob Gäste von außerhalb im Habitat waren? Außerdem glaubte sie zu wissen, daß diese Leute ihr gerade auf irgendeine Art und Weise den Weg frei machten.

Sie machte sich wieder auf und ließ die Fremden ein Stück hinter sich. Dann hielt sie an, nun in der festen Überzeugung, daß sie sich nicht im Habitat befand. Wie konnte das sein?

Sie glaubte sich erinnern zu können, daß man sie um etwas gebeten hatte, und bei der Erfüllung der Bitte war ihr irgend etwas entfallen, da war sie sich sicher. Sie ließ sich nieder, um darüber nachzudenken.

Was hatte sie vergessen? Es war etwas Wichtiges, daran bestand kein Zweifel. Es war schade, daß es ihr im Moment so schwer fiel, sich zu konzentrieren. Sie versuchte es noch einmal und dachte mit aller Gewalt nach.

Dann, auf einmal, fiel es ihr ein, und sie empfand Erleichterung. Natürlich! Sie hatte vergessen, nach Hause zu gehen.

 

Driskal hatte beschlossen, noch einmal nach Nirrit zu sehen und hielt im äußeren Lagerring nach ihr Ausschau. Als er sie nicht fand, machte er sich auf den Weg zum Gefangenenlager. Er nahm an, daß sie das Tor bereits passiert hatte, und wirklich sah er sie drüben in der Nähe der Barriere sitzen, die sie bereits ein Stück entlanggelaufen sein mußte. Als er auf sie zuging, stand sie auf, und Driskal stellte erschrocken fest, daß sie schwankte. Er rief sie an, aber sie reagierte nicht. Stattdessen begann sie wie blind, auf die Barriere zuzutaumeln.

"Nein, Nirrit! Das dürfen Sie nicht tun!" rief Driskal entsetzt. "Sehen Sie die Barriere denn nicht? Sie dürfen sie nicht berühren! Nirrit!"

Als sie näher kam, wandte sich Driskal verzweifelt der Baracke des Ingenieurs zu.

"Rilkar!" schrie er aus vollem Hals.

Der Gerufene kam aus seiner Unterkunft herausgestürzt. Gleichzeitig war einer der Orioner auf die Situation aufmerksam geworden, und beide Männer rannten auf die orientierungslose Rhazaghani zu. Als Nirrit die Barriere berührte, bremste der Orioner entsetzt ab.

Driskal beobachtete die Geschehnisse nicht weiter, sondern rannte an der Barriere entlang zum Tor. Er kannte den Cardassianer gut genug, um zu wissen, daß dieser nicht stehenbleiben würde.

"Holt Nilamon!" schrie er den erschrockenen Wachen zu und traf einen Augenblick später atemlos am Unglücksort ein. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, stöhnte er verzweifelt auf.

Nirrit lag in ihrer Grundform unweit der Barriere, wohin Rilkar sie hatte zerren können. Gleich daneben war der Ingenieur zusammengebrochen. Beide hatten schwere Verbrennungen erlitten. Am meisten entsetzte Driskal jedoch, daß die Rhazaghani keinen Schmerzenslaut von sich gab. Ihre Augen waren weit aufgerissen und die Pupillen so stark vergrößert, daß die Iris nicht mehr türkis, sondern schwarz wirkte.

Der Vulkanier hatte sich über sie gebeugt.

"Was ist mit ihr, Silak?" ächzte Rilkar. "Ist sie noch am Leben?"

"Sie lebt!" antwortete dieser. "Aber etwas stimmt nicht mit ihr. Meiner Ansicht nach zeigt sie Anzeichen einer Vergiftung."

Im nächsten Augenblick kniete bereits Nilamon bei ihr nieder. Surin begann gleichzeitig, sich um die Verbrennungen des Ingenieurs zu kümmern. Nach einer kurzen Untersuchung sah Nilamon zu Driskal auf.

"Ihr Körper ist mit einem Halluzinogen förmlich überschwemmt. Haben Sie vielleicht eine Idee, wie das passieren konnte?"

Driskal sah ihn verzweifelt an.

"Ich mußte sie gestern zum Lagerkommandanten bringen. Er hat ihr von Nardral die neue Verhördroge verabreichen lassen."

"Warum haben Sie sie danach nicht zu mir gebracht?" fragte Nilamon scharf.

"Kommandant Shadar hat es mir untersagt."

Der Lagerarzt schwieg einen Moment, während er Driskal betrachtete.

"Sie sind ein gehorsamer Mann. Ich hoffe, Sie finden Trost in dieser Gewißheit."

Im nächsten Moment wurde eine neue Stimme hörbar.

"Was hat das zu bedeuten?"

Nilamon kümmerte sich weiter um Nirrits Behandlung, ohne sich zu Shadar umzuwenden.

"Das bedeutet, daß Ihr sogenannter Verhörtechniker ein Pfuscher ist. Er hat nicht gemerkt, daß der Körper der Rhazaghani nicht in der Lage war, das erste Umwandlungsprodukt der Droge auszuscheiden. Daher hat ihr Körper in diesem Bemühen weitere Folgeverbindungen gebildet. Dabei ist eine gefährliche Substanz entstanden, die sie wahrscheinlich im Laufe des heutigen Tages umgebracht hätte. Das Mädchen hätte noch mindestens vier Tage lang sorgfältig medizinisch überwacht werden müssen, aber Ihr Folterknecht ist vermutlich nicht daran gewöhnt, daß man Interesse daran hat, die Versuchsperson am Leben zu lassen."

Shadar schwieg. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Ingenieur. Dieser bemerkte den Blick und unterdrückte gewaltsam sein Stöhnen.

"Sind Sie nun zufrieden?" stieß er hervor. "Vielleicht wollen Sie sich jetzt auch noch ansehen, wie die Zorls über uns herfallen. Die Rhazaghani konnte ihren Rundgang hier nicht einmal beginnen, es kann also jeden Augenblick losgehen."

Der Lagerkommandant erbleichte und sah sich um.

"Kümmern Sie sich um Ihre Pflichten!" fuhr er barsch den Lagerarzt an.

Dann drehte er sich um und verließ das Gefangenenlager.

Nilamon lächelte schwach. Dann wandte er sich an Driskal.

"Ich werde die beiden Verletzten jetzt in die Krankenstation mitnehmen, dort stehen mir die Hilfsmittel für Nirrits Entgiftung zur Verfügung. Außerdem brauche ich für meine Arbeit gute Regeneratoren."

Talans Stellvertreter nickte nur.

17.

Die Halle der Fechter hatte sich bereits mit den meisten Teilnehmern gefüllt. Halblautes Stimmengewirr hallte von den weitläufigen Wänden wieder, und hier und da war das Geräusch aufeinanderschlagender Fechtstöcke zu hören, wo sich einige Kämpfer ein Probegefecht lieferten. Der Beginn der Kämpfe war etwas in den Nachmittag hinein verschoben worden, da noch einige Teilnehmer von Nebenwelten erwartet wurden. Mittlerweile war der anvisierte Zeitpunkt schon ziemlich nahe herangerückt.

Verschiedene Gruppen von Kämpfern standen sich unterhaltend im Saal, tauschten Neuigkeiten aus und gaben Einschätzungen der Trainingsform ihrer Gegner ab. In der Nähe des Eingangs hatten sich mehrere Fechter um einen hochgewachsenen und kräftig wirkenden Romulaner gruppiert, der in aufgeräumter Stimmung ihre Fragen beantwortete und lachend scherzhafte Bemerkungen von sich gab.

Als ein junger Mann sich seinen Weg an ihnen vorbei durch das Gedränge suchte, wurde ein Angehöriger der Gruppe auf ihn aufmerksam.

"Schau an, da ist ja unser braver Zivilist!" rief er spöttisch. "Erstaunlich, daß du die Qualifikation geschafft hast. Ich hätte nicht gedacht, daß es derart den Kampfgeist stärkt, wenn man von morgens bis abends an Suppen und gegartes Gemüse zu denken hat."

Der Rest der Gruppe lachte.

"Mir leuchtet das durchaus ein." meldete sich ein weiterer Mann. "Verspürst du nach dem Genuß einiger Gerichte aus dem Kasernenreplikator etwa nicht den Wunsch, seinen Programmierer umzubringen? Wahrscheinlich war es purer Überlebensinstinkt, der ihn dazu brachte, zum Fechtstock zu greifen."

Der junge Romulaner hörte sich die Bemerkungen geduldig an.

"Es genügt nicht, ein Volk zu verteidigen." sagte er ruhig. "Es muß auch ernährt werden. Wie ich aus Ihren Äußerungen ersehe, wissen auch Sie es zu schätzen, wenn die Replikatoren in Ihrer Kaserne oder an Bord eines Schiffes sachkundig programmiert sind. Mein Berufsstand mag bei Ihnen nicht sehr angesehen sein, aber auf seine Notwendigkeit hat das keinen Einfluß. Würden Sie mich bitte entschuldigen?"

Er wandte sich ab und strebte der anderen Seite der Halle zu.

"Da geht er, unser Mann des Friedens!" grinste der Soldat, der die erste Bemerkung gemacht hatte.

"Laß ihn!" sagte ein anderer. "Heute abend, wenn er sich einen blutigen Kopf geholt hat, wird er sich wünschen, niemals die Qualifikation geschafft zu haben."

"Hat einer von euch Talan bereits gesehen?" fragte ein weiterer Mann. "Er pflegte sonst bei solchen Gelegenheiten immer einer der ersten in der Halle zu sein."

Der Romulaner, der das Zentrum der Gruppe bildete, wandte sich lächelnd zu ihm um.

"Du rechnest doch nicht im Ernst noch mit ihm? Momentan dürfte er nicht einmal mehr in der Lage sein, mit den Neulingen mitzuhalten. Ich glaube kaum, daß er sich hierhertraut." Er lachte kurz auf. "Wer weiß, vielleicht hat Shadar inzwischen ausprobiert, wie strapazierfähig der Rücken unseres Dilithiumsammlers ist. In dem Fall dürfte er ihm seinen Schneid ziemlich abgekauft haben."

Einer der Männer, ein Offizier, runzelte unbehaglich die Stirn.

"Ich weiß nicht, Ragor! Zwar erzählt man sich einiges über Shadar, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß er so weit gehen würde. Immerhin ist Talan sein ranghöchster Untergebener und kein einfacher Soldat."

Ragor sah ihn grinsend an.

"Was glaubst du, warum Talans Vorgänger ohne Angabe von Gründen seinen Abschied eingereicht hat? Er hatte eine vielversprechende Karriere vor sich, und jetzt ist er ein Nichts. Man schweigt sich zwar in höheren Kreisen aus, und von Shadars Leuten war nichts über die Sache herauszubringen, aber es dürfte sonnenklar sein, daß die Ursache dafür in der speziellen Vergnügungssucht ihres Kommandanten zu suchen ist. Ich beneide Talan nicht um seine Lage. Früher oder später wird Shadar ihn sich vornehmen, Stellvertreter oder nicht. Aber wie auch immer, hier brauchen wir nicht mehr auf ihn zu warten. Ich gebe zu, daß ich diesen Umstand bedauere. Ich hätte ihm gern endgültig gezeigt, wer von uns beiden der Bessere ist, aber Talan dürfte in seiner jetzigen Form kein Gegner mehr sein."

Sein Gesprächspartner blickte zum Eingang, wo Freudenrufe laut geworden waren.

"Da bin ich mir nicht so sicher!" bemerkte er. "Da kommt er gerade. Und meiner Ansicht nach sieht er gut aus."

Ragor drehte sich um und erkannte einen strahlenden Talan, der von seinen Freunden begeistert umringt wurde. Mit leuchtenden Augen erwiderte er ihre Begrüßungen, beantwortete Zurufe und freute sich über das Wiedersehen mit seinen früheren Trainingspartnern, die ihm auf die Schultern schlugen oder ihn freundschaftlich an den Unterarmen packten.

Sein weiterer Flug war ohne Zwischenfälle verlaufen, und er hatte bereits am Vormittag sein Schiff verlassen. Nachdem er sich in der ihm zugewiesenen Unterkunft etwas von der Reise ausgeruht hatte, war er sofort in das Austragungszentrum aufgebrochen, und nun genoß er das Gefühl, wieder in der Umgebung zu sein, die für ihn der Inbegriff seiner Heimat war. Als er gerade dabei war, einige der an ihn gerichteten Fragen zu beantworten, bemerkte er aus dem Augenwinkel, daß sich jemand in der Begleitung einiger Personen näherte.

Ragor blieb vor ihm stehen und musterte ihn prüfend.

"Ich grüße dich, Talan! Du machst keinen schlechten Eindruck. Sollte es Driskal tatsächlich geschafft haben, das eine oder andere dazuzulernen?"

Talan wandte sich ihm mit leisem Lächeln zu. Er wußte, wie stark Ragor war, aber gleichzeitig war er sicher, daß dieser in einem Kräftemessen mit Rilkar den Kürzeren gezogen hätte.

"Driskal ist im Gegensatz zu uns ein Soldat, für den die Pflicht das höchste Gut darstellt. Wir, die wir hier eigennützig nach Ruhm streben, sollten dankbar für solche Männer sein. Sie halten uns den Rücken frei, während wir die Möglichkeit haben, unseren Leidenschaften nachzugehen. Es ist nur angemessen, wenn wir uns diese Tatsache gelegentlich in Erinnerung rufen. Es stand mir nicht zu, Driskal von seinen eigentlichen Aufgaben fernzuhalten, aber ich hatte dafür die Gelegenheit, mit einem Cardassianer zu trainieren."

Er genoß den verblüfften Ausdruck, der auf Ragors Gesicht erschien.

"Mit einem Cardassianer?"

"So ist es! Ich muß sagen, daß es eine sehr zufriedenstellende Trainingszeit war, zumal es sich bei meinem Übungspartner um einen bemerkenswerten Gegner handelt."

Er schickte sich an, sich abzuwenden, hielt jedoch noch einmal inne.

"Sollte dir übrigens bei irgendeiner Gelegenheit cardassianischer Canar angeboten werden, so kann ich dir nur empfehlen, vorsichtig damit umzugehen. Das Zeug sprengt einem Romulaner den Kopf vom Körper. Natürlich hättest du dabei keinen nennenswerten Verlust zu beklagen."

Im Kreis erhob sich schadenfrohes Gelächter, und Talan wandte sich wieder seinen Freunden zu.

Ragor sprach mit gedämpfter Stimme einen seiner Begleiter an.

"Hast du Talan schon einmal auf diese Weise erlebt?"

"Nein, ich bin genauso sprachlos. Sonst hat er sich bei solchen Gelegenheiten stets ruhig und würdevoll verhalten."

"Er macht den Eindruck, als wäre er seiner Sache verdammt sicher. Ich glaube, es wäre gut, ihn ein wenig im Auge zu behalten."

 

Neunzehn Tage später befand sich Talan wieder auf dem Rückflug. Direkt nach den Kämpfen hatte er einige aufreibende Behördengänge hinter sich bringen müssen. Bei der Verwaltung der Dilithiumgewinnung hatte er zunächst endlos lange warten müssen, bis man ihn vorließ. Der Verwaltungsbeamte hatte sich lächelnd seine Beschwerden angehört, um Talan schließlich darauf hinzuweisen, daß auch noch andere Förderstätten Material angefordert hatten, es jedoch zur Zeit nicht möglich wäre, tarnfähige Schiffe von der klingonischen Grenze abzuziehen. Er würde sich leider noch etwas gedulden müssen.

Ein technischer Bericht Velkats, in dem dieser vor einer möglichen Überladung des Hauptschildgenerators warnte und dringend um Ersatzteile nachsuchte, fand noch nicht einmal seine Beachtung. Talan wurde den Verdacht nicht los, daß es dem Mann viel Vergnügen bereitete, einen Offizier als Bittsteller vor sich zu haben. Wutentbrannt hatte Talan für die Weiterleitung einer offiziellen Beschwerde gesorgt, worin er noch einmal auf die gefährdete Sicherheit des Unternehmens hinwies. Letztendlich glaubte er jedoch nicht, daß diese irgendeinen Einfluß auf die Bearbeitungsgeschwindigkeit seiner Anfrage haben würde.

Nachdem er diesen frustrierenden Kampf gegen die Behörden hinter sich gebracht hatte, erlaubte er es sich, für die Dauer von zwei Tagen seinem Vater einen Besuch abzustatten, der auf einem Landgut in der Nähe der Hauptstadt lebte. Da Nilamon ihn um einige medizinische Versorgungsgüter gebeten hatte, nutzte er diese Gelegenheit, um sie zu besorgen. Bei einem Händler für interplanetarische Getränke stieß er dann auf drei Flaschen echten alten Canars, den er Rilkar mitzubringen gedachte.

Er verspürte den Wunsch, auch Nirrit bei seiner Rückkehr ein Geschenk zu überreichen, war allerdings sehr unsicher, womit er ihr eine Freude bereiten konnte. Da er jedoch von ihrer Ausbildung als Xenobiologin wußte, entschied er sich schließlich für den Kauf eines leistungsfähigen romulanischen Trikorders.

Während Talan die Kontrollen überwachte, wanderten seine Gedanken zurück zu den Kämpfen, die hinter ihm lagen. Besonderen Eindruck hatte ein Lebensmittelprogrammierer auf ihn gemacht, auf dessen Person er mit Sicherheit bei den nächsten Kämpfen sein Augenmerk würde richten müssen. Als Talan ihm nach mehreren siegreichen Gefechten gegenüberstand, hatte ihn dieser respektvoll angesprochen.

"Ich habe schon viel über Ihr Können gehört, Kommandant. Ich möchte nur, daß Sie wissen, daß ich es als eine Ehre betrachte, gegen Sie antreten zu dürfen."

Der Kampf hatte sich dann als unerwartet hart herausgestellt. Der junge Zivilist focht mit bemerkenswerter Eleganz und verfügte zudem über eine ausgezeichnete Konzentration. Es war letztendlich Talans Ausdauer, die ihn den Sieg davontragen ließ.

Mit einem inneren Lächeln dachte er an das letzte Gefecht. Es hatte für ihn keine Überraschung bedeutet, dabei Ragor gegenüberzustehen, ja, er hatte inständig darauf gehofft. Der Abschlußkampf war eine regelrechte Schlacht gewesen, bei der sich seine Trainingszeit mit einem kräftemäßig überlegenen Gegner ausgezahlt hatte. Talan dachte an Ragors Gesicht, als dieser durch das cardassianische Entwaffnungsmanöver seinen Fechtstock verloren hatte. Es war unbezahlbar gewesen.

Nach vier weiteren Tagen näherte er sich der neutralen Zone, wobei er die Sensoren sorgfältig auf das rhazaghanische Schiff hin überprüfte, allerdings ohne Ergebnis. Erleichtert flog er schließlich den kleinen Klasse-M-Planeten mit den hohen Dilithiumvorkommen an.

Als Talan das Schiff verließ, wurde er von einem Unteroffizier begrüßt. Dessen suchender Blick fand die erhoffte Auszeichnung am Kragen seines Vorgesetzten.

"Sie haben gesiegt!" rief er begeistert.

Talan lächelte. "Wie Sie sehen! Ich denke, ich konnte dem Oberkommando in Erinnerung rufen, daß dieses Regiment trotz allem noch immer existiert. Wo ist Driskal?"

Das Gesicht des Mannes wurde ernst.

"Im Lazarett, Kommandant! Er hat sich vor zwei Tagen eine schwere Zorlverätzung zugezogen."

Talan erstarrte innerlich.

"Was ist mit der Rhazaghani?"

Der Mann sah ihn unglücklich an.

"Sie ist ebenfalls im Lazarett. Kurz nach Ihrem Abflug ist sie in die Energiebarriere des Gefangenenlagers hineingelaufen."

Talan ließ seinen Untergebenen stehen und eilte auf dem kürzesten Wege zur Krankenstation. Gleich nach seinem Eintreten traf er auf Nilamon, der müde und überarbeitet aussah. Der Lagerarzt hob den Kopf und brachte ein Lächeln zustande.

"Kommandant Talan! Ich muß gestehen, ich bin froh, daß Sie zurück sind. Wie sind die Kämpfe für Sie gelaufen?"

"Recht erfreulich!" antwortete Talan ungeduldig. Ihm stand im Moment nicht der Sinn danach, über seinen Sieg zu berichten. "Hier dagegen scheint einiges im Argen zu liegen. Was ist mit Nirrit passiert?"

Nilamon seufzte. "Sie haben also schon davon gehört! Nun ja, jeder Soldat hier flucht über die Sache. Die Stimmung unter den Männern ist im Augenblick miserabel, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten. Man könnte sagen, daß Sie keinen Augenblick zu früh zurückgekommen sind."

"Man hat mir nur gesagt, daß Nirrit in den Energiezaun gelaufen wäre. Wie ist das möglich?"

Der Arzt sah ihn an.

"Wissen Sie über 317 TG Bescheid?"

Talan begriff sofort und ballte die Fäuste.

"Er hat ihr die neue Droge versetzen lassen! Wie konnte er es wagen!" stieß er hervor.

"Er hat es jedenfalls getan. Zunächst schien ihr außer einem heftigen Fieberanfall nichts zu geschehen. Shadar reagierte enttäuscht und ließ sie von Driskal in Ihr Quartier zurückbringen, untersagte ihm aber, die Krankenstation mit ihr aufzusuchen. Deshalb wurde nicht bemerkt, daß in ihrem Körper gegen Ende der Nacht ein giftiges Abbauprodukt entstand, das weit gefährlicher wirkte als die ursprünglich versetzte Droge. Als sie am nächsten Tag ihre Jagd begann, reicherten sich in ihr immer größere Mengen einer Substanz an, die auf sie die Wirkung eines starken Halluzinogens hatte. Ihr Körper hat sich in dem Bestreben, das Mittel abzubauen, buchstäblich selbst vergiftet. Die Barriere hat sie vermutlich gar nicht mehr wahrgenommen."

Talan hatte bestürzt zugehört.

"Wie geht es ihr jetzt? Haben Sie die Verbrennungen behandeln können?"

"Ihre und Rilkars Verbrennungen waren nicht so sehr das Problem."

Der Kommandant riß die Augen auf.

"Rilkar? Auch er? Was ist mit ihm?"

"Er hat Nirrit aus der Barriere geholt. Gerade noch rechtzeitig. Die Konsequenzen für ihn können Sie sich vielleicht vorstellen. Vor allem im Bereich der Grav-Spangen sah es häßlich aus. Allerdings ist er inzwischen wieder wohlauf und organisiert die Selbsthilfe der Gefangenen gegen die Zorls. Weitaus schwieriger ist der Fall bei der Rhazaghani. Seit dem Unfall ist sie nicht mehr in der Lage, zu wechseln. Ob die Ursache nun in der Vergiftung oder dem Energieschock zu suchen ist, habe ich nicht klären können, vielleicht ist es sogar eine Kombination aus beidem. Sie können sich möglicherweise vorstellen, wie sie auf diesen unglücklichen Umstand reagiert."

Der Kommandant nickte betrübt.

"Es stellt für sie eine Katastrophe dar. Die Wechselnatur macht einen großen Teil ihres Wesens aus."

"Sie sagen es! In ihrer Heimat wird dieser Zustand anscheinend als eine schwere Behinderung empfunden, die in seltenen Fällen infolge von schweren Jagdunfällen vorkommt. Solche Personen sind für den Rest ihres Lebens auf Schutz angewiesen. Diese Möglichkeit erfüllt Nirrit mit tiefer Niedergeschlagenheit. Ich glaube allerdings, daß Hoffnung für sie besteht. Sie besitzt nach wie vor die Fähigkeit, ihr Erscheinungsbild zu kontrollieren, das geschädigte Organ war also nie völlig außer Funktion. Inzwischen fängt das Gewebe auch an, sich zu regenerieren. Es ähnelt normalem Nervengewebe und ist auf eine starke Durchblutung angewiesen, schon daher hat es wahrscheinlich sehr empfindlich auf die Vergiftung reagiert. Ich glaube aber, daß der Heilungsprozeß in vollem Gange ist. Leider scheint Nirrit nicht daran zu glauben."

"Wo ist sie jetzt?"

"Wir haben ihr ein Bett im Labor aufgestellt, damit sie ihre Ruhe hat. Das Lazarett ist ja wieder stark frequentiert."

"Wieviele sind es im Augenblick?"

"Mit Driskal sind es acht. Möchten Sie ihn sprechen?"

"Besteht die Möglichkeit?"

Nilamon nickte. "Vorausgesetzt, Sie machen es kurz. Die Verätzung liegt noch nicht lange zurück."

Talan durchschritt den Durchgang zum Lazarett, trat an Driskals Krankenliege und sah auf ihn hinab. Bei dem Anblick seines Vorgesetzten versuchte der Mann, sich zu erheben.

"Bleiben Sie liegen!"

Driskal erwiderte den Blick des Kommandanten, um gleich darauf gedemütigt die Augen zu schließen.

"Ich habe Sie enttäuscht!" ächzte er voller Schuldbewußtsein.

Talan schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

"Warum haben Sie ihm Nirrit überlassen?"

"Er argumentierte damit, daß er die Befugnis hätte, auch Gefangene außerhalb seines Einflußbereiches für einen Versuch heranziehen zu können."

"Weshalb haben Sie nicht dagegengehalten, daß die Rhazaghani für unsere Sicherheit von entscheidender Bedeutung ist? Hinter Priorität eins haben alle anderen Belange zurückzustehen, das wissen Sie doch!"

Driskal sah ihn elend und verzweifelt an.

"Ich habe keine Entschuldigung. Ich gestehe, daß pure Feigheit mich daran gehindert hat, ihm die Stirn zu bieten. Er drohte mir Strafmaßnahmen an... Sie wissen, wozu er fähig ist.... diese Demütigung vor den Augen unserer Männer, ich... ich glaubte, es nicht ertragen zu können!"

Talan nickte langsam und verstehend. Dann wandte er sich ab und ließ seinen völlig gebrochenen Stellvertreter allein. Er verließ die Krankenstation und steuerte entschlossen die Unterkunft seines Vorgesetzten an.

Talan trat ein, durchmaß mit wenigen Schritten das Quartier und blieb mit Augen, in denen kalter Haß stand, vor dem überraschten Lagerkommandanten stehen.

"Ich hoffe, Sie sind zufrieden!" sagte er gefährlich leise.

Shadar, der sofort das unscheinbare Emblem an Talans Kragen bemerkt hatte, runzelte scheinbar verwundert die Stirn.

"Ich grüße Sie, Talan! Darf ich vielleicht erfahren, worauf Sie sich beziehen?"

"Sie hatten kein Recht, sich der Rhazaghani zu bemächtigen. Ich nehme an, Sie wissen, wie die Folgen des Experiments aussehen. Nilamon kann nicht versprechen, daß er ihre Wechselfähigkeit wiederherstellen kann."

Shadar nahm gelassen in dem Sessel hinter seinem Schreibtisch Platz.

"Dieser Umstand sollte Sie doch eigentlich sehr zufriedenstellen. Ich weiß nicht, welche Maßnahmen Sie getroffen haben, damit sie Ihnen zu Willen war, aber zweifellos können Sie in Zukunft darauf verzichten. Sie werden jetzt mit Sicherheit noch wesentlich mehr Spaß an Ihrer kleinen Geliebten haben, als vor dem Zwischenfall. Das Wissen, Ihnen in ihrer Grundform ausgeliefert zu sein, wird sie sehr zutraulich machen. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede!"

In Talan kochte Wut hoch. Er trat an den Schreibtisch und beugte sich über den erbleichenden Lagerkommandanten.

"Und ich weiß, daß acht tüchtige Männer im Lazarett liegen, weil wir die Zorlgefahr nicht mehr in den Griff bekommen!" schrie er ihm ins Gesicht. "Wissen Sie eigentlich, wie es im Moment da draußen aussieht? Die Rhazaghani hätte niemals dem Versuch unterzogen werden dürfen, das wissen Sie genausogut wie ich. Die Lagersicherheit rangiert in den Vorschriften an erster Stelle, und durch das Experiment hat sie bedeutenden Schaden genommen. Ich habe gute Lust, Sie deswegen nach unserer Rückkehr zur Rechenschaft zu ziehen."

Er sah noch einen Augenblick in die aufgerissenen Augen seines Vorgesetzten, dann wandte er sich zu dessen Überraschung um und verließ die Unterkunft. Shadar richtete sich langsam wieder in dem Sessel auf, in dem er bei Talans Wutanfall versunken war und blickte gedankenvoll zur Tür.

 

Talan ließ als erstes das Regiment zur Begrüßung antreten. Er wußte, daß es für das angeschlagene Selbstbewußtsein seiner Leute wichtig war, zu wissen, daß man auf Romulus von den Leistungen ihres stellvertretenden Kommandanten hatte Notiz nehmen müssen. Während er zu seinen Männern sprach, fand er ihre Augen hoffnungsvoll auf seine Person gerichtet. In der Zeit seiner Abwesenheit hatten die Soldaten die gebannt geglaubte Bedrohung durch die Zorls erneut zu fürchten gelernt. Und die Erinnerung an die Zeit, in der sie ohne Angst vor diesen Kreaturen hatten leben können, kombiniert mit dem Wissen, wer die Schuld an ihrer neuen Gefährdung trug, ließ den jetzigen Zustand als um so unerträglicher erscheinen. Wenige Tage hatten ausgereicht, ihre Stimmung stark absinken zu lassen.

Talan übermittelte den Männern die Anerkennung des Oberkommandos für ein Regiment, das der Notwendigkeit gehorchte, seine Pflicht weitab von der Heimat zu versehen, und er versicherte ihnen, daß man sie nicht vergessen hatte. Zum Schluß äußerte er die Hoffnung, daß es in absehbarer Zeit wieder möglich sein würde, die Zorlgefahr wirksam zu bekämpfen.

Als er das Regiment entließ, tat er das mit dem Eindruck, daß sich seine Ansprache auf die Moral der Leute bereits positiv ausgewirkt hatte. Die zu ihrem Dienst zurückkehrenden Männer wußten, daß ihr Militärkommandant Wert darauf legte, daß dieser einwandfrei versehen wurde, und sie hatten nicht vor, ihn zu enttäuschen.

Wenig später befand sich Talan auf dem Weg in das Gefangenenlager. Als er auf Rilkars Baracke zuhielt, wurde er plötzlich angerufen.

"Mann, Kommandant Talan! Gehen Sie nicht weiter!"

Stirnrunzelnd bleib er stehen und blickte in die Richtung des Ursprungs der Stimme. Er erkannte den jungen Terraner, der auf ihn zugelaufen kam, ihn unbefangen am Ärmel packte und einige Schritte zur Seite zog. Dort stand bereits sein andorianischer Freund, der mit zusammengekniffenen Augen angestrengt eine bestimmte Stelle des Platzes beobachtete.

"Soto glaubt, etwas gesehen zu haben!" erklärte Knut dem Romulaner. "Es ist besser, Sie warten noch einen Moment."

Der Andorianer fuhr fort, konzentriert auf den anvisierten Punkt zu starren. Kurz darauf hob er den Arm und zeigte in seine Blickrichtung.

"Da ist es wieder! Siehst du es?"

Knut schüttelte den Kopf.

"Nein, tut mir leid! Bist du ganz sicher?"

"Jetzt ist es wieder ruhig. Aber das Flimmern war einen Moment lang ziemlich deutlich. Glaub mir, er ist da!"

"Wenn du es sagst! Du weißt ja, ich kann dir da keine große Hilfe sein."

Soto wandte sich an Talan, ohne seine Augen von der Stelle zu lassen.

"Kommandant, es ist das Beste, wenn Sie Ihre Wachen rufen. Auf dem Platz da vorn ist ein Zorl, und er bewegt sich in Richtung Hygienebaracke, wenn auch nur langsam."

Der Romulaner hatte versucht, an dem angegebenen Punkt etwas zu erkennen, allerdings ohne Erfolg.

"Wie können Sie Ihrer Sache so sicher sein?" fragte er verwundert.

"Das Gehirn von Andorianern und Bolionern ermöglicht eine besonders gute Auflösung der aufgenommenen optischen Eindrücke." erklärte Soto. "Aus diesem Grund stehen alle Angehörigen dieser Rassen an den neuralgischen Punkten des inneren Lagers Wache. Allerdings nur tagsüber, versteht sich! Ab Einbruch der Dämmerung hat Rilkar Ausgangssperre verhängt."

Verblüfft rief Talan die Torwachen herbei, die offensichtlich von den Vorgängen nicht mehr sonderlich überrascht waren. Binnen kurzem war von dem Zorl nur noch ein verkohlter Fleck übriggeblieben.

Nach der Vernichtungsaktion trat Rilkar an den Romulaner heran.

"Ich bin verdammt froh, daß du zurück bist! Wie du gesehen hast, hat Shadar deine Abwesenheit sofort ausgenutzt. Bist du bereits bei Nirrit gewesen?"

Talan betrachtete ihn aufmerksam. Zu seiner Erleichterung waren keine Anzeichen der erlittenen Verbrennungen mehr festzustellen. Nilamon hatte offensichtlich Shadars Befehle ignoriert und für die Behandlung einen modernen Regenerator eingesetzt.

Er schüttelte den Kopf.

"Mir fehlte bisher dazu die Gelegenheit. Ich wollte heute abend in aller Ruhe mit ihr sprechen. Hast du sie in letzter Zeit sehen können?"

"Zuletzt im Lazarett. Da war die Sache mit dem geschädigten Organ gerade bekannt geworden. Danach war sie kaum noch für Ansprache zugänglich. Sie wirkte wie betäubt. Nach meiner Rückkehr ins Gefangenenlager hat mir dann Nilamon erzählt, daß Shadar versucht hat, ihr einen "Besuch" abzustatten. Nilamon und Surin haben es geschafft, ihn mit dem Hinweis abzuwimmeln, daß du garantiert ungehalten reagieren würdest, wenn deine Gefangene bei deiner Rückkehr nicht wiederhergestellt wäre. Er heuchelte Verständnis und trat den Rückzug an. Seither schläft entweder Nilamon oder aber Surin im Vorraum der Krankenstation."

Talan hatte mit wachsendem Zorn zugehört.

"Ich werde dafür sorgen, daß er sie nicht mehr behelligen kann."

"Im Moment läßt er sich allerdings weniger blicken denn je. Das ist wohl der einzige Vorteil an der ganzen unglücklichen Situation. Meine Kameraden sind sich einig, daß es noch niemals so schlimm mit den Zorls gewesen ist. Allerdings hat es in der letzten Zeit viel geregnet. Ich nehme an, daß das augenblickliche Wetter diesen Tieren sehr behagt, und sie daher so aktiv sind. Du bist wesentlich länger als die meisten meiner Leute hier. Sind dir jahreszeitliche Schwankungen aufgefallen?"

Der Romulaner dachte nach.

"Als wir hier ankamen, herrschte eine recht feuchte Witterung vor, das ist richtig! Zuerst bemerkten wir nichts von diesen Tieren, bis dann die ersten Fälle auftraten und sich schließlich immer mehr häuften. Später ließ es dann etwas nach, hörte aber nie ganz auf. Es ist in der Tat möglich, daß die Zorls es in der trockeneren Phase vorziehen, sich an kühlen und schattigen Plätzen zu verbergen und deshalb dann nicht so häufig auftreten."

Rilkar nickte. "Wenn das stimmt, werden wir bald noch mehr Ärger mit den Biestern bekommen. Wenigstens kann man sie bei Regen etwas besser erkennen, aber sobald die Sicht schlecht wird, sollte man vermeiden, ins Freie zu treten. Schade, daß man das Lager bei Einbruch der Dämmerung nicht mit Licht überfluten kann."

Talan hob eine Braue.

"Mit dem bißchen Material, das uns zur Verfügung steht? Wie stellst du dir das vor?"

Rilkar wurde durch die kurze Veränderung im Gesicht des Romulaners an etwas erinnert.

"Ach, richtig! Wie sieht es eigentlich mit dem Navigationscomputer aus?"

"Wieder intakt. Ich hatte keine Probleme, die Ersatzteile zu bekommen."

"Wahrscheinlich hast du einen prachtvollen Vulkanier abgegeben. Was ist mit Ragor?"

Talan wies auf das Abzeichen an seinem Kragen.

"Er sucht seinen Fechtstock wahrscheinlich immer noch. Der cardassianische Trick, den du mir gezeigt hast, hat sich ausgezahlt."

"Freut mich, daß ich für mein Volk etwas Ehre einlegen konnte." lächelte der Ingenieur. "Ich hätte schwören können, daß du gewinnst. Soto wollte ein paar Wetten auf dich abschließen, aber er fand im ganzen Lager niemanden, der dagegen gehalten hätte."

Der Kommandant verschränkte die Arme.

"Soll das heißen, ich muß nicht mehr damit rechnen, von dir oder deinen jungen Heißspornen Prügel angedroht zu bekommen?"

Rilkar betrachtete ihn nachdenklich.

"Am Tag deines Abfluges war Nirrit hier und hat sich mit mir unterhalten. Sie sprach freundlich über dich und bestätigte deine Aussagen. Außerdem haben wir erlebt, wie sich Shadar verhält, wenn du nicht da bist, um deine schützende Hand über sie zu halten. Driskal muß übrigens sehr von ihm unter Druck gesetzt worden sein, sonst kann ich mir sein Nachgeben nicht erklären."

"Er ist schon lange unter Shadar Offizier." erwiderte Talan leise. "Ich hätte es eigentlich ahnen müssen, daß es diesem irgendwann gelungen ist, seinen Widerstandswillen zu brechen. Es ist ein Jammer um ihn. Driskal ist mein bester Mann."

 

Am Abend suchte Talan dann die Krankenstation auf, in der Absicht, sich ein Bild von Nirrits Zustand zu machen. Als er im Begriff war, den Durchgang zum Labor zu betreten, bot sich ihm ein Anblick, der ihn dazu bewog, still stehenzubleiben.

Nirrit stand mit konzentriertem Gesichtsausdruck im Raum, den Blick in weite Ferne gerichtet. Dann holte sie tief Luft. Im nächsten Augenblick begann eine Stelle in Höhe ihres Brustbeines schwach zu leuchten, wobei sich der Effekt immer mehr verstärkte. Plötzlich jedoch ging ein Zucken durch ihren Körper, und sie krümmte sich lautlos zusammen. Auf der Stelle erlosch das Leuchten, und Nirrit schlang mit schmerzverzerrtem Gesicht die Arme um sich.

Talan machte eine Bewegung in ihre Richtung, worauf sie ihn bemerkte. Er blieb jedoch sofort stehen, als er ihren Gesichtsausdruck sah.

Dieser Blick war ihm bereits an dem Ingenieur aufgefallen, als er am Tag seiner Abreise die Baracke betreten hatte. In dessen Augen hatte die Verzweiflung darüber gestanden, trotz seines Zornes seinem Trainingspartner hilflos ausgeliefert zu sein.

Bis dahin hatte Talan nicht wirklich verstanden, was für eine Belastung die Grav-Spangen für einen Mann bedeuten mußten, der von Kindheit an darauf angewiesen war, sich mit Hilfe seiner Körperkräfte verteidigen zu können. Der Gedanke daran, daß er in der Halle mit dem Einsatz der Geräte gedroht hatte, erfüllte ihn noch immer mit Scham.

Auch Rhazaghaner waren in ihrer Heimat auf die ständige Einsatzbereitschaft ihres Körpers angewiesen. Das Gefühl von völliger Wehrlosigkeit mußte einen Angehörigen dieses Volkes zutiefst erschüttern. Einen Mann wie Tarkin hätte eine Gefangenschaft im Wirkungsbereich eines Geongenerators vermutlich zur Raserei gebracht.

Als Nirrit unter der Mangelerscheinung gelitten hatte, war es ihr doch wenigstens noch möglich gewesen, jederzeit in die vielseitige Krallenluum zu wechseln. Aber nun war sie vollständig auf den Körper reduziert, der für das Überleben in ihrer Heimat am wenigsten geeignet war. Zudem befand sie sich genau genommen unter Feinden. Es war kein Wunder, daß sie ihm nicht mehr das Vertrauen entgegenbringen konnte, das zwischen ihnen entstanden war. Talan dachte verbittert an Shadars zynische Worte.

"Nirrit!" sprach er sie mitleidig an.

Sie erwiderte unglücklich seinen Blick, die Arme noch immer um sich geschlungen.

Talan spürte, wie er vorsichtig zur Seite geschoben wurde. Surin war eingetreten und sah nun mit einem Blick, was vorging.

"Nirrit, Sie haben es ja schon wieder getan!" sagte er mit sanftem Vorwurf. "Bei Ihrer Ausbildung müßte Ihnen eigentlich klar sein, daß es zu früh ist, das Organ zu belasten. Es befindet sich in der Regeneration, und es ist unvernünftig von Ihnen, daß Sie den Genesungsprozeß nicht abwarten wollen. Daß ein solcher Versuch schmerzhaft für Sie ist, dürften Sie doch allmählich wissen."

Die Rhazaghani seufzte hoffnungslos. Offensichtlich glaubte sie Nilamons Assistenten kein einziges seiner beruhigenden Worte.

"Es ist gut, Surin!" sagte Talan fest. "Ich möchte jetzt allein mit ihr sprechen!"

Surin warf einen zweifelnden Blick auf die junge Frau, aber diese hatte sich abgewandt. Als seine Augen zu dem Kommandanten zurückkehrten, sah er, daß es sich bei dessen Äußerung um keine Bitte gehandelt hatte. Er nickte ergeben, dann verließ er den Raum.

Der Romulaner näherte sich Nirrit, die ihm den Rücken zugedreht hatte, und legte ihr behutsam die Hände um die Schultern. Bei der Berührung zuckte sie heftig zusammen, aber er ließ sie nicht los, sondern drehte sie vorsichtig zu sich um.

"Du müßtest wissen, daß du nichts mehr vor mir zu befürchten hast." sagte er leise.

Er wählte diese Form der Anrede mit Bedacht, um sie daran zu erinnern, daß er ihr Vertrauen in der miteinander verbrachten Nacht nicht enttäuscht hatte. Sie verstand und nickte mit gesenktem Kopf.

"Es ist ein großer Unterschied, Vertrauen zu schenken oder gezwungen zu sein, zu vertrauen." erwiderte sie tonlos. "Die Gewißheit, daß die eigene Wehrhaftigkeit von freier Entscheidung abhängt, gibt viel Sicherheit, aber nun bin ich nur noch auf deine Gnade angewiesen. Ich bin nicht einmal mehr für das Lager von Nutzen."

"Ich verstehe vollkommen, daß es dir so gehen muß." erwiderte er in strengem Tonfall. "Aber Surin hat recht, du bist zu ungeduldig. Ich verlange, daß du dich erst einmal vollständig erholst. Schließlich erfüllst du ein wichtiges Amt hier bei uns. Dein Körper braucht Zeit, um sich zu regenerieren, also wirst du sie ihm geben, das ist ein Befehl!"

Verblüfft sah sie zu ihm hoch. Als sie seinen Gesichtsausdruck sah, begann auch sie, zaghaft zu lächeln.

"Ich dachte schon, das wäre dein Ernst!"

"Mein vollster Ernst! Man kommt auf Romulus nicht zu einem solchen Rang, wenn man nicht alles, was man anfängt, mit Überzeugung tut."

Sie nickte langsam. "Gut, Kommandant! Dann werde ich mich bemühen, dem Befehl Folge zu leisten."

 

Als nächstes sprach Talan mit Nilamon und informierte ihn darüber, daß er beabsichtigte, Nirrit wieder mit in sein Quartier zu nehmen. Der Arzt reagierte darauf mit Unbehagen und Mißtrauen.

"Glauben Sie nicht, daß es besser ist, sie erst einmal genesen zu lassen? Ich kenne zwar Ihre Rechte, und ich habe den Eindruck, daß Sie das Mädchen gut behandelt haben, aber trotzdem sollte man ihr jetzt Ruhe gönnen. Ich bitte Sie, geben Sie ihr noch etwas Zeit!"

"Sie verstehen nicht, Nilamon! Für Nirrits Schutz ist es das Beste, wenn ich meinen Anspruch auf sie demonstrativ aufrecht erhalte. Im Moment müssen Sie ständig damit rechnen, daß es Shadar gefällt, ihr seine Gegenwart aufzuzwingen, aber ich garantiere Ihnen, daß er es nicht wagen wird, mein Quartier zu betreten. Hinzu kommt, daß Nirrit durch jeden Verwundeten, den man einliefert, aufs Neue an ihre verlorene Fähigkeit erinnert wird. Sie glauben doch wohl nicht, daß ihr das Stöhnen im Lazarett entgeht? Diese Umgebung wird sie noch verrückt machen. Außerdem sagten Sie selbst, daß Sie nicht in der Lage sind, den Heilungsprozeß weiter zu beeinflussen. Ihre Anwesenheit ist hier nicht mehr nötig, daher wird sie mich jetzt begleiten."

"Weiß sie schon davon?"

Talan nickte. "Ich habe zuvor ihr Einverständnis eingeholt. Falls Sie es nicht bemerkt haben sollten: Es liegt mir fern, ihr Schaden zuzufügen."

Nilamon lächelte. "Sollte es Ihnen tatsächlich gelungen sein, mich positiv zu überraschen? Der Umgang mit den Gefangenen scheint Ihren Horizont deutlich erweitert zu haben, dabei hätte ich schwören können, daß Sie niemals über die Sichtweise eines typischen romulanischen Offiziers hinauskommen würden."

"Ihre wohlmeinenden Komplimente können Sie sich sparen, Nilamon! Sind wir uns also einig?"

"Sie wissen, daß ich nicht die Möglichkeit hätte, Sie daran zu hindern. Ansonsten muß ich Ihnen zustimmen: Surin und ich wären auf Dauer nicht in der Lage, Shadar von ihr fernzuhalten, und das wäre ihrer Genesung kaum förderlich. Das Beste wird wirklich sein, Sie nehmen sie mit. Sollten Probleme auftreten, stehe ich Ihnen wie immer zur Verfügung."

Der Kommandant nickte, dann drehte er sich um, um Nirrit zu holen.

Es war bereits recht spät, als beide in Talans Quartier anlangten. Nirrit sah sich mit einem Gefühl der Erleichterung um. Die vertraute Umgebung strahlte wesentlich mehr Sicherheit als die für jeden zugängliche Krankenstation aus.

Als sie sich zu Talan umdrehte, stellte sie fest, daß er müde und abgespannt wirkte. Sie hatte fast vergessen, daß er nach seiner Rückkehr wahrscheinlich noch keine Gelegenheit gehabt hatte, sich auszuruhen. Wie an jenem ersten Abend, der Ewigkeiten zurückzuliegen schien, trat er an seine Lagerstatt, nahm ein Polster sowie eine Decke herunter und breitete sie auf dem Boden aus. Als Nirrit sich darauf niederlassen wollte, schüttelte der Romulaner den Kopf.

"Ich werde hier schlafen. Diesmal wirst du dort drüben liegen."

Erstaunt sah sie zu Talans Lager. Rhazaghaner wußten mit galanten Gesten nichts anzufangen, auch wenn in Nirrit während ihres Aufenthaltes auf der Erde eine schwache Vorstellung davon entstanden war.

"Aber das ist dein Bett!"

Talan sah sie ruhig und rational an.

"Ich denke, wir sind uns einig, daß es sinnvoll ist, wenn du einen ruhigen Schlaf hast. Da ist es nur angemessen, wenn du die Möglichkeit bekommst, einigermaßen komfortabel zu liegen. Sobald deine Wechselfähigkeit zurückgekehrt ist, können wir von mir aus wieder tauschen."

"Dir steht aber nur die Grundform zur Verfügung. Wird es für dich nicht etwas unbequem sein?"

Talans Gesicht zeigte ein leichtes Lächeln.

"Du irrst dich, wenn du glaubst, daß ich während meiner Zeit beim romulanischen Militär grundsätzlich die Möglichkeit hatte, in einem Bett zu schlafen. Ich habe schon Nächte unter wesentlich unbequemeren Umständen verbracht. So eine Grundform ist robuster, als du denkst."

Wenig später hatte sich der Romulaner zur Ruhe begeben, und Nirrit stellte wieder einmal fest, daß er in der Lage war, ebenso schnell einzuschlafen wie sie selbst. Gleich darauf fiel sie in einen unruhigen, von Träumen begleiteten Schlaf.

Sie sah sich selbst vom Vari-Habitat zur Jagd aufbrechen, nachdem sie zuvor Angebote von mehreren Clanmitgliedern, sie zu begleiten, abgelehnt hatte. Auf der Ebene zu Füßen des Habitates begegnete sie Aslari, die sich in der Krallenluum befand und sie fassungslos anstarrte. Dann mußte sie offensichtlich ein weites Stück gelaufen sein, denn sie bemerkte plötzlich, daß die dichter bewaldeten Bezirke des Clangebietes sie umgaben. Und auf einmal erkannte sie zu ihrem Schrecken, daß sie sich in ihrer Grundform befand, ja, daß sie gar nicht mehr fähig war, zu wechseln. Gleichzeitig wußte sie genau, daß etwas Unbekanntes versteckt auf sie lauerte, ohne daß sie die Möglichkeit besaß, es zu wittern.

Mit einem Ruck erwachte sie, um gleich darauf beruhigt festzustellen, daß die Sicherheit von Talans Quartier sie umgab. Kurz darauf schlief sie wieder ein.

 

Am nächsten Tag rief Talan seine Unteroffiziere zusammen, um sich von ihnen Bericht über die Vorgänge während seiner Abwesenheit erstatten zu lassen. Er verglich die Anzahl der aufgetretenen Zorlverätzungen mit den Regentagen und kam zu der Ansicht, daß es mit allergrößter Wahrscheinlichkeit einen Zusammenhang gab. Auch an diesem Tag hatte der Himmel angefangen, sich zu bewölken, und er nahm an, daß das Wetter nun zunehmend feuchter werden würde.

Desweiteren ließ er sich über die Ereignisse im Gefangenenlager berichten und stellte fest, daß Rilkar es durch seine Maßnahmen verstanden hatte, die Stimmung seiner Leute auf einem erstaunlich hohen Stand zu halten. Da die Gefangenen das Gefühl hatten, der Zorlgefahr nicht hilflos ausgeliefert zu sein, herrschte eine gute Disziplin unter ihnen vor. Die dafür geeigneten Rassen beobachteten das Lager und gaben gegebenenfalls Alarm, während sich die übrigen darin abwechselten, ihnen Gesellschaft zu leisten und sie mit den Rationen zu versorgen. Zudem wurde dafür gesorgt, daß die Wachestehenden regelmäßig abgelöst wurden. Auch die abendliche Ausgangssperre wurde befolgt.

Zwar traten Verätzungen im inneren Lager grundsätzlich seltener auf, doch die Tatsache, daß siebzehn Fälle im äußeren Lager ganzen vier im Gefangenenlager gegenüberstanden, war auffällig. Dennoch war es nicht möglich, die Bolioner und den Andorianer auch im äußeren Lagerring Wache stehen zu lassen, das hätte ein zu hohes Sicherheitsrisiko bedeutet.

Talan seufzte. Es blieb nur zu hoffen, daß Nirrit bald ihre Wechselnatur zurückerhielt, damit sich die Situation entspannte.

Später brachte er Nirrit ihre Ration und nahm mit ihr gemeinsam die Mahlzeit ein. Dabei stellte er fest, daß er sie erst jetzt zum ersten Mal essen sah, da er sonst stets Driskal mit der Ration geschickt hatte. Die junge Frau wirkte übernächtigt und erklärte, schlecht geträumt zu haben, machte aber über den Inhalt keine Angaben.

Als Talan nach Beendigung seines Dienstes noch einmal nach ihr sah, stellte er zu seiner Beruhigung fest, daß sie schlief. Er unternahm noch einen kurzen Abstecher in die Trainingshalle, dann begab er sich ins Gefangenenlager. Es dämmerte bereits, und die meisten Gefangenen hielten sich inzwischen im Inneren der Unterkünfte auf, womit sie Rilkars Gebot Folge leisteten.

Silak hatte den Romulaner anscheinend sich nähern hören, denn er stand vor dem Eingang der Baracke, als dieser dort ankam. Als Talan vor ihm stand, hob der Vulkanier eine Braue.

"Kommandant, es ist äußerst unvernünftig, sich bei dieser mangelhaften Beleuchtung im Freien aufzuhalten. Wie Sie sicherlich wissen, hat es heute mehrfach geregnet. Es ist damit zu rechnen, daß die Zorls im Augenblick besonders aktiv sind. Heute konnte bereits ein Exemplar im inneren Lager ausgemacht und von Ihren Wachen vernichtet werden."

Talan blickte amüsiert auf den ernsten Vulkanier und hatte den Eindruck, gerade getadelt worden zu sein.

"Das ist mir bekannt!" erwiderte er. "Aber momentan bleibt mir ohnehin nichts anderes übrig, als mit der Gefahr zu leben. Im äußeren Lager ist es untertags erneut zu einem Verletzten gekommen, ohne daß ein einziges dieser Geschöpfe von meinen Männern bemerkt worden wäre. Dennoch werden Sie vielleicht verstehen, daß es mir nicht möglich ist, mich ausschließlich in meinem Quartier aufzuhalten. Ist Rilkar zu sprechen?"

Silak nickte und lud den Kommandanten mit einer stummen Geste ein, hereinzukommen. Als dieser eintrat, blickte ihm Rilkars versammelte Barackenmannschaft entgegen, während der Ingenieur sich mit erstauntem Gesicht erhob.

"Ist etwas mit Nirrit?" fragte er beunruhigt.

"Nein, sie schläft im Moment. Aber ich wollte mir in der Halle noch etwas Bewegung verschaffen und außerdem ein paar Worte mit dir reden. Bist du bereit, mich zu begleiten?"

Rilkar wirkte verlegen.

"Das hieße, mich an meine eigenen Empfehlungen nicht zu halten. Ich habe die Gefangenen dazu aufgefordert, abends die Unterkünfte nicht zu verlassen."

"Und wie sieht die Sache bei einem entgegenlautenden Befehl des Militärkommandanten aus?"

Der Ingenieur lächelte. "Dem könnte ich mich schlecht verweigern."

"Dann komm!"

Als sie das Gefangenenlager verließen, hatte ein kräftiger Regen eingesetzt, so daß sie relativ durchnäßt in der Trainingshalle ankamen, was ihrer guten Stimmung jedoch keinen Abbruch tat. Als sie die Kleidung gewechselt hatten, wärmten sie sich in der verwaisten Halle nach gewohnter Manier auf und begannen ihr Training, ohne es jedoch allzu ernst damit zu meinen. Nur hin und wieder knallten die Stöcke heftiger aufeinander, dabei unterbrachen beide den Schlagabtausch immer wieder, um Bemerkungen und scherzhafte Worte auszutauschen. Die Erleichterung darüber, daß sich die Spannung zwischen ihnen gelegt hatte, war beiden Männern deutlich anzumerken.

Etwas später stellten sie ihre Fechtstöcke ab, und Talan holte romulanisches Ale sowie die drei Flaschen Canar hervor, die er zwischen den Gerätschaften verwahrt hatte.

Rilkar riß die Augen auf, als der Romulaner ihm sein Geschenk überreichte.

"Echter alter Canar! Noch dazu eine der teuersten Marken! Der muß dich ein Vermögen gekostet haben."

Talan wehrte ab.

"Ich konnte ihn mir leisten! Schließlich habe ich seit einiger Zeit nicht mehr viel Gelegenheit, meinen Sold loszuwerden. Verlange nur nicht von mir, davon zu kosten! Morgen erwartet mich wieder eine Menge Arbeit."

Der Ingenieur sah ihn nachdenklich an.

"Deine Abwesenheit hat sich wirklich deutlich bemerkbar gemacht."

Talan lachte bitter. "Du neigst zu Untertreibungen! Ich kehre nach kaum dreißig Tagen zurück und muß feststellen, daß das Lager von Zorls überschwemmt und das Lazarett wieder gut besucht ist. Die Stimmung unter meinen Männern war niedergeschlagener denn je. Es hat mich einiges an Energie gekostet, sie wieder neu zu motivieren. Daß wir noch Hoffnung auf eine Änderung der Umstände haben, ist allein dir zu verdanken. Ein Glück, daß es dir gelungen ist, Nirrit aus der Barriere zu retten! Todesfälle sind die Norm bei solchen Unfällen."

Der Ingenieur nickte. "Ich weiß! Nirrits Verbrennungen waren deutlich schwerer als meine, dabei hatte ich die Barriere nur einen Augenblick später erreicht. Allerdings hat Nilamon darauf verzichtet, die alten Regeneratoren zu verwenden."

Der Romulaner warf einen Blick auf Rilkars Handgelenke.

"Er hat dir die Grav-Spangen nach Abschluß der Behandlung wieder angelegt, wie ich sehe."

Rilkar zog leicht die Brauen zusammen.

"Das war doch in deinem Sinne, nehme ich an!"

Talan senkte den Blick auf sein Glas.

"Du kannst sie ohnehin vergessen!"

"Was willst du damit sagen?"

"Du brauchst dich nicht mehr an ihnen zu stören. Sieh sie als Schmuckstücke oder was auch immer an! Durch die Berührung mit der Barriere wurden sie funktionsuntüchtig. Du kannst mir glauben, schließlich handelt es sich um eine romulanische Erfindung."

Der Ingenieur starrte ihn ungläubig an.

"Du beabsichtigst nicht, sie auszutauschen?"

Der Romulaner lächelte zaghaft.

"Soll Shadar auch weiterhin glauben, daß ich dich unter Kontrolle hätte! Ich halte es inzwischen für unwürdig, dich dieser Art Zwang zu unterwerfen. Wenn dir also irgendwann wieder nach einer Schlägerei mit mir zumute sein sollte, brauchst du dich nicht zurückzuhalten. Warte aber damit, bis wir in der Halle sind, und bereite dich auf die Prügel deines Lebens vor!"

Sein Gegenüber schwieg einen Moment, dann lächelte auch er.

"Ich danke dir!" sagte er schlicht.

Talan wehrte mit einer kurzen Handbewegung ab.

"Eigentlich habe ich dich hergebeten, weil ich etwas anderes mit dir besprechen wollte. Ich habe etwas über die Ermittlungen der Föderation gegen dich gehört."

Der Ingenieur schnappte nach Luft.

"Du hast etwas erfahren?" fragte er fassungslos. "Von wem?"

"Von den Rhazaghanern! Sie sind mit einem Schiff da draußen und suchen nach Nirrit. Sie sind der Warpsignatur der Sorong gefolgt. Offenbar wußte niemand von deinem kleineren Schiff. Das dürfte sich allerdings inzwischen geändert haben."

Rilkar brauchte einen Moment, um diese Informationen zu verarbeiten.

"Weiß Nirrit davon?" fragte er schließlich.

Talan schüttelte den Kopf.

"Ich habe es nicht fertiggebracht, ihr davon zu berichten. Zu wissen, daß ihre Leute in der Nähe sind, ohne daß es für sie eine Möglichkeit gibt, zu ihnen zu gelangen, dürfte mehr sein, als sie ertragen kann. Es würde ihr den Aufenthalt hier zu einer Folter machen."

"Wahrscheinlich hast du recht! Wie kam es zu der Begegnung?"

"Ich bekam in einer Bar der Station Ärger mit einer Frachterbesatzung. Da ich meine Tarnung nicht gefährden wollte, war es mir nicht möglich, mich zur Wehr zu setzen, daher konnte mir einer der Männer eine leichte Verletzung am Arm zufügen. Da griff Tarkin ein. Hat Nirrit dir von ihm erzählt?"

Der Ingenieur schüttelte den Kopf.

"Er war Nirrits Lehrer. Ein respektabler Bursche, der einen Nausikaaner mühelos gegen die Wand schmettert. Später lud er mich auf sein Schiff ein, um dort meinen Arm behandeln zu lassen. Ich habe dann die Gelegenheit ausgenutzt, um ihn über den Grund ihrer Anwesenheit auf der Station auszufragen."

"Und was hast du erfahren können?" fragte Rilkar gespannt.

"Das Interessanteste dabei dürfte sein, daß auf Cardassia außer der Sache mit der Entführung nichts gegen dich vorliegt. Die Behörden sowie die Föderation ermitteln zwar deswegen gegen dich, aber anscheinend hat die CAMB einen Rückzieher gemacht. Verständlich, schließlich würde sie sich bei dem augenblicklichen Interesse an deiner Person mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst kompromittieren. Du hattest Glück, daß der Entführungsfall so schnell bekannt geworden ist."

Rilkars Gedanken rasten.

"Natürlich! Der CAMB war klar, daß die Veröffentlichung der gefälschten Anklagen einen Hinweis auf mein Motiv geliefert hätte."

Talan nickte. "Und das hätte konkrete Nachforschungen der Föderation nach sich gezogen. Zweifellos wäre man über die Anklagen sehr überrascht gewesen. Schließlich weiß die Föderation nichts über einen angeblichen Kauf deines Triebwerkes. Bei ihren augenblicklichen verbesserten Beziehungen zu Cardassia war es dem Konzern wahrscheinlich zu riskant, die Sache durchzuziehen."

"Ich hatte ohnehin den Verdacht, daß man erst einmal mein Verhalten auf die Drohung hin abwarten wollte. Schließlich wurden mir bewußt Informationen in die Hände gespielt, außerdem hatte man sich die Mühe gemacht, Raskh unter Druck zu setzen. Und bevor die CAMB nach meiner Flucht reagieren konnte, flog die Entführung auf. Es ist natürlich die Frage, ob jemand die wahren Hintergründe kennt."

"Die Rhazaghaner scheinen jedenfalls Bescheid zu wissen."

"Wie kommst du darauf?"

"Tarkin sagte, ein Verwandter von dir hätte sich an sie gewandt und um Diskretion gebeten. Dieser hat den Rhazaghanern offenbar die Hintergründe geschildert, auch wenn Tarkin nur Andeutungen machte."

Rilkar lächelte. "Der gute Raskh! Ich hätte nicht gedacht, daß er es über sich bringen würde, die Karten auf den Tisch zu legen. Er war damit bereit, sich eine Menge Ärger einzuhandeln."

"Wie es aussieht, waren Nirrits Leute nicht nachtragend. Es geht ihnen nur darum, sie zu finden. Sie müssen eine Menge Druck ausgeübt haben, daß die Föderation sich so ins Zeug legt. Auf Rhazaghan gibt es Dilithium, nicht wahr?"

"Das war der Grund für den cardassianischen Überfall damals."

"Verständlich, daß die Föderation sich so ein Mitglied nicht verärgern möchte. Die Rhazaghaner legen viel Wert auf jede einzelne Person. Tarkin hat ihren Standpunkt recht deutlich vertreten. Die Anklage wegen Industrieverrats kannst du wohl vergessen. Jetzt geht es nur noch um den Entführungsfall. Sicherlich würde sich Nirrit für dich verwenden, aber dann flögen gleichzeitig die Hintergründe auf. Vielleicht wäre es besser, das zu vermeiden. Man weiß nicht, wozu die CAMB in Falle einer solchen Bedrohung fähig ist."

"Von was für Eventualitäten sprichst du hier eigentlich?"

Talan runzelte die Stirn.

"Was meinst du?"

"Erinnere dich daran, wo wir sind! Ich bin dein Gefangener, hast du das vergessen? Und Nirrit ebenfalls! Was würde auf dich zukommen, wenn du uns zur Flucht verhelfen würdest?"

Talan senkte den Kopf.

"Das Kriegsgericht!"

"Und mit Sicherheit hätte Shadar zuvor noch jede Menge Vergnügen an dir. Niemand kann so etwas von dir fordern. Ich will auch gar nicht fragen, ob du dazu bereit bist. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns mit der augenblicklichen Situation abzufinden, was immer die Zukunft auch bringen mag."

Nachdenklich sahen die beiden Männer einander an.

18.

Als sich beide aus der Halle aufmachten, prasselte aus dem Dunkel heftiger Regen auf sie herab. Talan, der das Gebäude als erster verlassen hatte, trat nach nur wenigen Schritten auf etwas Elastisches, das sich unter seinem Gewicht kraftvoll aufbäumte und wand. Während er den Halt verlor, gelang es ihm, sich zur Seite zu werfen, wobei er bereits im Fallen zur Waffe griff.

"Geh in Deckung!" schrie er dem erschrockenen Rilkar zu, und als er im nächsten Augenblick schoß, fühlte er auch schon ein heißes Brennen in seiner Seite. Während vor ihm der Zorl verglühte, nahm der Schmerz immer mehr zu. Der Ingenieur beugte sich über ihn, und begann, ihm die säuregetränkte Uniform vom Leib zu reißen.

"Paß auf deine Hände auf!" stieß Talan zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

"Du mußt deine Kleidung loswerden!" gab Rilkar knapp zurück.

Gleich darauf öffnete er das Oberteil der Montur und setzte den Körper des Romulaners dem strömenden Regen aus.

Vorsichtig half er Talan, sich zu erheben.

"Ich bringe dich ins Lazarett!"

Der Verletzte keuchte, als er sich aufrichtete. Er nickte nur.

Gleich darauf langten beide vor der dunklen Krankenstation an. Der Romulaner lehnte sich schwer atmend gegen eine Wand. Rilkar stellte fest, daß sich der Arzt zur Ruhe begeben haben mußte.

"Wo ist Nilamons Quartier?"

Talan deutete stumm auf das Gebäude gegenüber. Kurz darauf hatte der Ingenieur den Lagerarzt geweckt und ihn zu dem Verletzten begleitet. Nilamon untersuchte behutsam die Verätzung und bereitete das geschädigte Gewebe auf die Behandlung vor.

"Sie haben noch Glück gehabt." bemerkte er dabei. "Der Zorl kann Sie nicht voll getroffen haben. Außerdem hat Rilkar sehr schnell die Kleidung entfernt und dafür gesorgt, daß ein Teil der Säure vom Regen abgespült wurde. Trotzdem werden Sie drei oder vier Tage hierbleiben müssen. Für solche Fälle ist es das Beste, auf die Verletzung ein schwach dosiertes Regenerationsfeld einwirken zu lassen."

Talan schüttelte den Kopf.

"Kommt nicht in Frage, Nilamon! Stellen Sie sich vor, was es für eine Auswirkung auf die Moral der Leute hätte, wenn sie erfahren, daß ihr Militärkommandant ebenfalls im Lazarett liegt! Daß Driskal noch nicht einsatzfähig ist, ist schon schlimm genug. Beginnen Sie mit der einfachen Regeneratortherapie, das wird genügen. Ich werde dann regelmäßig zu Ihnen in die Krankenstation kommen, damit Sie die Behandlung wiederholen können."

Der Arzt betrachtete ihn und runzelte unbehaglich die Stirn.

"Ich kann Ihnen da keine Vorschriften machen, aber ich muß sagen, daß ich nicht sehr glücklich mit dieser Lösung bin. Natürlich wird die Verletzung auch auf diesem Wege heilen, aber es wäre wesentlich besser für Sie, wenn Sie sich ruhig verhalten. Trotz der merkwürdigen Ehrbegriffe in Militärkreisen wäre ich dafür, Ihnen etwas gegen die Schmerzen zu geben, aber das wird vermutlich andererseits dazu führen, daß Sie glauben, es sei keinerlei Schonung notwendig."

Talan lächelte schwach. "Geben Sie mir nur ein leicht dosiertes Mittel! Ich hatte ohnehin nicht vor, mich betäuben zu lassen, schließlich möchte ich für meine Arbeit einen klaren Kopf behalten. Auf diese Weise können Sie sicher sein, daß ich den Heilungsprozeß nicht gefährde. Aber Sie werden verstehen, daß ich mir momentan keinen auch noch so kurzen Aufenthalt in der Krankenstation leisten kann."

Nilamon überlegte einen Augenblick, dann nickte er.

"Also gut! Wahrscheinlich ist dies ohnehin der einzige Weg, Sie dazu zu bringen, etwas Zurückhaltung zu üben. Ich bezweifle stark, daß Sie mir im Lazarett ein folgsamer Patient wären. Bevor Sie mir hier die Kranken rebellisch machen, ist es wohl das Beste, ich gebe Ihnen ein schwaches Medikament. Viel ist davon allerdings nicht zu erwarten. Schließlich wollen Sie nicht in Versuchung geraten, sich selbst zu schaden."

 

Nirrit warf sich im Schlaf unruhig hin und her, während sie von Alpträumen heimgesucht wurde. Sie befand sich erneut in der Arrestzelle. Shadar stand ihr gegenüber und ließ seinen durchdringenden Blick über ihren Leib wandern. Und sie wußte, das er sich dabei an ihrer Verzweiflung weidete, in einem Körper gefangen zu sein, der ihm gefiel.

Schweißgebadet wachte sie auf und stellte fest, daß ein Geräusch an der Tür sie geweckt hatte. Erschrocken erkannte sie Rilkar, der einen halb zusammengekrümmten Talan in das Quartier brachte und ihm dabei Halt gab. Für Nirrit genügte ein einziger Blick auf den entblößten Oberkörper des Romulaners, um die Zorlverletzung an der Seite zu erkennen. Nilamon hatte offensichtlich schon mit der Behandlung begonnen, aber es war noch immer deutlich vorstellbar, wie schmerzhaft die Verätzung sein mußte.

Sie eilte den beiden entgegen und half Rilkar, Talan zu stützen, obwohl sie wußte, daß der Ingenieur ihn leicht den ganzen Weg von der Krankenstation hätte hertragen können.

"Warum ist er nicht im Lazarett?"

"Er wollte nicht die Ursache für ein erneutes Stimmungstief unter seinen Männern sein. Ich halte das bei der momentanen Situation für absolut nachvollziehbar."

Sie ließen Talan auf sein Bett nieder, was dieser ohne Widerspruch zuließ.

Sie wandte sich vorwurfsvoll an ihn.

"Du willst in diesem Zustand ganz normal weitermachen? Das kannst du nicht!"

Der Romulaner öffnete die Augen und sah sie mit einem leisen Lächeln an.

"Ich sagte schon einmal, daß auch eine Grundform über eine Menge Widerstandsfähigkeit verfügt. Ich werde es überstehen. Außerdem wird Nilamon mir tagsüber ein Schmerzmittel verabreichen."

Sie sah Rilkar an.

"Stimmt das?"

Dieser nickte. "Ein leichtes! Er soll daran erinnert werden, sich zu schonen. Nilamon hat ihm eben auch etwas Schmerzstillendes für die Nacht gegeben, konnte jedoch keine starke Substanz verwenden, weil Talan morgen früh wieder einsatzfähig sein will. Es scheint ganz so, als ob die romulanische Mentalität die Entwicklung von Schmerzmitteln etwas behindert hätte."

"Wie ist es passiert?"

"Wir hatten gerade die Trainingshalle verlassen, als Talan direkt auf den Zorl trat. Nilamon sagt, er hätte Glück gehabt. Ich muß jetzt zurück ins Gefangenenlager. Die Wachen werden ohnehin recht erstaunt sein, daß ich allein komme. Könnten Sie etwas auf ihn achten?"

"Natürlich! Ich habe ausgeschlafen. Außerdem würde ich ohnehin nur schlecht träumen."

Rilkar nickte und ließ sie mit dem Romulaner allein, der sich bemühte, in der Nacht etwas Schlaf zu finden. Nirrit hatte sich auf der Decke niedergelassen und horchte im Dunklen auf seine Atemzüge, die zu schnell und zu heftig für einen Schlafenden gingen.

Am frühen Morgen erhob sich Talan von seinem Lager, wodurch Nirrit, die gegen Ende der Nacht ihrem Schlafbedürfnis erlegen war, erwachte. Stumm beobachtete sie ihn, wie er sich für seinen Dienst fertigmachte. Er war auffallend bleich und sein Gesicht wirkte angespannt, dennoch schienen ihm die Bewegungen bereits etwas leichter zu fallen. Sie hoffte inständig, daß seine Zähigkeit ihm helfen würde, den Tag durchzustehen.

Die nächsten drei Tage kamen Talan hart an, aber nach ein paar Behandlungen in der Krankenstation ließen die Schmerzen deutlich nach, und bald war die betroffene Seite endgültig verheilt. Nebenbei hatte der Vorfall Talans Ansehen bei den Soldaten noch vermehrt, da es sich rasch herumgesprochen hatte, daß der Militärkommandant wegen einer erlittenen Zorlverätzung regelmäßig die Krankenstation aufsuchte, eine stationäre Behandlung jedoch verweigerte. Talan selbst haderte nicht mit dem Vorfall, da er wußte, daß er viel Glück gehabt hatte, so lange von einer Verätzung verschont geblieben zu sein. Zudem verstand er nun die Gründe wesentlich besser, die zu Nirrits unantastbarem Status bei seinen Leuten geführt hatten.

Nirrits Zustand bereitete ihm nach wie vor Sorge. Fast jede Nacht hörte er, wie sie sich auf ihrem Lager herumwarf. Er war sicher, die Ursache dafür zu kennen, obwohl sie sich stets über den Inhalt ihrer Träume ausschwieg. Als sie in einer weiteren Nacht entsetzt hochfuhr, erhob er sich, gab den Kontrollen des Quartiers die Anweisung, die Beleuchtung zu aktivieren und setzte sich zu ihr.

"Wäre es für dich wirklich unerträglich, ein Leben in der Grundform zu führen?" fragte er sanft.

Nirrit schüttelte aufgewühlt den Kopf.

"Das kannst du nicht verstehen! Wir haben darauf verzichten können, unseren Planeten zu zähmen, weil er uns mit einer vielseitigen Natur ausgestattet hat. Darum werden wir von Kindheit an darauf vorbereitet, uns mit ihrer Hilfe ernähren und verteidigen zu können. Ohne sie könnte ich in meiner Heimat nicht überleben."

"Soll das heißen, das ihr Personen, die ihre Wechselfähigkeit verloren haben, ausstoßt?"

Sie sah Talan empört an.

"Natürlich nicht! Wofür hältst du uns? Sie genießen den Schutz sämtlicher Clanmitglieder, das ist eine Selbstverständlichkeit. Schließlich kann dieses Schicksal jeden von uns treffen."

"Es gibt also Personen bei euch, die nicht mehr in der Lage sind, zu wechseln?" forschte er nach.

Nirrit nickte. "Bei den Vari zum Beispiel gibt es zwei, eine Frau in mittleren Jahren und einen Mann in fortgeschrittenem Alter."

"Erzähl mir von ihnen! Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie ihr Leben damit verbringen, ihrer verlorenen Fähigkeit nachzutrauern."

Nirrits Augen blickten in weite Ferne.

"Sie stürzte in ihrer Jugend von einem Felsen und hatte, als man sie fand, bereits einen so hohen Blutverlust erlitten, daß das Murandral irreparabel geschädigt war. Später schloß sie sich den Schiffsbauern an. Sie ist sehr begabt darin, Lösungen für technische Probleme zu finden."

"Und der Mann?"

"Er ist Arzt. Der Beste, den die Vari besitzen. Clanmitglieder haben ihn im letzten Augenblick gerettet, als ihm bei einer Jagd von einem Goroch die Brust zerfleischt wurde."

Talan erinnerte sich.

"Die Sache dürfte ihn außerdem einen Finger gekostet haben." vermutete er im Stillen.

Er sah ihr fest in die Augen.

"Ich habe den Eindruck, daß es bei euch für Personen ohne Wechselfähigkeit durchaus Aufgaben gibt. Angenommen, du kämst irgendwann zurück in deine Heimat! Könntest du dir nicht vorstellen, zu ihnen zu gehören?"

Sie schwieg. Dann hob sie den Kopf und sah ihn an.

"Für immer ist eine lange Zeit!" erklärte sie leise. "Darum ist es schwer, sich mit so etwas abzufinden."

Er widerstand der Versuchung, ihr über das Haar zu streichen, sondern warf ihr lediglich einen langen Blick zu. Dann erhob er sich, um zu seinem Schlafplatz zurückzukehren.

Als er sich hingelegt hatte, hörte er etwas später, daß sie ebenfalls aufstand und gleich darauf bei ihm niederkniete. Dann gab sie ihm auf ihre stille Art ihr Einverständnis.

Später schlief Nirrit an Talans Seite ruhig bis zum Ende der Nacht, doch gegen Morgen glitt sie erneut in einen Traum hinüber.

Sie war auf dem Weg zum Lager, wo sie dringend erwartet wurde. Die Bäume des Waldes warfen tiefe Schatten und wirkten sonderbar bedrohlich, bis Nirrit den Grund dafür erkannte. Irgendwo im Dickicht wartete der alte Panzerkopf auf sie, das wußte sie mit Gewißheit, und sie richtete sich auf, um seine Witterung aufzunehmen.

Im selben Moment, als sie merkte, daß die aufgenommenen Eindrücke von den stumpfen Sinnen ihrer Grundform stammten, trat ein Mann aus der Vegetation und kam auf sie zu. Es war Shadar.

"Sie scheinen erstaunlicherweise ständig zu vergessen, daß Sie nur noch auf Ihre Grundform beschränkt sind." bemerkte er mit einem mitleidigem Lächeln. "Es ist wirklich ein Jammer, nicht wahr? Ich habe vor, unser kleines Experiment an Ihrem Freund fortzusetzen, aber das werden Sie so kaum verhindern können."

Nirrit sah an ihm vorbei und erblickte Nardral, der einen Mann festhielt, den Nirrit nicht erkennen konnte. Zunächst glaubte sie, daß es sich um den Ingenieur handelte, um gleich darauf zu der Überzeugung zu gelangen, daß es Talan sein mußte. Dann begriff sie jedoch, daß es in gewisser Weise beide waren. Verzweifelt holte sie Luft und versuchte, in die Krallenluum zu wechseln, während Shadar sie zufrieden dabei beobachtete.

Da hörte sie Tarkins ungeduldige Stimme hinter sich, wie er vor vielen Jahren zu ihr gesprochen hatte.

"Du wirst es nicht lernen, in die Krallenluum zu gehen, wenn du dich insgeheim davor fürchtest, Nirrit! Konzentriere dich ausschließlich auf deine neue Gestalt! Es fehlt dir immer noch an Konzentration."

Nirrit bemühte sich angestrengt, ihrem Lehrer zu gehorchen.

Talan erwachte mit dem Eindruck, von hellem Licht geblendet worden zu sein. Als er die Augen öffnete, erkannte er direkt vor seinem Gesicht seidiges geflecktes Haar. Verblüfft stemmte er sich hoch, um gleich darauf zu verstehen, was passiert war. Lächelnd blickte er auf Nirrit, die von ihrem Wechsel in die Krallenluum nicht erwacht war. Sie schlief zusammengerollt zwischen den Decken, und ihre Seite hob und senkte sich leicht bei jedem ihrer Atemzüge. Ihr Äußeres erinnerte nun in keiner Weise mehr an jene Nirrit, die er in der Nacht berührt hatte.

Einen Augenblick lang betrachtete er sie, dann strich er zärtlich über das weiche Fell.

Durch die Berührung kam Leben in die Rhazaghani, sie streckte sich und schlug die Augen auf. Ganz offensichtlich brauchte sie einen Moment, um zu begreifen. Ungläubig starrte sie Talan an. Erst dann erhob sie sich leicht schwankend.

"Wie kann das sein?" fragte sie fassungslos. "Dies ist kein Traum, oder?"

Talan schmunzelte. "Nein, das ist es nicht! Aber ich nehme an, es wird im Traum passiert sein. Oder kommt das nicht bei euch vor?"

Nirrit machte vorsichtig ein paar Schritte, wie um zu prüfen, ob ihr Zustand stabil blieb.

"Eine Freundin erzählte mir, daß sie manchmal im Schlaf wechseln würde. Aber mir ist das noch nie passiert!"

Sie sah ihn mit ängstlich aufgerissenen Augen an.

"Ob mir wohl der Wechsel noch einmal bewußt gelingen wird?"

"Ich würde es versuchen!"

Sie zögerte kurz, dann blitzte es. Nirrit wartete nicht lange ab, sondern holte wieder Luft und wechselte erneut in die Krallenluum. Talan fielen sofort Unterschiede zu ihrem üblichen Erscheinungsbild auf. Nirrit hatte sich diesmal für eine rotbraun und blaßgelb geflammte Tarnzeichnung entschieden.

Fragend sah sie ihn an.

"Wie sehe ich aus?"

"Anders als sonst!" Er lächelte. "Aber durchaus hübsch! Wofür ist das?"

"Für Grasland! Warte einen Moment! Tritt bitte etwas zurück!"

Talan gehorchte erwartungsvoll, um nach dem nächsten Aufblitzen den Blick zu heben.

Zwar war Nirrit in der Steppenluum deutlich größer als in der Form, in der er sie so oft hatte jagen sehen, dennoch kam sie ihm im Vergleich zu Tarkin klein und zierlich vor. Der Kommandant der Sternschwinge hätte den Kopf senken müssen, um nicht an die Decke des Quartiers zu stoßen, während Nirrit ohne Schwierigkeiten aufrecht stehen konnte.

Als sie danach in die Grundform zurückgekehrt war, ging ein strahlendes Lächeln über ihr Gesicht.

"Würdest du mich bitte hinauslassen?"

"Wenn du willst! Es ist allerdings noch nicht sehr hell draußen."

Ihr Lächeln bekam etwas Grimmiges.

"Das wird sie nicht vor mir schützen!"

Kurz darauf blickte Talan ihr nach, wie sie im schwachen Morgenlicht zwischen den Gebäuden verschwand. Ein leichter Nieselregen ging über dem Lager nieder, aber der Romulaner wußte, daß Nirrit sich an diesem Umstand nicht stören würde. Kurz darauf drehte er sich um und machte sich für seinen Dienst fertig, während er daran dachte, daß unter seinen Männern die gute Nachricht schon bald die Runde machen würde.

Zunächst machte Nirrit einen Abstecher bei den diensthabenden Wachen, die sie mit freudigen Rufen empfingen und sorgte für ihre Sicherheit, indem sie ihre Umgebung absuchte. Dann fiel sie mit wilder Entschlossenheit über die übrigen Zorls im äußeren Lager her. Noch nie hatte sie es auf eine solche Jagdstrecke gebracht, und sie war bereits etwas außer Atem, als sie sich das Tor zum Gefangenenlager öffnen ließ. Doch das tat ihrem Diensteifer keinen Abbruch.

Man hatte sie am Morgen vom inneren Lager aus bemerkt, und sofort Rilkar benachrichtigt. Dieser hatte die Anweisung ausgegeben, daß vor dem Verlassen der Baracken erst Nirrits Rundgang abgewartet werden sollte.

Schließlich langte Nirrit todmüde aber glücklich vor der Unterkunft des Ingenieurs an, wo sie schon erwartet wurde.

"Mann, Nirrit, Sie haben aber aufgeräumt! Wieviele von den Biestern haben Sie denn heute ins Jenseits geschickt?" empfing sie Knut.

Nirrit schüttelte erschöpft den Kopf.

"Fragen Sie mich etwas Leichteres! Ich habe zum Schluß nicht mehr mitzählen können. Als ich über zwanzig kam, habe ich irgendwann den Überblick verloren. Die Zorls haben das Pech, daß ich das Lager inzwischen zu gut kenne. Langsam weiß ich, wo sie sich zu welcher Tageszeit bevorzugt verbergen."

"Hatten Sie sich heute Morgen entschlossen, Ihren Zustand noch einmal zu überprüfen?" fragte Mutub freundlich.

"Nein, dazu hat mir in der letzten Zeit der Mut gefehlt. Der Wechsel erfolgte im Schlaf. Ich selbst habe es gar nicht gemerkt, aber Talan muß davon erwacht sein. Als er mich weckte, habe ich es zuerst überhaupt nicht glauben wollen."

Rilkar sah einen Moment lang auf sie herab.

"Ich freue mich sehr für Sie." sagte er leise. "Ich weiß, wieviel Ihnen die Rückkehr Ihrer Fähigkeiten bedeutet."

"Ohne Ihre Hilfe stünde ich nicht mehr hier." erwiderte Nirrit. "Ich habe keine Erinnerung an das Unglück, aber Nilamon hat mir geschildert, was sich ereignet haben muß. Es tut mir leid, daß ich es bisher versäumt habe, Ihnen zu danken. Nilamon sagt, Sie wären ein großes Risiko für mich eingegangen. Ich werde Ihnen das niemals vergessen."

 

Nach diesem Tag normalisierten sich die Zustände rasch. Jeder Bewohner des Lagers genoß es, vom Druck der allgegenwärtigen Angst befreit zu sein, und Talan stellte zufrieden fest, daß die Moral seiner Leute auf den gewohnten Stand zurückkehrte.

Nirrit wurde auf ihren Kontrollgängen häufig von Soldaten angesprochen, die ihr für ihren Einsatz dankten, was Nirrits Romulanischkenntnisse manchmal arg strapazierte, denn längst nicht alle der Männer beherrschten Föderationsstandard. Voller Genugtuung stellte sie bei mehreren Gelegenheiten fest, daß Nardral offenbar im Lager geschnitten wurde. Da die Soldaten wußten, daß er Shadar über stattgefundene Ereignisse auf dem Laufenden hielt, hatte sich der Verhörtechniker ohnehin nie sonderlicher Beliebtheit erfreuen können. Aber nun machten die übrigen Romulaner keinen Hehl mehr aus ihrer Abneigung. Eines Morgens beobachtete Nirrit, wie Nardral sich den Unteroffizieren hinzugesellte, die sich in einem Gespräch befanden, mit dem Ergebnis, daß sich die Gruppe augenblicklich auflöste, um den Mann stehenzulassen.

Jeden Morgen verließ die Rhazaghani bereits früh Talans Quartier, da es durch das anhaltende Regenwetter viel für sie zu tun gab. Den späten Nachmittag pflegte sie dann nach alter Gewohnheit bei Rilkar und seinen Kameraden zu verbringen, wobei alle Beteiligten es vorzogen, in der Baracke zu bleiben. Nirrit war jedesmal froh darum, bei dieser Gelegenheit ihr Fell trocknen zu können, auch wenn sie in dieser Hinsicht nicht sehr empfindlich war.

Wenn Talans Arbeit es zuließ, kam er gegen Abend persönlich vorbei, um sie und Rilkar abzuholen und die Halle aufzusuchen. Manchmal beteiligte sich Nirrit am Training, aber häufig war sie durch ihre anstrengende Arbeit so ermüdet, daß sie es vorzog, sich zurückzuziehen und die beiden Männer ihren Übungen zu überlassen. Zwar gab es für jene nun kein konkretes Trainingsziel mehr, doch sie waren sich darüber einig, daß sie nicht bereit waren, auf ihre abendlichen Treffen zu verzichten. Dabei dachte Talan voller Unruhe an die Zeit, in der das angeforderte Material eintreffen und für die Gefangenen erneut die Arbeit im Bergwerk beginnen würde.

19.

An einem grauen Nachmittag wurden die Bewohner von Rilkars Unterkunft auf ein heiseres Fauchen aufmerksam, das zunehmend lauter wurde. Geschlossen traten sie vor die Baracke und hielten nach der Ursache Ausschau, konnten aber zunächst nichts erkennen, obwohl der Himmel lediglich bewölkt war. Kurz darauf wurden sie Zeuge, wie sich direkt über dem Lager ein kleines Schiff mit flachen Konturen enttarnte.

Knut pfiff durch die Zähne.

"Wenn ich mich nicht täusche, ist das ein romulanisches Kurierschiff. Das wars dann wohl mit unserem Urlaub, Leute! Ich gehe jede Wette ein, daß die Schinderei jetzt bald wieder losgeht."

Kurz darauf wurde der Hauptschild deaktiviert, und das Schiff steuerte den Platz vor dem Lagerhangar an. Nirrit seufzte.

"Ich muß jetzt leider wieder los! Ich werde den äußeren Ring entlang der Schildlinie noch einmal ablaufen müssen. Wenn ich zu lange damit warte, wird die Sicht auch für mich zu schlecht, und dann dringen die Zorls zu weit ins Lager ein. Es ist das Beste, wenn ich die Sache gleich hinter mich bringe."

Kurz darauf hatte sie sich verabschiedet und das Gefangenenlager verlassen. Mutub sah zu dem Ingenieur, der einen abwesenden Eindruck machte.

"Dich beunruhigt etwas?" fragte er.

Rilkar blickte weiter nachdenklich vor sich hin.

"Ich stelle mir nur die Frage, ob man es auf Romulus wirklich für notwendig hält, den Materialtransport umständlich anzukündigen." antwortete er. "Wie sah es die anderen Male aus? Wurde das Lager jedesmal vorher benachrichtigt?"

"Das war nicht der Fall!" erwiderte Silak. "Die Transportschiffe erschienen zunächst in rascher Folge, um Gefangene und Material zügig abzuladen. Sobald die Arbeit begann, blieben sie dann aus. Nach meinem Wissen fand keine vorherige Ankündigung statt. Offenbar hielt man eine solche Maßnahme für überflüssig."

Der Ingenieur nickte. "Das dachte ich mir! Aber wie auch immer, diesmal scheint die Angelegenheit so wichtig zu sein, daß man es für notwendig hält, einen Kurier zu schicken. Ich muß zugeben, daß mir die Sache nicht sonderlich gefällt."

"Frag am besten Talan heute Abend, was das Ganze zu bedeuten hat!" riet Soto. "Er wird bis dahin sicher Bescheid wissen."

Rilkar schüttelte den Kopf.

"Es würde mich gar nicht wundern, wenn Talan das Training heute ausfallen läßt. Bei einer Sache von solcher Wichtigkeit wird er kaum Zeit dafür finden. Wahrscheinlich werden wir uns noch etwas gedulden müssen."

Als Nirrit von der Schildlinie zurückkehrte, traf sie Talan wartend vor dem Quartier des Lagerkommandanten an, wobei ihr sofort sein wie eingefroren wirkendes Gesicht auffiel. Shadar hatte es demonstrativ vorgezogen, die Nachrichten allein entgegenzunehmen, anstatt seinen Militärkommandanten hinzuzuziehen. Talan war lediglich befohlen worden, sich zur Verfügung zu halten. Nach einer Weile verließ der Kurier das Gebäude, um zu seinem Schiff zurückzukehren und wieder zu starten.

Nirrit, die Talan beim Warten Gesellschaft leistete, knurrte verärgert, als erneut der Schild deaktiviert wurde. Als sie sich erhob, hielt er sie auf.

"Ich möchte nicht, daß du so spät noch einmal anfängst. Es ist fast dunkel und es wäre zu gefährlich. Geh zu Driskal und laß dir von ihm das Quartier öffnen! Du hast bereits einen harten Tag hinter dir, da halte ich es für angemessen, wenn du dich jetzt ausruhst."

Nirrit zögerte einen Moment, aber sie mußte Talan im Stillen recht geben. Sie war tatsächlich müde, und die Jagd wäre bei der schlechten Sicht riskant gewesen. Also nickte sie und folgte seinem Rat, dabei dachte sie bei sich voller Mitgefühl, daß Shadar es gewiß erheiternd fand, seinen Militärkommandanten noch eine Weile vor seinem Quartier warten zu lassen.

Talan mußte sich eine Zeitlang gedulden, bis es seinem Vorgesetzten gefiel, ihn hereinzubitten. Shadar ließ ihn vor seinem Schreibtisch stehen und nahm gemächlich dahinter Platz. Er schwieg zunächst, während sein Blick auf seinem Untergebenen ruhte, dann begann er zu sprechen.

"Ich habe tatsächlich gute Neuigkeiten erhalten. Es geht zurück nach Romulus."

"Man beabsichtigt, uns zurückzubeordern?" fragte Talan verwirrt. "Aber die Ablösung sollte nicht vor Ablauf von mindestens zweieinhalb Jahren durchgeführt werden."

"Sie verstehen nicht, mein Freund! Es handelt sich nicht um die reguläre Abberufung. Die Förderstätte wird aufgegeben."

Sein Gegenüber starrte ihn an.

"Die Arbeit soll abgebrochen werden? Aber bei dem Grubenausbau wurde noch nicht einmal die Lagerstätte erreicht. In den Gutachten der Sachverständigen war von reichen Vorkommen die Rede, und es wurde bereits eine Menge Material in das Projekt investiert. Von den persönlichen Opfern unserer Männer ganz zu schweigen! Wie kommt man zu dieser Entscheidung?"

Shadar lehnte sich zurück.

"Unser Geheimdienst ist an Informationen gelangt, die besagen, daß die Föderation bereits im Begriff ist, ihre Schiffe mit verbesserten Langstreckensensoren auszurüsten. Wie Sie wissen, liegt unser Standort bei weitem dem Föderationsgebiet am nächsten. Es ist also zu befürchten, daß wir durch die Restemissionen des Hauptschirms von einem Patrouillenschiff erfaßt werden. Sie werden vielleicht begreifen, daß man nicht bereit ist, dieses Risiko einzugehen."

"Und wie sehen die weiteren Maßnahmen aus?"

"Man wird uns binnen kurzem ein Schiff schicken. Wir sind dazu aufgefordert worden, in der Zwischenzeit die Aufgabe des Lagers vorzubereiten, dabei hat man mir ans Herz gelegt, keinerlei Spuren zu hinterlassen. Ich interpretiere die Anweisung dahingehend, daß auch die Gefangenen aus dem Weg geräumt werden sollen."

Talan schnappte nach Luft.

"Sie meinen, sämtliche Gefangenen sollen exekutiert werden?"

Shadar lächelte verständnisvoll. "Ich sprach dabei natürlich nicht von ihrer kleinen bekrallten Bettgenossin. Selbstverständlich erhalten Sie von mir die Erlaubnis, sie mit nach Romulus zu nehmen, wenn Sie in der Lage sind, sie während des Rückfluges unter Kontrolle zu halten. Schließlich verstehe ich, daß Sie nicht auf sie verzichten wollen, nachdem sie Ihnen ein wenig die Zeit hier versüßt hat. Sollten Sie ihrer in der Heimat überdrüssig werden, steht Ihnen immer noch die Möglichkeit offen, sie zu verkaufen. Ich selbst hätte kein geringes Interesse an ihr."

Talan stellte sich eine Nirrit vor, die für den Rest ihres Lebens dazu verurteilt war, offiziell als seine Sklavin zu leben. Sie würde dazu gezwungen sein, sich ausschließlich auf ihre Grundform zu beschränken und in der Gewißheit leben müssen, ihr Volk niemals wiederzusehen. Es war ein deprimierender Gedanke.

"Und die übrigen?"

"Wenn die Soldaten auf sie das Feuer eröffnen, wird alles sehr schnell vonstatten gehen."

So sollte also das Ende aussehen. Sein Freund und Trainingspartner Rilkar, der alte würdevolle Qo'hog, Knut, jung und voller Enthusiasmus, Silak, Soto, all die anderen, ausgelöscht, vernichtet in wenigen Augenblicken. Talans Gedanken rasten und in seinem Geist reifte ein Entschluß: Er würde diesen Befehl nicht hinnehmen.

"Es tut mir leid, Kommandant, aber ich interpretiere die Anweisungen anders."

Shadar runzelte die Stirn.

"Was wollen Sie damit sagen?"

"Meiner Meinung nach haben Sie keinerlei Befugnis, unter den Gefangenen ein Massaker anzurichten. Wenn Sie anderer Ansicht sind, bleibt mir keine andere Wahl, als die Funkstille zu brechen und eindeutige Befehle direkt beim Oberkommando einzuholen."

"Ist das Ihre Auffassung von Ihrer berühmten Lagersicherheit?"

"Es geht hier um lebende Personen. Meine Prioritäten stehen fest. Würden Sie mich entschuldigen?"

Als er sich abwenden wollte, erschien Shadars Hand oberhalb seines Schreibtisches. Sie hielt einen Disruptor.

"Dazu bin ich leider nicht bereit!" erwiderte Shadar mit ruhigem Lächeln. "Allerdings hätte ich dieses tatsächlich gern vermieden."

Im nächsten Augenblick entlud sich auch schon die Waffe.

 

Rilkar hatte noch eine Zeitlang auf Talan gewartet, ohne jedoch wirklich damit zu rechnen, daß dieser noch am selben Abend Gelegenheit finden würde, ihm von dem Inhalt der überbrachten Botschaft zu berichten. Als er seine Einschätzung bestätigt fand, faßte er den Entschluß, sich früh zur Ruhe zu begeben, konnte jedoch bald feststellen, daß er Mühe hatte, einzuschlafen. Nach kurzer Zeit stieß er seine Decke wieder von sich, um in die kühle Nachtluft zu treten und die wenigen Schritte zur Barriere zurückzulegen. Von dort aus blickte er nachdenklich über das ruhige Lager.

Er war sicher, daß Nirrit bereits in Talans Quartier lag und schlief. Sie sah aufgrund ihres rhazaghanischen Wesens keinen Sinn darin, dem Ruhebedürfnis zu widerstehen, wenn ihr Körper nach Erholung verlangte. Wahrscheinlich war Schlaflosigkeit in ihrer Heimat ein unbekanntes Phänomen, was unter den dortigen Lebensbedingungen nur verständlich war. Wer müde war, pflegte Fehler zu machen, und gerade das konnte auf Rhazaghan nur zu leicht zum Tode führen.

Der Ingenieur erinnerte sich an jenen Nachmittag, an dem er Nirrit behutsam nach ihren Eltern gefragt hatte, und an seine Erschütterung, als sie ihm unbefangen eröffnete, daß diese seinerzeit auf der Arrhinia D'jah gewesen waren. Ihm war zu diesem Zeitpunkt zwar bekannt gewesen, daß es sich dabei um ein Schiff der Vari handelte, jedoch hatte er sich nie vor Augen gehalten, welche Verluste dem Clan durch diese Katastrophe zugefügt worden waren. Allerdings trug Nirrit keinerlei Erinnerungen an den Vorfall und hatte durch ihn auch keine Entbehrungen erlitten, da sich die gesamte Clangemeinschaft für den Nachwuchs engagierte. Auch empfand sie ihre Kindheit keineswegs als ungewöhnlich, da etliche andere sich in der gleichen Situation befunden hatten. Außerdem konnte es immer wieder vorkommen, daß junge Rhazaghaner zu Halb- oder Vollwaisen wurden. Diesen Kindern wurde die gleiche liebevolle Betreuung wie den übrigen zuteil, wobei für sie vor allem jene Personen Bedeutung hatten, die sie den Umgang mit den Luuma lehrten. Ein Lehrer entsprach nach rhazaghanischen Begriffen einem nahen Angehörigen, der sich grundsätzlich für seinen Schüler verantwortlich fühlte.

Rilkar dachte an Talans Bericht über seine Begegnung mit den Rhazaghanern. Tarkin war Nirrits Lehrer gewesen, was bedeutete, daß dieser die Nachforschungen mit außergewöhnlicher Zähigkeit fortsetzen würde. Aber ob diese jemals zu einem Erfolg führen würden, war fraglich. Es war reichlich abwegig, die Vermißte mitten in der neutralen Zone zu vermuten, und selbst wenn man sich ausschließlich auf diesen Streifen interstellaren Niemandslandes konzentrierte, war es möglich, Jahre mit der Suche zu verbringen.

Rilkar warf noch einen letzten Blick auf die andere Seite der Barriere, dann drehte er sich um und kehrte zu seiner Unterkunft zurück.

 

Talan blickte erschüttert zu Shadar auf, der an ihn herangetreten war. Der Lagerkommandant schüttelte tadelnd den Kopf.

"Ich hatte schon so eine Reaktion vermutet. Mir sind Ihre Verbrüderungsbestrebungen mit dem Cardassianer keineswegs entgangen. Es enttäuscht mich wirklich, daß Sie sich derart haben manipulieren lassen."

Talan empfand heißen Schmerz, wo die Disruptorentladung die Oberfläche seines rechten Beines versengt und die darüberliegende Kleidung verbrannt hatte. Er hatte es Shadar gegenüber an Wachsamkeit fehlen lassen, tatsächlich war er jedoch überrascht, daß dieser bereit gewesen war, auf ihn zu schießen. Sein Vorgesetzter beugte sich über ihn und studierte aufmerksam sein Gesicht.

"Wie Sie gemerkt haben, habe ich die Emissionsstärke des Disruptors reduziert. Es liegt mir fern, Sie zu töten, auch wenn Ihr Verhalten meiner Ansicht nach an Verrat grenzt." Er lächelte. "Aber eigentlich hänge ich sehr an Ihnen, auch wenn noch einiges gegen Ihren Hang zur Insubordination unternommen werden muß. Allerdings werde ich mir damit Zeit lassen, bis wir wieder nach Romulus zurückgekehrt sind. Schließlich sollen Sie sich erst einmal erholen."

Talan unterdrückte ein Ächzen und unternahm einen vergeblichen Versuch, sich zu erheben. Das Bein gab sofort unter dem Gewicht seines Körpers nach. Shadar blickte sanft auf seinen Untergebenen hinab.

"Machen Sie sich keine Sorgen! Sie wissen ja, wie tüchtig Nilamon ist. Ich bin sicher, daß Ihr Bein nur geringfügige Schäden zurückbehalten wird. Wahrscheinlich werden Sie in der Trainingshalle nicht mehr so elegant wirken, aber mit Sicherheit wird sich dieser Umstand verbessernd auf Ihr Pflichtbewußtsein als Soldat auswirken."

Talan sah mit schmerzverzerrtem Gesicht zu ihm auf.

"Sie sind wahnsinnig!" stieß er hervor. "Sie können keinen Massenmord an den Gefangenen begehen! Die Männer können ohne Zweifel woanders eingesetzt werden. Man wird Sie auf Romulus für Ihr Verhalten zur Rechenschaft ziehen."

Shadar sah ihn mitleidig an.

"Das glaube ich kaum. Man wird im Gegenteil volles Verständnis für meine Entscheidung haben. Die Gefangenen sind seinerzeit nur in kleinen Gruppen hierhergebracht worden. Für unseren Rückflug steht dem Regiment sowie dem Gefangenentrupp nur ein einziger Warbird zur Verfügung. Sie wissen selbst, daß es nicht unproblematisch sein wird, diese Leute während des Rücktransportes unter Kontrolle zu halten, zumal es sich inzwischen um einen großen, meines Wissens nach durch den Cardassianer gut organisierten Verband handelt. Die Gefahr des Versuches einer Schiffsübernahme wäre zu groß. Ich traue Ihrem Freund durchaus zu, daß er bereits jetzt Pläne für diesen Fall entwickelt hat. So leid es mir für Sie tut, aber er ist der erste, den ich töten lassen werde. Natürlich verlange ich nicht von Ihnen, seine Exekution selbst zu beaufsichtigen. Nardral wird sich um ihn kümmern. Er erledigt den Fall still und unauffällig, bevor die Sache unter den Gefangenen bekannt wird."

Talan sah ihn entsetzt an. Im selben Moment trat Driskal in den Raum und blickte bestürzt auf den am Boden liegenden Militärkommanten.

Shadar wandte sich freundlich an ihn.

"Wie ich sehe, sind Sie pünktlich, Driskal! Eigentlich wollte ich Sie darum bitten, Nardral hierherzuschicken, aber gleichzeitig hatte ich schon vermutet, daß es noch eine weitere Aufgabe für Sie geben würde. Seien Sie bitte so liebenswürdig, Ihren Vorgesetzten in eine Arrestzelle zu bringen. Nilamon soll sich dann um ihn kümmern. Kommandant Talan hat im Gegensatz zu Ihnen noch einige Probleme mit dem Gehorsam, aber das wird sich mit Sicherheit bald geben."

Driskal zog vorsichtig Talans Arm über seine Schultern und half ihm auf. Talan stöhnte, als der Vorgang des Aufstehens ihn zwang, das Bein zu bewegen. Driskal sah noch einmal zu Shadar, aber dieser hatte sich bereits abgewandt.

Noch im Vorraum begann Talan zu sprechen.

"Driskal, bitte lassen Sie mich Kontakt zum Oberkommando aufnehmen! Ich kenne die Befehle, aber es ist sehr wichtig. Die Förderstätte soll aufgegeben werden, daher plant Shadar, sämtliche Gefangenen zu liquidieren, weil er einen Aufstand während des Rücktransportes befürchtet."

Driskal erstarrte.

"Er will die Gefangenen ermorden?"

"Rilkar soll zuvor als ihr Anführer durch Nardral beseitigt werden. Ich nehme an, der wahre Grund besteht darin, daß Shadar sich einen besonderen Genuß davon verspricht."

Driskal dachte nach.

"Warten Sie bitte einen Moment, Kommandant!"

Er ließ Talan vorsichtig zu Boden. Dann trat er ins Freie und beobachtete das Lager, das im Dunkel lag. Es befand sich niemand in der Nähe.

Sofort kehrte er zu Talan zurück und brachte diesen in das daneben liegende Gebäude, welches der Standort des Hauptschildgenerators war.

"Bleiben Sie bitte hier! Ich werde Nilamon holen!"

Talan nickte unter Schmerzen. Wenig später beugte sich der Lagerarzt über ihn und begann vorsichtig, sein Bein zu untersuchen.

"Er hat sie ganz schön erwischt! Das ist eine häßliche Verbrennung. Eigentlich gehörten Sie auf der Stelle ins Lazarett."

"Hat Driskal Sie über Shadars Pläne informiert?"

Nilamon nickte. "Ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, daß diese eine Überraschung für mich darstellen. Sie hatten die Funkstille brechen wollen?"

"Jemand muß Shadar Einhalt gebieten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß man beim Oberkommando diese Tat billigen würde."

"Seien Sie sich nicht so sicher! Höchstwahrscheinlich wird man Shadars Befehle bestätigen. Die Gefahr, daß die Gefangenen versuchen werden, das Schiff unter ihre Kontrolle zu bringen, ist tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Man wird jedoch auf gar keinen Fall riskieren wollen, daß die romulanische Präsenz in der neutralen Zone bekannt wird. Um das zu gewährleisten, ist man garantiert bereit, über Leichen zu gehen, zumal es sich ja nur um Gefangene handelt."

Talan schwieg. Kurz darauf hob er den Kopf.

"Dann gibt es nur noch eine Möglichkeit. Sie wissen, daß die Föderation gefangene Angehörige von gegnerischem Militär auszutauschen pflegt, nicht wahr?"

Nilamon nickte. "Das ist mir bekannt. Ich verstehe, was Sie vorhaben, aber sind Ihnen die Konsequenzen für Sie klar?"

"Ich bin bereit, diese auf mich zu nehmen. Wir können keinen Massenmord an wehrlosen Gefangenen zulassen. Ich bitte Sie nur, mich gehen zu lassen. Es dürfte nicht schwer sein, meine Flucht vorzutäuschen. Sobald ich im Hangar bin, komme ich allein zurecht."

Driskal starrte ihn an.

"Sie wollen ein Föderationsschiff hierherbringen?"

"Ich weiß, es muß Ihnen wie Verrat vorkommen, Driskal! Aber ein solches Massaker würde Schande über die romulanische Ehre bringen. Wir können uns nicht zu Shadars Komplizen machen. Ermöglichen Sie mir nur die Flucht, indem Sie vortäuschen, ich hätte Sie niedergeschlagen! Für alles weitere werde ich die volle Verantwortung übernehmen."

"Man wird Sie wegen Verrats anklagen. Sie wissen, was das bedeutet."

"Sehen Sie eine Alternative?"

Driskals Gedanken rasten.

"Vielleicht gibt es eine Möglichkeit. Warten Sie!"

Er verließ in höchster Eile das Gebäude, um nach einiger Zeit zurückzukehren. In seiner Begleitung befand sich Velkat. Driskal beugte sich über seinen Kommandanten.

"Führen Sie Ihr Vorhaben durch! Es wird bald im Lager unruhig werden, dann kann Nilamon Sie unbemerkt zum Hangar bringen. Starten Sie erst, wenn Sie eine Explosion gehört haben! Ich werde dafür sorgen, daß niemand dazu kommen wird, das Schiff zu vermissen."

Talan sah zu seinem Untergebenen hoch.

"Was haben Sie vor, Driskal?"

Dieser lächelte. "Überlassen Sie das Velkat und mir! Ich versichere Ihnen, daß ich Sie nicht noch einmal enttäuschen werde. Vertrauen Sie mir! Ich habe alles gut überlegt."

Talan sah ihn an, dann nickte er.

Driskal trat aus dem Generatorgebäude und sah sich noch einmal sorgfältig um. Im Lager herrschte Stille. Bevor er zu Velkat gelaufen war, hatte er Nardral darüber informiert, daß der Lagerkommandant ihn zu sprechen wünschte. Dieser war der Aufforderung sofort nachgekommen.

Als Driskal vor dem Eingang von Shadars Unterkunft stand, hielt er noch einmal inne, um seinen Disruptor zu ziehen. Dann trat er ohne Zögern ein.

Nur wenig später verriegelte er das Quartier und machte sich auf den Weg ins Gefangenenlager. Rilkar erwachte sofort, als Talans Stellvertreter hastig die Baracke betrat. Während der Ingenieur noch im Begriff war, sich aufzurichten, wandte sich Driskal bereits an ihn.

"Ich brauche Ihre Hilfe!" stieß er hervor. "Ihre Leute werden sich um ihr Leben prügeln müssen."

 

Als Driskal etwas später in seinem Quartier saß, um die weitere Entwicklung abzuwarten, wußte er Velkat bereits an der Arbeit. Es würde einige Zeit dauern, die Überladung zu initiieren, aber der Lageringenieur verstand sein Fach. Als Driskal ihm sein Vorhaben geschildert hatte, bekam er dessen Unterstützung fast ohne Zögern zugesagt, und er war noch immer überrascht, wie leicht es gewesen war, Velkat zu überzeugen. Zwar hatte er häufig über diesen Weg nachgedacht, aber letztendlich hatte es ihm an Mut und Unterstützung gefehlt. Als er jedoch erfuhr, was Kommandant Talan bereit war, auf sich zu nehmen, wußte er, daß es an der Zeit war, seine zögernde Haltung abzulegen.

Kurz darauf trat atemlos einer der Unteroffiziere in sein Quartier.

"Driskal, wir brauchen Ihre Hilfe! Die Gefangenen scheinen allesamt durchgedreht zu sein, und ich weiß nicht, wo sich Kommandant Talan befindet."

Driskal erhob sich.

"Er wurde zum Lagerkommandanten gerufen und dieser will nicht gestört werden. Was ist passiert?"

"Im Gefangenenlager ist es zu einer wilden Massenschlägerei gekommen. Jeder scheint gegen jeden zu kämpfen. Vor kurzem ging es los, und Aufforderungen, wieder zur Ruhe zurückzukehren, werden nicht beachtet. Sogar der Cardassianer ist an dem Tumult beteiligt. Er prügelt sich zur Zeit mit dem Klingonen."

Driskal nickte. "Dann müssen wir eben das gesamte Regiment hineinschicken."

Der Mann starrte ihn an.

"Das gesamte Regiment?"

"Sehen Sie eine andere Möglichkeit? Man wird uns auf Romulus ohne Zweifel zur Rechenschaft ziehen, wenn die Arbeit wiederaufgenommen werden kann, allerdings keine Arbeiter mehr zur Verfügung stehen. Wir müssen die Gefangenen daran hindern, sich gegenseitig umzubringen. Sagen Sie den Leuten, daß Waffengebrauch strengstens untersagt ist! Wir werden die Lage so bereinigen müssen."

 

Nilamon sah vorsichtig aus dem Gebäude. Sämtliche Soldaten waren im Begriff, in höchster Eile dem Gefangenenlager zuzustreben, von wo ein lauter Tumult hörbar war.

"Es sieht so aus, als hätte Driskal die Unterstützung Ihres Freundes gewonnen." wandte er sich an Talan. "Kommen Sie! Ich rechne nicht damit, daß uns jemand begegnen wird."

Velkat blickte von seiner Arbeit hoch.

"Ich wünsche Ihnen viel Glück, Kommandant! Bringen Sie uns ein schönes Föderationsraumschiff mit, das in der Lage ist, uns von hier wegzubringen. Ich habe gehört, daß solch ein Gefangenenaustausch recht unproblematisch vonstatten gehen soll. Schließlich wird die Föderation kaum riskieren wollen, daß es zu einer Verschlechterung der ohnehin nicht sehr herzlichen Beziehung mit dem Reich kommt."

Talan nickte. "Ich danke Ihnen, Velkat! Bringen Sie sich rechtzeitig in Sicherheit!"

Dieser lächelte. "Keine Sorge!"

Dann wandte er sich wieder dem Generator zu.

Nilamon brachte den Kommandanten unbemerkt zum Hangar und half ihm, hinter den Kontrollen Platz zu nehmen.

"Sie glauben wirklich, daß Sie es schaffen? Ihre Verletzung wird Sie zwar nicht sofort umbringen, aber was ist, wenn Sie länger unterwegs sind, um ein Schiff zu finden?"

Talan lächelte mühsam. "Machen Sie sich keine Gedanken, Nilamon! Ich weiß, daß es ein Schiff da draußen gibt. Und es wartet auf mich."

Der Arzt sah ihn verwundert an, dann aber nickte er und verließ ihn. Talan lehnte sich erschöpft in dem Pilotensitz zurück und wartete, wie Driskal es ihm empfohlen hatte.

 

Im Gefangenenlager hatte sich die Situation keineswegs verbessert. Die Männer fuhren mit einer wahren Begeisterung fort, sich zu prügeln. Sobald die romulanischen Soldaten es geschafft hatten, auf der einen Seite des Lagers für Ruhe zu sorgen und die Beteiligten zu trennen, wurde es am anderen Ende um so ärger. Drohungen fruchteten nichts, und nun waren auch die ersten Romulaner in die Schlägerei verwickelt worden. Driskal stand auf der inneren Seite des Tors, beobachtete das Geschehen und gab Befehle, ohne irgendeine Wirkung damit zu erzielen.

Plötzlich erfolgte ein ohrenbetäubender Knall, und von der Richtung des Hauptschildgenerators stieg eine Flammensäule in die Höhe. Die Männer, Romulaner wie Gefangene, fuhren erschrocken zusammen und blickten in die Richtung des Infernos. Trümmer prasselten auf die Kuppel der inneren Barriere hernieder, aber sie wurden durch den Beginn eines heftigen Verbrennungsprozesses zurückgeschleudert, ohne die Möglichkeit, die Leute, die sich auf der anderen Seite aufhielten, zu verletzen.

Talan hatte bei dem Lärm der Explosion die Augen geöffnet. Er wußte, daß das Gebäude mit dem Hauptschildgenerator und das Quartier des Lagerkommandanten jetzt nicht mehr existierten. Kurz darauf erhob sich Rilkars Schiff mit dem gewohnten leisen Säuseln am äußeren Rand des Lagers und ermöglichte Talan einen Blick auf den Brand auf der gegenüberliegenden Seite. Zahlreiche Soldaten waren bereits auf dem Weg zum Schauplatz der Explosion. Der Kommandant war sicher, daß niemand von seinen Leuten auf den Gedanken kommen würde, zurückzublicken. Wenig später flog er auf Föderationsgebiet zu. Er hatte versucht, Nilamons Bedenken zu zerstreuen und nun hoffte er verzweifelt, daß er die Narhamak finden konnte, bevor ihn die Kräfte verließen. Allerdings hatte er großes Vertrauen in die Hartnäckigkeit ihres Kommandanten. Tarkin war irgendwo da draußen, da gab es keinen Zweifel.

 

Die Narhamak entfernte sich bei ihrer Suche niemals weiter als zwei Tagesreisen von Zemotecs Station. Nirrits Witterung war relativ frisch gewesen, und nun suchte man alle in Frage kommenden Sonnensysteme ab, wobei Klasse-M-Planeten besondere Beachtung fanden. Gleichzeitig waren die Hangarschwestern des Schiffes damit beschäftigt, die weiteren Randbereiche des betroffenen Gebietes abzusuchen.

Momentan bewegte sich die Sternschwinge auf ihrem Zick-Zack-Kurs wieder in Richtung neutrale Zone. Aslari hatte eben beschlossen, ihre Aufgabe einer anderen zu übergeben, um sich schlafenlegen zu können, als sie noch einmal die Sensoren überprüfte. Stirnrunzelnd beugte sie sich vor und wandte sich gleich darauf aufgeregt an Tarkin.

"Ich glaube, die Sensoren zeigen das kleine orionische Schiff an. Ich bin allerdings nicht ganz sicher, es hat gerade erst die Ortungsschwelle überschritten."

Tarkin stand hoffnungsvoll auf und blickte ihr über die Schulter.

"Ja, das ist er!" rief er nach kurzem Warten. "Und er befindet sich schon zu weit auf Föderationsgebiet. Diesmal kriegen wir ihn!"

Kurz darauf befand sich die Narhamak mit Höchstgeschwindigkeit auf Abfangkurs.

 

Talans Sensoren zeigten ihm ein Schiff in Ortungsreichweite an. Er war bereits seit fast einem Tag unterwegs und die ständige Unterdrückung der Schmerzen sowie die Erschöpfung machten sich immer stärker bemerkbar. Angestrengt versuchte er, bei Bewußtsein zu bleiben. In der Hoffnung, daß es sich um das rhazaghanische Schiff handelte, steuerte er auf den Ursprung des Signals zu.

 

"Er hat den Kurs geändert!" bemerkte Aslari.

Tarkin runzelte die Stirn.

"Versucht er zu fliehen?"

"Nein, im Gegenteil! Das Schiff hält auf uns zu. Außerdem scheint sein Pilot verletzt zu sein."

Tarkin sprang auf.

"Wie sieht es mit seinen Schilden aus?"

"Bis auf die Navigationsschilde unten. Wir können ihn herüberholen, wenn wir in Reichweite sind."

"Dann tut das, sobald es geht! Ich bin im Transporterraum."

 

Es fiel Talan inzwischen sehr schwer, nicht die Besinnung zu verlieren. Mühsam riß er die Augen auf und erkannte auf dem Bildschirm die heranrasende Narhamak. Erleichtert nahm er zur Kenntnis, daß er begann, zu entmaterialisieren

Gleich darauf spürte er, wie der Transportvorgang endete, worauf er an Ort und Stelle zusammenbrach. Als er die Augen öffnete, erkannte er Hufe und den Ansatz schlanker dunkelroter Beine.

"So sieht man sich wieder, Romulaner!" hörte er eine bekannte Stimme.

 

20.

Einen knappen halben Tag später wurde vom Lager aus die sich rasch nähernde Sternschwinge geortet. Tarkin funkte kurz darauf die romulanische Station an und verlangte von dem erschrockenen diensthabenden Soldaten, den führenden Offizier des Lagers zu sprechen. Es meldete sich Driskal., der ihn darüber unterrichtete, daß der Militärkommandant, dessen Aufgaben er zur Zeit wahrnahm, sich in der Abteilung für Schwerverletzte befand. Er habe bei einer Explosion Verbrennungen davongetragen und niemand dürfe zur Zeit zu ihm.

Tarkin verstand den Hinweis und ließ Talan hinunter in die Krankenstation beamen, wo Nilamon ihn empfing und zufrieden feststellte, daß die Rhazaghaner offensichtlich über einen tüchtigen Bordarzt verfügten. Dieser hatte die Behandlung bereits eingeleitet und dem Patienten ein wirksames Schmerzmittel verabreicht. Trotz der schwachen Proteste des Kommandanten sorgte der romulanische Arzt dafür, daß dieser sich auf einer Krankenliege ausstreckte, wo er sogleich in einen tiefen Erschöpfungsschlaf fiel.

Zur gleichen Zeit forderte Tarkin Driskal zur Kapitulation auf, ein Ansinnen, dem Talans Stellvertreter mit gutem Gewissen nachgab. Das Lager war ohnehin niemals auf eine Verteidigung eingerichtet worden, da man sich in einem solchen Fall auf verlorenem Posten wußte und Gegenwehr die Situation nur verschlimmert hätte. Im Reich war man momentan an keinem Grenzkonflikt interessiert, da ein großer Teil der romulanischen Kräfte zur Zeit woanders gebunden waren.

Mit den ausgelieferten Waffen verfuhren die Rhazaghaner auf ihre Art und Weise, indem sie beim Heraufbeamen den Transportvorgang nicht zu Ende durchführten und den Inhalt des Musterpuffers löschten. Gleich danach materialisierte Tarkin mit den ersten Mannschaftsmitgliedern im Lager.

Als Talan erwachte, mußte er feststellen, daß ein Regenerationsfeld auf sein Bein einwirkte. Sein Versuch, sich aufzurichten, erweckte die Aufmerksamkeit von Nilamon, der ihn sanft aber bestimmt wieder auf die Liege drückte.

"Sie können jetzt noch nicht aufstehen. Ihr Bein macht einen guten Eindruck, und Sie wollen doch sicher nicht, daß das sich das wieder ändert."

Talan entspannte sich notgedrungen.

"Wie sieht es draußen aus?"

"Das Lager wird zur Zeit unter der Aufsicht der Rhazaghaner geräumt. Ich muß zugeben, daß ich sehr verblüfft war, als ich feststellte, was für ein Schiff Sie da mitgebracht haben. Woher wußten Sie, daß diese Leute in der Nähe waren?"

"Ich bin ihnen kurz nach meinem Aufbruch nach Romulus begegnet. Ich war wegen fehlender Ersatzteile gezwungen gewesen, die Raumstation aufzusuchen, die sich auf Föderationsgebiet befindet. Wie verhalten sie sich gegenüber unseren Männern?"

"Freundlich! Nirrit scheint ein typisches Beispiel ihrer Spezies zu sein. Hinzu kommt, daß im Moment eine recht glückliche Stimmung unter ihnen herrscht, weil sie ihre Artgenossin wiedergefunden haben."

"Wie geht es Nirrit? Ich hoffe doch, daß sie von der Explosion weit genug entfernt war."

"Keine Sorge, in Ihrem Quartier ist ihr nichts passiert. Sie war nur von dem Explosionsknall aus dem Schlaf geschreckt und hatte für Sie das Schlimmste befürchtet. Dann hat sie von unseren Soldaten gehört, daß Sie auf dem Rückweg von Shadars Quartier von der Explosionswelle erfaßt worden seien und Verbrennungen davongetragen hätten. Ich habe ihr dann die Wahrheit erzählt."

"Hatte Driskal diese Version vom Zustandekommen meiner Verwundung ausgegeben?"

Nilamon nickte. "Bei dem Durcheinander nach der Explosion konnte auch gar kein Zweifel daran aufkommen. Niemand hat sich dafür interessiert, wer Sie letztendlich in die Krankenstation gebracht hatte. Es gab zwar besorgte Erkundigungen nach Ihrem Zustand, aber keiner der Männer hätte eine Möglichkeit gehabt, an mir vorbeizukommen. Sie haben von mir nur erfahren, daß Sie Verbrennungen am Bein erlitten haben und unbedingt Ruhe benötigen."

"Es sieht so aus, als hätte Driskal an alles gedacht. Ging die Übergabe problemlos vonstatten?"

"Driskal hatte zunächst einige Einwände, als die Auslieferung der Waffen verlangt wurde. Nachdem wir den Hauptschild verloren hatten, war Nirrit pausenlos im Einsatz gewesen, um die einfallenden Zorls zu töten, und mittlerweile war sie am Ende ihrer Kräfte angelangt. Als Driskal das Problem schilderte, hat dann der Anführer der Rhazaghaner zugesagt, sich mit seinen Leuten um den Schutz des Lagers zu kümmern. Sie kamen unmittelbar nach der Waffenübergabe herunter und begrüßten Nirrit überschwenglich. Der rothaarige Kommandant des Schiffes scheint ein Verwandter von ihr zu sein."

Talan lächelte. "Er war ihr Lehrer, Nilamon! Das ist auf Rhazaghan einer Verwandtschaft gleichzusetzen. Hatte Nirrit schon Gelegenheit, sich wieder zu erholen?"

"Nirrits Ruhebedürfnis war nicht so stark wie Ihres. Seit Ihrer Ankunft ist fast ein Tag verstrichen."

Talan riß die Augen auf.

"Sie haben mich einen Tag lang schlafen lassen?"

"Ich hielt das für mehr als angebracht. Die Räumung des Lagers geht bisher reibungslos vonstatten, und Driskal kümmert sich um alles. Vorhin war der rhazaghanische Kommandant hier, um nach Ihnen zu sehen, aber er hatte vollstes Verständnis dafür, daß ich Sie noch schlafen lassen wollte. Im Moment steht er zusammen mit Rilkar und Nirrit draußen. Sie spricht schon ziemlich lange mit ihm."

Talan seufzte erleichtert. Offenbar war seine Anwesenheit im Augenblick nicht vonnöten, obwohl er gern die Vorgänge draußen beobachtet hätte. Nach einer Weile warf Rilkar einen vorsichtigen Blick in den Raum, um erfreut festzustellen, daß Talan wach war. Er wandte sich zunächst an den Arzt.

"Wie geht es seinem Bein, Nilamon? Wird die Verletzung wieder ganz ausheilen?"

Der Angesprochene winkte ihn herein.

"Machen Sie sich keine Sorgen! Shadar wollte nicht das Risiko eingehen, wegen der Tötung seines ranghöchsten Offiziers zur Verantwortung gezogen zu werden. Das wäre nicht nach seinem Geschmack gewesen. Wahrscheinlich hatte er die Entladungsstärke des Disruptors auf die beinahe niedrigste Stufe eingestellt. Kommen Sie ruhig! Besuche sind ab jetzt wieder gestattet, wenn Sie mir versprechen, daß Sie nicht versuchen, ihn zum Aufstehen zu überreden."

Rilkar trat an Talan heran.

"Du bist ein verdammt hohes Risiko für uns eingegangen!" sagte er leise. "Nilamon hat mir erzählt, was passiert ist."

"Ich sah mich außerstande, dabei zuzusehen, wie er euch umbringt. Außerdem hast du anscheinend auch einiges zu meiner geglückten Flucht beigetragen. Ich hörte einen ziemlichen Aufruhr im Gefangenenlager. Gehe ich richtig in der Annahme, daß der auf dein Konto ging?"

Der Ingenieur grinste. "Da könntest du recht haben. Surin war übrigens hinterher gehörig damit beschäftigt, uns wiederherzurichten. Wir gaben einen mächtig derangierten Haufen ab. Laß dich nie dazu verleiten, mit Qo'hog eine Schlägerei anzufangen! In dem Alten steckt mehr, als man ihm ansieht."

Talan war einen Augenblick lang sprachlos.

"Willst du etwa damit sagen, daß du Prügel von ihm bezogen hast?"

"Sagen wir, daß ich es vorzog, ihm gegenüber kontrolliert zuzuschlagen. Klingonen scheinen keine solchen Hemmungen zu kennen. Jedenfalls war die Sache wohl sehr glaubhaft. Deine Leute haben nicht den geringsten Verdacht geschöpft."

"Wie ist die Stimmung jetzt unter ihnen?"

"Zwar sind sie über die Situation nicht sehr glücklich, aber Driskal hat ihnen in Aussicht gestellt, daß die Föderation sie wahrscheinlich bald nach Hause schicken wird. Außerdem ist die Erleichterung über Shadars Tod deutlich spürbar. Niemand weint ihm hier eine Träne nach, soviel steht fest."

"Ich hoffe, daß sich keiner meiner Männer zu einer Dummheit verleiten läßt. Ich möchte unter allen Umständen vermeiden, daß es noch zu einem üblen Zwischenfall kommt. Es dürfte nicht ganz einfach sein, die Lage unter Kontrolle zu halten."

Rilkar lachte. "Also da hätte ich keine Bedenken! Die Rhazaghaner haben sich bereits eine Menge Respekt bei deinen Soldaten verschafft. Bevor Nirrit sich schlafenlegte, hat sie ihren Leuten noch Instruktionen über die Zorljagd gegeben. Schließlich ist sie hier die Spezialistin dafür. Kurz darauf haben sich die Rhazaghaner mit Feuereifer daran gemacht, die einfallenden Tiere zu erlegen. Tarkin gibt in der Krallenluum einen beeindruckenden Jäger ab. Er ist fast doppelt so groß wie Nirrit in dieser Gestalt.

Im übrigen hat sich das Fehlen des Hauptschildes auch noch anders bemerkbar gemacht. Vermutlich wirkte seine Frequenz auf die Panzerköpfe in irgendeiner Art und Weise abschreckend, so daß sie von hier ferngehalten worden waren. Nach dem Zusammenbruch des Schildfeldes hatte sich dann ein Exemplar dem Lager genähert, allerdings wurde seine Witterung von zwei Rhazaghanern, die sich gerade in einer mächtigen Raubtiergestalt befanden, frühzeitig wahrgenommen. Sie kamen nach einer Weile aus dem Wald und zerrten seine Überreste hinter sich her. Nach der Sache glaube ich nicht, daß jemand von deinen Leuten daran denkt, Schwierigkeiten zu machen."

Kurz darauf trat Tarkin mit Nirrit ein.

"Ich wollte Sie nur darüber informieren, daß ich mich mit dem Oberkommando der Sternenflotte in Verbindung gesetzt habe. Sie schicken die Michail Gorbatschow unter dem Kommando von Admiral Hagman. Sie wird sich mit uns in vier Tagen treffen und Sie und Ihre Leute übernehmen. Ich versichere Ihnen, daß ich mich für Ihre problemlose Heimkehr einsetzen werde."

Der Romulaner nickte. "Ich danke Ihnen."

Tarkin, der sich in der Grundform befand, schüttelte den Kopf.

"Ich bin derjenige, der danken muß. Ich habe vorhin lange mit Nirrit und Ingenieur Rilkar gesprochen. Im übrigen sieht es ganz so aus, als müßte ich gegenüber Tybrang zugeben, daß er recht hatte. Ich war damals sehr aufgebracht gewesen, als sich durch die Witterung in der Krankenstation Ihre wahre Identität herausstellte."

Talan schwieg. Dann sah er zu Nirrit hinüber, aber über ihr Gesicht ging nur ein stilles Lächeln.

 

Nach dem Abflug der Narhamak holte Rilkar Tarkins Erlaubnis ein, die Funkstation der Sternschwinge benutzen zu dürfen und sendete den mit seinen Männern vereinbarten Code, der in regelmäßigen Abständen wiederholt wurde. Er mußte sich jedoch fast einen Tag lang gedulden, bis eine Reaktion darauf erfolgte. Dann bekam er von Tybrang die Nachricht, daß ihn ein Mann namens Nurak zu sprechen wünsche.

"Nurak?" rief der Ingenieur ihn an, sobald er vor der Funkstation Platz genommen hatte. "Ist alles in Ordnung bei euch?"

"Das fragst du uns?" hörte er die aufgeregte Stimme seines Werkmeisters. "Wir hatten schon geglaubt, daß dich die Leute von der CAMB erwischt hätten. Wo warst du die ganze Zeit?"

"Das erkläre ich euch lieber, wenn ihr hier seid. Ich warte am alten Treffpunkt auf euch. Wir können zurück nach Hause. Ich weiß aus sicherer Quelle, daß die CAMB einen Rückzieher gemacht hat."

"Junge, stimmt das wirklich?" schrie die Stimme Nuraks begeistert. "Ich hatte schon die Sorge, daß wir den Rest unseres Lebens in diesem Schmugglernest verbringen müssen. Zwar hat man uns gut aufgenommen, und es gibt auch genügend für uns zu tun, aber das ändert nichts daran, daß es sich bei diesen Leuten um Gesindel handelt. Jeder von uns denkt an seine Familie in der Heimat. Ich bin verdammt froh, wenn es wieder nach Cardassia geht."

"Wann könnt ihr euch aufmachen?"

"Noch heute! Ich bin schon mächtig gespannt auf die Gesichter der Mannschaft. Gib mir deine Position an! Du wirst dich wundern, wie schnell wir bei dir sind. Dein Triebwerk ist ein Prachtstück!"

"Ihr habt es ausgetestet?" fragte Rilkar fassungslos.

"Ich weiß, welche Anweisung du ausgegeben hast, aber die Versuchung war einfach zu groß. Der Energieverbrauch ist phantastisch niedrig und liegt sogar noch etwas unter den errechneten Werten. Die Leistungskapazität liegt um fast achtzehn Prozent über dem eines vergleichbaren Triebwerkes."

Rilkar schwieg einen Moment.

"Ich sollte jetzt eigentlich wütend auf euch sein, das weißt du!"

"Das ist mir klar, aber versetz dich einmal in unsere Situation! Wir mußten einfach wissen, ob sich die Arbeit der letzten zwei Jahre gelohnt hat. Nimm es uns nicht übel, Junge!"

Der Ingenieur schwieg einen Moment, während er versuchte, seine Gedanken zu sortieren.

"Ich schlage vor, ihr kommt erst einmal hierher, dann sprechen wir weiter. Es ist außerdem nötig, daß ich euch danach einige Instruktionen über eure Aussagen gebe. Ich freue mich darauf, euch hier zu sehen."

Dann schloß er den Funkkanal.

 

Admiral Hagman sah sich in dem großen, grünlich beleuchteten Raum um. Er war nicht gewohnt, daß man ihn warten ließ, aber man hatte ihn darüber informiert, daß der Kommandant seinen Schlaf in erfahrungsgemäß kurzer Zeit beendet haben würde. Dann würde man Schiffsführer Tarkin augenblicklich von seiner Anwesenheit unterrichten.

Hagman ging einige Schritte auf und ab. Er würde froh sein, wenn er die Möglichkeit hatte, dieses Schiff wieder zu verlassen. Zunächst hatte ihn ein Geschöpf im Transporterraum empfangen, das man normalerweise nicht an Bord eines Raumschiffes zu erwarten pflegte. Daß es ihn mit einer charmanten weiblichen Stimme angesprochen hatte, verbesserte die Sache in seinen Augen auch nicht gerade. Und als die Rhazaghani ihn zu diesem Raum führte, mußte er feststellen, daß das Innere des Schiffes wirkte, als habe man einen Zoo, ein Romulanerlager und eine interplanetarische Kneipe miteinander vermischt. Seine Begleiterin hatte ihn daraufhin über die genauen Umstände der Gefangennahme des romulanischen Regimentes unterrichtet und sich dann mit einem Hinweis auf ihre Pflichten entschuldigt.

Er seufzte und beschloß, sich in Geduld zu fassen. Während seines Herfluges hatte er sich leider nur eine Kurzinformation über Rhazaghan geben lassen. Allerdings wußte er, daß der Planet zu einem wichtigen Dilithiumlieferanten für die Föderation geworden war, daher war es angebracht, das Protokoll nicht allzu genau zu nehmen. Außerdem schienen die Vorgänge, die sich in der neutralen Zone abgespielt hatten, recht außergewöhnlich gewesen zu sein.

Kurz darauf nahm er hinter sich das Zischen der sich öffnenden Tür wahr, und er drehte sich um. Dann hielt er unwillkürlich die Luft an, als er den Blick deutlich heben mußte.

"Ich begrüße Sie an Bord unseres Schiffes, Admiral Hagman." wandte sich das dunkelrote Geschöpf freundlich an ihn. "Ich bin Tarkin. Hat Aslari Sie bereits über die Ereignisse der letzten Tage informiert?"

Der Admiral lächelte nervös.

"Sie meinen die orangebraune Dame mit den Streifen?"

Tarkin legte die Ohren nach vorn.

"Das ist Aslari."

"In dem Fall habe ich tatsächlich mit ihr gesprochen. Die ganze Sache ist wirklich bemerkenswert. Dennoch muß ich Ihnen sagen, daß ich es für sehr leichtsinnig halte, die Romulaner ohne Bewachung frei herumlaufen zu lassen. Immerhin steht zu befürchten, daß sie versuchen könnten, das Schiff zu übernehmen."

Tarkin lachte. "Darum mache ich mir keine Sorgen. Ich glaube nicht, daß die Narhamak ihnen das gestatten würde, und abgesehen von unseren Fähigkeiten haben wir keine Waffen an Bord. Außerdem möchten wir Kommandant Talan nur ungern das Gefühl geben, daß es sich bei ihm und seinen Leuten um Gefangene handelt. Schließlich hat er viel für unsere Clanschwester getan. Aus demselben Grund möchte ich Sie auch darum bitten, die Sache mit der angebrachten Diskretion abzuwickeln. Es ist äußerst wichtig, daß man auf Romulus nichts von der Handlungsweise Kommandant Talans erfährt. Zudem sollte die Repatriierung der Romulaner ohne Komplikationen vonstatten gehen."

"Nach dem, was mir geschildert worden ist, habe ich dafür vollstes Verständnis. Ich werde meinen ganzen Einfluß dafür geltend machen, daß der Kommandant keine Schwierigkeiten bekommt. Wir hatten ohnehin angenommen, daß es eine romulanische Präsenz in der neutralen Zone gibt."

"Daher rüsten Sie also neuerdings Schiffe mit neuen Langstreckensensoren aus? Ich muß Ihnen sagen, daß Rhazaghan es als Föderationsmitglied begrüßen würde, wenn man uns an den Innovationen beteiligte."

Der Admiral zögerte verlegen.

"Ich muß Ihnen gestehen, daß es sich hierbei um eine Falschmeldung handelt, die dem romulanischen Geheimdienst bewußt in die Hände gespielt wurde. Wir hatten darauf gehofft, daß Romulus auf diese Nachricht hin zumindest einige der Stützpunkte räumt."

"Wie es aussieht, hatten Sie damit Erfolg. Allerdings hätte dieser Winkelzug fast einen Massenmord verursacht. Daß es nicht dazu kam, haben Sie Talan und einigen seiner Leute zu verdanken. Schon allein darum ist ihm das Oberkommando der Sternenflotte etwas schuldig."

"Dem wird man Rechnung tragen, das versichere ich Ihnen. Wie ich hörte, ist die von Ihnen vermißte Person wohlauf?"

"Das ist richtig! Sie ist bereits auf dem Weg hierher. Sicherlich werden Sie ihr noch einige Fragen stellen wollen, nachdem die Föderation so viel Mühe in die Suche nach ihr investiert hat. Sie sind über den Fall informiert?"

"Ich weiß von der Entführungsgeschichte. Daher bin ich sehr dankbar für die Gelegenheit, die Hintergründe zu erfahren. Ehrlich gesagt hatte ich nicht mehr damit gerechnet, daß die Suche noch zu einem Erfolg führen würde. Daß Sie die Frau ausgerechnet in der neutralen Zone wiederaufgefunden haben, ist mehr als eine Überraschung."

Die Tür öffnete sich erneut, um Rilkar und Nirrit einzulassen.

"Guten Tag, Admiral Hagman!" lächelte die Rhazaghani. "Ich bin Nirrit. Darf ich Ihnen außerdem Ingenieur Rilkar vorstellen?"

Hagman hatte mit Erleichterung zur Kenntnis genommen, daß die eintretenden Personen einigermaßen menschlich aussahen. Sein Blick wanderte bei der Vorstellung zu dem Mann, der ihm gegenüberstand.

"Also Sie sind der Entführer, der uns so lange in Atem gehalten hat! Ich muß sagen, daß ich auf die Motive für Ihre Tat sehr gespannt bin."

Die junge Frau hob eine Braue.

"Admiral, ich muß Ihnen sagen, daß hier ein Mißverständnis vorliegt. Ingenieur Rilkar hat mich nicht entführt."

Hagmans Kopf fuhr zu ihr herum.

"Was bitte, soll das denn heißen?"

"Ich hatte ihn ausdrücklich darum gebeten, mich vom cardassianischen Institut für Xenobiologie abzuholen. Sie wissen sicher, daß man mich ohne meine Einwilligung dem diplomatischen Austauschprogramm zugeteilt hat?"

"Das ist mir bekannt. Der rhazaghanischen Protestnote wurde schon vor einiger Zeit stattgegeben."

Nirrit nickte. "Ich sah mich außerstande, gegen meinen Willen auf Cardassia zu bleiben. Ich hatte erfahren, daß Ingenieur Rilkar über ein Schiff verfügte, das binnen kurzem zu einem Testflug starten sollte. Auf meine Bitte, mich nach Rhazaghan mitzunehmen, informierte er mich darüber, daß die Tests aus Geheimhaltungsgründen in der Nähe der neutralen Zone stattfinden würden. Er steht auf Cardassia einer einflußreichen Konkurrenz gegenüber und wollte keinesfalls riskieren, daß Informationen über das neue Warptriebwerk durchsickern. Er bot mir jedoch an, mich mit dem Beiboot des Schiffes nach Rhazaghan zu bringen und seinem Schiff anschließend zu folgen."

Der Admiral starrte sie argwöhnisch an.

"Ein verdammt großzügiges Angebot!"

"Ingenieur Rilkar ist sehr hilfsbereit." erklärte sie und lächelte. "Ich muß natürlich gestehen, daß er nichts davon wußte, daß ich noch keine Freigabe hatte, Cardassia zu verlassen."

"Und wie gerieten Sie nun in die neutrale Zone?"

"Während unseres Fluges nach Rhazaghan riß der Funkkontakt zu dem Testschiff ab. Sie werden sicher verstehen, daß mein Begleiter sehr besorgt darauf reagierte. Ich stimmte mit ihm überein, daß die Suche nach seinen Leuten erste Priorität hatte. Daher nahmen wir Kurs in Richtung neutrale Zone, wo dann der Navigationscomputer ausfiel. Wir bemerkten daher nicht, daß wir das Föderationsgebiet verlassen hatten und wurden schließlich von romulanischen Maschinen dort abgeschossen, wo man uns letztendlich fand."

Der mißtrauische Blick Hagmans glitt zurück zu Rilkar.

"Und was war mit Ihrem Schiff passiert? Ich gehe ja wohl richtig in der Annahme, daß das da draußen Ihr Schiff ist! Ihr Chefingenieur hatte sich bei unserer Ankunft mit dem meinen in Verbindung gesetzt und ihm geradezu schadenfroh seine Energieverbrauchswerte genannt. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, daß diese Angaben der Wirklichkeit entsprechen. Um das zu erreichen, hätten Sie es schaffen müssen, den transitorialen Schwellenwert zu unterschreiten."

"Das ist korrekt!" erwiderte Rilkar ruhig. "Genau das wird durch meinen Antrieb möglich gemacht. Leider darf ich Ihnen keine Einzelheiten nennen, ohne cardassianisches Recht zu brechen. Sie müßten sich dafür an meine Regierung wenden."

"Was ich tun werde, darauf können Sie sich verlassen! Unsere besten Ingenieure suchen seit Jahrzehnten nach der Lösung dieses Problems. Glauben Sie, Ihre Regierung wäre bei dem Projekt zu einer Zusammenarbeit bereit?"

"Dazu kann ich keine Prognosen abgeben. Aber bei den augenblicklichen guten Beziehungen wäre es immerhin möglich."

"Gut, es sollte mich freuen, wenn es zu einer Einigung käme. Aber nun zurück zu Ihrem Schiff! Was war geschehen?"

"Die ursprünglichen Navigationsschilde der Sorong hatten der Belastung der hohen Warpgeschwindigkeiten nicht standgehalten. Sie erhielt einen schweren Meteoritentreffer, der unter anderem auch die Funkanlage zerstörte. Meine Männer waren gezwungen, auf einem Planeten notzulanden. Mit den Sensoren der Narhamak konnten sie jedoch vorgestern geortet und das Schiff mit Hilfe der fehlenden Ersatzteile wieder flugtüchtig gemacht werden."

Der Admiral blickte nochmals zu Nirrit.

"Und Sie verlangen von mir, daß ich Ihnen das alles glaube?"

Nirrit breitete die Arme aus. "Ich bitte Sie, ich muß es doch wissen! Wer ist denn hier die angeblich Entführte. Wenn das alles war, würde ich Sie übrigens bitten, uns zu entschuldigen. Wir würden uns noch gern in Ruhe von Kommandant Talan verabschieden. Er wartet in der Sporthalle auf uns."

Als die beiden gegangen waren, schüttelte Hagman den Kopf.

"Ich habe das Gefühl, daß die junge Dame allerhand verschwiegen hat. Allerdings bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich mit ihren Aussagen zufriedenzugeben. Ich muß Ihnen aber sagen, daß sie Schwierigkeiten bekommen wird, denn Protestnote oder nicht, sie hätte niemals ohne Erlaubnis ihren Posten verlassen dürfen."

Tarkin beugte den mächtigen Schädel zu ihm herunter und legte ihn leicht schräg.

"Lassen Sie mich bei der Gelegenheit eine Frage stellen: Glauben Sie, daß die Föderation auch weiterhin an rhazaghanischem Dilithium interessiert ist?"

"Was wollen Sie damit sagen?"

"Wie Sie möglicherweise wissen, wurden bei dem Beitritt Rhazaghans zur Föderation die Gegenstimmen einiger Clans laut. Aber die Vari, die die Vorreiterrolle im Aufstand gegen die Cardassianer einnahmen, haben diese dann überzeugen können. Inzwischen ist unser Planet dazu imstande, sich selbst zu verteidigen. Was glauben Sie, was geschehen würde, wenn sich unser Clan für einen Austritt stark machte? Wären Sie bereit, es ausprobieren zu wollen?"

Der Admiral stöhnte. "Nein, keinesfalls! Ich wüßte niemanden, der das wäre. Aber wären Sie tatsächlich nur wegen einer einzigen Person bereit, die Mitgliedschaft aufzugeben?"

Tarkin legte die Ohren nach vorn.

"Der Einzelne gilt viel bei uns!" antwortete er bedeutungsvoll, und sein Gesicht schien zu lächeln.

 

EPILOG

 

Rilkar blickte auf seinen Bildschirm und beobachtete, wie sein Reiseziel von einer flachen Scheibe zu einer blaugrünen gewölbten Kugel anwuchs, deren Oberfläche teilweise unter weißen Wolkenschichten verborgen lag. Ein Blick auf die Sensoren genügte, um festzustellen, daß es eine große Präsenz von Raumschiffen im Orbit des Planeten gab. Wenig später dann erkannte der Ingenieur eine Formation von drei Sternschwingen, die sich ihm näherte. Eine davon scherte aus dem Verband aus und bewegte sich mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zu, um unmittelbar vor ihm im Raum stehenzubleiben, was ihn dazu bewog, sein kleines Schiff abzubremsen. Gleich darauf wurde er angefunkt.

"Ich bin die Strandvogel!" hörte er eine Stimme, anhand derer er normalerweise Schwierigkeiten gehabt hätte, das Geschlecht ihres Eigentümers einzuschätzen. "Ich möchte den Namen dieses Schiffes sowie seines Piloten erfahren."

Rilkar warf einen Blick auf die Konturen der Sternschwinge, die in ihrem Äußeren leicht von der Narhamak abwich. Die Schwingen waren stärker ausgebreitet, und es gab Unterschiede, wie man sie sonst bei verschiedenen Vogelarten antraf.

"Die Nilamon!" antwortete er. "Ich bin Ingenieur Rilkar von Cardassia Prime und beabsichtige, den Vari einen Besuch abzustatten. Ich hatte mein Kommen bereits angekündigt."

Das Schiff vor ihm schwieg einen Moment, um sich kurz darauf wieder zu melden.

"Man hat mir Ihre Angaben bestätigt. Der Vari-Hangar wird Ihnen einen Leitstrahl senden. Guten Anflug!"

Das Schiff drehte ab, um wieder mit den zwei übrigen eine Formation zu bilden. Gleich darauf wurde die angekündigte Anflughilfe gesendet. Als Rilkar sich dem Planeten so weit angenähert hatte, daß seine Sicht bereits von der Wolkendecke behindert wurde, meldete sich eine Stimme, die definitiv weiblicher Natur war.

"Dies ist der Hangar der Vari. Deaktivieren Sie bitte Ihr Triebwerk! Wir holen Sie mit Hilfe eines Trägerstrahls herein."

Der Ingenieur gehorchte, und sofort zeigte eine leichte Erschütterung an, daß man ihn erfaßt hatte. Bald hatte er sich dem Planeten soweit genähert, daß er erkennen konnte, wie unter ihm unvermittelt ein großes Stück der von Vegetation bedeckten Oberfläche angehoben wurde, sich teilte und zur Seite glitt, um eine riesige Öffnung von länglicher Form im Boden freizugeben. Er passierte sie mit Hilfe des Trägerstrahls, und Rilkar war sicher, daß auch weitaus größere Schiffe keine Probleme haben würden, auf diese Weise in den Hangar zu gelangen.

Wenig später setzte er auf und verließ sein Schiff, um sich in der gewaltigsten Halle umzusehen, die er jemals betreten hatte. An Decke, Boden und Wänden bemühten sich zahlreiche Scheinwerfer, das Dunkel zu durchdringen, und vermittelten den Eindruck, als wären sie unendlich weit entfernt. Ein junger Mann hielt auf den Ingenieur zu und begrüßte ihn freundlich.

"Herzlich willkommen auf Rhazaghan, Ingenieur Rilkar! Ich bin Laraskir. Nirrit hatte mir von Ihrem Besuch erzählt. Aber sie rechnete eigentlich erst in zwei Tagen mit Ihnen."

Rilkar nickte. "Ich weiß, aber ich habe meine Reise ausgenutzt, um das Triebwerk meines Schiffes zu testen, daher bin ich etwas zu früh. Ich hoffe, daß dieser Umstand keine Probleme verursacht."

"Aber keineswegs! Allerdings ist Nirrit gerade auf einem Lehrausflug. Es macht Ihnen doch nichts aus, im Habitat ihre Rückkehr abzuwarten?"

"Wenn sie im Moment nicht hier ist, werde ich die Gelegenheit nutzen, mir Ihre Wohnstätte anzusehen. Ich habe schon viel darüber gehört."

Laraskir nickte, und beide begannen, die Kaverne der Länge nach zu durchwandern. Der Weg vor ihnen wurde von zusätzlichen Lampen erhellt, denn hier unten konnte aufgrund der ungeheuren Größe des Saales nie mehr als ein schwaches Dämmerlicht herrschen.

Rilkar konnte erkennen, daß weit, weit oben an der Decke des riesigen Gewölbes Platz für drei Raumschiffe geschaffen worden war. An dem ersten davon hing schattenhaft an mächtigen Andockklammern eine etwas kleinere Sternschwinge. Als die beiden Männer etwas später unter der zweiten Parkposition durchschritten, sah der Ingenieur, daß sie leer war.

"Die Narhamak hat noch drei Tage Dienst im Orbit." erklärte Laraskir im Weitergehen. "Für Tarkin heißt das, daß er sich vermutlich irgendwo in diesem Sonnensystem aufhält. Und auch das ist zu klein für ihn." fügte er lächelnd hinzu.

Der Ingenieur schmunzelte. Er hatte an Bord der Narhamak einen gewissen Einblick in das Wesen ihres Kommandanten bekommen und konnte sich vorstellen, daß Tarkin es als einengend empfand, sich auf die bloße Umkreisung des Planeten zu beschränken. Kurz darauf fiel sein Blick auf die letzte Parkposition und er bleib stehen.

Er legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die gewaltigen Schwingen, die sich hoch oben wölbten. Nichts an ihnen erinnerte noch an die einstige Galor-Klasse. Zahlreiche Lichter zeigten Tätigkeit im Inneren des Schiffes an.

"Ist sie das?" fragte Rilkar mit unwillkürlich gedämpfter Stimme.

Sein Begleiter, der seinem Blick gefolgt war, nickte.

"Die Arrhinia D'jah!" antwortete er ebenso leise. "Das Schiff des Anfangs! Sie wird ständig auf aktuellem technischen Stand gehalten."

Einige Zeit später hatten beide mit Hilfe eines Liftes die Oberfläche erreicht. Laraskir führte den Ingenieur durch ein Wäldchen mit aufgelockertem Bewuchs, während die Sonne allmählich durch die Wolkendecke brach und ein grünliches Licht zwischen der Vegetation schuf. Die hohe Schwerkraft des Planeten hatte Rilkar sofort bei seiner Ankunft gespürt. Allerdings störte sie ihn nicht, sondern erschien ihm auf eine gewisse Weise angemessen.

Der junge Rhazaghaner warf einen neugierigen Blick auf Rilkars Handgelenke.

"Das sind ungewöhnliche Schmuckstücke! Werden Sie von ihnen nicht behindert?"

Der Ingenieur lächelte. "Nein, sie schaffen keine Probleme, daher nehme ich sie nur selten ab. Sie stellen für mich die Erinnerung an eine sehr interessante Zeit dar. Vielleicht erzählt Nirrit Ihnen irgendwann einmal davon."

Gleich darauf teilte sich die Vegetation und gab den Blick auf das Habitat frei. Beeindruckt blieb Rilkar stehen. Die Vari hatten für ihre neue Wohnstätte den Auslaß eines hochgelegenen Sees als Errichtungsort gewählt. Ihr Aussehen entsprach einer riesigen, in sich gewundenen Molluskenschale, die sich zur Spitze hin verjüngte. Wasser strömte brausend durch den unteren Teil der Mündung, um als Fluß die Reise durch die grüne Ebene aufzunehmen.

Rings um den turmartigen Bau konnte Rilkar Plattformen und Aussichtsterrassen erkennen, die sich überall um das Habitat zogen und zum Teil sogar mit niedrigen Bäumen und Sträuchern bepflanzt waren. Als der Ingenieur seine Augen vor der Sonne abschirmte, um zur Spitze zu blicken, konnte er sehen, daß diese von Geschöpfen umkreist wurde, die man normalerweise für sehr große Vögel gehalten hätte. Allerdings wußte er, daß dieser Eindruck täuschte.

Er wandte sich an seinen Begleiter.

"Sie nutzen Wasserkraft?"

"Das ist richtig! Sie stellt für uns eine gute Möglichkeit zur Stromversorgung dar, auch wenn es bei uns auch andere Formen der Energiegewinnung gibt. Der cardassianischen Einfall hat bei uns sehr wohl einiges geändert."

Später brachte Laraskir den Ingenieur auf eine der Terrassen, die einen Ausblick über die Ebene boten. Rilkar war kaum ins Freie getreten, als er aus dem Augenwickel eine Annäherung aus der Luft wahrnahm. Reflexartig griff er nach dem Gegenstand, um festzustellen, daß es sich um ein riesiges, wie gefaltet wirkendes Blatt handelte, das in seiner Form einem Gleiter ähnlich war. Er drehte es um und bemerkte, daß an der Unterseite ein kleines Pflänzchen hing.

"Woher kommt das?" fragte er Laraskir verblüfft.

Der deutete zum Horizont.

"Von dem Darji dort hinten. Er schickt in dieser Jahreszeit die Windkinder auf die Reise."

Rilkar lenkte seinen Blick in die angegebene Richtung. Dort, weit hinten auf der Ebene, erhob sich ein Baum, dessen Konturen leicht im Dunst verschwammen und dadurch eine Vorstellung von seiner Größe vermittelten. Er hatte seine mächtige Krone weit über das Land ausgebreitet und vermittelte den Eindruck von Kraft und Erhabenheit.

"Es wundert mich, daß es einer Baumart bei der hohen Schwerkraft gelingt, diese Größe zu erreichen." bemerkte der Ingenieur erstaunt.

Laraskir zuckte die Achseln.

"Der Darji weiß, was er tut. Ab einem bestimmten Alter setzen diese Bäume in ihrem Inneren ein Enzym frei und erlauben es dadurch einer symbiotischen Bakterienart, ihren Stamm auszuhöhlen. Der Prozeß ist so gesteuert, daß in regelmäßigen Abständen schmale Bereiche stehenbleiben. Auf diese Weise haben die Darjis nur ein geringes Gewicht, allerdings eine hohe Stabilität. Manchmal brechen allerdings sehr alte Exemplare im Sturm zusammen, daher dulden wir sie nicht in der Nähe unserer Habitate."

Rilkar blickte noch einen Moment schweigend auf den Baumriesen am Horizont, dann wandte er sich ab, um sich den anwesenden Rhazaghanern vorstellen zu lassen.

 

Der Ingenieur mußte die vollen zwei Tage abwarten, bis Nirrit von dem Lehrausflug zurückkehrte. Erst dann sah er von einer der tiefergelegenen Terrassen aus zwei Gestalten, die sich über die Ebene auf das Habitat zubewegten. Beide befanden sich in der Steppenluum, wobei die eine in einer Farbe dunklen Bernsteins glänzte, während die deutlich kleinere hauptsächlich Rotbraun gefärbt war. Rilkar erhob sich, verließ die Wohnstätte und ging ihnen entgegen.

Als Nirrit ihn bemerkte, stutzte sie einen Augenblick, dann warf sie ihre Beute, die sie auf dem Rücken trug, auf den Boden und kam ihm freudig entgegengeeilt. Noch im Laufen wechselte sie in die Grundform.

"Sie sind schon da!" rief sie mit leuchtenden Augen. "Ich hatte noch nicht mit Ihnen gerechnet."

"Ich habe das neu eingebaute Triebwerk der Nilamon ausgeflogen." lächelte der Ingenieur. "Das gab mir die Gelegenheit, einige interessante Gespräche mit den Schiffsbauern des Clans zu führen. Ich brauchte mich über einen Mangel an Gesellschaft nicht zu beklagen."

"Sie haben Ihr kleines Schiff nach dem Lagerarzt benannt? Ich hätte eher auf den Namen Talan getippt."

"Wir haben die Sorong umgetauft." erwiderte er. "Es ist ein guter Name für ein schnelles und elegantes Schiff. Wie macht sie sich, Tybrang?" rief er Nirrits Begleiter zu, der inzwischen mit der Beute herangekommen war.

"Nirrit lernt schnell, wenn man nur ein bißchen Geduld investiert." antwortete dieser. "Ich denke, es wird nicht mehr allzulange dauern, bis sie die Rückstände aufgeholt hat. Unter den gewesenen Umständen hatten sich ihre Fähigkeiten einfach nicht weiterentwickeln können."

Rilkar ging neben Nirrit her.

"Ich habe gehört, daß Sie sich entschlossen haben, auf Rhazaghan zu bleiben."

"Das stimmt! Man hätte mir beim Wissenschaftsdienst der Sternenflotte goldene Brücken gebaut, aber ich habe in der neutralen Zone erkannt, daß ich nicht den Wunsch habe, dauerhaft meine Natur zu unterdrücken. Inzwischen sind auch zwei andere Rhazaghaner zurückgekehrt. Unser Planet wird allerdings in absehbarer Zeit Schiffe für eigene Forschungsexpeditionen ausrüsten. Wie ist es Ihnen auf Cardassia ergangen?"

"Die Anklage wegen Entführung hatte man ja dank Ihrer Aussage fallengelassen. Die Nachfrage von Admiral Hagman nach meinem Triebwerk hat mir dann einen Regierungsauftrag eingebracht. Allerdings zog man es vor, die Bitte der Föderation um Beteiligung an dem Projekt höflich aber bestimmt abzulehnen. Im Moment rüsten wir die ersten Testschiffe der Regierung aus und werden bald noch mehr Leute brauchen. Ich habe Mutub, Soto und Knut eingestellt. Alle drei verstehen einiges von Raumschiffen und ich freue mich, daß sie sich entschieden haben, zu bleiben. Knut meint, wenn er es fertiggebracht hätte, unter Romulanern zu leben, könnte er auch einen Planeten voller Cardassianer ertragen."

Nirrit lachte. "Das klingt nach Knut! Hat Ihnen die CAMB eigentlich noch Schwierigkeiten gemacht?"

"Sie hat es vorgezogen, keine weiteren Aktivitäten gegen mich zu starten. Allerdings wurde mir eine deutliche Warnung zugespielt, in der man mir riet, über die Begebenheiten damals zu schweigen. Ich sehe in der Tat auch keinen Sinn darin, mich anders zu verhalten. Was Raskh angeht: Er ist noch immer bei der Regierung. Ihre Leute haben wie versprochen seine Rolle in der Affäre nicht erwähnt. Er war keineswegs begeistert, als ich ihn aufsuchte, aber inzwischen haben sich die Wogen einigermaßen geglättet."

Ihre Unterhaltung fortsetzend gingen sie nebeneinander her, bis sie das Habitat erreicht hatten. Auf einer der Aussichtsterrassen angekommen, beschloß Rilkar dann, nicht länger mit seiner Überraschung zu warten.

"Talan hat mir übrigens über ziemlich verwegene Kanäle Nachrichten geschickt."

Sie fuhr herum und starrte ihn an.

"Sie wissen etwas über Talan? Wie geht es ihm? Ist seine Heimkehr gut vonstatten gegangen?"

"Admiral Hagman hat Wort gehalten und dafür gesorgt, daß die Repatriierung Talans sowie seiner Leute ohne großes Aufsehen vonstatten ging. Natürlich gab es nach ihrer Rückkehr eine Untersuchung der Vorgänge. Talan hat es aus Vorsichtsgründen vermieden, die wahren Hintergründe beim Namen zu nennen und mir stattdessen den kompletten Bericht über das Verfahren geschickt. Darin kommt man zu der Ansicht, daß das Regiment sowie seine Führungsoffiziere keine Schuld an der Entdeckung des Lagers trifft. Man hat festgestellt, daß eine Beschwerde Talans über die mangelhafte Versorgung mit Ersatzteilen vorlag. Außerdem fand ein technischer Bericht Velkats über den Zustand des Schildgenerators besondere Aufmerksamkeit.

Schließlich kam man zu der Überzeugung, daß eine verzögerte Bearbeitung der Anträge durch die Behörden die Schuld an dem Vorfall trug und beantragte, dort ein paar Köpfe rollen zu lassen. Die Schilderung der vermeintlichen Umstände von Shadars Tod hat man lediglich zur Kenntnis genommen. Mit Sicherheit war man erleichtert, ihn auf so einfache Art und Weise losgeworden zu sein. Sollten einige von den Soldaten die Wahrheit ahnen, so bin ich sicher, daß sie darüber nichts verlautbaren lassen. Shadars Regiment versteht es, zu schweigen.

Als man den Fall zu den Akten gelegt hatte, entschloß man sich, Talan zu Shadars Nachfolger zu machen, wie es wohl auch von einigen Stellen geplant gewesen war. Er ist ein fähiger Offizier und versteht es, sich Achtung zu verschaffen. Ich könnte mir gut vorstellen, daß eine steile Karriere vor ihm liegt. Er ist jetzt mit seinem Regiment auf Romulus stationiert, was ich nach dem, was er und seine Leute durchgemacht haben, nur angemessen finde. Für Sie hat er übrigens eine handschriftliche Nachricht mitgeschickt."

"Ich freue mich darauf, sie zu lesen. Ich denke viel an ihn. Wußten Sie, daß er mir an Bord der Narhamak einen romulanischen Trikorder geschenkt hat?"

"Er hatte von dem Gerät gesprochen, war aber nicht ganz sicher gewesen, ob Sie nicht vielleicht Probleme damit haben würden."

"Die romulanischen Einheiten waren zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, aber inzwischen komme ich damit zurecht. Glauben Sie, daß Sie auf dem gleichen Weg ebenfalls eine Nachricht durchbekommen?"

"Ich denke schon! Sie können mir Ihre Botschaft an ihn mitgeben. Ich finde es immer noch bedauerlich, daß es keine Möglichkeit gibt, ihn zu sehen."

Nirrit lachte. "Wer weiß! Seitdem die Narhamak vor der romulanischen Grenze haltgemacht hat, liegt Tarkin unseren Schiffsbauern mit der Forderung nach einer Tarnvorrichtung in den Ohren. Außerdem ärgert es ihn, daß er keine Gelegenheit mehr hatte, sich mit Talan zu messen. Er wird mit Sicherheit die nächsten Tage an Sie herantreten."

"Es wird mir ein Vergnügen sein, für Talan einzuspringen." antwortete er.

Da Rilkar inzwischen die rhazaghanische Art kannte, an ein bestimmtes Thema heranzugehen, beschloß er, eine Frage an sie zu richten.

"Haben Sie eigentlich wieder einen Reifungspartner gewählt?"

Nirrit sah ihn neugierig an.

"Tarkin hat mir bereits mehrere Kandidaten vorgeschlagen, aber ich habe sie alle abgelehnt. Er war ziemlich verärgert deswegen und meinte, der Aufenthalt in der neutralen Zone hätte meinen rhazaghanischen Geschmack verdorben. Wie wäre es mit Ihnen?"

"Fragen Sie das nicht zu laut, sonst sage ich noch ja!"

"Überlegen Sie es sich! Es ist mir absolut ernst damit. Außerdem sagte Talan einmal, daß es auch für Personen ohne Wechselfähigkeit Aufgaben auf Rhazaghan gibt, und er hat recht. Wir können immer fähige Schiffsbauer gebrauchen. Sollten sich die politischen Verhältnisse also irgendwann wieder bei Ihnen ändern, wissen Sie, wo Sie mit Ihren Leuten hingehen können."

Er sah ihr lange in die Augen, dann merkte er, daß es angefangen hatte, zu regnen.

"Komm mit hinein!" forderte Nirrit ihn auf. "Ich würde jetzt gern Talans Nachricht lesen und mich danach etwas schlafen legen."

Rilkar schickte sich an, ihr nach drinnen zu folgen, doch an der Terrassentür zögerte er noch einen kurzen Moment. Er konnte nicht anders, als sich noch einmal umzudrehen und einen Blick zum Horizont zu werfen. Weit draußen hinter Regenschleiern erhob sich in verschwommener Pracht der Darji und schickte seine Windkinder auf die Reise.

 

ANMERKUNG FÜR NICHT-DEEP-SPACE-NINE-SEHER

 

Etwa ein Vierteljahr später kommt es auf Cardassia zu einem Umsturz. Gul Dukat reißt die Macht an sich und führt die Cardassianer an der Seite der Jem´Hadar-Krieger des Dominion in einen Krieg gegen die Föderation. Später gelingt es Captain Benjamin Sisco, Kommandant der Raumstation Deep Space Nine, die Romulaner auf die Seite der Föderation zu ziehen.

Was unter diesen Umständen ein friedliebender Halbcardassianer unternimmt, der ein schnelles Schiff besitzt und einen Ort weiß, an dem man ihn willkommen heißen wird, überlasse ich Eurer Phantasie...

 

 

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